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Sie sind hier: EDITION digital: Newsletter 02.10.2026 - Zwischen Galgenliedern, Wildnis und amerikanischer Reportage

Zwischen Galgenliedern, Wildnis und amerikanischer Reportage – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

 

(Pinnow, 02.10.2026) – Vom 2. bis 9. Oktober 2026 haben wir fünf E‑Books zusammengestellt, die in sehr unterschiedlicher Tonlage beobachten, aufmischen und erinnern: bissige Kabarettlieder, die mit schwarzem Humor gegen Zustände anstimmen; leidenschaftliche Naturschilderungen, die aus genauem Hinsehen Wissen gewinnen; kurzweilige Erzählkunst, die Komik und Abgründiges verbindet; eine biografische Hinwendung, die eine Frau aus dem Schatten eines großen Dichters holt; und knappe Reportagen, die gesellschaftliche Brüche zeigen. Gemeinsam bilden sie ein Spektrum von Stimmen, die von persönlicher Nähe bis zur historischen Weite reichen — Texte, die fragen, wie wir hinschauen und was daraus folgt.

 

Vom Freitag, dem 2. Oktober, bis Freitag, dem 9. Oktober 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.

 

Mo(h)ritaten. Lieder eines Galgenvogels und andere schwarze Gesänge von Steffen Mohr

 

Der Töterich wütet auf Wunsch, natürlich im Knöterich. Ein Mordanschlag trifft nicht den ungetreuen Musiker, sondern dessen Liebchen. Die Radeltour hat ein erotisches finish. Und gegen das Banküberfallunwesen hilft nur eins: Schwere Jungen muss man küssen ...

 

Als Kabarettist und Gitarrenschläger hat sich Steffen Mohr in den Jahrzehnten seiner Auftritte Freunde gewonnen, die - wie er - schwarzen Jux und grünen Humor lieben. Ein dunkler Charakter offenbart hier seine heitere Seite. Die Nähe zu Wilhelm Buschs Spruchweisheit und Christian Morgensterns hintergründigem Spaß ist in den Liedern dieses Galgenvogels unverkennbar.

 

Steffen Mohr hat die Texte seiner erfolgreichen kabarettistischen Auftritte seit den 1980er Jahren in diesem Buch veröffentlicht. Seine satirischen Texte brachten ihm in der DDR drei Auftrittsverbote ein. Sie handeln von „Gott und der Welt“. In humorvollen Liedern übt er Kritik an der DDR, wie Wohnungsfragen, fehlende Baukapazitäten (wenn doch Erich mich mal besuchte und mein Dach decken würde), nicht beantwortete Eingaben u. a. Breiten Raum nehmen die Probleme der Nachwendezeit und der Gegenwart ein. Dazu kommen blutrünstige Mordgesänge, Lieder über Bankräuber und andere Galgenlieder. Am Ende ist jeweils die zugehörige Melodie angeführt, Nachsingen ist erwünscht.

 

Zwischen Alpen und Eismeer von Wolf Spillner

 

Seit jenem regennassen Herbsttag, an dem ich als 13-Jähriger die Lachmöwe in den Harzbergen fand, wollte ich wissen, wie Vögel und andere Tiere in ihrer Umwelt leben. Dazu nutzte ich immer wieder meine Freizeit. Um ihnen nahe zu sein, verbarg ich mich unter der Tarnkappe eines Versteckzeltes auf Bäumen und im Sumpf. Mit dem Auge der Kamera habe ich über viele Jahre versucht, ihr Verhalten in fotografischen Bildern auch für andere sichtbar zu machen. Manchmal ist es gelungen. Dafür bin ich gewandert, geklettert und weit gefahren, habe geschwitzt und sehr viel mehr noch gefroren. In den Stunden der Beobachtungen, die zu Wochen, Monaten und Jahren wurden, fand ich ein paar Körnchen an neuem Wissen. So führte die kindliche Neugier und die Freude an eigenen Entdeckungen von der toten Lachmöwe am Hang auf manchem Umweg zu meinem ersten Buch vom »Wald der großen Vögel«. Darin beschrieb ich, was mir nach dreijähriger Beobachtung bei Graureihern, Mäusebussard und Habicht aufgefallen war. Andere Bücher folgten, und den Büchern folgten Einladungen, auch in anderen Ländern Tiere zu beobachten und zu fotografieren. Auge in Auge mit den frei lebenden Tieren zu sein, von denen manche bedroht und gefährdet sind, wurde so zu einem Teil meiner Arbeit. Und schließlich kam ich zu jenen Vögeln im hohen Norden, von denen ich als Junge geträumt hatte. Ich traf auch andere Tiere, von denen ich damals noch nichts wusste. Von diesen Begegnungen will ich hier berichten.

 

Die singende Lokomotive. 25 Kurzgeschichten von C. U. Wiesner

 

Ein unglücklich verliebter junger Mann verabredet sich mit der Dame seines Herzens zum Schlittschuhlaufen, obwohl er noch nie solche Eisen unter den Sohlen gehabt hat … Ein paar neunmalkluge Männer machen eine bahnbrechende Erfindung, mit der man sich das Rauchen abgewöhnen könnte … In Leipzig, vor der Thomaskirche, steigt  Johann Sebastian Bach von seinem Sockel, um mit ein paar Musikstudenten nächtlicherweile zu jazzen …

 

In 25 Kurzgeschichten, zuvor schon in der Zeitschrift Eulenspiegel veröffentlicht, geschehen komische, skurrile, alberne und abgründige Dinge.

 

Die Erstausgabe erschien 1974 im Eulenspiegel Verlag. Noch heute wundert sich der Autor, dass solche Texte wie Zitronen aus Kummersbach oder Spuk auf der Lichtung dem Zensor durch die Lappen gingen.

 

Die verschwundene Partitur wurde übrigens zum Grundstoff für ein gleichnamiges Musical, das 1976 in Halle seine Uraufführung erlebte.

 

Geliebter Herzensmann. Emile und Theodor Fontane. Biografische Erzählung von Gisela Heller

 

In Veröffentlichungen zur Biografie Fontanes erfährt man über seine Frau Emilie kaum mehr als die Tatsache, dass sie das freie Schriftstellerdasein ihres Mannes nicht besonders guthieß, da sie sich um den regelmäßigen Lebensunterhalt der Familie Sorgen machte. Selten wird dagegen erwähnt, dass sie ihrem Mann über Jahrzehnte zur Seite stand und dass Fontane in ihr auch eine wichtige Kritikerin seiner Texte sah. Aus diesem Schattendasein darf Emilie nun endlich heraustreten. Gisela Heller beschreibt ihr Leben mit viel Engagement und großer Detailkenntnis, und man entdeckt auf diese Weise völlig neue Facetten im Leben Theodor Fontanes, die zugleich auch eine bisher kaum bekannte Sicht auf das literarische Werk des Schriftstellers eröffnen.

 

Begegnung mit Amerika heute (1965) von Walter Kaufmann

 

Der Friday for Future‑Titel der Woche ist „Begegnung mit Amerika heute (1965)" von Walter Kaufmann. Kaufmanns Reportagen aus den USA der 1960er Jahre zeichnen Bilder von Rassenspannungen, politischer Polarisierung und den Alltagserfahrungen von Menschen in Städten, Fabriken und Gerichtssälen; ihre Stärke liegt darin, vergangene Konflikte so zu erinnern, dass wir die langfristigen Folgen für Gesellschaft und kommende Generationen begreifen. Indem das Buch deutlich macht, wie Machtverhältnisse, Ungerechtigkeit und das Versagen von Solidarität Lebenswelten prägen, fungiert es als Mahnung und Lernmaterial für verantwortliches Handeln — eine literarische Verbindung zur Forderung von Friday for Future nach Verantwortung gegenüber der Zukunft.

 

Die USA nach dem Mord an John F. Kennedy, im Zeichen der Präsidentschaftswahlen und der Bürgerrechtsreform – Walter Kaufmann, ein vorzüglicher Kenner der englischsprechenden Welt, durchreiste die Vereinigten Staaten 1964 erneut und berichtet über seine Erlebnisse in der Steinwüste der New Yorker City, in der Künstlerboheme von Manhattan, im brodelnden Negerviertel Harlem, in dem größten, automatisierten Werk der General Electric in Louisville, auf den Farmen zwischen Atlanta und Albany im Staate Georgia, erzählt von den „schwarzen Moslems“ und einer mutigen Studentin aus Connecticut, die sich vor dem Gericht des weißen Mobs in Atlanta verantworten muss – er zeichnet das Bild eines reichen und schönen Landes, dessen Bewohner durch eine ebenso primitive wie aktive Minderheit in den Strudel offener Gewalttätigkeiten gezerrt werden sollen.

 

Die folgenden Leseproben öffnen jeweils ein kleines Fenster in die Welt der einzelnen Bücher: mal auf eine Bühne, mal an einen regennassen Hang, mal in eine Leipziger Nacht voller Möglichkeiten, dann in ein häusliches Arbeitszimmer und schließlich in die aufgewühlte Gegenwart eines fremden Landes. Jede Passage setzt einen eigenen Ton und gibt unmittelbaren Zugang zu den Momenten, die die jeweilige Erzählung tragen.

 

Mo(h)ritaten. Lieder eines Galgenvogels und andere schwarze Gesänge von Steffen Mohr

 

Steffen Mohrs Probe setzt direkt auf der Bühne an: ein sardonisches Lied, in dem schwarzer Humor, eine fehlgeleitete Liebesgeschichte und die bittersüße Lust am Nachsingen dicht aufeinandertreffen.

 

Ballade vom Revoluzzer

 

Irgendwo im Osten - lang ist’s nicht her

 

lebt ein demokratischer Revolutionär.

 

Der lief jeden Montag eifrig über’n Ring

 

und war dankbar, dass die Stasi ihn nicht fing.

 

Ihm sei Dank und allen Männern, Frau’n.

 

Könnten sonst kein Deutschland neu aufbau’n.

 

Und befragt, warum er seine Haut riskiert,

 

sprach der Revoluzzer damals ungeniert:

 

„Wie ein Mensch möcht’ ich gern leben,

 

meine Meinung sagen. - Geld

 

nur für meine Leistung haben,

 

reisen in die weite Welt.“

 

Sein Kollege - hieß er Schulz oder Schmidt?

 

Der lief damals über’n Ring nicht mit.

 

Doch zwischen Mauerfall und Einheit - hoppiahe!

 

trat er bei der jungen SPD.

 

„Kumpel“, sprach der Schmidt zum Revolutionär,

 

„deine Ideale gibt’s nicht mehr.

 

Willst du endlich was bedeuten, hoppiahe,

 

dann tritt ein in ...!“ Doch der Kumpel sagte: „Nee!“

 

„Wie ein Mensch möcht’ ich gern leben,

 

meine Meinung sagen. - Geld

 

nur für meine Leistung haben,

 

reisen in die weite Welt.“

 

Heute reist Herr Schulzschmidt durch die Welt.

 

Heute hat Herr Schulzschmidt dickes Geld.

 

Seine Meinung sagen darf der Kumpel bloß,

 

denn zu mehr reichts kaum: Er ist jetzt arbeitslos.

 

Aber neulich, als er Schulzschmidt attackierte,

 

weil der wie ein früh’rer Bonze reagierte,

 

droht der and’re ihm mit Anwalt, Strafregistern ...

 

Seitdem darf der Revoluzzer nur noch flüstern:

 

„Wie ein Mensch möcht’ ich gern leben,

 

meine Meinung sagen. - Geld

 

nur für meine Leistung haben,

 

reisen in die weite Welt.“

 

Wunschzettel eines Leipziger Schülers

 

Lieber, guter Weihnachtsmann!

 

Hör dir meine Wünsche an.

 

Hab Verständnis, wie ich bin.

 

Mutti, die ist Lehrerin.

 

Wäre sie vom Stress befreit,

 

hätte sie für mich mehr Zeit.

 

Darum bitt’ ich dich darum:

 

Sprenge ihr Gymnasium!

 

Unsrer Wohnung - halb kaputt -,

 

weil die LWB nichts tut,

 

schick ‘nen Blitz, der sie zerfetzt,

 

dann wird sie instandgesetzt.

 

Wirf den Oberbürgermeister

 

in ’nen Biesentopf voll Kleister

 

dass er schreit, weil er erschrickt!

 

Und nicht mehr zu allem nickt.

 

Hau das Leipz’ger Parlament

 

mit der Rute, dass es rennt -

 

in die alten Mietskasernen,

 

denn sie seh’n nicht mehr die Leute!

 

Weihnachtsmann, das war’s für heute.

 

Und nun will ich fleißig lernen.

 

Zwischen Alpen und Eismeer von Wolf Spillner

 

Wolf Spillners Auszug führt an einen regennassen Hang im Harz, wo das Kind, das eine tote Lachmöwe findet, zum Forscher wird — ein Augenblick, der Neugier und das lange, geduldige Beobachten ankündigt.

 

Viele Leser haben mich gefragt, ob die Geschichte von Knuppe und Emma, von den Gänsen überm Reiherberg eine wahre Geschichte ist, und ich antworte: Es könnte durchaus eine wahre Geschichte sein, obwohl es den Jungen Knuppe und seine Freunde in der Wirklichkeit so nicht gibt. Alles andere aber, die Jäger und die Gänseforscher mit den Raketennetzen, den Streit um das Geld für den angeblichen Gänseschaden, vor allem aber die wilden Gänse und eine Graugans, die Emma hieß, das hat es wirklich gegeben!

 

Die vielen wilden Gänse, die zu unserem See kommen, um dort zu nisten oder viele Wochen lang zu rasten, die gibt es noch immer. Die Graugans Emma lebt nicht mehr. Sie wurde drei Jahre alt, ehe sie ein Jäger in Spanien erlegte. Doch sie hätte auch von einem Jäger an unserem See geschossen werden können. Der spanische Jäger hat die Kennnummer auf dem Ring, den Emma am Bein trug, der Vogelwarte Hiddensee mitgeteilt. So erfuhren wir, wo Emma geblieben ist.

 

Emma hatte einen Bruder. Er wurde Emmerich genannt. Er mag noch am Leben sein. Die »Mutter« der beiden hieß Anna und war ein blondes Huhn mit großen Federfüßen von der Rasse Chochin. Zwar legte sie nicht allzu fleißig Eier, doch sie konnte hingebungsvoll brüten. Wie ein goldenes Federkissen lag Anna vor dem Küchenofen in einem Korb über zwei Grauganseiern. Ich hatte sie auf der Viehkoppel des Reiherberges gefunden und wollte sie nicht den Krähen oder Raben zum Fraß überlassen. Jeden Morgen musste ich Anna aus dem Haus in den Garten tragen, damit sie fressen und trinken und sich entleeren konnte. Doch sie wollte stets schnell wieder zu den großen Eiern zurück, die im Korb lagen. Nach vier Wochen wurde Anna unruhig. Sie stand öfter einmal auf und blickte mit gesenktem Schnabel ins Nest. Die Eier hatten an den stumpfen Polkappen Risse. Dann brach aus ihren Schalen ein Stückchen heraus. Hinter den Löchern bewegten sich breite Schnäbel mit einer hellen Eischwiele an der Spitze. Sie wisperten und piepten, und Anna gluckste aufgeregt. Sie sprach mit ihren Kindern.

 

Jungen Graugänsen ist das Bild ihrer Eltern nicht angeboren. Das ist seit gut fünfzig Jahren schon bekannt. Sie müssen es sich in den ersten Lebenstagen einprägen. Verschiedene Forscher haben junge Graugänse auf sich oder andere Ersatzeltern geprägt. So wird es möglich, dass die eigentlich sehr scheuen Wildvögel auch dem Menschen folgen und während der Kinder- und Jugendzeit ständig in seiner Nähe bleiben wollen. Ich hatte gelesen, dass diese Prägung sehr stark und nicht teilbar ist, und wie leicht sich nestjunge Graugänse prägen lassen, erfuhr ich durch Zufall im Schilfwald unseres Sees.

 

Vor zwanzig Jahren nisteten in Naturschutzgebieten vor meinem Haus hundert Grauganspaare. Nirgends sonst gab es so viele Graugansnester dicht beieinander. Damals waren die großen Vögel längst nicht so häufig wie jetzt. Inzwischen brüten sie sogar schon auf den größeren Feldgewässern, und die Zahl der Graugänse ist im ganzen Land gestiegen.

 

Mit Freunden zählte ich die Gänsenester unseres Schutzgebietes. Wir suchten die Schilfwälder und Uferzonen ab. In einem der Nester waren die Eier gerade schlupfreif, und die jungen Gänse piepten leise aus den Eilöchern. Ich beugte mich über das Gelege und gakerte wie eine alte Gans. Die Jungen antworteten mir mit feinen, pfeifenden Sümmchen. Plötzlich jedoch hörte ich ein lautes Pfeifen und Wispern hinter mir. Ich drehte mich um.- Da kamen sehr rasch hintereinander fünf graugelbe Dunenbälle angeschwommen, fünf flaumige Gössel. Sie waren wohl gerade erst einen Tag alt. Vor Staunen verstummte ich, und sofort stockten die jungen Graugänse. Als ich wieder lockte, sausten sie blitzschnell auf mich zu und drückten sich an die Beine meiner Gummiwathosen. Hinter dem Schilf riefen warnend zwei Graugänse. Das mussten die Eltern sein.

 

Ich watete zum freien Wasser. Die Gössel folgten mir und schwammen nicht zu ihren Eltern. Ich konnte ihnen nicht entkommen. Schnell wie kleine Boote sausten sie über das Wasser, während ich nur mühsam im morastigen Seegrund voranstapfen konnte. Die jungen Gänse hingen wie lebende Kletten an meinem Hosenbein, und wenn ich nicht mit ihnen sprach, dann klagten sie. Draußen auf dem freien Wasser schwammen die Eltern, und ich wusste zunächst nicht, wie ich ihre Kinder loswerden sollte. Dann watete ich mühsam durch das Wasser zum Ufer, als menschliche Muttergans in Gummihosen, und in einer Kette schwammen hinter mir die Gössel. Auf der Viehkoppel legte ich mich neben die jungen Gänse ins Gras. Sie zupften die frischen Triebe ab und fühlten sich anscheinend sehr wohl dabei, wenn ich nur weiter gakernd mit ihnen redete. Ihre Eltern behielten uns aus sicherer Entfernung im Auge. Als sich die Gössel endlich zur Ruhe ins Gras legten, rannte ich schnell davon, weit über die Viehkoppel, und versteckte mich hinter den Kopfpappeln. Von dort spähte ich mit dem Fernglas zurück.

 

Die jungen Gänse hatten sich erhoben und reckten ihre noch kurzen Hälse. Gewiss riefen sie wieder klagend, weil sie sich allein gelassen fühlten. Die alten Gänse schwammen langsam näher. Sie riefen laut. Und dann rollten die graugelblichen Dunenbälle zum Ufer, sprangen ins Wasser und paddelten auf ihre Eltern zu. Ich war sehr froh, als die Familie im Schilfwald verschwand.

 

Die Graugansjungen, die unter der goldgelben Anna schlüpften, sollten nicht auf Menschen geprägt werden. So viel Zeit, vom frühen Morgen bis in die Dämmerung Gänsemutter zu spielen, hatte ich wirklich nicht! Sie konnten also in der Obhut der Glucke aufwachsen, und Anna sorgte sich rührend um die seltsamen Kinder. Sie zog mit ihnen über die Wiese, gluckte und lockte und nahm die Gössel hudernd unter ihre gespreizten Flügel. Die anderen Hühner kümmerten sich nicht um die Fremdlinge. Nur unser großer Hahn blieb gern in ihrer Nähe. Er kratzte und scharrte, und gurrend zeigte er den jungen Graugänsen dicke Regenwürmer und Käfer. Doch die Gänse fraßen lieber Gras und wuchsen dabei genauso rasch wie ihre wild lebenden Verwandten am Reiherberg. Dort hatte ich schon Vorjahren ein Versteck aus Schilfhocken aufgebaut, um Graugansfamilien zu beobachten.

 

Die singende Lokomotive. 25 Kurzgeschichten von C. U. Wiesner

 

C. U. Wiesners Kurzgeschichte lässt Leipzigs Nacht atmen: hier steigt ein berühmter Musiker vom Sockel und macht die Straßen zur improvisierten Bühne — eine Szene, die Komik, Musik und das Unerwartete verknüpft.

 

Nachdem die armselige Zivilistengarde, wie Graf Wutzow den Volkssturm verächtlich nannte, bereits am Vortage aus dem Dorf desertiert war, hatte er selbst die Befehlsgewalt übernommen. Dabei kam ihm die preußische Anekdote um General Coubiere, den mannhaften Verteidiger der Festung Graudenz, in den Sinn, der im Jahre 1807 dem französischen Parlamentär Savary zugerufen hatte: „Wenn es keinen König von Preußen mehr gibt, so bin ich König von Graudenz.“ Ein spitzbübisches Lächeln verirrte sich auf die welken Lippen des Obersten. „Warum nicht?“, murmelte er. „König von Ladenthin.“

 

Schon am frühen Morgen hatte er seine Gutsleute zusammengerufen und die Wehrfähigen unter ihnen ausgesucht. Es waren dies drei Kriegskrüppel, neun Männer über siebzig, sechs Pimpfe und der Dorftrottel. Sie alle wurden nun aus den Beständen des von Wutzowschen Jagdwaffenarsenals armiert, wobei jedoch die unsicheren Kantonisten, die vor 1933 rot gewählt hatten, statt eines Schießgewehrs nur eines Hirschfängers für würdig befunden wurden.

 

Im Laufe des Nachmittags hatte der Oberst seine Streitmacht rings um Schloss Ladenthin postiert, an der Kuhbrücke, am Ententeich und hinter der Deckstation. Die Schlüsselstellung zwischen dem Venuspavillon und den Rübenmieten hielten zwei Eliteschützen, bewaffnet mit der Bockbüchsflinte und dem guten Drilling des Grafen. Der alte Wutzow war auf seiner Runde noch einmal von einem zum andern gegangen, hatte den Männern auf die Schulter geklopft und ihnen ein paar Zigaretten zugesteckt. Für die Nichtraucher hatte er ein launiges Wort gehabt.

 

Als er nun wieder allein auf dem Schlosshof stand, befiel ihn jählings eine quälende Unruhe. Hinter dem Bergfried klomm der Mond über die Zinnen. Das Grollen jenseits des Waldes war stärker geworden. Aber nicht das war es, was ihn beunruhigte, glaubte er doch zu wissen, dass Schloss Ladenthin gegen die nur dürftig ausgerüsteten Russen, die ohnehin auf dem letzten Loch pfiffen, zu halten sei, bis die Entsatzarmee anrückte. Und wenn nicht - ein ehrenvoller Soldatentod war ihm stets gewiss.

 

In diesem Augenblick schrak er heftig zusammen. Aus dem Rittersaal drang ein leises Poltern, und hinter den hohen Fenstern schien eine schemenhafte Gestalt durch den finsteren Raum zu wandeln. Der Oberst konnte sich eines schaudernden Befremdens nicht erwehren, denn er war sicher, dass sich um diese Stunde keines Menschenseele im Renaissanceflügel des Schlosses aufhielt.

 

Friedrich von Wutzow fürchtete die Gespenster seines Herrensitzes nicht, von Kindheit auf war er mit ihnen vertraut. Er kannte das nächtliche Kichern im Blauen Salon, das Kettenrasseln im Westkamin, hatte auch schon in hellen Mondnächten den silberbeschlagenen Sarg seines Vorfahren Johann Georg aus dem Brunnen auftauchen sehen. Dies hier aber musste etwas anderes sein, und da durchzuckte es wie eine Erleuchtung das matte Hirn des Grafen: die weiße Frau! Noch vor Wochen hatte er in den vergilbten Pergamenten seines Archivs gelesen und war dabei auf die jahrhundertealte Sage von der verwunschenen Gräfin Amalie gestoßen. Und nun erinnerte er sich auch an die Tage seiner Kindheit, wenn er sich an den Winterabenden heimlich in die Leutestube gestohlen hatte, um den gruseligen Erzählungen der alten Berta zu lauschen. Wenn einst, so hieß es da, die letzte Stunde derer von Wutzow zu Ladenthin geschlagen habe, so werde sich die geisterhafte Amalie in ihren weißen Leichengewändern auf der Zinne des Bergfrieds zeigen.

 

Angestrengt äugte der Oberst zum Turm. Wieder deuchte es ihm, als wäre ein Schatten an den Stiegenfenstern vorübergeglitten. Ein Windstoß fuhr in die noch kahlen Zweige der hohen Schlosseiche, drehte quietschend die Wetterfahne des Bergfrieds herum. Dann war es wieder totenstill auf dem Schlosshof. Nur von draußen, vom Park her, tönte ein immer lauter werdendes tiefes Brummen herüber. Ein knackendes Geräusch auf dem Turm ließ den alten Wutzow auffahren. Er hob den Kopf und erstarrte. Hoch droben hinter den Zinnen tanzte das Gespenst, auf und nieder gleitend, seinen schauerlichen Geistertanz, grässlich anzusehen in seinem weißen Leichentuch. Nun war es so weit: Die hagere, gebeugte Gestalt des Obersten straffte sich noch einmal. Er zog seinen schlachtenerprobten Husarensäbel und humpelte festen Schrittes, ein knarrendes Hurra auf den Lippen, zur Zugbrücke.

 

Als der erste russische Panzer zwischen Venuspavillon und Rübenmieten hindurchfuhr, ohne zu explodieren, ereilte den letzten Grafen von Ladenthin ein Schlaganfall.

 

Der mildherzige Tod ersparte ihm die grause Kunde, dass auf dem Bergfried nicht die weiße Frau, sondern die weiße Fahne erschienen war, die der Gutsarbeiter Lammert gerade noch im rechten Augenblick gehisst hatte.

 

Geliebter Herzensmann. Emile und Theodor Fontane. Biografische Erzählung von Gisela Heller

 

Gisela Hellers Passagen nehmen uns ins Arbeitszimmer Fontanes: ein stilles Gespräch zwischen Ehepartnern, das zeigt, wie Unterstützung, Kritik und alltägliche Nähe das Leben eines berühmten Autors mitprägen.

 

Fontane ersucht in Berlin dringend um Gehaltserhöhung, und Emilie fährt in die Höhle des Löwen, ins Ministerium, und ergänzt Theos amtliche Petition durch ihren weiblichen Kommentar; erreicht, dass Quehl fortan 40 Taler monatlich zahlt und Theo weitere sechs Wochen in London bleiben darf, allerdings ohne Unterstützung vonseiten der Pressestelle.

 

Es ist im Ministerium natürlich nicht verborgen geblieben, dass Fontane in der »Times« annoncierte, er suche Schüler in deutscher Sprache und Literatur zu unterrichten, und die Herren Beamten schließen daraus, dass er - gewissermaßen auf Kosten des Ministeriums - in London ein recht commodes Leben führe.

 

Tatsächlich ist er in ein nobles Viertel gezogen: Tavistock Square N°. 1, Zimmer mit Familienanschluss. So kann er sich im Umgangston üben. Die Wirtsleute sind fromm; morgens und abends Andacht, doch er nimmt’s als »Sprachlektionen« gelassen hin, denn das ebenfalls gemeinsam eingenommene Essen ist gut und macht ihn nachsichtig gegen alles andere. Mit der Zeit erweitert sich sein Bekanntenkreis, und da er »aus allem seinen Honig saugt«, fliegen ihm die Feuilleton-Stoffe nur so zu. Sechs von den zwölf Artikeln schmoren allerdings noch im Schreibtisch des Chefredakteurs. Dank Emiliens energischen wie diplomatischen Auftretens bei Quehl erscheinen sie in rascher Folge.

 

Aus ehrlichem Herzen bescheinigt Theodor, sie mit ihrer Visite habe zweifellos mehr bewirkt als zehn Petitionen von seiner Seite. Trotzdem muss Emilie noch immer mit spitzem Bleistift rechnen: Jetzt ist Ende Juli; am 1. August wird Quehl zum ersten Mal 40 Taler herausrücken, davon kann sie Theo aber nur 25 nach London schicken, denn etwas muss sie für die Entbindung zurücklegen, auch der Tischler muss bezahlt und außerdem Torf gekauft werden, solange noch die Sommerpreise gelten.

 

Sechs Wochen darf er nun von Quehls Gnaden länger in England bleiben; aber er fragt sich, ob er das Emilie zumuten kann. Einmal sagt er sich: Ich muss zurück. Es ist jämmerlich, eine Frau so lange allein zu lassen; wenn ihr nun etwas zustieße, er würde seines Lebens nicht mehr froh ... Ein andermal hält er dagegen: Du musst aushalten! Gerade beginnt die Sache mit dem Sprachunterricht Früchte zu tragen, er merkt von Woche zu Woche, dass er sich freier in der fremden Sprache bewegen kann, und sein Zettelkasten füllt sich mit Ideen für Skizzen, Essays und Feuilletons.

 

Wäre Emilie tatsächlich damit gedient, wenn er in ihrer schweren Stunde im Nebenzimmer hilflos, gequält und dumm herumstünde? Die Schmerzen kann er ihr doch nicht abnehmen. Er atmet auf, als ihm auch seine alte Mama zum Bleiben rät; sie würde schon, soweit es ihre Kräfte erlaubten, Emilie beistehen.

 

Das zweite Kind kommt unter großen Qualen zur Welt; es ist nicht das sehnsüchtig erwartete Mädchen, sondern wieder ein Junge, ein Kind, das zu schwach ist zum Leben. Es stirbt in zwei angstvollen Wochen. Emilie ist wie gelähmt, der Schmerz hat sie fühllos gemacht. Als der Arzt für Obduktion plädiert, weil er einen schweren organischen Fehler vermutet, wehrt sie erschrocken ab: »Nun es der liebe Gott genommen, ist es ganz gleich, ob ich weiß, was ihm gefehlt.« Nur ein Gedanke tröstet sie, dass es wenigstens ihrem Herzensmann erspart blieb, das Leiden mit anzusehen.

 

»Es hätte Dich wochenlang um den Muth und die Ausdauer gebracht, die Du hier brauchen wirst.« Erst jetzt berichtet sie ihm, dass auch George vier Wochen lang sehr krank gewesen: »Wir haben es Dir gar nicht geschrieben; den herzugeben, wäre mir doch noch schwerer geworden.«

 

Dem Vater fährt der Schreck nachträglich in alle Glieder: Da war sein kleiner Liebling in solcher Gefahr, während er munter zu seinem Geburtstag gereimt hatte:

 

Mein lieber George! und kann ich Dir auch

 

Am heutigen Tage nichts schenken,

 

So will ich doch nach altem Brauch

 

In Versen Deiner gedenken;

 

In Versen, worin Dein Dichter-Papa

 

Sich immerdar ergossen,

 

Wenn ihm, was just nicht selten geschah,

 

Die Pfennige spärlich flossen.

 

Ich wünsche Dir tüchtig Fleisch und Speck

 

Und immer dickere Waden,

 

Und wächst Dein Herz am rechten Fleck,

 

So kann das auch nicht schaden.

 

Dein Vater ist nicht schlecht, nicht gut,

 

Nur grade kein Menschenfresser,

 

Drum sage nicht: »Es liegt im Blut« -

 

Sondern werde ein bissel besser. (...)

 

Nach der achten Strophe hatte ihn zum Glück ein Bote unterbrochen, um erquickliche Nachrichten in puncto Sprachschüler zu bringen. Und wieder wird er in Zweifel gestürzt: Soll er bleiben oder heimkehren? In sein Tagebuch schreibt er: »Jede Stunde ist anregend und jeder Tag giebt eine immer neue Ausbeute.« Doch im Gedanken an Frau und Kind neigt sich die Waage für Berlin.

 

Am 25. September trifft er wieder in der Luisenstraße ein. Als sie endlich allein sind, schmiegt Emilie ihr Gesicht in seine Hände und weint sich den Kummer des vergangenen Sommers von der Seele. »Du darfst nie wieder so lange fortbleiben«, sagt sie, mühsam beherrscht. Er streichelt ihr das Haar - und verspricht nichts, denn er weiß, dass er wieder in die Welt hinaus muss, um etwas zu suchen oder zu finden, das er noch nicht genau benennen kann. Schließlich, um nicht vollends in Sentimentalität zu versinken, hilft sie ihm, den Koffer auszupacken. Aus der Manteltasche fällt das Notizbuch, das er immer bei sich zu tragen pflegt. Es blättert auf, und sichtbar wird die sorgfältig eingeklebte Locke Georges. Diese ungewohnt zärtliche Geste versöhnt sie mit allem, was noch an Vorwürfen aus einsamen Stunden übrig geblieben ist. Und Theo schwenkt den leeren Koffer: »Von nun an wollen wir den Poeten in diesen Koffer packen und fest verschließen, bis beßre Zeiten kommen!« Sie hört es mit Erleichterung, aber dieser betont forsche Ton lässt gelinde Zweifel aufkommen.

 

Begegnung mit Amerika heute (1965) von Walter Kaufmann

 

Walter Kaufmanns Leseprobe führt in ein Gericht im Süden der USA: eine mutige Studentin steht vor dem Richter, und in diesem Moment werden Mut, Ausgrenzung und die politische Schärfe der Zeit spürbar — ein Ausschnitt, der erklärt, warum das Buch als Friday for Future‑Titel gewählt wurde.

 

„Der Zweck Ihres Besuches?“, hatte der Einwanderungsbeamte bei seiner Ankunft in New York gefragt.

 

„Ein kurzer Aufenthalt in den Staaten“, hatte er geantwortet.

 

Aber am Abend des letzten Tages, auf der Fahrt zum John-F.-Kennedy-Flugplatz, kommt ihm der Aufenthalt gar nicht so kurz vor, gemessen an den Erlebnissen, die er hier gehabt hat.

 

Östlich des Hudson, als sie die Queensboro-Brücke überquert hatten, bat er den Taxifahrer, einen Augenblick zu halten, damit er ein letztes Mal zurückblicken könne. Schon durchschnitten die Scheinwerferstrahlen der Autos die Straßenschluchten von Manhattan, hoch oben in den Wolkenkratzern leuchteten Millionen Fenster wie Sterne am dunklen Himmel, und der farbige Glanz der flackernden Neonreklamen spiegelte sich im Fluss wider. Wie er dastand und das Bild in sich aufnahm, begriff er, dass er gerade erst begonnen hatte, die Stadt zu erforschen – und doch spürte er, dass die Kürze seines Aufenthalts die Eindrücke verstärkt hatte und dass alles, was er hier erlebt, gesehen und gehört hatte, in sein Gedächtnis eingeätzt bleiben würde.

 

„Ich muss mir noch ein paar Dollars ergattern“, drängte der Fahrer schließlich, „wir sollten lieber weiterfahren, wenn Sie das Flugzeug noch erreichen wollen, Mister!“

 

Sie hätten sich nicht zu beeilen brauchen – bei seiner Ankunft auf dem Flugplatz erfuhr er, dass der Start der planmäßigen Maschine nach London sich verzögerte, und als sein Gepäck gewogen und die letzten Formalitäten erledigt waren, hatte er noch reichlich Zeit.

 

Rastlos wandert er durch ein Labyrinth von Gängen, vorbei an Geschäften mit verlockenden Warenauslagen, bis er sich schließlich in der Empfangshalle bei den anderen wartenden Reisenden einen Platz sucht. An der Tür unterhalten sich ein paar Gepäckträger lebhaft über den in einer Stunde beginnenden Titelkampf im Schwergewicht zwischen Liston und Clay. Ein unbehagliches Schweigen setzt ringsum ein, als jemand den Flugzeugabsturz in der Nähe von New Orleans erwähnt. Wie immer vor einem Flug, schließt er für sich selbst die Möglichkeit eines Unglücks aus und beschäftigt sich damit, die Aufzeichnungen, die er in den ersten Tagen seines Aufenthalts gemacht hatte, mit den späteren zu vergleichen. Reine Beschreibung wechselt mit seitenlangen Dialogen ab. Zwischen Gesprächsfetzen, die er in U-Bahn-Zügen, an Straßenecken, an Bartheken, auf den Zuschauerrängen des Stadions mitgehört hatte, findet er die detaillierte Schilderung einer Szene – ein alter Mann kaufte in einem Café in der Nähe des Madison Square Garden Gehacktes für seinen Hund; ohne selbst etwas zu essen, schaute er geduldig zu, wie der Hund das Fleisch verschlang. Er kann den Mann wieder vor sich sehen, wie er, nachdem er mit seinem letzten Geld bezahlt hatte, mit seinem Hund auf die von Menschen wimmelnde Straße hinaustritt, einen Augenblick lang auf dem Bürgersteig zögernd stehenbleibt und sich dann im Verkehr verliert … Weiterblätternd, stößt er auf einen rauen, aber herzlichen Wortwechsel zwischen einem kräftigen Schwarzen und einem hageren weißen Verkäufer an einem Würstchenstand unter einer großen Brücke am Harlem River. „Wie hast du das bloß geschafft, in die Großstadt zu kommen?“, fragt der Verkäufer. „Ich wette, du bist noch nie in einem Zug gefahren, hast dir einfach dein Bündel gegriffen und bist barfuß losmarschiert – den ganzen langen Weg von Georgia bis Harlem!“ – „Da hast du verdammt recht“, erwidert der andere, „das hat mich ja auch so abgehärtet!“

 

Ein kleiner Zeitungsausschnitt mit einem Bericht über den Mord an einem Afroamerikaner, den man in Jackson, Mississippi, durch den Kopf geschossen und blutend unter einem Lastwagen hatte liegenlassen, ist unten auf dieser Seite aufgeklebt – Gegensätze: Mord in Missisippi – gutmütige Hänselei zwischen schwarzen und weißen Proletariern in Harlem!

 

In diesem Zusammenhang muss er an den heutigen Nachmittag denken, als er zum letzten Mal nach Harlem gegangen war, um sich von X. zu verabschieden. Da er ihn zu Hause nicht angetroffen hatte, war er sehr bald wieder mit dem Bus umgekehrt, als einziger Weißer zwischen farbigen Frauen, die in die Stadt fuhren – als einziger? Nein, der Fahrer war natürlich ein Weißer, und außerdem war da noch ein magerer kleiner Junge mit blasser, durchsichtiger Haut; die Augen waren hinter den starken Gläsern einer billigen Nickelbrille kaum zu sehen. Der Junge blickte verwirrt um sich, bevor er schüchtern nach der 42. Straße fragte. „He, du hast noch nicht bezahlt!“, rief ihm der Fahrer zu. Nachdem er ergebnislos in den Taschen seines abgenutzten Mantels gewühlt hatte, stolperte der Junge zur Tür. Doch bevor er aussteigen konnte, hatte ihm eine Frau einen Vierteldollar in die Hand gedrückt, eine andere zehn Cents, eine dritte hatte den Fahrpreis für ihn bezahlt. „Danke schön“, flüsterte der Junge und setzte sich wieder hin … Als er später mit der U-Bahn zur Battery gefahren war, erinnert er sich, hatte außer einem Schwarzen niemand der weißhaarigen Bettlerin etwas gegeben, die zu ihrem Akkordeon mit schwacher Stimme sang, während sie langsam durch den Wagen ging …

 

Ein Lautsprecher unterbricht ihn in seinen Gedanken. Als er erfährt, dass er immer noch eine halbe Stunde Zeit hat, bevor das Flugzeug startet, packt er die Notizen weg und betritt eine Telefonzelle. Vielleicht, sagt er sich, kann er noch ein paar von seinen Freunden sprechen, die er tagsüber nicht erreicht hatte – ein letztes Lebewohl den Amerikanern sagen, die die Schriftstellerin Margaret Halsey die „bejahenden Menschen“ nennen würde, Menschen, die „die Praktiken und das Verhalten der sie umgebenden Gesellschaft ablehnen“ und die, wie Carl Marzani in Manhattan und Carl Braden in Louisville, „nicht nur hartnäckig darauf bestehen, dass eine Änderung der Verhältnisse notwendig ist, sondern auch, dass sie möglich ist.“

 

Er wirft das Geld ein und wählt eine Nummer, und gleich darauf wünscht ihm die vertraute Stimme von Carl Braden eine gute Reise.

 

Viel Vergnügen beim Lesen der Auszüge — wir hoffen, die Auswahl regt zum Weiterdenken an. Herzliche Grüße und bis zum nächsten Freitag, Ihre EDITION digital‑Redaktion.

 

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