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12.-15. März 2020
Halle 4, Stand B 301/401

Triptychon mit sieben Brücken von Max Walter Schulz
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Preis E-Book:
8.99 €
Veröffentl.:
03.07.2015
ISBN:
978-3-95655-270-0 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 630 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Liebesroman/Geschichte/20. Jahrhundert, Belletristik/Familienleben, Belletristik/Liebesroman/Spannung, Belletristik/Politik, Belletristik/Moderne Frauen
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Familienleben, Belletristik: romantische Spannung, Liebesromane, 20. Jahrhundert (1900 bis 1999 n. Chr.)
2. Weltkrieg, Liebe, 20. Jahrhundert, KZ, Theresienstadt, Familie, Tod, Liebesgeschichte, Militär, Spannung, Starke Frauen, Deserteur, DDR, BRD, Gefängnis, Neulehrer, Schule, Freundschaft
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Da meldete sich eine Frau aus dem Kreis Eberstedt, die vor einigen Wochen bedingt geheilt aus der Nervenheilanstalt entlassen worden war. Die Frau sprach von einer anderen Frau mit Namen Süptis, einer unheilbaren, inzwischen verstorbenen, die immerfort gesagt habe, ihre Tochter, die Annedore, das Luder, wisse alles über alle. Von Hitler und Himmler angefangen bis ’runter zum Ortsbauernführer. Nach dieser Tochter war früher schon gesucht worden. Sie hatte bis zur letzten Stunde des Krieges in der Telefon-Vermittlungszentrale Eberstedt gearbeitet, als Geheimnisträgerin vereidigt. Man hätte das Mädchen als Zeugin auch in anderen Fällen gebraucht. Aber das Mädchen war unauffindbar geblieben. Die Entlassene behauptete aber, es sei eines Tages ein Päckchen für die Mutter abgegeben worden, darin habe sich auch ein Zettel mit einer Adresse befunden, wahrscheinlich die der Tochter. Die Angabe bestätigte sich. Unter den Habseligkeiten der Verstorbenen war der Zettel gefunden worden. Man hatte die Todesnachricht an die aufgezeichnete Adresse übersandt. Das Schreiben war nach Frankfurt am Main an A. Willewein gerichtet gewesen, war aber mit dem Vermerk «Unbekannt verzogen» an die Leitung der Heilstätte zurückgekommen. Trotzdem blieb wahrscheinlich, dass sich hinter A. Willewein die geborene Annedore Süptis verbarg, und unwahrscheinlich, dass ein Mensch nicht mehr auffindbar sein sollte. Auch nach erfolglos unternommener amtlicher Nachfrage. Es bleibt außerdem aber auch unwahrscheinlich, dass Hagedorn in den Sommerferien achtundvierzig auf die Suche nach der Gesuchten gegangen wäre, wenn ihm nicht durch Vincens, durch dessen Vater und durch andere - letzten Endes auch durch seine unglückliche Erinnerung an Lea Füßler - die Überzeugung gekommen wäre, Menschen wie Herbert Vollmer persönlich sehr viel schuldig zu sein. Im Übrigen wollte es auch seine damalige Frau Hilde, dass er sich auf die Suche machte. Hilde hatte das Leid der Liesbeth Kahle miterlebt und mitempfunden. Auch seine Mutter sprach von «Auge um Auge und Zahn um Zahn», wenn es die Gerechtigkeit verlangte. Und sein Vater sagte, er habe schon immer gesagt, dass Leute wie diese Saligers, diese feinen Leute, über Leichen stiegen, wenn es um ihre Haut ginge, zuerst über Arbeiterleichen.

Hagedorn fuhr am ersten Juli. Da war das neue Geld in den Westzonen zehn Tage alt und hatte das Denken und Handeln der Leute schon so gut wie ganz eingenommen. Von den banalen Schwierigkeiten, die ihm das neue Geld bereitete, weil er nur eine kleine, für fünf Tage berechnete Summe davon besaß, sei geschwiegen. Sehr arg trafen sie ihn auch nicht. Josef Sagan hatte ihm für alle Fälle eine Frankfurter Adresse mitgegeben. Am siebenten Tag, als er mit seiner Barschaft am Ende war, suchte er diese Leute auf. Es war ein älteres Ehepaar, das von einer knappen Rente lebte. Der Mann war an den Rollstuhl gefesselt. Sie boten ihm Obdach und Essen und jeden Tag fünf Mark für seine Fahrspesen. Die Leute lebten in einem Industrieviertel in einem Reihenhaus zwischen stehen gebliebenen und zerbombten Reihenhäusern. Sie besaßen viele Freunde und Bekannte. Auf die Spur der Willewein, die in einem großen Mietshaus gewohnt hatte, nur zwanzig Minuten zu Fuß von der Wohnung seiner Wirtsleute entfernt, konnte ihm niemand helfen. Was er erfahren hatte, war, dass der Mann der Willewein in Haft saß wegen Raubüberfalls und Körperverletzung, dass der Frau ein drei Monate altes Kind weggestorben und dass sie nach der Beerdigung des Kindes nicht mehr in ihre Wohnung zurückgekehrt war. Dort waren inzwischen neue Mieter eingezogen. Ein Mann, der den Ganoven nicht verleugnete und jede Auskunft ablehnte, und eine Frau, halbmondän und schlampig, aber ungemein gesprächsfreudig, wenn der Alte nicht zu Hause war. Die Frau behauptete, eine Duzfreundin der Annedore Willewein gewesen und selbst in Sorge zu sein um die Verschwundene. Vielleicht in der Annahme, hier ginge einer seiner großen, durch den Krieg verschütteten Jugendliebe nach, versorgte sie Hagedorn mit immer neuen Tipps. Da die Willewein als Kellnerin gearbeitet hatte und sich die Halbmondäne in der Branche gut auskannte, schickte sie «den armen Jungen» von einem Lokal zum anderen. Die Entfernungen zwischen den bezeichneten Lokalitäten waren beträchtlich. Am dreizehnten Tag begann Hagedorn zu mutmaßen, dass ihn die vorgeblich selbst besorgte Freundin zum Narren halten könnte. Es war ihm auch nicht mehr richtig bewusst, wem seine Suche eigentlich galt: der einzigen Zeugin, die Saliger vielleicht der Denunziation überführen könnte, oder der Annedore Willewein selbst. Denn mit seinem Misstrauen gegen die Halbmondäne stieg die Willewein in seiner Achtung. Er sagte sich, die Willewein hat sich wahrscheinlich nur vor solchen falschen Freunden in Sicherheit gebracht. Je unauffindbarer sie bleibt, um so besser wahrscheinlich für sie. Und möglicherweise hält mich die Halbmondäne nicht mal zum Narren. Möglicherweise gebraucht sie mich als Spürhund für ihre eigenen Zwecke. Der Alte ist ein Ganove, ein Zuhältertyp. Vielleicht weiß er zu viel über sie und kann sie unverschämt an die Kandare nehmen, wenn ich sie für ihn finde. Und wenn er sie an die Kandare nehmen kann, kann er sie auch zum Vergessen zwingen in Sachen Saliger. Also beschloss Hagedorn, die Suche abzubrechen. Am vierzehnten Tag fuhr er seinen Wirt im Rollstuhl zu einer Gewerkschaftsdemonstration gegen Lohnstopp und Preisanstieg. Es ergab sich hinterher, dass man in einer Kneipe zusammensaß, über die wirtschaftlichen Tendenzen diskutierte und Streik ankündigte, notfalls Generalstreik, weil die Großen ihr großes Geld eins zu drei gegen das neue umtauschen konnten und die Kleinen ihr kleines Geld mit eins zu zehn umgetauscht erhielten. Gegen Hagedorn verhielten sich die Kumpel freundlich-argwöhnisch. Ein Student aus der Ostzone, der aussah wie ein Arbeiter und auch so redete, als wäre er ein Arbeiter, der einen Gewerkschaftsfunktionär zum Vater hatte, erschien ihnen doch nicht ganz waschecht. Beim vierten oder fünften Bier begann Hagedorns Wirt vom Anliegen seines Besuchers zu reden und von der Vergeblichkeit der Unternehmung. Die Männer hörten zu, aber sie gaben der Sache auch keine Chance. «Und wenn du die Willewein findest, so eine packt nicht aus. Blitzmädchen, geheime Kommandosachen, Offiziersmatratze, mein Name ist Hase ... Die hat gelernt, sich ihr Geld mit der Muschel zu verdienen. Und das neue Geld macht in der Beziehung noch schweigsamer. Fahr nach Hause, Junge. Mit einem stinkenden Fisch fängst du keinen zweiten. Heute nicht mehr ...» Dem Jungen erschien das nun auch ziemlich plausibel. Morgen würde er zurückfahren. Ein letzter schwacher Versuch seinerseits, die Willewein als einen Menschen hinzustellen, dem man helfen könnte, mit der Vergangenheit fertig zu werden, erstickte in tiefem Unglauben der Männer. Und auch der Mann im Rollstuhl schien sich diesem Unglauben zu beugen.

Als Hagedorn seinen Wirt aus der Tür schob, gesellte sich ein Eisenbahner zu ihnen. Er hatte nicht mit am Tisch gesessen. Er hatte hinter dem Tisch an der Theke gestanden und zugehört. Der Eisenbahner blieb auch jetzt noch schweigsam, eine ganze Weile. Dann sagte er, es könnte vielleicht sein, dass er was wüsste. Er habe vor ein paar Wochen an der Strecke bei Dinslaken gearbeitet. Und da hätte ein Behelfsheim an der Strecke gestanden, so eine Holzkiste aus dem Krieg, ziemlich einsam in der Gegend. Da hätte er manchmal einen Eimer Wasser geholt. Weil es eine Pumpe gäbe vor dem Behelfsheim. Da habe eine junge Frau gewohnt, die hätte ihm keinen schlechten Eindruck gemacht. Und ihm wäre es, als hätte sich die junge Frau ähnlich wie Willewein genannt. Natürlich könnte er sich auch getäuscht haben. Hagedorn wunderte sich, dass sein Wirt nichts dazu sagte, dass er mit dem Eisenbahner überhaupt kein Wort wechselte.

Dieser ging auch gleich weg. Aber vorher steckte er Hagedorn hinter dem Rücken des Mannes im Rollstuhl noch etwas in die Tasche, einen gefalteten Zwanzigmarkschein, nagelneu. Und legte die Hand auf den Mund. Hagedorn gab dem Eisenbahner die Hand und sagte nichts. Sein Wirt sagte, als es der Eisenbahner nicht mehr hören konnte: «Mit dem rede ich kein Wort mehr. Der ist achtundzwanzig zur KP-Null übergewechselt zu Brandler, wenn du weißt, was das bedeutet.» - Das war am vierzehnten Tag, am 14. Juli. -

Den Wirtsleuten sagte Hagedorn, dass er’s doch noch aufsuchen werde, das Behelfsheim an der Strecke bei Dinslaken. Man dürfe nichts unversucht lassen. Zurück käme er aber nicht noch einmal. Die Wirtsleute verabschiedeten ihn herzlich und fürsorglich.

Triptychon mit sieben Brücken von Max Walter Schulz: TextAuszug