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Zwischen Spiegelbildern, Dorfriten und Gerichtssälen Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 11.09.2026) Vom 11. bis 18. September laden wir Sie ein zu einer Auswahl, die Innenräume des Bewusstseins ebenso öffnet wie Dorfplätze, Werkstraßen und Gerichtssäle. Fünf E‑Books erzählen von Doppelgängern und Gewissenskonflikten, von heimischen Riten und großen Abwegen, von einem Geldschein, der eine Stadt spiegelt, und von einer Liebe, die mitten in einem Prozess auf die Zerbrechlichkeit und die Stärke menschlicher Verhältnisse verweist. Lesen Sie Auszüge, die Figuren in Momenten zeigen, in denen kleine Handlungen weite Resonanzen entfalten.
Vom Freitag, dem 11. September, bis Freitag, dem 18. September 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Hexensommer. Roman von Elke Nagel
Sie flogen Besen an Besen. Anne saß gerade, mit flatterndem Wolltuch; krumm hockte die Großmutter, wieder mit wehendem Haar, die Ähnlichkeit zwischen ihnen war unverkennbar.
Bringst du mich dorthin, wo du mein Spiegelbild getroffen hast?
Die Alte lachte auf. Stell dir das nicht so einfach vor, rief sie. Wenn du es nicht allein findest, kannst dus niemals festhalten. Sah's selbst nur für Sekunden. Dann zersprang es in tausend Scherben. Die wirst du suchen müssen. Und zusammenfügen. Aber das wird dir nicht gelingen, wenn du nichts anderes suchst als dies. Verstehst du?
Nein, Großmutter.
Wer nur sich selbst sucht, wird wenig finden, am wenigsten: sich selbst.
Die Wolkendecke unter ihnen hatte sich gelichtet, wurde ein dünner Schleier, verflog gänzlich, und verloren blitzten die Erdenlichter durch die Dunkelheit ...
Der poetische Reiz dieses in sensibler Sprache geschriebenen Romans liegt in der Verfremdung und zugleich Doppelung der beiden Hauptfiguren. Anne Bremer, Lehrerin, wird sich endlich der Fehleinschätzung ihrer Schüler durch die zur Wahrhaftigkeit mahnende innere Stimme bewusst: Die Hexe Barbara verkörpert Annes zweites Ich, als die zweite Seite ihres Gewissens - Barbara in Anne, zwei und doch eins ...
Auch Annes Großmutter vermag erst als Hexe Debitrice zu erkennen, dass sie niemals auch nur den Versuch unternahm, zu handeln, wie sie es selbst für gut und richtig hielt.
Für Anne Bremer war es ein langer Weg, selbstbewusst ich" zu sagen. In die Wiedergabe dieses Bildes floss ein großer Erfahrungsschatz der Autorin mit ein.
Der kritische, immer noch sehr aktuelle Roman, erschien erstmals 1984 im Buchverlag Der Morgen Berlin.
Hexenfeuer. Erzählung von Joachim Nowotny
Auch die leidenschaftlichste Liebschaft kann ein Leben nicht ausfüllen, wie es der junge Zimmermann Jan Scholz leben will. Wenn die Menschen seines Heimatdorfes gegen ihn stehen, wenn Großbaustellen mit lockenden Angeboten winken - er kann sich von seinem Dorf nicht trennen, denn es macht ihm allmählich Spaß, unbequem zu werden.
Joachim Nowotny erzählt die Geschichte des Zimmermanns Jan Scholz in starken poetischen Episoden, deren psychologische Ausleuchtung einen interessanten Einblick in die Welt junger Menschen gibt, die an ihrem Heimatdorf hängen und doch in die Stadt wollen, die mit dem alten Brauch des Hexenfeuers verbrennen möchten, was ihrem Leben auf dem Lande entgegensteht, um bleiben zu können, wo sie aufgewachsen sind.
Das spannende Buch erschien erstmals 1965 im Mitteldeutschen Verlag Halle/Saale.
Der siebente Winter von Jan Eik
Während seines langersehnten Urlaubs erlebt Siegfried Korn eine böse Überraschung. Auf den Geldtransport seines Kombinats wird ein Überfall verübt. Und dieser Überfall läuft genau nach dem Muster ab, den er sich vor vielen Jahren mit drei ehemaligen Studienkollegen im Suff und aus Jux und Dallerei ausgedacht hatte.
Die Banknote von Wolfgang Schreyer
Halle 1954. Ein Betriebsleiter kassiert mit der Jahresprämie einen Fünfzigmarkschein, durch zwei grüne Tintenspritzer seltsam markiert. Er schenkt ihn Inge, seiner jungen Frau - die fährt mit ihren Ersparnissen nach Westberlin. Sieben Jahre vorm Mauerbau eine atemberaubende Stadt! Zum Wechselkurs 1:4,70 kauft sich Inge dort eine "Lambretta" von NSU, als das noch kein mörderischer NS-Untergrund, sondern eine Automarke ist. Und nun wandert der Geldschein weiter, von einem flotten Callgirlring zur KgU, einem der vier Dutzend Geheimdienste vor Ort Spannend und punktgenau liefert die Spur der Banknote das Panorama einer "Frontstadt" aus längst versunkener Zeit.
Das den heutigen Leser immer noch fesselnde Buch erschien erstmals 1955 im Verlag Das Neue Berlin.
Steinwurf. Über eine Liebe in Deutschland von Walter Kaufmann
Der Friday for Future‑Titel der Woche ist Steinwurf. Über eine Liebe in Deutschland von Walter Kaufmann. Die Erzählung verwebt Vorurteil, Gewalt und eine ungewöhnliche Zuneigung und macht damit sichtbar, wie Ausgrenzung, Recht und persönliche Verantwortung zusammenhängen. Diese Auseinandersetzung mit Solidarität, gesellschaftlicher Verantwortung und den Folgen alltäglicher Entscheidungen bildet einen thematischen Bezug zu den Zielen von Friday for Future: Es geht um die Frage, wie wir heute handeln, damit morgen ein gerechteres Zusammenleben möglich bleibt.
Steinwurf ... ein solcher Titel für eine Erzählung über eine Liebe in Deutschland? Kein anderer. Denn ohne den Potsdamer Prozess wegen jenes Steinwurfs hätte der Berichterstatter niemals von der Liebe zwischen einer jungen Deutschen und zwei Männern aus Jamaika erfahren: Da ist der Gerichtssaal mit der Pressebank vorn, und links davon die wegen versuchten Mordes Angeklagten, zwei stumpfe Kerle, der eine unter, der andere knapp über zwanzig Jahre alt, und deren Anwälte daneben; rechts von der Pressebank, bei den Fenstern, werden bald die geladenen Zeugen auftreten, zwei der drei schwarzen Bauarbeiter, die im Städtchen M. angepöbelt worden waren und danach mit dem Auto wegzukommen versuchten. Was misslang: Das Auto prallte gegen einen Baum, nachdem die Frontscheibe durch den Steinwurf zertrümmert worden war
Noch im Gerichtssaal bittet der Berichterstatter die junge Frau um ein Gespräch, und was sie ihm nach anfänglichem Zögern mitteilt, bei späteren Verabredungen in ihrem und auch seinem Haus offenbart, beginnt sich für ihn zu einer Erzählung nicht bloß über die Liebe dieser Frau zu formen, sondern auch über die Liebe jener anderen, die dem durch den Aufprall querschnittsgelähmten Fahrer aufopferungsvoll auf den Weg zurück ins Leben hilft ...
Der Berichterstatter muss sich nicht fragen, ob er gestalten und öffentlich machen darf, was er in den Gesprächen erfahren hat längst weiß er, dass die junge Frau ein Buch über den Anschlag und ihre Beziehung zu den Opfern für geradezu dringlich hält. Soll er denn schweigen über Fremdenhass in Deutschland, Gewalt gegen Ausländer in Deutschland, oder die Liebe von zwei Frauen verschweigen, die den Mut hatten, dem Gegenwind zu trotzen ...
Die folgenden Leseproben öffnen fünf unterschiedliche Fenster auf Atmosphären und Konflikte: mal auf ein magisch‑poetisches Zwiegespräch, mal auf ein loderndes Dorfritual, dann auf einen Urlaub, der in eine alte Dummheit und ihre Folgen kippt, auf die Spur einer markanten Banknote durch eine Frontstadt und schließlich in einen Gerichtssaal, in dem Liebe, Schuld und Vorurteil verhandelt werden. Jede Passage gibt unmittelbaren Einblick in Stimmung, Figurenkonflikt und die Fragen, die die jeweilige Erzählung antreiben.
Hexensommer. Roman von Elke Nagel
Ein Bild wie aus Glas: Die Probe lässt Anne und ihre Großmutter aufeinandertreffen, zwei Gesichter, die einander spiegeln und doch auseinanderbrechen ein Einstieg in die poetische Doppelung von Ich und Anderem.
Es ist erst vier, sagte sie und ließ Arnold an sich vorbei, ich will vor dem Abendessen noch zum Friseur.
Seit wann gehst du denn zum Friseur?
Seit heute, sagte sie.
Im Briefkasten steckte ein Brief von Tina, ein kurzer Brief. Anne las ihn unter der Trockenhaube, nachdem ihr Haar geschnitten und gewickelt war, sie las ihn so oft, bis sie ihn auswendig wusste. Sie habe Annes seitenlange Episteln, fünf an der Zahl, erhalten und gelesen, schrieb Tina. Sie könne und wolle nicht darauf antworten, denn ihre Sache sei es nicht, so lange Briefe zu schreiben. Aber sie habe etliches dazu zu sagen, Zustimmendes wie Ablehnendes, und deshalb freue sie sich sehr, dass Anne ihren Besuch angekündigt habe. Sie sei beim Packen, der Möbelwagen werde in vier Tagen erwartet, und da sich ihr Mann auf einer Dienstreise im Ausland befinde, bliebe diese Arbeit an ihr allein hängen. Die Kinder seien bei den Großeltern wie in jedem Sommer.
Du fragst, las Anne, was mich nun in die Lehrerbildung treibt. Zum Beispiel die Unzufriedenheit mit unserer Ausbildung. Aber auch die Befürchtung, nicht die Arbeit zu tun, in der ich ganz aufgehen könnte - und also ganz da sein". Ich bin zu wenig ausgefüllt, obwohl ich in Arbeit ertrinke; häufig habe ich das Gefühl, an Substanz zu verlieren - aber viel zu wenig zu leisten, ein irrsinniger Widerspruch ... Der tödliche Feind der Seele ist das Verbrauchtwerden im Alltag", las ich kürzlich bei Rolland. Ich muss dir gestehen: So wenig optimistisch das ist, was du mir schicktest, so sehr hat es mich doch in dem Vorsatz bestärkt. etwas an meinem Leben zu ändern, ehe ich zu alt dazu bin, ehe die Seele" Schaden genommen hat. Du wirst mich doch nicht missverstehen? Dass wir uns verbrauchen, dazu sind wir auf der Welt. Aber wir sollten wohl wachsen dabei und nicht schrumpfen; wenn wir die Seele" nicht vor dem Verbrauchtwerden bewahren, wird uns bald die Kraft, die Fähigkeit, vielleicht gar der Wille verlorengehen, uns tagtäglich diesem verdammten, schönen, schweren Alltag zu stellen, damit er uns braucht und natürlich auch verbraucht ... Entschuldige diesen Exkurs, Anne, man müsste darüber reden. Und ich freue mich, dass wir dazu bald Gelegenheit haben. Was wird aus den Worten, die man niemals aussprechen kann.
Schlimmer ist das andere, dachte Anne, während sie den Brief sorgfältig faltete und in die Handtasche steckte. Was wird aus den Gedanken, die man nicht mehr denken kann.
Hexenfeuer. Erzählung von Joachim Nowotny
Am Dorfplatz glimmt mehr als Feuerholz: Die Stelle begleitet Jan Scholz bei einem Hexenfeuer, einem Brauch, der zugleich Befreiung und Bekräftigung des Bleibens bedeutet.
Der Buchhalter zuckt zusammen.
Sehr wohl, Genosse Oberleutnant, dienert er. Das ist alles leicht zu erklären. Hubalek sprach von einem gewissen Johann Scholz, bei uns Scholz-Teifel genannt. Man weiß, dass er kürzlich aus dem Zuchthaus entlassen worden ist. Seinerzeit wurde er auf Veranlassung des Vorstandes festgenommen. Diebstahl am privaten und genossenschaftlichen Eigentum, Sie verstehen ... Der Schäfer vermutet nun ganz logisch, dass sich dieser Scholz rächen wollte. Damit wäre der Brand erklärt. Um so mehr, als die fragliche Person heute früh in der Heide beobachtet wurde. Auch von Hubalek, verstehen Sie? Er hütete draußen eine Herde und ...
Zur Sache!, drängt der eine Polizist.
Zur Sache, ja! Wenke leckt sich die Fingerspitzen. Der Zimmermann hier ist der Sohn des genannten Scholz-Teifel. Seine Mutter starb bei der Geburt. Er kam zu Leuten in Pflege. Seit vier Jahren hat er eine Kammer beim Vorsitzenden Jento. Der eigentliche Vater kümmerte sich nicht um ihn, müssen Sie wissen. Er trieb sich in der Gegend herum, falls er nicht gerade im Knast, äh, Zuchthaus saß. Ein a-so-zi-a-Ies Element, wenn das richtig ist.
Es ist richtig!, bestätigt der Polizist. Er klopft ungeduldig mit dem Bleistiftrücken auf den Tisch.
Wenke aber hebt die Schultern.
Mehr kann ich leider nicht ...
Eben sagten Sie aber, es sei alles leicht zu erklären.
Sie erlauben?
Wenke setzt sich auf den vorderen Stuhlrand. Das ist ein Kunststück bei seinen Speckhüften. Aber er schafft es. Was der Mensch so alles zuwege bringt, wenn er Eindruck schinden will.
Bis hierher lässt sich alles bezeugen. Jeder im Dorf könnte es. Jetzt aber bewege ich mich gewissermaßen in Vermutungen.
Da sein Blick zu meinen Fäusten hinwandert, kann ich für einen Moment seine Augen sehen. Sie sind tief unter gelblichen Fettpolstern verborgen und flackern wie Reisigfeuer.
Es könnt sein, beginnt er zögernd, es könnt sein, dass doch eine geheime Verbindung zwischen Vater und Sohn besteht. Bisher hat es den Zimmermann immer kalt gelassen, wenn irgendwo in seiner Gegenwart von den Schandtaten Johanns gesprochen wurde. Deshalb nahm sich der Schäfer auch heut kein Blatt vor den Mund. Niemand hatte damit gerechnet, dass der Junge plötzlich aus der Haut fährt und seinen Vater gewissermaßen mit Faustschlägen verteidigt. Niemand, meine Herren!
Ich bin jetzt ganz ruhig. Mittlerweile habe ich begriffen, was da für ein Gerüst zusammengezimmert werden soll. Man muss nur kräftig mit dem Fuß dagegen treten, und schon bricht es in sich zusammen. Aber ich warte ab. Man ist kein Spielverderber. Mal sehen, was sie noch alles auskramen. Ist dann ein Aufwasch!
Der Polizist legt den Bleistift wieder aufs Papier und pfeift plötzlich durch die Zähne.
Hui!"
Doch der Zivilist lässt ihn nicht zu Wort kommen.
Haben Sie eine Erklärung für Ihr Verhalten?", fragt er mit eingefrorener Miene. Es sieht aus, als wäre Reif auf eine Pfingstrose gefallen.
Nein, sage ich. Ich habe tatsächlich keine Erklärung. Es ist über mich gekommen, vorhin in der Gaststube. Manchmal zuckt es mir in den Fingern. In einer Tour muss ich sie zur Faust ballen. Eine Fliege kann mich dann zur Raserei bringen. So geht es schon Jahre ...
Haben Sie sich mit Ihrem, hm, Vater, getroffen?"
Ja, sage ich patzig. Gestern Abend beim Mondschein. Er wollte das ganze Dorf abfeuern. Und die Kreisstadt auch, weil er dort gesessen hat. Am meisten war er auf eine gewisse Villa in der Bahnhofstraße scharf.
Buchhalter Wenke staunt.
Wieso ...?
Ach, sage ich, das ist ganz einfach. Leute in Zivil und Uniform, die andauernd blödsinnige Fragen stellen, kann er nicht riechen. Deshalb ...
Der siebente Winter von Jan Eik
Ein geplanter Raub erinnert an eine nächtliche Jugendidee, die Realität wird tödlich: Die Leseprobe zeigt, wie ein Urlaub sich in die Spur eines Überfalls verwandelt und alte Verstrickungen wieder aufbrechen.
Früher hatten sie über die gleichen Witze gelacht und in Mittweida nebeneinander in Ehebetten geschlafen, ohne dass ihm an Hannes jemals eine besondere Neigung aufgefallen war. Der Gedanke daran entlockte ihm jetzt unwillkürlich ein Grinsen.
Korn startete den Wartburg und fuhr in nördlicher Richtung auf die Invalidenstraße zu. Er kannte sich nicht gut aus in diesem Teil der Stadt, und es herrschte bereits reger Feierabendverkehr, der seine Aufmerksamkeit forderte. Dennoch ging ihm im Kopf die Frage herum, von wem er erfahren konnte, was seit gestern beim RIF tatsächlich passiert war? Von Androsch gewiss ebenso wenig wie von Hadank. Die saßen vermutlich als permanent tagender Krisenstab in Hadanks Büro beisammen und vermissten ihn. Und Adelheid hatte der Major wegen dieser dämlichen Terminänderung im Visier.
Die Sache stank. Irgendwie musste herauszukriegen sein, wer es auf das Geld abgesehen hatte. Sosehr der Gedanke auch schmerzte: Der Schlüssel für den Raubüberfall konnte nur beim RIF liegen; nicht bei Graubaum oder Rosanke. Oder bei Ulf Dettenberg. Den Morgenbesuch hätte er sich schenken können. Eine Schnapsidee, Ulf mit einer solchen Räuberpistole zu überfallen. Kein Wunder, dass er sich beunruhigt fühlte.
Und dann kam ihm Cordula Landgraf in den Sinn. Die Sekretärinnen sind die wahre Macht in jedem funktionierenden Betrieb.
Das Haus, in dem Cordula Landgraf wohnte, fand Korn wieder, obwohl eine Haustür in der Straßenzeile aussah wie die andere und es bereits dunkelte. Zwei-, dreimal war er bei ihr gewesen, um dringende Arbeiten zu bringen oder abzuholen, wenn Cordulas Tochter krank war. Das lag Jahre zurück. Und vor beinahe ebenso langer Zeit, nach einem Kollektivabend in einem Pankower Nobelschuppen à la Nina, hatte er vor dieser Haustür ein halbes Stündchen mit Cordula gestanden und sich schließlich mit einem züchtigen Wangenkuss von ihr verabschiedet.
Er mochte sie, das gab er unumwunden zu. Nur hatte ihn noch nie jemand danach gefragt. Seltsamerweise nicht einmal Regina, die früher gelegentlich Regungen von Eifersucht gezeigt hatte.
Cordula schien gerade gebadet oder geduscht zu haben. Ihr Teint sah noch rosiger aus als sonst, und sie trug einen weiten Bademantel, den sie erst im Zimmer zuband. Über den Sessel verstreut lagen ihr Pullover und ihre Unterwäsche. Auf der breiten Liege war das Bettzeug in eine Decke gerollt, davor ein Stapel Wäsche, die Cordula anscheinend von der Leine genommen hatte.
Entschuldige bitte, wie es hier aussieht. Ich bin nämlich allein. Ulrike ist noch im Schwimmlager.
Sie räumte den Sessel frei und entfernte unauffällig ein halb geleertes Glas Rotwein vom Tisch. Korn fühlte sich wie ein Voyeur.
Die Abwesenheit der Tochter irritierte ihn. Er kannte Ulrike: ein langbeiniges und wenig anmutiges Kind, das alljährlich bei der Maidemonstration still neben Cordula hertrottete.
An der Wand über der Liege war sie in allen Lebenslagen und Lebensaltern zu besichtigen. Aus einem Porträt blickten ihn Cordulas wache Augen an. So schien es ihm jedenfalls. Ein vertrautes Gesicht. Dabei war Ulrike kurzhaarig und blond. Und ihre Lippen besaßen einen anderen Schwung als die ihrer Mutter. Über den Vater gab es damals mancherlei Gerüchte.
Korn forschte unter den Bildern an der Wand nach einer männlichen Person, entdeckte aber nur Cordula mit einem knappen Badeanzug und ein älteres Ehepaar zusammen mit Ulrike. Die Großeltern wahrscheinlich.
Mach es dir bequem, sagte Cordula. Korn fühlte sich ertappt. Sie duzten sich seit Langem. Er hatte sie schon in ihrer Lehrzeit gekannt, und da war es ihm so wenig wie den anderen eingefallen, sie Fräulein Landgraf zu nennen. Als sie die Planstelle beim RIF übernommen hatte, bot er ihr sofort das Du an, ohne auf die übliche Brüderschaftsmasche bei der nächsten Kollektivfete zu warten.
Sie war schon ein patentes Mädel, die Cordula. Nahm die Dinge so selbstverständlich, wie sie kamen; war ordentlich und ungeheuer zuverlässig, ab und zu mal beleidigt, meistens jedoch freundlich und aufgeschlossen, solange es nicht galt, unerwünschte Besucher abzuschrecken oder für mehr als drei Gäste Kaffee zu kochen.
Ich brühe dir erst einmal einen Kaffee, sagte sie und verstand natürlich nicht, weshalb er lachte.
Ich habe gerade einen Mokka getrunken. Erinnerst du dich an Rosanke? Hannes Rosanke?
Dunkel, sagte sie.
Sein Verlobter hat mir einen echten Mokka serviert. Er ist gelernter Kellner.
Was wolltest du bei Rosanke? Hat der nicht irgend so eine Bar?
Das ist eine lange Geschichte ...
Kann ich dir nichts anbieten? Vielleicht einen Juice?
Oransch, sagte Korn und lachte wieder. Nein, nein. Wenn du mir durchaus etwas anbieten willst, dann eine Scheibe Schwarzbrot bitte. Ohne Butter. Einfach nur Brot.
Bist du neuerdings Diabetiker?
Ich habe vor abzunehmen.
Sie musterte ihn kritisch. Du siehst schlecht aus, stellte sie fest. Du rauchst zu viel. Das ist dein Problem.
In diesem Ton sprach sie im Betrieb niemals zu ihm. Korn sagte stolz: Ich rauche gar nicht mehr.
Sie würdigte es nicht recht, weil das Telefon läutete.
Ja?, meldete sie sich, und Korn fiel wieder einmal auf, wie angenehm ihre Stimme klang. Ein Versprechen schien darin mitzuschwingen. Für wen?
Ihr Gesprächspartner redete lange auf sie ein. Sie setzte sich auf die Kante der Liege. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Sie hörte zu, die kleine Hand fest um die Hörmuschel gelegt.
Korn machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen. Sie hob die Augenbrauen und schüttelte leicht den Kopf.
Ich muss nach meinem Badewasser gucken, sagte sie.
Dann also heute nicht.
Die Stimme im Hörer drang bis an Korns Ohr.
Nein, nein. Natürlich habe ich Verständnis, sagte Cordula. Tschüs denn. Ich warte auf deinen Anruf.
Das klang nicht mehr nach zärtlichem Versprechen. Sie legte auf und sah Korn fröhlich an. Meine Freundin. Sie wollte heute Abend kommen. Hat mal wieder eine Ausrede.
Korn lächelte verlegen. Er war sicher, eine Männerstimme erkannt zu haben. Das ging ihn nichts an.
Ich werde dich nicht länger stören, sagte er.
Wie kommst du darauf? Erzähl mal, was los ist.
Das würde ich gern von dir erfahren. Deshalb bin ich hier.
Weil unsere Jahresendprämie verschwunden ist, fängst du plötzlich an zu hungern und gewöhnst dir das Rauchen ab? Ich sehe da keinen Zusammenhang.
Die Banknote von Wolfgang Schreyer
Ein grün getupfter Fünfzigmarkschein macht Stadtgeschichte sichtbar: Die Szene verfolgt, wie eine scheinbar banale Banknote Menschen, Wege und Geheimdienstkontakte in einer geteilten Stadt zusammenführt.
Der Bahnhof Halensee wird soeben von Polizei besetzt, Sir", meldete Hansen.
Mitchell stand vor der Karte, er bohrte seinen Blick in das rote Liniennetz der S-Bahn. Es war eine groß angelegte Menschenjagd, und er hielt die Fäden in der Hand. Schon oft hatte er sich das einmal gewünscht. Kaum fünf Minuten waren seit ihrer Flucht verstrichen - schon lief die Verfolgung auf hohen Touren, rollte die Fahndungsaktion an. Militärpolizei, Funkwagen und motorisierte Bereitschaften preschten durch die nächtlichen Straßen, um die rote Agentin aufzugreifen. Berlin war Frontstadt, jeder Mann wusste, worum es ging. Ein Mensch verlor sich im Verkehrsgewirr dieser Riesenstadt wie eine Stecknadel in fünf Heuhaufen. Fand man ihn dennoch - er zweifelte nicht daran -, so dank der hochentwickelten Polizeitaktik.
Der Gedanke, dass er selbst es war, der das komplizierte Zusammenspiel der Verfolgungskräfte steuerte, faszinierte ihn. Es war ein großes Rechenexempel, und er war der richtige Mann dafür: nüchtern, findig, mit kühlem Kopf und Scharfblick.
In Halensee ist sie nicht mehr", rief Hansen vom Telefon her, ein Zug hat soeben den Bahnhof in Richtung Westkreuz verlassen!"
Bahnhof Westkreuz Ausgänge besetzen", ordnete Mitchell an. Den Zug stoppen, durchsuchen ..."
Schaffen wir nicht mehr, Captain", warf Hansen ein und sah auf seine Uhr. Er muss schon in Westkreuz eingetroffen sein!"
Gut", sagte Mitchell ungerührt, dann erledigen wir das auf der nächsten Station. In Witzleben wird die erste Hälfte durchsucht, in Westend das übrige." Hansen gab es durch.
Falls sie in Westkreuz umsteigt in Richtung Friedrichstraße, also den Ring verlassen will, fassen wir in Charlottenburg, Savignyplatz und am Bahnhof Zoo zu, ist das klar?"
Jawohl, Sir!"
Der Bahnsteig eins in Westkreuz wird besetzt", verfügte der Captain. Knapp und klar erteilte er seine Weisungen. Seine Augen glänzten; hin und wieder hob er den überlangen Bleistift, der in Goldlettern einen Reklamespruch der PAN AMERICAN AIRWAYS trug, und brachte ein Kreuz, einen Strich oder einen Kreis auf dem Stadtplan an: taktische Zeichen, deren Sinn nur er allein kannte, die etwa bedeuten mochten Besetzen!", Durchsuchen!", Zug stoppen!", Sperre blockieren!". Dazwischen jedoch, wenn Hansen sprach, stand er ganz still. Mehrere Sekunden lang war dann sein ganzer Körper gespannt, völlig bewegungslos, wie ein erstklassiger Jagdhund auf der Fährte. Manchmal hob er auch lauschend den Kopf und ließ ein eigentümliches Schnüffeln hören.
Als der Zug mit schrillem Heulen den Bahnhof Halensee verließ, stand Inge neben der Tür und betrachtete die farbige Übersichtskarte der Bahnverbindungen. Sie begriff, dass sie in Westkreuz umsteigen musste, wenn sie den Demokratischen Sektor auf kürzestem Wege erreichen wollte, und sie fragte den freundlichen alten Herrn, der sie von dem kussfreudigen Lebemann befreit und ihr die Fahrt bezahlt hatte, wie sie den richtigen Bahnsteig erreichte. Er beschrieb es ihr sehr gründlich, doch sie war so erregt, dass sie seinen Worten nicht folgen konnte... Dann bremste der Zug. Menschen drängten zur Tür, sie verabschiedete sich mit hastig gestammeltem Dank und wurde vom Strom der Fahrgäste mitgerissen.
Inge stand jetzt auf dem Hochbahnsteig der Ringbahn, sie las Pfeile, Bezeichnungen, Namen, die sie immer mehr verwirrten, und wusste nicht, wohin sich wenden. Unter ihr, auf einem der Gleise, die aus der Stadt herausführten, lief donnernd ein Zug ein. Falkensee...", lärmte der Lautsprecher, Zug in Richtung Falkensee." War dies der richtige? - Da erblickte sie auf den breiten Stufen, die am Ende des Bahnsteigs zur Sperre hinaufführten, drei blaugrau uniformierte Polizisten, mit grünen Tschakos und baumelnden Gummiknüppeln. Galt das ihr? Mit pochendem Herzen drehte sie sich um und hastete eine Treppe hinab, über der Bahnsteig 2" stand ... Unten rollte ein Zug aus der Halle, sie sah noch die letzten erleuchteten Wagen und fragte einen Zeitungsverkäufer: Wohin fuhr der eben?"
Nach Falkensee, Frollein."
Ist das Ostsektor?"
Steinwurf. Über eine Liebe in Deutschland von Walter Kaufmann
Im Gerichtssaal beginnen Fragen an Schuld und Solidarität: Die geöffnete Passage verknüpft einen Steinwurf, einen Unfall und eine erste Begegnung, in der Liebe, Vorurteil und Verantwortung aufeinanderprallen.
Nichts ließ ich mir am Morgen anmerken. Wie immer ging er mir beim Frühstück zur Hand, wir aßen mit den Kindern, und erst als die aus dem Haus waren, ging ich ihn an: Wir müssen uns aussprechen. Sag mir alles erst das eine, dann das andere.
Wie meinst du das?
Fang an mit dem Mädchen in Mühlau.
Er hob die Brauen, biss sich auf die Lippen, blickte weg, und als er mich wieder ansah, war da eine Traurigkeit in seinen Augen, die mich viel ahnen ließ viel, doch nicht genug, um mir das Ausmaß der Feindlichkeit voll vorzustellen, mit dem ihm die Eltern dieser siebzehnjährigen Daniela Tanner begegnet waren: Was, zum Teufel, war diesem Neger eingefallen, hier unangemeldet aufzutauchen, spät abends noch an der Tür zu läuten und ein Gespräch mit unserer Tochter zu verlangen. Gespräch wozu, worüber, was will der überhaupt? Soll froh sein, dass er nach dem Stinkefinger, den einer der drei den Jungs vom Bahnhofsvorplatz gezeigt hat, noch krauchen kann; und wer den Unfall verschuldet hat, ist noch gar nicht raus wahrscheinlich der Unfallfahrer selbst. Kann ja nicht anders kommen, wenn sich ein Neger hinters Steuer von einem so schnellen Wagen setzt. Ein Jaguar, was! Ganz schön hoch hinaus wollten die drei. Nun ist der Fahrer hin, und das Auto auch. Pech! Pech für alle Beteiligten! Also noch mal von vorne, unsere Tochter wollen Sie sprechen. Allerhand! Lernen Sie erst mal richtig Deutsch, ehe Sie das verlangen ja Deutsch, Ihr Kauderwelsch versteht ja keiner. Kommen von sonstwoher, nehmen Deutschen die Arbeit weg und reden wie die Hottentotten. Dann aber hatten sie doch die Tochter gerufen: Daniela, komm mal her. Hier will einer was! Und das Mädchen hatte Curtis, die Hände in die Seite gestemmt, von Kopf bis Fuß gemustert: Kenn den nicht. Was will der? Curtis hatte sich zu erklären, hatte zu fragen versucht, warum sie diesen Karl Koschwitz beschuldigt hatte, beschuldigen musste. Das Mädchen hatte nicht aufgehört, ihn verächtlich zu mustern, jetzt schlug sie ihm die Tür vor der Nase zu. Von drinnen hatte er sie aufgebracht rufen hören: Was fällt dem Arschloch ein schwarz wie Pech und spielt sich auf! Curtis war gegangen, und weil ihm nach solcher Abfuhr der ganze Ort nicht geheuer gewesen war, hatte er den ihm von früher bekannten Besitzer des China Restaurants gebeten, ein Taxi nach Wilhelmsheide zu besorgen: Telefonisch geht das leichter bitte tun Sie das für mich, denn wenn die mich erst sprechen hören, geschweige denn sehen Der Chinese hatte begriffen, und anders wäre Curtis an diesem Abend nicht mehr heimgekommen.
So und nicht anders hatte ich mir nach allem, was ich von Curtis erfuhr, den Verlauf der Dinge vorgestellt, und seine Betroffenheit, seine Traurigkeit gingen mir durch und durch.
Siebzehn Jahre, so jung noch, und schon so viel Hass!, hörte ich ihn sagen. Woher bloß?
Das fragst du noch bei den Eltern und dem Umgang?
Hast recht, sagte er und was gab es noch, das du wissen wolltest?
Nichts, versicherte ich ihm leise. Das war schon alles.
Viel Vergnügen beim Lesen dieser Facetten deutscher Erzählwelten. Schreiben Sie uns gern, welche Passagen Sie berührt oder überrascht haben bis nächste Woche, Ihre EDITION digital‑Redaktion
Ansprechpartner
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Pekrul
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Tel: +49 (3860) 505788
E-Mail: editiondigital@arcor.de
Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"
EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.