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Zwischen Mut, Erinnerung und Lebensweisheit – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Achtung, bevor Sie weiterlesen, noch ein wichtiger Hinweis: Ab Mai 2026 versendet EDITION digital diesen Newsletter sowie die aktuellen Pressemitteilungen nicht mehr per E-Mail. Diese Texte können Sie aber zumeist sogar eher selbst unter den Internet-Adressen https://edition-digital.de/Blog/ (bisheriger Newsletter) und https://edition-digital.de/Presse/ (Pressemitteilungen) finden. Probieren Sie es doch jetzt schon mal aus – zum Eingewöhnen.

(Pinnow, 06.03.2026) – Der März ist ein Monat des Übergangs. Noch liegt der Winter in der Luft, doch hier und da blitzt bereits der Frühling auf. Solche Übergänge kennt auch die Literatur: zwischen Jugend und Alter, zwischen Hoffnung und Gefahr, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Die fünf aktuellen digitalen Sonderangebote im E-Book-Shop www.edition-digital.de – erhältlich von Freitag, 06.03.2026, bis Freitag, 13.03.2026 – führen genau durch solche Übergänge. Sie erzählen von Mut und Widerstand, von Erfahrungen eines langen Lebens, von der stillen Betrachtung großer Kunst, von dramatischen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und schließlich von einem der gewaltigsten Kriegsschauplätze des 20. Jahrhunderts.

Die Rebellion der Franca Viola von Heinz Kruschel

Franca und Luigi lieben sich und wollen heiraten. Doch ihre Zukunft gerät in Gefahr, als der reiche und skrupellose Fillipo versucht, Luigi mit Geld zum Verzicht auf Franca zu bewegen. Als der Plan scheitert, eskaliert die Situation: Gewalt, Verbrechen und schließlich die Entführung Francas folgen.

Doch Franca weigert sich, das Schicksal hinzunehmen, das auf Sizilien lange Zeit als unausweichlich galt. Sie zeigt ihren Entführer an – trotz der Macht der Mafia im Hintergrund und trotz der gesellschaftlichen Ächtung, die ihr sogar von vielen Frauen der Insel entgegenschlägt.

Heinz Kruschels Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die den Mut hat, sich gegen eine ganze Tradition zu stellen. Unterstützt von ihrem Vater und von Menschen, die an Recht und Gerechtigkeit glauben, entsteht eine Protestbewegung, die Franca den Rücken stärkt. Ein eindrucksvolles Buch über Zivilcourage, über gesellschaftlichen Wandel – und über die Kraft eines einzelnen Menschen, sich gegen Unrecht zu stellen.

Herbst des Lebens. Betrachtungen über das Älterwerden von Renate Krüger

Das Alter kommt von selbst – aber der Umgang damit will gelernt sein. Mit dieser einfachen, aber tiefen Einsicht beginnt Renate Krügers sehr persönliche Auseinandersetzung mit einem Lebensabschnitt, über den oft nur oberflächlich gesprochen wird.

Die Autorin, die dieses Buch im Alter von achtzig Jahren schrieb, denkt über Abschied und Neubeginn nach, über veränderte Perspektiven, aber auch über die Chancen des Älterwerdens. Denn das Alter ist nicht nur ein langsames Ende, sondern eine eigene Form des Lebens – mit neuen Erfahrungen, neuen Einsichten und neuen Möglichkeiten.

Mit großer Lebenserfahrung und zugleich mit heiterer Gelassenheit zeigt Renate Krüger, dass auch im Herbst des Lebens noch vieles wachsen kann: Erkenntnis, Gelassenheit, vielleicht sogar ein neuer Blick auf das, was wirklich zählt.

Doberaner Maßwerk – Einsichten und Sehweise. Literarische Reportage von Renate Krüger

Das Doberaner Münster gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der norddeutschen Backsteingotik. Jahr für Jahr kommen Besucher aus aller Welt, um die gewaltige Kirche zu sehen, zu fotografieren und zu bestaunen. Doch Renate Krüger lädt dazu ein, noch einen Schritt weiterzugehen: nicht nur zu schauen, sondern wirklich zu sehen.

In ihrer literarischen Reportage nähert sie sich dem Bauwerk auf ungewöhnliche Weise. Kunsthistorische Betrachtungen verbinden sich mit Reflexionen, mit Meditation und mit fantasievollen Legenden. So entsteht ein lebendiges Bild der Geschichte des Münsters – von seinen Anfängen bis in die Gegenwart.

Ein Buch für alle, die historische Baukunst nicht nur als Sehenswürdigkeit betrachten, sondern als kulturelles Gedächtnis, das man mit Aufmerksamkeit und Offenheit entdecken kann.

Weißer Tod am Chabanec von Dietmar Beetz

Mitten im Wald trifft der Kurier Johann Schlichter auf eine erschöpfte Frau, die versucht, einen Toten fortzuschaffen. Eigentlich dürfte er nicht anhalten – sein Auftrag ist dringend. Doch er kann nicht einfach weitergehen. Kurz darauf tauchen bewaffnete Männer auf: Partisanen, unberechenbar und gefährlich.

Schlichter gerät in eine dramatische Situation. Als Deutscher bewegt er sich in einem Umfeld, das von Misstrauen und Gewalt geprägt ist. Zugleich steht er vor einer moralischen Entscheidung: Was ist wichtiger – der Auftrag oder die Hilfe für einen Menschen in Not?

Dietmar Beetz erzählt in diesem spannenden Roman von zwei Deutschen, die im slowakischen Freiheitskampf während des Zweiten Weltkriegs in Konflikte geraten, die weit über persönliche Entscheidungen hinausgehen. Ein eindringliches Buch über Mut, Loyalität und die Grauzonen des Krieges.

Moskau–Stalingrad–Berlin. Der große Krieg im Osten von Theodor Plievier

Der Zweite Weltkrieg im Osten war einer der brutalsten Konflikte der Geschichte. In seinem monumentalen Werk verfolgt Theodor Plievier den Weg dieses Krieges von den ersten Niederlagen der Wehrmacht vor Moskau über die Katastrophe von Stalingrad bis in die zerstörten Straßen Berlins.

Plievier schildert die Ereignisse nicht aus der Perspektive von Generälen und Strategen, sondern aus der Nähe der Menschen: Soldaten, Offiziere und Zivilisten, die in einem System aus Ideologie, Gehorsam und Gewalt gefangen sind.

So entsteht ein schonungsloses Bild eines Krieges, der nicht nur Städte zerstört, sondern auch Moral und Menschlichkeit. „Moskau–Stalingrad–Berlin“ ist daher weit mehr als ein historischer Roman – es ist ein literarisches Zeugnis gegen Militarismus und eine eindringliche Warnung vor den Folgen von Nationalismus und blindem Gehorsam.

Die Geschichte beginnt mit einem Schock: Franca ist entführt worden. Während ihre Familie verzweifelt nach ihr sucht, zeigt sich schnell, wie sehr Angst, Schweigen und alte Traditionen das Leben auf der Insel bestimmen. Doch zugleich regt sich Widerstand – und die ersten Menschen beginnen, sich gegen das Unrecht zu stellen. Die folgende Szene aus Die Rebellion der Franca Viola von Heinz Kruschel schildert die ersten Stunden nach der Entführung.

Luigj und Bernardo Viola arbeiteten an der niedergebrannten Scheune, räumten die Trümmer beiseite, sortierten die angekohlten, aber noch verwendbaren Stämme und schichteten sie auf.

Es war ein milder Winter auf Sizilien. Am blassblauen Himmel schien eine warme Sonne. Einige Vögel zwitscherten. Die Männer hatten die Jacken abgelegt.

Plötzlich hörten sie verzweifelte Schreie. Sie sahen eine Frau, ein Kind an der Hand haltend, den Hügel herauflaufen. Die Frau wollte zu ihnen.

Weder Luigi noch Bernardo waren überrascht, als sie Francas Mutter und den kleinen Leonardo erkannten. Beide hatten, ohne sich verständigt zu haben, die gleiche Ahnung gehabt. Die Männer liefen ihr entgegen. Die Viola schrie noch, als sie schon bei ihr waren, sie schrie und klammerte sich an Bernardo. „Sie haben Franca geholt“, stieß sie hervor, „gefesselt und in ein Auto geschleppt, ich bin ihm nachgelaufen, so weit ich konnte …"

„Sei ruhig“, sagte Bernardo, der bleich geworden war, „wen hast du erkannt?“

„Melodia war dabei. Er lachte, als ich schrie. Er würde wiederkommen, sagte er.“ Ihre Erregung ließ nach, sie hing schlaff und willenlos in den Armen ihres Mannes. Luigi lief mit dem Jungen in den Ort hinunter.

Während der Entführung war die Straße, in der die Violas wohnten, menschenleer gewesen. Die Leute waren in ihre Häuser gelaufen und hatten die Türen verriegelt.

Luigi befragte die Nachbarn. Aber keiner hatte das Auto gesehen, keiner den Lärm gehört. „Ihr lügt doch“, schrie Luigi sie an, „ihr lügt, weil ihr Angst habt!“

Ein Bürger, es war Luigis ehemaliger Lehrer, sagte zu ihm: „Sie müssen selber mit Ihrem Nebenbuhler fertig werden, es ist Ihr Nachteil, nicht schneller gewesen zu sein! Hat der Bursche nicht recht, wenn er das Mädchen entführt, das er haben will?“

Luigi suchte Franca. Er befragte die alte Fatima und den Krüppel Alvarez und die Lottoverkäufer auf dem Markt. Sie wussten nichts. Er lief zu den Carabinieri, erkundigte sich in den Hotels und bei den Verleihern der Mietwagen. Sein Suchen blieb ohne Erfolg. Kein Mensch hatte etwas gesehen, das entführte Mädchen schien spurlos verschwunden zu sein. Auch Filippo Melodia war nicht gesehen worden.

In seiner Not ging Luigi zu einem Priester. Der geweihte Mann sprach von den Fehlern der Menschen, von ihrer Sündhaftigkeit und tröstete Luigi. „Baue auf Gott!“

„Auf wen? Auf Gott? Gott hat wohl mit sich selber zu tun, sonst könnte er das nicht alles zulassen …“

„Ich werde mit ihm reden, mein Sohn, er wird dich erhören …“

„Wozu mit ihm reden?. Ich möchte, dass Ihr Euch umhört, viele Menschen suchen Euch auf, es muss doch unter ihnen einer sein, der weiß, wo Franca lebt, wenn sie überhaupt noch …“

Der Pfarrer hob beschwörend die Arme, eine einstudierte, wirkungsvolle Gebärde. „Beschwöre nicht den Teufel, mein Sohn, alles wird gut werden. Ich werde für euch beten.“

Was hilft mir das schon, dachte Luigi, was hilft schon das Beten. Er sagte: „Ich muss das Haus finden, irgendwo muss sie doch sein …“

Der Priester neigte den Kopf. „Vertraue.“

„Aber der Entführer ist bekannt. Es ist derselbe, der Scheunen in Brand setzt und Menschen niederschlägt …“

„Es ist nicht unsere Aufgabe zu richten.“

„Aber wir sind doch keine Kinder, die auf den Brei der Mutter warten müssen …“

„Wir sind Irrende, Suchende. Wir wissen nichts. Gott weiß alles.“ Seine Stimme hallte in der hohen Kirche wieder. Kerzenbündel flackerten, in den Nischen knieten Menschen vor den Statuetten der Heiligen. Der Priester geleitete Luigi zur Tür, öffnete sie und sagte: „Such sie nicht nur im Orte, gib dein Suchen nicht auf …“

„Ihr wisst …?“

„Ich weiß nicht. Man hört so manches.“ Der Priester redete leise. Als sich Gläubige der Tür näherten, sprach er laut: „Gott kennt dein Unglück, oft möchte er helfen, aber die Menschen verwehren es ihm …“

Suche sie nicht nur im Orte. Luigi sprach mit dem alten Viola über die Worte des Priesters. Sollte sich Franca an einem anderen Ort befinden, in einer Stadt? Das war nicht anzunehmen. Auf dem Lande aber bauten die „borghesi“, die Halbpächter, im Sommer ihre Strohhütten auf, viele Landarbeiter wohnten, sogar im Herbst und im Winter dort, um den Boden umzugraben und die Saat vorzubereiten. Es gab aber Hunderte, Tausende solcher Hütten. Wo sollten sie suchen? In Turrumé oder Trapani? An der Küste des Tyrrhenischen Meeres oder in den Tälern des Monte Sparagio?

Luigi sagte: „Wir können nicht einen Wassertropfen in einem Meer suchen. Und selbst wenn wir sie finden sollten …“

„Was wäre dann?“, fragte der alte Viola scharf.

„Du weißt es.“

„Du würdest sie fallenlassen, weil sie entehrt ist, was? Du würdest sagen, sei froh, wenn er dich jetzt noch heiraten will, ich will nicht mehr, weil ich nicht zum Gespött der Leute werden möchte? Würdest du so denken, ja? Geh doch, geh, du bist auch nicht anders …“

Luigi schwieg. Aber er dachte ähnlich. In Sizilien war jedes Mädchen froh, wenn der Werber nach der Entführung noch sein Heiratsangebot aufrechterhielt. Lehnte sie es aber ab, so blieb sie entehrt, aber der Entführer hätte dann mit einer Strafe zu rechnen. Franca war in Melodias Hand. War sie bei ihm? Hatte er sie zu Freunden gebrächt? Was hatte er ihr angetan? Hatte er sie vergewaltigt? Hatte sie sich wehren können? In den Nächten, in denen er wach lag, malte sich Luigi die verschiedensten Situationen aus, suchte nach Möglichkeiten, Franca zu finden, und immer wieder tauchte die Frage auf: Was wird, wenn ich sie gefunden habe, wenn sich Filippo Melodia spreizt und verkündet, er habe das Mädchen besessen …?

Bernardo sagte: „Ich gehe zu Silvo Cherrari und rede mit ihm. Vielleicht kann er helfen.“ Cherrari war ein kommunistischer Funktionär in Palermo, er stammte aus Campotudia, Bernardo kannte ihn seit seiner Kindheit.

„Die Kommunisten machen eine Kampagne daraus“, sagte Luigi, „am Ende geht es nicht mehr um Franca, sondern um irgendwelche Forderungen auf Transparenten …“

Bernardo war kein Kommunist, er hatte früher sogar die Democristiani gewählt, weil sein Gutsherr es so verlangt hatte. Aber wenn jemand überhaupt helfen könnte, dann vielleicht die Kommunisten. Melodia war – so lautete das stadtbekannte Gerücht – ein Mitglied der Mafia, nicht irgendeine Zunge, nicht irgendein Zuträger oder Spitzel, sondern ein einflussreiches Mitglied. Er war oft in Palermo und hielt sich in Gesellschaft von Advokaten, Geschäftsleuten und kommunalen Politikern auf. Wer würde es sonst wagen, gegen Melodia und seine Freunde aufzutreten?

„Auch die Kommunisten werden sich nicht so offen mit der Mafia anlegen“, warnte Luigi.

Aber Bernardo ging zu Cherrari, und der versprach Hilfe, informierte die Zellen in den Dörfern der Provinz Palermo und erschien persönlich in den Steinbrüchen, um mit den Arbeitern zu sprechen. „Wir leben ja schon geduldig wie die Schafe in unserer Welt der kleinen Leute“, sagte er, „und da zeigt ein junges Mädchen mehr Mut, als wir in den letzten zehn Jahren gezeigt haben. Wir haben uns geduckt und knurrend ihre Gesetze und Sitten hingenommen, mit denen sie uns an der Kandare haben. Sie aber hat sich dagegen aufgelehnt, sie hat uns gezeigt, was ein Mensch, ein kleiner Mensch vermag, der sein Selbstbewusstsein noch nicht aufgegeben hat. Wenn wir sie jetzt im Stich lassen, schaden wir uns selbst …“

Bis auf Gino und die Vorarbeiter erklärten sie sich zur Hilfe bereit.

Cherrari war es gelungen, das Gefühl der Solidarität zu erwecken.

„Von Politik verstehe ich nichts“, meinte Ignazio, „aber was eine Gemeinheit ist, das weiß ich …“

Am vorletzten Tag des Jahres kam eine Nachricht: In einem kleinen Ort in der Nähe von Gurdumé war Melodia gesehen worden, er hatte nicht einmal versucht, sich zu verstecken.

Mit einem Mietwagen fuhren Luigi, Cherrari, Ignazio und Bortino nach Gurdumé. Die Strohhütten lagen verstreut zwischen den Feldern. Sie trafen einen Hirten und sprachen ihn an. Der Hirt, der einen apulischen Dialekt sprach, hatte nichts gesehen. „Hier sind keine Fremden“, sagte er, „ich weide seit Tagen schon in der Nähe der Straße, hier müsste ich jedes Auto sehen, viele Tage ist kein Auto auf dieser Straße gefahren.“

„Du willst nichts gesehen haben“; sagte Cherrari barsch.

„Warum glaubst du ihm nicht?“, fragte Ignazio.

„Die Hirten stecken mit der Mafia unter einer Decke.“

Älterwerden bedeutet nicht nur, mehr Jahre zu zählen. Es bedeutet auch, vertraute Vorstellungen zu überprüfen, Abschied von manchen Illusionen zu nehmen und den eigenen Lebensweg noch einmal neu zu betrachten. Renate Krüger beschreibt in Herbst des Lebens. Betrachtungen über das Älterwerden diesen Prozess offen, nachdenklich und mit großer Lebenserfahrung. Die folgende Passage führt mitten hinein in diese Auseinandersetzung mit den Bildern, Erwartungen und Enttäuschungen des Alters.

Jenseits der Täuschung

Das Alter ist eine Herausforderung in unvorhergesehenen Dimensionen. Bewährte Lebenssysteme brechen zusammen. Das Vakuum vergrößert sich. Die Einsamkeit nimmt bedrohliche Züge an. Rücksicht oder Dankbarkeit der Umgebung scheinen zu Fremdworten geworden zu sein. Es fällt schwer, ständig umzulernen. Alles ist anders und ganz und gar nicht so, wie man erwartet hat.

Dabei hatten wir gehofft, dass sich die Vergangenheit als wohlgefüllter Speicher erweisen werde, den wir in den ereignisärmeren Jahren des Alters öffnen und seinen Inhalt beliebig verwenden könnten. Doch immer wieder stellen wir fest, dass sich dieser Speicher nicht öffnen lässt, und wenn, dass sich sein Inhalt oftmals als belangloser Tand erweist, mit dem wir keinen Eindruck mehr machen können. Wen interessieren schon die vergangenen Erlebnisse, Erfahrungen, Wertungen? Eine neue Enttäuschung – die Vergangenheit ist nicht so einfach verfügbar …

Die Altersphase wird oft als ein erstrebenswerter Gipfel angesehen, der endlich einen umfassenden Blick auf das Lebenswerk, auf die Ernte des Lebens erlaubt. Vielfach gilt dieses Lebenswerk als Maßstab von Erfolg und Effektivität, der sowohl überschwängliches Hochgefühl, als auch tiefste Niedergeschlagenheit auslösen kann und somit den späten Lustgewinn nach oben oder nach unten steuert. Das Bild, das man sich gemacht, mit dem man gelebt hat, war falsch …

Die Arbeit an den inneren Bildern ist ein lebenslanger Prozess, man sollte damit nicht erst im Alter beginnen. Manche vermögen Bilder nur statisch wahrzunehmen, andere sehen auch Entwicklungen, Dynamik, Bewegung. Manche Menschen haben keinen Sinn für den Alltag mit seinen Kleinigkeiten und Mühseligkeiten, rechtfertigen das immer mit den großen Bildern, mit den eleganten Entwürfen und schleppen sich an solchen Entwürfen und Bildern zu Tode. Je schöner und größer die Bilder werden, die der Mensch sich macht, desto falscher und belastender können sie sein … Jenseits dieser schönen Bilder dominiert die unerbittliche Realität.

Bilder haben in jedem Menschen eine lange Geschichte. In dieser Geschichte liegt Sinn, der sich in der Rückschau offenbart und noch immer Kraft spendet. Aber die Bilder verblassen zusehends und scheinen selbst in ein Vakuum zu fallen. Die schönen Bilder vergehen. Muss dieser Prozess immer nur zu totaler Ernüchterung, schmerzlicher Desillusionierung und zur harten, scheinbar unliebenswürdigen Realität des Alltags mit seinen Kleinigkeiten führen?

Es gibt Situationen im Leben, in denen nichts, aber auch gar nichts zu stimmen scheint. Es gibt keine Harmonie, kein Ziel, keinen Impuls, nur hier und da ein kleines Aufblitzen. Die Zeit läuft hin. Vieles von dem, was wert und teuer erscheint, ist nur Illusion, von der man sich trennen muss, ohne dass die Illusionslosigkeit als erstrebenswertes Ziel oder als Rettung erscheinen müsste. Die Illusionslosigkeit als absolute Wahrheit, als Raum, in dem man ganz ehrlich zu sich selbst sein kann, ist ja auch nur eine Illusion … Psychologie allein genügt nicht.

Vor der ersehnten neuen Hoffnung steht die Desillusionierung, der bewusste Abschied von den Bildern, als Prüfung und Preis für den Eintritt in die Altersphase. Wir sehen uns wieder einmal ganz am Anfang, und die bisherigen Erfahrungen helfen nicht. Eine große Sehnsucht bricht auf, nämlich endlich die innere Zerrissenheit aufgeben zu können und zur Ruhe zu kommen, nicht mehr von einer Illusion zur andern rennen zu müssen. Das Leben schäumt und brodelt auch weiterhin nach allen Seiten, und wir müssen mit unseren Kräften haushalten und dürfen nicht mehr jeden Impuls aufnehmen.

Schwer ist die Aufgabe der Ent-Täuschung, das Zurechtrücken der vertauschten Elemente, ja eines Bildersturmes als innere Arbeit. Viele dieser großen Bilder waren trotz ihrer Größe und Schönheit zugleich die engen Gefängnisse des bisherigen Lebens … Das Gefängnis: das ist oftmals die Summe der festgefahrenen, verkrusteten „Lebenserfahrungen“. Es gilt, die Gefängnismauern und -gitter zu überwinden und niederzureißen, um das wirkliche Haus dahinter sehen zu können. Der Abschied von Klischees, von bleischweren Illusionen, von falschen Hoffnungen, von der aus Angst geborenen Ichbezogenheit, von Folterwerkzeugen, die man immer wieder selbst blank geputzt hat, ist unumgänglich.

Wie schnell kapseln wir uns gerade im Alter gegen die Außenwelt ab, aus Angst, beeinträchtigt, gestört, provoziert und gekränkt zu werden. Von dieser Angst ist kein Bereich ausgenommen. Und immer wieder jagen wir Illusionen nach und verpassen dabei die umfassende Wahrnehmung der Gegenwart.

Mit unserem verengten Blick sehen wir nur, dass die gegenwärtige Situation so ganz und gar nicht dem „erfüllenden“ Denken entspricht, dass sie nicht das erhoffte Ziel, der endlich erreichte Ausgleich, die große Gerechtigkeit ist, sondern „nur“ eine Etappe auf einem langen Weg, angesichts dessen sich Ermüdungserscheinungen eingestellt haben.

Wunderliche dumme Kreatur Mensch … Ob es vielleicht doch noch gelingt, sich von dem „Alles oder Nichts“ der Fixierung auf ein Ziel zu lösen, wie man sie ein Leben lang eingeübt hat? Auf eine neue Wohnung. Auf den Abschluss einer Arbeit. Auf eine Begegnung. Eine Reise. Eine Zahlung. Im Alter bringt das alles nicht mehr den erhofften Gewinn.

Alles ist ganz anders - totaliter aliter … Diese Erfahrung ließ der Romancier Thomas Mann auch Charlotte Buff machen, seine „Lotte in Weimar“, eine Jugendliebe Goethes. Ihre Reise in die Vergangenheit wird zu einer totalen Desillusionierung. Charlotte Buff wird zwischen Bewunderung, Rebellion und Veränderungswunsch hin und her gerissen. Völlig verwirrt reist sie ab. Das Lebensmodell Goethe hat versagt. Aus dem Werther ist der Olympier geworden, der nur noch druckreif redet.

Die Vergangenheit verliert nicht nur bei Charlotte Buff an Bedeutung, wird fremd und verliert den vertrauten Klang. Fremdheit aber schafft auch neue Möglichkeiten, macht positive Signale sichtbar. Der alte Kosmos stimmt zwar nicht mehr, alles scheint wieder in Unordnung geraten, aber aus diesem neuen Chaos können neue Vertrautheiten wachsen.

Vor allem eins fällt weg: der Wettbewerb, das Konkurrenzdenken, und als eine der Voraussetzungen dazu das ständige Vergleichen, das Bewerten anderen Verhaltens, um sich selbst als Sieger zu fühlen. Objektiv trifft das zu, aber subjektiv nicht. Im Alter flicht man an besonders dicken Zöpfen, hat es mit besonders tief eingefahrenen Rillen zu tun. Das Maß an innerer Arbeit wird eher größer als kleiner.

Das Doberaner Münster ist voller Figuren, Bilder und Geschichten – viele davon übersieht man beim schnellen Rundgang. Renate Krüger lädt dazu ein, genauer hinzuschauen und sich auf die Gedankenwelt der mittelalterlichen Kunst einzulassen. Die folgende Passage aus Doberaner Maßwerk – Einsichten und Sehweise. Literarische Reportage führt mitten hinein in ein solches Bildgeschehen und lässt eine Szene aus dem Figurenprogramm des Münsters auf ungewöhnliche Weise lebendig werden.

Der Ordensbruder weiß genau, wohin er zuerst gehen, dass er bei Adam und Eva beginnen muss, und es wundert ihn kein bisschen, als der Büffelköpfige dem Altar unter dem großen Kreuz zutänzelt, um dort auf seine Verwandte, die Schlange, zu treffen. Er sehnt sich nach ihr, hat aber zugleich Angst. Es macht ihm so viel Mühe, diese Szene zu durchschauen, hindurchzuschauen. Durch das Türchen nämlich. Natürlich könnte er es mit seinen Nüstern ganz einfach zur Seite schnauben. Aber gerade das wäre kein Erfolg, den Kräften eines Büffelköpfigen nicht angemessen. Doch wer würde das Türchen öffnen? Wer könnte es wagen, die mühsam eingefangenen Ängste wieder freizulassen?

Diese Frage stellen sich auch Adam und Eva, als sie den kleinen Gestaltenzug herankommen sehen. Wie sehr hoffen sie darauf, dass sie von ihrem lästigen Türchen befreit würden! Denn nur so könnte die Sache endlich zur Sprache kommen. Nur so könnte man sehen, dass das gekrönte Häuptlein dort im Baum auf einem geringelten Schlangenkörper sitzt. Doch wie schon so oft würde sich wohl auch diesmal ihre Hoffnung wieder zerschlagen. An dieses Türchen wagte sich niemand heran, denn die Schlange selbst hat es geschlossen.

Auch die Schlange hat längst gemerkt, dass der Ordensbruder und der Büffelköpfige auf das erste Menschenpaar zusteuern. Und als nun gar der Ordensbruder mühsam mit seinen kurzen Beinchen auf den Altartisch klettert und ohne Zaudern das goldene Türchen öffnet, zuckt sie zusammen, dass ihr das Krönchen vom Kopf rutscht, und zischt: Was fällt dir ein, du Missgestalt? Mach die Tür zu, es zieht, mir wird kalt!

Doch der Ordensbruder gehorcht ihr nicht.

Da fährt die Schlange den Büffelköpfigen an: Was tänzelst du da herum, als hättest du nicht vier Beine, auf denen du fest und sicher stehen könntest? Wirst du nicht einmal mit einem lächerlichen Zwerg fertig?

Dem Büffelköpfigen fällt nichts anderes ein, als sein Sprüchlein wieder vor sich herzusagen.

Wie konntest du es zulassen, dass dieser geschorene Bärtige das Türchen öffnet? zischt die Schlange weiter. Hör auf mit deinem albernen Geplapper! Hilf mir lieber, dass der arme Adam die böse Eva richtig bestraft für ihre Missetat, grünes Obst abzureißen!

Der Ordensbruder lächelt so, dass die Schlange ihre Augen niederschlägt.

Nachdem das Türchen nun geöffnet ist, kommen Adam und Eva zu sich. Es strömt durch ihre Adern, und ein tiefer schöner Goldton legt sich über ihr Haar. Adam öffnet seinen Mund und möchte fragen: Was können wir nun gemeinsam tun, damit wir ganz aus der Erstarrung befreit werden?

Aber er bringt die Worte nicht heraus, denn der Büffelköpfige ist hinter ihn getreten und bläst ihm seinen warmen Atem in den Nacken. Und Adam wird zornig.

Wie konntest du mich derartig hereinlegen? schreit er seine Frau an. Alles Unheil der Welt kommt nur von dir! Du bist nicht wert, dass die Erde dich trägt!

Lass dir das nicht gefallen, Eva! zischt die Schlange. Zahl es ihm heim! Gib’s ihm!

Wieso nur ich? schreit Eva zurück. Du hättest ja nicht essen müssen, aber du warst ja so neugierig! Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Und was kann ich dafür? Die Schlange da mit der Krone, wie sollte ich ihr nicht glauben? Hübsch und fein, wie sie aussieht? Was kann ich dafür?

Recht so, zischt die Schlange den Büffelköpfigen an. Blas ihn weiter an, damit ihm die Luft zum Streiten nicht so schnell ausgeht.

Der Büffelköpfige bläst, und Adams Stimme überschlägt sich fast vor Wut.

Dir haben wir nun diese schreckliche Zukunft zu verdanken, nur dir! Du kannst ja nicht einmal zu dieser Tat stehen, wälzt alles auf die arme Schlange ab, die sich nicht wehren kann. Weiberpack, elendes! Aber wir sind mit hineingerissen.

Ja, weil ihr schwach und abhängig seid und ohne uns überhaupt nichts könnt, gibt Eva zurück. Kraftlos und abhängig seid ihr, eure einzige Waffe ist die rohe Gewalt!

Die Schlange setzt sich ihre Krone schief auf, und ein freudiges Zittern geht durch ihren Körper. Der Baum, um den sie sich geringelt hat, ist verdorrt. Schwarz und kahl recken sich die Äste.

Der Büffelköpfige bläst und bläst, doch es gelingt ihm nicht, dem Adam das Gold aus dem Haar zu blasen. Der fühlt seinen Zorn immer noch anschwellen.

Geh und hol ihm Verstärkung! herrscht die Schlange den Büffelköpfigen an. Es dürfte dir ja nicht schwerfallen, in dieser Kirche gibt es mehr als genügend Männer.

Der Büffelköpfige bringt auch in Windeseile eine ganze Schar zusammen, die sich dem Adam zur Seite stellen. Im Nu sind die Altarschreine leer, und bei Adam entsteht Gedränge.

Hoch in den winterlichen Bergen entscheidet sich das Schicksal oft in wenigen Minuten. Erschöpfung, Kälte und der Kampf ums Überleben bestimmen jeden Schritt. In der folgenden Szene aus Weißer Tod am Chabanec von Dietmar Beetz hat Martin den gefährlichen Abstieg vom Chabanec hinter sich – doch die größte Gefahr ist noch nicht vorüber.

Das Rutschen und Stürzen, das Zerren und Stoßen erschien Martin endlos, wie Teil eines Albtraums, und so benommen er auch war, erwartete er doch während der gesamten Zeit, im nächsten Moment irgendwo aufzuschlagen und zerschmettert liegen zu bleiben.

Und gewahrte dann lediglich, dass er versank in weichem, tiefem Schnee, verspürte einen letzten Ruck und erschlaffte, lag reglos, lag nach dem Sturm, nach stundenlangem Heulen und Fauchen plötzlich in atemberaubender Stille.

Die Lider, geschwollen und verklebt, ließen sich nicht öffnen, und mit dem Mund und der Nase war offenbar gleichfalls etwas nicht ganz in Ordnung, doch die Arme und Beine, alle Muskeln des wunden, geschundenen Körpers zuckten und vibrierten und verlangten wie nie zuvor nach Ruhe.

Schlafen, ging es Martin durch den Kopf, so liegen bleiben, sich nicht bewegen, nie wieder auch nur einen Finger rühren ...

Er atmete ein, mühsam, und seufzte. Und rang beim nächsten Atemzug nach Luft, und etwas in seinem übermüdeten, dämmrigen Hirn gab Alarm.

Du erstickst; wenn du so liegen bleibst, erstickst du oder erfrierst! Da bäumte sich sein Lebenswille ein weiteres Mal auf, und er begann, die Arme, die zentnerschweren Arme zu bewegen, und verfing sich in der Leine und schlug, nun von Grauen erfasst, um sich.

Erkannte die Fessel erst, als Mund und Nase schon frei waren, löste sie und erblickte dann neben sich in einer Vertiefung, die seinem Schneetrichter glich, ein Stück olivgrüne Uniform und das Ende eines Wollschals.

„Kati!“

Sie hörte nicht, blieb reglos, lag fast in Griffnähe und war doch nur unter Einsatz der letzten Kraftreserven zu erreichen.

Aber sie atmete, sie lebte, und von dumpfer Freude erfüllt, richtete Martin sich auf und schaute über den brusthohen Rand der Schneewehe hinweg.

Inzwischen war die Dämmerung nahezu vollkommen geworden. Trotzdem ließ sich erkennen, dass vor ihnen ein Hochtal begann, abschüssig zwar, doch bei Weitem nicht so steil wie der Hang, der hinter ihnen lag.

Der Südhang des Chabanec! - Jetzt ahnte Schweiger, welchen Berg sie bezwungen hatten, von welchem Sattel sie herabgeschlittert waren.

Und dass sie den Auftrag erfüllt hatten und dennoch weiterhin in Gefahr schwebten, in der Gefahr, hier liegen zu bleiben und zu erfrieren - auch das war ihm klar, und angesichts dieser Bedrohung und der Strapazen, die ihn erwarteten, verzagte er fast.

Stand da und spürte, dass seine Lider herabsanken, vernahm fernes Jaulen, den Sturm, der hoch oben am Gipfel tobte, der hier unten lediglich als gedämpftes Geräusch wahrnehmbar war, als verschwimmendes, einschläferndes Raunen, und glaubte sich von einer warmen Woge erfasst, von Wärme durchströmt und sah, als ginge es ihn nichts mehr an, als habe es ihn nie betroffen, einen endlosen Zug, Gestalten, die auftauchten aus Nebel und wieder verschwanden in Gestöber, und einen struppigen, mageren Hund, der langsam auf die Seite sank ...

Begriff und riss die Augen auf.

Vor ihm im Tal schien etwas Dunkles zu schweben - zwischen dem fahlen, wolkenverhangenen Himmel und grauweißem Dunst über dem Schnee. Vielleicht ein Stück Wald, vielleicht ein Ausläufer, eine Zunge aus verkrüppelten oder stämmigen Bäumen, die sich so weit oben verwurzelt hatten.

Hoffentlich Wald! dachte Schweiger, und er sagte sich: Dorthin! Dort ist Holz, Wärme und Schutz, dort kannst du endlich ausruhn.

An diese Aussicht klammerte er sich von nun an. Verbissen begann er, Kati und sich aus dem trichterförmigen Loch hinauszuschieben, und als er die Schneewehe hinter sich hatte, lud er sich den Körper erneut auf die Schulter.

Er versank bei jedem Schritt bis zum Knie und tiefer und gab doch nicht auf. Verschnaufte sich nur wieder und wieder und hielt stets, sobald er die Last abgelegt hatte, nach dem Wald, den Bäumen Ausschau, und einmal glaubte er dabei, inmitten der Funken, die ihm vor den Augen flimmerten, andere Helligkeit wahrzunehmen, einen zuckenden Schein zwischen den Stämmen.

Ein Feuer? Genossen an einem Feuer - zu schön, um wahr zu sein.

Keuchend stapfte er weiter, schleppte Kati und sich auf das Flackern zu, und als er abermals aufschaute, meinte er zu fantasieren, von einem Wunschtraum genarrt zu werden.

Bis die Gestalt heran war und der Mann, ein Partisan, zu sprechen begann - Worte in ukrainisch gefärbtem Slowakisch, Worte, deren Sinn Martin anfangs entging, die er lediglich mit einem Krächzen erwiderte.

Der Ukrainer schien nichts anderes erwartet zu haben; denn er bückte sich wortlos. Und hielt inne, nun doch überrascht.

Der Krieg im Osten erreichte in Stalingrad einen seiner grausamsten Höhepunkte. Als die Einkesselung der deutschen 6. Armee immer enger wird, bricht die militärische Ordnung zunehmend zusammen: Divisionen zerfallen, Befehle verlieren ihre Bedeutung, und im Schneesturm kämpfen tausende Soldaten nur noch ums nackte Überleben. Die folgende Passage aus Moskau–Stalingrad–Berlin. Der große Krieg im Osten von Theodor Plievier schildert eindringlich diese Tage des Zusammenbruchs.

Das russische Kapitulationsangebot war abgelehnt worden. Die Folge war die Liquidierung des Kessels. Der erste Schlag öffnete die Front im Norden im Raum von Dmitrewka und gleichzeitig im Süden im Raum von Krawzow und Zybenko. Der weiter getragene Stoß führte im Norden bis zu dem an der Eisenbahnlinie Kalatsch–Stalingrad gelegenen großen Steppendorf Karpowka, und im Süden zielte er ebenfalls auf Karpowka. Die aus der „Nase“ flüchtenden Truppen, in der Hauptmasse war es die 3. I.D. (mot.), ließen einen Teil ihres Menschen- und Materialbestandes in einem tobenden Schneesturm zurück; und östlich Karpowka bei Nowo-Rogatschik gerieten die Haufen aufs Neue ins Feuer, dieses Mal in den von Süden vorgetragenen Stoß der Roten Armee. Die schon jenseits des Dons bei Kletskaja schwer angeschlagene 376. I.D., jetzt in der Richtung des Hauptstoßes liegend, hörte an dieser Stelle auf zu bestehen. Die in letzter Stunde zur Ablösung geschickte 29. I.D. (mot.) wurde in den Untergang hineingerissen, und nur Trümmer beider Divisionen fielen nach Osten zurück. Die weiter nördlich liegende 344. I.D. und auch die 76. I.D. wurden ebenfalls nach Osten abgedrängt. Dieses Mal war es die noch weiter nördlich liegende und bisher der Nordriegelstellung angehörende 113. I.D., die den stillstehenden Drehpunkt bildete, um den herum die Schwenkung auszuführen war. Diese Schwenkung aber war Flucht durch schneezertoste Räume und war Zurückfallen von einem Schlachtfeld, auf dem das Material von Divisionen weggeworfen wurde und auf dem nach drei Tagen währenden Kämpfen 30 000 Tote zurückblieben. Die neue Widerstandslinie, die nicht in befohlenem und ordentlich durchgeführtem Rückzug, sondern in Blut und Auflösung vom Armeeoberkommando angestrebt wurde, und die nichts als eine Linie auf dem Papier und ein auf den Generalstabskarten von Norden nach Süden und quer durch den Kessel verlaufender Strich war, trug das Kennwort „Veilchen“.

Dieser Linie im Leeren strebten die Trümmer der an der Westfront geschlagenen Divisionen zu. Die 113. I.D. im Norden hatte nur eine Schwenkung durchzuführen und das Gesicht nach Westen zu kehren. Die 76. I.D. hatte schon zu marschieren. Die 44. I.D. hatte schon einen weiten Weg durch Schnee und Sterben zurückzulegen. Die Reste der 29. I.D. (mot.) und der 3. I.D. (mot.) und die Haufen der auf dem Papier weitergeführten 376. I.D. hatten schon einen zu weiten Weg, und es waren nur noch Elendshaufen, welche die Schneefelder erreichten, die auf den Stabskarten als Abschnitte der Widerstandslinie „Veilchen“ galten.

Fünf deutsche Divisionen flohen – marschierten, in Ordnung, in Unordnung, verpflegt oder von der Verpflegung abgerissen, in Auflösung, auseinanderfallend, sich wieder sammelnd, nach Osten. Dmitrewka war überrannt worden. Karpowka, Nowo-Alexejewka, Baburkin und die Bunkerdörfer am Rossoschkaflüsschen wurden von den Stäben in Panik geräumt.

Geöffnete Koffer, zusammengeballte Decken, Uniformstücke, verstreute Akten, Notschlachtungen, lebend verladene Schweine, nach Osten getriebene Kühe, aus Hoftoren herausschwankende hochbeladene Lastkraftwagen, Kübelwagen, Befehlsomnibusse, Ferngespräche, Schreie nach Benzin für Verpflegungslager, Verwundetensammelstellen, für den Stab.

Schneesturm.

28 Grad unter Null.

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