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Zwischen Innensicht, Waldwundern und historischen Rollen Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 09.10.2026) Fünf E‑Books, fünf Zugänge zu dem, was Menschen zusammenhält oder auseinandertreibt: intime Selbstprüfungen, Kindheitsstaunen über verborgene Lebewesen, die stille Kraft privater Bilddokumente, ein belebtes Porträt einer Dichterjugend und ein historischer Roman über die Verwandlung eines einfachen Gesellen in eine Symbolfigur. Diese Woche lesen wir Szenen, in denen persönliche Entscheidungen, Erinnerungen und die Suche nach Sinn in Landschaften und Zeiten zusammenlaufen und nachwirken.
Vom Freitag, dem 9. Oktober, bis Freitag, dem 16. Oktober 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Jedes Leben hat auch seine Zeit. Erzählung von Elisabeth Schulz-Semrau
Eine Ehekrise nach zehn gemeinsam verlebten Jahren veranlasst eine Journalistin, ihre Ehe auf ungewöhnliche Weise zu überprüfen. Sie verlässt ihren Mann, um mit ethisch-moralischen, beruflichen und intimen Fragestellungen zu wechselseitig tieferem Verstehen zu finden: »Ich bin nicht weggelaufen, um die Ehe zu beenden, sondern damit sie dauern kann.«
Elisabeth Schulz-Semrau lässt in dieser Erzählung durch psychologisches Ausloten - selbst des individuell Unterbewussten, das in der Lebenspraxis eine nicht unwichtige Rolle spielt - die Möglichkeiten eines neuen Zusammenlebens auf einer neuen Stufe intimer Gemeinsamkeit und gesellschaftlicher Verantwortlichkeit deutlich werden. Die Autorin fordert den Leser ständig zum Mitdenken und Mitentscheiden bei dieser Überprüfung auf, und gerade das macht die Lektüre des Buches zu einem besonderen Gewinn.
Im Walde wohnt der schwarze Storch von Wolf Spillner
Anna kennt sich im Wald aus, denn ihr Vater ist Förster. Ihr Vater hat sie oft auf seine Jagdkanzel in der Nähe des Weihers mitgenommen. Dorthin kommen die Wildschweine. Als sie ihrem vater die vergessenen Kiefernpflanzen nachbringen will, steigt sie noch schnell neugierig auf die Kanzel hinauf. Plötzlich entdeckt sie ein großes Nest auf einem Baum. Da ist ja auch ein großer Vogel, der rasch davonfliegt. Es ist ein Märchenvogel. Gibt es Störche, die schwarz sind, oder bunt und mit roter Brille um die Augen?, fragt sie aufgeregt ihren Vater? Niemand außer den Eltern darf von ihrem gr0ßen Geheimnis wissen. Noch nie haben die seltenen Schwarzstörche in ihrem Wald gebrütet und sie sollen doch im nächsten Jahr wiederkommen. Wunderbare Fotos von Wolf Spillner ergänzen die schöne Geschichte für Kinder ab 4 Jahre.
Pioniere der 8. Mot.-Schützendivision der NVA im Bild. Eine Sammlung privater Fotos aus dem Besitz ehemaliger Angehöriger der 8. MSD von Dietrich Biewald
Diese Bildersammlung aus dem Dienst der Pioniere in der 8. Motorisierten Schützendivision mit kurzen erläuternden Texten besteht fast nur aus Amateuraufnahmen, die von einer Vielzahl ehemaliger Angehöriger der 8. MSD bereitgestellt wurden. Die fast 900 Abbildungen sind eine interessante Ergänzung zu dem Buch Pioniere in der 8. Motorisierten Schützendivision der Nationalen Volksarmee der DDR.
Die Entstehung dieses Buches ist den Angehörigen der Pionierkameradschaft Schwerin und vor allem der Initiative ihre Vorsitzenden Jochen Schmidt zu verdanken. So kam es, dass viele fleißig in ihren alten Fotoalben und -sammlungen wühlten, die Bilder auswählten oder ihre Alben komplett zum Scannen für diese Dokumentation zur Verfügung stellten. Ein glücklicher Umstand ist sicherlich auch, dass die Pioniere kaum über besonders geheimzuhaltende Technik verfügten und so beim Knipsen übertretene Verbote nicht so streng wie anderswo gewertet wurden.
Jedoch auch ehemalige Nichtpioniere steuerten einige ihrer alten Fotografien bei. Die Hauptaufgabe der Pioniere bestand nun einmal in der Pioniersicherstellung der Handlungen der Truppenteile und Einheiten der Division. Viele der vorliegenden Aufnahmen zeigen daher das Zusammenwirken der Pioniere mit den anderen Waffengattungen, Spezialtruppen und Diensten. Darum kann dieser Bildband sicherlich auch Interesse bei den Ehemaligen aus all diesen Bereichen wecken.
Und wen der Teufel nicht peinigt.Die Jugend des Dichters Georg Weerth von Walter Baumert
Nehmt eine Wegstrecke, die ihr mit gutem Schuhwerk zwischen Frühstück und Mittagessen durchwandern könnt, also etwa fünf deutsche Landmeilen, einmal in der Länge und einmal in der Breite, setzt eine verschlafene Kleinstadt hinein mit knapp fünftausend evangelisch getauften Seelen, mit einem richtigen Schloss, einer Post, mehreren Kirchen, zwei Schulen und einer Handvoll prächtig herausgeputzter Soldaten - dann habt ihr das Fürstentum Lippe-Detmold, mein Vaterland. Mit diesen Worten beginnt die Erzählung über Kindheit und Jugend des Dichters Georg Weerth, von Walter Baumert so berichtet, als hätte sie der Dichter selbst geschrieben: ironisch, spritzig und engagiert. So ist ein Buch entstanden, das Weerths Dichtung wie auch ein Stückchen Vormärz-Zeit neu entdeckt.
Ich war Ferdinand von Schill von Heinz-Jürgen Zierke
Der Friday for Future-Titel der Woche ist Ich war Ferdinand von Schill. Zierkes historischer Roman zeigt, wie ein Einzelner in einer Ausnahmesituation eine neue Rolle annimmt und welche Verantwortung daraus erwächst; diese Fragen nach Pflicht, Konsequenz und Zukunftsverträglichkeit lassen sich direkt auf Debatten um generationenübergreifende Verantwortung übertragen. Ergänzt durch die kindliche Sorge um das seltene Schwarzstorchnest, die dokumentarische Bewahrung von Erinnerung in den NVA-Fotos, die politisch geprägte Jugendbiographie Georg Weerths und die ethische Selbstprüfung in der Ehegeschichte entsteht ein Themenbogen, der zum Nachdenken über unser Handeln für kommende Generationen anregt. Gemeinsam fordern die Titel dazu auf, wie Friday for Future eindringlich zu prüfen, welche Spuren wir hinterlassen und welche Verpflichtungen daraus resultieren.
Preußen 1806. Die Schlacht bei Jena und Auerstedt ist geschlagen. In Magdeburg sammeln sich Versprengte. Das französische Heer rückt heran. Da macht ein Schneidergeselle - der Zufall ließ ihn an den Rock eines toten Leutnants geraten - sich auf und folgt beherzten Leuten, die nicht einfach kapitulieren wollen vor der Übermacht der Waffen. Und er, eben noch wandernder Handwerksbursche, nimmt die Rolle an, die ihm aufgedrängt wird: Er wird Ferdinand von Schill.
In seinem Buch versucht Heinz-Jürgen Zierke - in der Erzählweise anknüpfend an seine erfolgreichen historischen Romane Nowgorodfahrer und Karl XII. --, ein möglichst genaues historisches Bild der Zeit zu zeichnen und einen Schill vorzustellen, der sowohl Patriot ist als auch Mensch sein darf.
Die folgenden Leseproben öffnen je ein Fenster auf Schlüsselmomente: auf die Probe einer Ehe und das Nachdenken über gemeinschaftliche Verantwortung, auf ein kindliches Geheimnis im Grünen, auf die Intimität historischer Amateurfotografie, auf die formende Jugendzeit eines Dichters und auf das dramatische Annehmen einer Rolle in Zeiten militärischer Bedrohung. Jede Passage führt unmittelbar in eine Szene, die den Ton des ganzen Buches angibt.
Jedes Leben hat auch seine Zeit. Erzählung von Elisabeth Schulz-Semrau
Eine Frau zieht aus, nicht um zu fliehen, sondern um die Beziehung neu zu prüfen: die Probe, die hier beginnt, zeigt die Spannung zwischen Beruf, Moral und dem Wunsch nach tieferem gegenseitigem Verständnis.
Vielleicht war es doch nicht so schlecht, war Steffan versucht zu denken. Dachte dann, nein, mein Junge, so fang erst gar nicht an, dann biste nämlich am Ende.
Ich muss einfach meine Methoden ändern, grübelte er. Ich will es hinkriegen! Auch das! Sie, Susanne durfte nicht recht behalten.
Das Auto, gestoppt durch die Verkehrsampel, ließ einen Menschenschwarm an sich vorbeipassieren, Schulkinder, einkaufende Frauen, weniger Männer.
Irgendwie hoffte Steffan immer wieder, Frau und Kind plötzlich aus Menschenansammlungen auftauchen zu sehen.
Wenn dir die Sache so wichtig erscheint - habe ich gesagt, erinnerte er sich, tippte Kummer in jähem Entschluss auf die Schulter: »Bitte rasch noch einmal bei mir zu Hause vorbei, ich habe etwas vergessen!«
»In einer halben Stunde müssen wir zur Enthüllung des Denkmals«, glaubte Irmgard ihn erinnern zu müssen.
»Eben darum«, sagte Steffan nur.
Als er fünfzehn Minuten später in seinem Büro auf Paul Breede traf, riss er den Gesprächsbeginn an sich, hastig, sich verhaspelnd, als müsste er nach schnellem Lauf wieder zu Atem kommen. Aber - er war ja nicht gelaufen.
»Ich finde es großartig«, sagte er, »dass du dir Gedanken, Sorgen um uns machst. Um Susanne, die Ehe, meine Funktion. Wirklich großartig! Nur glaube ich, du siehst es gefährlicher, als es ist. Meine Frau Susanne nämlich kann auf die seltsamsten Ideen kommen. Beweis: Ich habe dir hier einen Brief von Daheim geholt aus den ersten Tagen unserer Ehe. Lies ihn dir langsam durch, bis ich von meiner Denkmalsenthüllung zurück bin. Wirst dich wundern, wie sich da etwas wiederholt!« Er hielt seinem früheren Parteisekretär ein Briefpacken hin, zwang ihn beinahe in einen Sessel.
Und der alte Mann, überrumpelt oder überrascht, zumindest aber verwundert, dass Wiegand sich so emsig vor einem Gespräch bewahrte, begann zu lesen, umständlich und genau, wie er es gewohnt war, öfter eine Textstelle wiederholend, denn war ihm auch die Schrift bekannt, die Schreibende hatte ihre Gedanken, Empfindungen und Erlebnisse ja nicht für so alte Augen wie die seinen aufs Papier gegeben. Nein, das nun überhaupt nicht, musste er öfter denken, während er las:
... Du bist doch sonst ein so kluger Mann und kennst mich zwei Jahre, nein, länger. Manchmal sagst du, es sind hundert. Du weißt schon, das mit Schon-immer-Gekannt und Immer-schon-füreinander-Bestimmt, wir haben es uns oft gesagt und irgendwo ist das so erschütternd wahr, um irgend anderswo nicht mehr zu stimmen.
Denn du hast vor »unserem Leben« schon gelebt, gut und sicher, nach meinen Begriffen sogar für dich zu sicher. Manchmal fürchte ich, den Hauch eines verbürgerten Sozialisten auch bei dir zu spüren. Aber wunderbarerweise lassen sich die guten Karten noch alle aufdecken.
Ja, und da lebte auch ich vor diesem »Unseren« solche Jahre ... Und man scheint gewillt, sie einfach als umsonst gelebt abzutun. Aber es war ja nicht umsonst, Steffan, wie nichts im Leben umsonst ist oder gar umsonst verschenkt wird.
Ich wollte es eigentlich im Vergessenen lassen, aber nun - Es gab vor uns einen Menschen, das heißt, ich kannte ihn schon lange, ehe es ihn gab, man war ja nicht leichtsinnig.
Da färbten sich die Träume bunt, die Blumen hatten eine Sprache, und alle Kinder waren schön bis - ja, bis das große Wunder Mann zu einem Häufchen Angst vor Konsequenzen, zu einem Verfechter der Gewöhnung wurde. Und nun hätte man ... Du hast es mir einmal gesagt, eine Frau müsse um den Mann kämpfen, aber siehst du, da eben zeigt sich bei mir eine gewisse Unfähigkeit oder vielleicht ein falscher Stolz, doch das weiß ich nicht einzuschätzen.
Und da hatte einem dieser Bemitleidenssüchtige, den man auch pflichtschuldigst tröstete, man liebte ihn ja, monatelang versichert: Ich weiß, Liebste, wir werden zusammengehören, ich weiß es bestimmt!
Im Walde wohnt der schwarze Storch von Wolf Spillner
Auf der Jagdkanzel entdeckt ein Kind ein großes Nest und einen geheimnisvollen Vogel eine Begegnung, die von Neugier, Schutzbedürfnis und dem Versprechen handelt, ein Wunder zwischen den Bäumen zu bewahren.
Anna ist gerade erst acht Sprossen die Leiter hinaufgeklettert, da hört sie ein mächtiges Rauschen über sich. Aus der anderen Eiche fliegt ein Vogel fort. Er ist groß und dunkel, hat lange Beine, einen langen Schnabel und mächtige Flügel. Ehe sich Anna ihn richtig anschauen kann, ist er verschwunden. Wie ein Geist! Erst jetzt entdeckt sie ein Reisigbündel in der Eiche, und sie klettert rasch zur Kanzel hinauf. Auf einem dicken Ast der Nachbareiche liegt breit und schwer ein Vogelnest aus Knüppeln und Zweigen. Darüber wundert sich Anna sehr. Sie weiß genau, es lag im Vorjahr noch nicht dort.
Vorsichtig späht Anna aus den Schlitzen der Jagdkanzel nach draußen. Vielleicht kommt der große Vogel zurück? Warten hat sie vom Vater gelernt, wenn sie mit ihm das Wild beobachten durfte. Unter ihr blühen die bunten Blumen, neben ihr singen die Amseln, und sie hört die Spechte im Wald trommeln. Niemand kann sie sehen. Es gefällt ihr, so im Baum zu sitzen.
Auf einmal klingt ein seltsamer Ton durch den Wald: »Hiii - hiüüüüü!« Dann rauschen große Flügel, und auf dem Nest vor Anna landet ein mächtiger Vogel. Er faltet seine Schwingen zusammen.
Anna kann es gar nicht glauben: Da steht ein Märchenvogel! Er funkelt und schillert. Sein Schnabel und seine Beine scheinen zu brennen, so flammend ist ihr Rot! Ebenso rot sind seine Augen gerandet, als trüge er eine leuchtende Brille. Wie ein Storch sieht der Vogel aus und doch auch ganz anders!
Störche kennt Anna gut. Sie haben ihr Nest auf der Scheune hinter der Schule. Sie sind weiß und schwarz, und sie können laut klappern. Vielleicht ist dieser Vogel ein ganz besonderer Storch, überlegt Anna. Der Vater wird es wohl wissen. Als Förster muss er die Vögel in seinem Wald kennen. Aber zunächst will Anna diesen Vogel genau beobachten! Der Vogel putzt sich. Dann gähnt er, und Anna muss auch gähnen, so weit reißt er den Schnabel auf. Danach schließt er die dunklen Augen. Als er endlich wieder aufwacht, stochert er mit dem Schnabel im Nest zu seinen Füßen. Es ist sorgsam mit trockenem Gras ausgelegt. Schließlich hebt er die großen Schwingen und fliegt davon.
Pioniere der 8. Mot.-Schützendivision der NVA im Bild. Eine Sammlung privater Fotos aus dem Besitz ehemaliger Angehöriger der 8. MSD von Dietrich Biewald
Ein einzelnes Amateurfoto kann Kameradschaft, Alltagsarbeit und das Zusammenspiel unterschiedlicher Truppengattungen sichtbar machen: diese Stelle stimmt auf die stille Kraft einer Bildersammlung ein, die Vergangenheit aus nächster Nähe erzählt.
Als Major bekleidete H-J. Stroht viele Jahre die Funktion des Offiziers Pionierversorgung in der Unterabteilung Pionierwesen, die er dann vor Übernahme der Funktion als Stabskommandant an Hauptmann Jochen Schmidt (rechts) übergab.
Als Stabskommandant war Oberstleutnant Stroht dann u. a. für die Sicherheit des Stabes in der Feldführung verantwortlich.
Im Verlauf des Jahres gab es immer wiederkehrend wochenlange Ausbildungsmaßnahmen unter der Führung einer Operativen Gruppe der Division. Meist leitete sie der Stellvertreter für Ausbildung, beispielsweise bei der Komplexausbildung von MSB/PB auf dem TÜP Klietz oder der Stellvertreter für Technik und Ausrüstung bei der Unterwasserfahrausbildung der Panzer (UF) bei Kehnert an der Elbe. Ein Offizier der Unterabteilung Pionierwesen gehörte stets dazu, zumal Pionierkräfte und mittel ebenfalls eingesetzt wurden.
Beim jährlichen Pressefest der Schweriner Volkszeitung
Auch bei solchen Maßnahmen hatten die Pioniere präsent zu sein. Im Rahmen der Technikschau zeigten die Pioniere Teile ihrer imposanten Großtechnik, teils verbunden mit Vorführungen. So gab es schon mal Verkostungen an der Wasserfilterstation 3, die das Rohwasser direkt vom Schweriner See bezog.
Für die Abgrenzung von einzelnen Arealen bis hin zur Dekoration der Freitanzfläche oder von Gastbereichen durften Tarnnetze, eigentlich zweckentfremdet, nicht fehlen.
Auch als die Fernaufklärer des AB-8 ihre Künste zeigten, stellten S-Rollen der Pioniere dafür auch einen unverzichtbaren materiellen Anteil dar.
Und wen der Teufel nicht peinigt.Die Jugend des Dichters Georg Weerth von Walter Baumert
Der Einstieg wandert mit uns durch eine kleine Fürstentumswelt: in knappen, lebendigen Skizzen entsteht ein Jugendbild, das ironisch und engagiert zugleich die Anfänge dichterischer Haltung beleuchtet.
Aber, o weh, die Eintrittspreise waren märchenhaft hoch, und meine paar Heller reichten nicht einmal für ein Stehplätzchen in der Galerie. Ich versuchte alles, um mir das Geld zusammenzuborgen. Doch es war Ferienzeit. Meine reichen Verwandten, die Preills, waren verreist, und im Kontor saß neben mir nur noch der alte Buchhalter, der es mit seinen acht Kindern schwer genug hatte, sich durchs Leben zu schlagen. Aber um nichts in der Welt konnte ich dieses Konzert versäumen!
Ich zog meine besten Kleider an, ging am Abend zum Unionssaal, wo sich die glücklichen Kartenbesitzer in den Saal drängten. Ich wagte den Versuch, mich an dem Kontrolleur vorbeizuschmuggeln. Ungeübt wie ich war in derlei betrügerischen Manövern, wurde ich ertappt. In meiner abgrundtiefen Verlegenheit suchte ich eifrig in allen meinen Taschen nach der Karte, die ich nicht besaß, und wäre weiß Gott vielleicht dem nächsten Gendarmen überliefert worden, hätte sich nicht ein unerwarteter rettender Engel gefunden.
Da stand er plötzlich zwischen mir und dem Kontrolleur, ein hochgewachsener blonder Gymnasiast mit der Primanermütze auf dem Kopf, vielleicht nur ein Jahr älter als ich, aber schon eine richtige weltmännische Erscheinung. Er klopfte dem Zerberus jovial auf die Schulter: Na, Väterchen!
Der Kontrolleur verbeugte sich tief: Guten Abend, mein Herr.
Der Jüngling überreichte ihm zwei Karten: Meine und seine da.
Der Kontrolleur stutzte.
Der Gymnasiast: Es ist doch wohl alles in Ordnung, oder?
Der Kontrolleur, devot: Sehr wohl, mein Herr.
Und ich war zugelassen zum Konzert.
Ich saß neben meinem Retter, selig, und ließ mich forttragen von der Musik in eine andere, von allen Niederungen befreite Welt.
Zuweilen, erwachend aus meinen Träumen, blickte ich verstohlen auf meinen Nachbarn, der ebenso ergriffen schien wie ich. Einmal begegneten sich unsere Augen, und der Gymnasiast lächelte mir zu.
Zum Abschluss spielte das Orchester die dritte Sinfonie, deren Töne noch in mir nachklangen, als ich schon längst auf der Straße war. Ich hatte an der Seite meines Nachbarn den Konzertsaal verlassen. Nun gingen wir schweigend nebeneinanderher die Allee hinunter. Als ich mich verabschieden wollte, um in Richtung meiner Behausung zu marschieren, hielt der Gymnasiast mich zurück: Nein! Nicht nach Hause jetzt! Er wies auf die Anhöhe im Norden: Bleiben wir noch ein Stündchen zusammen.
Ich stimmte freudig zu, und er stürmte voran, aus der Stadt hinaus, einen Wanderweg den Berg hinauf, durch einen lichten Kiefernwald bis auf das Felsplateau. Jetzt erst blieb er stehen, atmete tief, blickte über das Tal, wo die vielen Lichter in den Häusern und Straßen brannten, und zu den Sternen am Himmel auf. Endlich begann er zu sprechen: Ich habe noch nie eine Beethovensinfonie mit vollem Orchester gehört. Nun weiß ich, wenn es Gott überhaupt für nötig hält, zu den Menschen zu sprechen, dann nicht durch das Salbadergewäsch der Pfaffen, sondern durch diese Musik.
Eine Weile lauschte er schweigend in die Nacht, als hörte er noch das Orchester. Dann wandte er sich an mich: Mein Vater will, dass ich in seine Fußtapfen trete. Ein Leben zwischen Schacher, Gebeten und plüschverbrämter Familienidylle - wie widerwärtig, ekelerregend, tötend angesichts der Kraft solcher Musik.
Plötzlich drehte er sich wieder dem Tal zu, dem Sternenhimmel und fuhr in feierlichem Ernst fort zu reden: Ich habe deine Stimme gehört, Ludwig van Beethoven! Für die Freiheit und Würde der Menschheit zu kämpfen, solange Leben in uns ist - das ist deine Botschaft!
Ein Schauer überlief meinen Rücken. Was er aussprach, das waren meine eigenen Gedanken. Ich wollte ihm zustimmen, zujubeln, um den Hals fallen. Doch bevor ich meiner Bewegung Herr geworden war, fuhr er fort: Schande, ewige Schande über den, der einmal diese Botschaft in sich vernommen und danach feige zurückkehrt in die erbärmliche Welt der Philister.
Er schwieg wieder. Schien sich erst nach einer Weile wieder auf mich zu besinnen, blickte mir ins Gesicht, fragend, Zustimmung oder Erwiderung erheischend - eben endlich eine Äußerung, ein Wort aus meinem Munde. Aber was sollte ich schon sagen? Alles war gesagt. Was hätte ich noch hinzufügen können?
Ich hörte in mir das Eroika-Motiv. Mein Herz war so übervoll von Bildern, von Gefühlen, vom Erlebnis ... Plötzlich begann ich zu sprechen. Der Teufel muss mich geritten haben.
Erst nach und nach bemerkte ich, es waren Verse. Ja, ich redete in Versen. Ich weiß nicht mehr, was für Worte ich gebrauchte. Ich habe überhaupt nicht nachgedacht darüber. Es war, als wäre irgendwo in meinem Innern eine Quelle aufgesprungen, die einfach ohne mein Zutun zu sprudeln begann. Ein Rausch, ja, es war ein Rausch. Er endete, wie er begann, jäh und unerwartet. Dicht über unseren Köpfen der Ruf einer Eule, und es war zu Ende.
Schöne Verse, sagte mein Begleiter. Von wem stammen sie?
Ich zuckte die Schultern: Ich weiß nicht. Sie fielen mir eben so ein.
Ich war Ferdinand von Schill von Heinz-Jürgen Zierke
Ein einfacher Schneidergeselle gerät in die Verwirrung der Nach‑Jena‑Zeit, nimmt eine fremde Uniform an und tritt in eine Rolle, die sein Leben und sein Selbstverständnis grundlegend verändert ein Moment, der Fragen nach Identität und Verantwortung aufwirft.
Mehr als bei Stojentins Ankunft, staunte Blatty. Mahnkopp hielt im Courier auf der ersten Seite drei Spalten frei für den Bericht, den er am Nachmittag selbst setzen wollte. Das ist Elan! Das ist noch Kraft!", rief er Stojentin zu, der den Zug an sich vorüberziehen ließ.
Ich weiß nicht", fürchtete der Uhrmacher, ob das gut überlegt ist. Das gärt wie unreifer Wein; wenn einer nur anstößt, schäumt es über. Dann werden auch die nass, die gar nicht trinken wollten. Mahnkopp zog ihn am Ärmel mit sich fort.
Vor dem Landratsamt gesellte sich ein Trupp Chausseearbeiter dazu. Das Gerücht, der Straßenbau sollte eingestellt werden, trieb sie zu den Bittstellern, die Dethloff, Blatty und Knubbe bestimmten, ihre Bitte vorzutragen.
Wenn er sich querstellt", rief Koller ihnen nach, braucht ihr nur zu winken. Wir heizen dem gnädigen Herrn ein, dass er sein Lebtag kein Stück Brennholz mehr anfasst. Die Umstehenden forderte er auf: Haltet die Feuerzeuge bereit!"
Der Anführer der Chausseearbeiter, ein breitschultriger Rotbart, postierte drei seiner Gefährten am Haustor. Kann sein, sie kriegen die Türen nicht auf."
Brechstangen her!", schrie Koller. Reißt die Staketen vom Zaun! Das war nicht nötig. In dem Glauben, alle Landleute seien so gutwillige Lasttiere wie seine Tagelöhner, hatte Stulpnagel die Gerüchte von dem Marsch der Krummenhuser auf Witgard verlacht. Auch ein störrischer Gaul gehorcht der Peitsche."
Doch als er die Menschenmenge sah, die sich aus dem Stadttor herauswälzte, bereute er, kein Militär angefordert zu haben. Er befahl den Beamten, die Tore zu schließen. Der Bürovorsteher warnte ihn: Wir sind nur zu acht im Haus, gnädiger Herr, davon nur die beiden Gendarmen bewaffnet. Wenn die Leute stürmen, lassen sie keinen Stein auf dem andern. Wir bitten Sie um alles in der Welt, verhandeln Sie! Halten Sie die Leute hin, wenigstens so lange, bis die Neugierigen, und das sind die meisten, vor Langeweile auseinanderlaufen. Sobald die Supplikanten sehen, sie sind auf sich allein gestellt, verlieren sie den Mut."
Der leicht erregbare Junker erbleichte vor kaltem Zorn bis in die Ohrläppchen hinein. Ein subalterner bürgerlicher Beamter wagte es, ihm einen Rat zu geben, und das schlimmste: er musste ihn annehmen! Warum war er diesen Morgen so früh hierhergeritten! Er war kein Landrat, niemand zwang ihn, schon in den Morgenstunden Paragrafen zu dressieren! Wenn er nur ab und zu nach dem Rechten sah, einen Tag in der Woche oder zwei, genügte das völlig. Welcher Teufel hatte ihn in den Sattel gesetzt und sein Pferd mit Tinte getränkt, dass es ihn hierher trug! Um wenigstens etwas selbstständig zu entscheiden, befahl er: Sofort ein Bote zu Rittmeister Chamoschinsky! Soll mit seiner ganzen Schwadron kommen, scharfe Munition fassen! Pferde nicht schonen, in zwei Stunden da sein!
Nun erblasste der Bürovorsteher. Niemand kommt hinaus, Herr! Es wäre wohl auch zu spät." Bevor Stülpnagel seinen Zorn an ihm auslassen konnte, verschwand er durch die Tapetentür und stieg in den Aktenkeller hinunter.
Die Abgesandten befanden sich schon auf der Treppe. Stülpnagel hatte nicht einmal mehr Zeit, sich seine Worte zurechtzulegen.
Setzen!", herrschte er sie nach gewohnter Weise an. Wenn einer seiner Tagelöhner daheim wirklich einmal aufmuckte, genügten ein paar scharfe Worte, ein Schlag mit der Reitpeitsche gegen den Stiefelschaft, und schon beruhigten sie sich wieder. Sollten diese anders reagieren? Kaum.
Der eine ließ sich in den Stuhl fallen, die beiden andern griffen nach den Lehnen, blieben aber stehen. Nicht gehört? Setzen befohlen.
Herr, das lohnt sich nicht. Wir wollen nichts als einen kurzen Brief mit Unterschrift und Siegel.
Stülpnagel hob die Reitpeitsche.
Eine Faust schlug mit der Wucht eines Dreschflegels gegen seinen Unterarm. Seine Hand öffnete sich, die Reitgerte flog unter den Tisch. Keiner bückte sich danach.
Der Schläger musste Knubbe sein, ein ganz gewalttätiger Mensch, von ihm hatte Stülpnagel gehört. Es war wohl klüger, einzulenken.
Sie haben mich missverstanden.
Er setzte sich, und der eine Bauer erhob sich wieder.
Stülpnagel schlug die Beine übereinander. Zeit gewinnen, dachte er und ärgerte sich, dass er die Hinweise des Federkielputzers befolgen musste. Äußern Sie Ihre Wünsche!
Sie möchten so gnädig sein, uns ein Schreiben auszustellen, das uns sieben Mann aus Krummenhus bis nach der Ernte vom Militärdienst befreit!
Welchen Ton diese gewesenen Leibeigenen wagten! Er zwang sich zur Ruhe. Unmöglich! Dem Ruf des Königs hat jeder Untertan Folge zu leisten!
Das hat schon seine Richtigkeit, bloß dass es nicht gerade jetzt sein muss und nicht Landwehr und Rekruten durcheinander. Die Kanzlei muss die Papiere verwechselt haben. Wir wollen nur, dass alles seine Richtigkeit hat."
Das zu entscheiden, steht Ihm nicht an. Dazu ist Sein Kopf nicht imstande!
Herr!, fuhr Dethloff auf. Wozu unsere Köpfe und Fäuste imstande sind, sollten Sie im März gelernt haben. Der König musste den seinen jedenfalls vor unserlei Leuten entblößen."
Ich freue mich, wenn Sie Zeit finden, in diese unterschiedlichen Welten hineinzuhören ob in leise nachdenkliche Dialoge, in Kindheitswunder, in private Fotogeschichten, in biografische Entdeckungen oder in historische Verwandlungen. Bis zum nächsten Freitag wünsche ich Ihnen gute Lektüre und kleine Einsichten, die lange nachklingen.
Ansprechpartner
Gisela
Pekrul
Verlagsleiterin
Tel: +49 (3860) 505788
E-Mail: editiondigital@arcor.de
Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"
EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.