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Arglist und Freundlichkeit, ein Schock für Nora Graf sowie Eutopisches und Dystopisches - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Achtung, bevor Sie weiterlesen, noch ein wichtiger Hinweis: Ab Mai 2026 versendet EDITION digital diesen Newsletter sowie die aktuellen Pressemitteilungen nicht mehr per E-Mail. Diese Texte können Sie aber zumeist sogar eher selbst unter den Internet-Adressen https://edition-digital.de/Blog/ (bisheriger Newsletter) und https://edition-digital.de/Presse/ (Pressemitteilungen) finden. Probieren Sie es doch jetzt schon mal aus – zum Eingewöhnen.

(Pinnow 27.02. 2026) – „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, Durch des Frühlings holden, belebenden Blick, Im Tale grünet Hoffnungs-Glück; …“ – Naja, bis Ostern sind es doch noch ein paar Wochen Zeit. Aber Frühlingsluft und Frühlingsgefühle sind doch schon allenthalben ein bisschen zu spüren (Der alte Winter, in seiner Schwäche, Zog sich in rauhe Berge zurück. Von dort her sendet er … usw. usf. …) Beides – also Frühlingsluft und Frühlingsgefühle – haben viel mit der Liebe zu tun – provozieren sie geradezu.

Und die Liebe – das war auch das große Thema des Autors, der das zweite der insgesamt fünf aktuellen digitalen Sonderangebote dieses Newsletters geschrieben hat, die sieben Tage lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 27.02. 2026 bis Freitag, 06.03. 2026) zu haben sind. Sein Name ist Alphonse Allais, und er ist naturellement ein Franzose. Dieses zweite Sonderangebot des aktuellen Newsletters trägt den schönen Titel „Die Kutsche als Liebesnest und andere Frivolitäten“, wurde herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Klaus Möckel. In den nächsten Sätzen geht es um Alphonse Allais, nicht um Klaus Möckel:

Also, Apotheker wie sein Vater ist er nicht geworden, der 1854 in Honfleur am Ärmelkanal geborene Schriftsteller Alphonse Allais, dafür aber ein gewitzter Journalist, Kabarettist und Verfasser zahlreicher spritziger Kurzgeschichten. In Deutschland kaum bekannt, gehört er in Frankreich zum bleibenden Bestand der Humoristen, auf deren Texte immer gern zurückgegriffen wird.

Sein großes Thema war - wie eben schon erwähnt - die Liebe. In ereignisreicher Zeit aufgewachsen, die vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, der Kommune und späteren revanchistischen Bestrebungen der Politik geprägt war, verspottete er gern die Militärs, besonders den Kriegsminister Boulanger. Vorwiegend aber widmete er sich dem Milieu, in dem er seit seiner Übersiedlung nach Paris zu Hause war: der Bohème von Quartier Latin und Montmartre. Leichte Mädchen, geizige Schankwirte, gehörnte Ehemänner, trinkfeste Künstler, aber auch vertrocknete Beamte, heruntergekommene Adlige, wunderliche Seeleute und Zöllner sind die Helden seiner griffig geschriebenen pointierten Texte. Wenn etwa der Maler sein Modell in Stimmung bringt, der sparsame Schwager den Leichnam des Kohlenhändlers zum Fotografen schleppt, eine sexverrückte Gräfin den Musikus am liebsten mitsamt seinen Geräten ins Bett holen will, verspürt man unschwer selbst den Kitzel und die Freude, die dieser arglistig-freundliche Franzose beim Ausdenken seiner Geschichten ganz bestimmt hatte. Und da kann man dann nur noch sagen: Viel Vergnügen! Amusez-vous bien!

Erstmals 2018 hatte Christiane Baumann bei EDITION digital ihren Schwerin-Krimi „Die toten Mädchen vom Dreesch. Nora Grafs zweiter Fall“ sowohl als gedruckte Ausgabe wie auch als E-Book veröffentlicht. Worum geht es in dem Buch?

Ein Schock für Kommissarin Nora Graf: eines Nachts stolpert sie in der Wohnung ihres Freundes fast über eine weibliche Leiche. Schnell stellt sich heraus, dass der Mord an dem unbekannten jungen Mädchen woanders geschah. Warum aber wurde sie bei Noras Freund abgelegt? Wurde sie aus Eifersucht umgebracht?

Eine zweite junge Frau wird in ihrer Plattenbauwohnung auf dem Großen Dreesch in Schwerin ermordet. Intensiv suchen die Kommissarin und ihre Kollegen nach einer Verbindung zwischen den Opfern Marlene und Tabea. Endlich stoßen sie auf ein gemeinsames Hobby. Wurde es ihnen zum Verhängnis, und führt es zum Täter?

Parallel zu Marlene und Tabea ermittelt Nora Graf in einem weiteren Fall. In Raben Steinfeld stürzt eine ältere Frau bei Putzarbeiten in ihrem Haus von der Leiter in den Tod. War ihr Kater an dem Unfall schuld? Oder war es Mord?

Erstmals 1995 gab der Erste Deutsche Fantasy Club e. V. Passau „Spielwelten zwischen Wunschbild und Warnung. Eutopisches und Dystopisches in der SF-Literatur der DDR in den achtziger Jahren“ von Karsten Kruschel heraus. Und wem der Titel jetzt ein wenig akademisch vorkommt, so täuscht dieser erste Eindruck nicht.

Denn bei den „Spielwelten“ handelt es sich um die Buchfassung der Dissertationsschrift von Karsten Kruschel, die lange Zeit vergriffen war. In seiner Doktorarbeit hatte er Texte von Peter Lorenz, Rainer Fuhrmann, Reinhard Kriese, Gert Prokop, Michael Szameit, Alfred Leman, Karl-Heinz Tuschel, Gottfried Meinhold sowie von Angela und Karlheinz Steinmüller analysiert – allesamt wichtige Vertreter der utopischen Literatur im kleineren deutschen Land.

Das interessante Buch erweist sich für den Liebhaber von Science-Fiction-Literatur, aber vor allem für den Leser phantastischer Literatur aus der DDR, als eine große Fundgrube. So werden unter anderem sämtliche Science-Fiction-Bücher der DDR aufgelistet, die ja auch in dieser Beziehung wie bei den Philatelisten als ein „abgeschlossenes Sammelgebiet“ bezeichnet werden kann.

Entsprechend positiv waren die Stimmen zu diesem Buch. So lobte zum Beispiel Karlheinz Steinmüller in „Das Science Fiction Jahr 1996“auf Seite 713: „... ebenfalls auf ausführlichen Fallstudien beruht Kruschels Arbeit. Mit dem Spannungsfeld von Eutopien (positiven Utopien) und Dystopien (negativen) thematisiert er einen Zentralbereich der DDR-SF.“

Und Sonja Fritzsche schreibt auf Seite 124 in „Science Fiction Literature in East Germany“: „Karsten Kruschel refers to the ambivalence in ambiguous utopie in terms of 'the presence of a variety of possible interpretations'. He uses the category of ambiguous utopia to characterize those novels of this period that were neither utopia or dystopia.“

(„Karsten Kruschel bezeichnet die Ambivalenz in der ambivalenten Utopie als „das Vorhandensein einer Vielzahl möglicher Interpretationen”. Er verwendet die Kategorie der ambivalenten Utopie, um jene Romane dieser Zeit zu charakterisieren, die weder Utopie noch Dystopie waren.“

Aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit, in eine inzwischen bereits weiter zurückliegende Vergangenheit und zwar rund zwei Jahrhunderte zurück: Erstmals 1972 erschien bei Koehler & Amelang Leipzig „Das Zeitalter der Empfindsamkeit. Kunst und Kultur des späten 18. Jahrhunderts in Deutschland“ von Renate Krüger.

Als Zeitalter der Empfindsamkeit, als ein Sammelbecken besonders empfindsamer geistiger Strömungen kann man mit gewissen Einschränkungen und unter bestimmten Vorbehalten die späten Jahrzehnte des so vielschichtigen 18. Jahrhunderts bezeichnen. Die Autorin beleuchtet dieses Zeitalter von allen Seiten: Geschichte und vor allem die deutschen Verhältnisse dieser Zeit, Literaten und Leser, Gartenkunst, Lebensgewohnheiten und Kunsthandwerk, bildende Kunst und Musik. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis belegt die gründlichen Studien der Autorin.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Auch heute geht es noch einmal zurück in die deutsche Geschichte, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Erstmals 1952 erschien im Verlag Kurt Desch GmbH München-Wien-Basel „Moskau“ von Theodor Plievier.

„Moskau“ ist der schonungslose Auftakt von Theodor Plieviers monumentalem Kriegsroman über den deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Mit dokumentarischer Wucht und literarischer Präzision zeigt Plievier, wie aus militärischen Befehlen Tod wird, wie Ideologie Menschen verformt und wie der Krieg nicht nur Städte und Dörfer vernichtet, sondern auch Moral, Mitgefühl und Gewissheiten. Dieses Buch ist keine Heldengeschichte, sondern ein erschütterndes Zeugnis der Entmenschlichung im Krieg - und eine eindringliche Warnung an spätere Generationen.

Und so beginnt „Moskau“:

„ERSTER TEIL

„Wer als erster von seinem vorgeschobenen Gefechtsstand aus die Zinnen der Stadt Moskau erblickt, dem wird die Palme des Sieges zufallen!“

Aus einem Tagesbefehl des XII. Deutschen Korp

1

Erstlich, zum andern, zum dritten haben wir, haben wir … Nun, das haben wir auch– Landsknechte und Pferde und Büchsenstücke, auch einige Fähnlein Welscher und Spanier, auch Schanzer mit Haue und Spaten (das sind zumeist evakuierte Juden, wobei ich der Meinung bin, dass die Brüder zu Erdarbeiten nicht viel taugen), und erobert und gewonnen haben wir mehr als eine Stadt, und die Städtlein, und Ländlein drum herum, geplündert haben wir sie auch, obwohl das heute anders heißt … Rohstoffe, Halbfabrikate, Fertigwaren sind restlos zu requirieren und zu konfiszieren usw. Und auch darin stimmt das Beispiel, da sind wir nun gekommen vor eine Stadt, die zwar nicht Terbona heißt, vielmehr ist es ein ganzes und großes Land, und mit der Hilfe Gottes wollen wir es gewinnen und verderben … „Aber was soll dieser Scherz, was soll mir das?“

Generalleutnant von Bomelbürg legte das Faksimile des alten Dokuments auf den Tisch zurück, zu dem am gleichen Tag eingegangenen Tagesbefehl und der ebenfalls eingegangenen „Geheimen Kommandosache“; die Lupe, der er sich bedient hatte, auch die Brille, legte er dazu. Er wandte sich der Tür zu und rief seinen Adjutanten.

Der Adjutant trat ein.

Es war in der Stube eines polnischen Bauernhauses. Der Schreibtisch des Generals nahm fast den ganzen Raum ein. Es waren da noch Stühle, doch die waren mit Papieren und Aktenstücken belegt.

„Nehmen Sie Platz, mein Guter!“

Major Butz musste erst einen Stoß Papier wegräumen. Er setzte sich neben den General, sein Gesicht in der Nähe von dessen linkem Ohr.

„Was soll das hier also?“, fragte der General. „Das hat Herr Oberst Schadow aufgestöbert, in einem Archiv in Lodz, ein Dokument aus dem Jahre 1537, aus einem der Feldzüge Karls V. Er meinte, dass es Herrn General interessieren könnte!“

„Ach, wegen dieses Herrn Kunrat Bomelbürg! Nun, solche Bomelbürgs hat es wahrscheinlich etliche gegeben. Ich weiß nichts davon; ich weiß von meinem Vater und Großvater, und der auch so, und das ist alles. Jedenfalls bestellen Sie dem Schadow meinen Dank.

Und nun zum andern und zum dritten: Der wilde Orlog soll nun losgehen, morgen früh also. Ist doch wohl alles klar?“

„Jawohl, Herr General! Wollen Herr General die Adjutanten noch einmal sprechen, sie sind im Begriff zu gehen!“

„Wo sind sie denn?“

„Beim la.“

„Nun, dann geh ich noch mal raus!“

Zur Erläuterung ´der in diesem Text verwendeten militärischen Abkürzung Ia: Ein Ia („römisch eins a“) oder „Der Erste Generalstabsoffizier“ war laut Internet-Lexikon Wikipedia in höheren Stäben des preußisch-deutschen Heeres und der Wehrmacht ein Führungsgehilfe des Kommandeurs.

Der Erste Generalstabsoffizier bearbeitete alles, was mit den einzelnen Teilen des Verbandes in führungsmäßiger und taktischer Hinsicht zusammenhing, unter anderem Truppenführung, Ausbildung, Organisation, Transport, Unterbringung, Luftschutz, Auswertung von Erfahrungen usw. Dem Ia unterstand zu diesem Zweck die Operationsabteilung. Der Ia beriet den Kommandeur und bereitete Befehle vor, ohne selbst anordnungsbefugt dafür zu sein. In Abwesenheit des Kommandeurs fungierte er in Stäben unterhalb der Korpsebene, in denen es keinen Chef des Stabes gab, als Stellvertreter des Kommandeurs. Voraussetzung für die Verwendung als Generalstabsoffizier war der erfolgreiche Abschluss der Kriegsakademie und des Generalstabslehrgangs.

In Divisionen der Wehrmacht wurde die Position des Ia von einem Oberstleutnant im Generalstab ausgefüllt, später auch von einem Major i. G., der als dienstältester Truppenoffizier als unmittelbarer Vorgesetzter der Offiziere in den Generalstabsstellen fungierte. In seiner Position als Führungsgehilfe kam dem Ia ein Einspruchsrecht gegenüber dem Kommandeur zu, bei abweichender Einschätzung der Lage o. ä. wurde seine Auffassung in den Akten notiert, soweit keine Einigung erzielt werden konnte. Zudem war der Ia nicht an den normalen Dienstweg gebunden, sondern konnte über den Generalstabsdienstweg direkt an höhere Stellen berichten bzw. Meldung machen.

Als Gehilfe des Ia fungierte der Erste Ordonnanzoffizier (O1). Der Leiter der Kartenstelle war dem Ia unterstellt.

In der Bundeswehr entspricht der G3 dem Ersten Generalstabsoffizier.

Die Leseprobe aus „Die Kutsche als Liebesnest und andere Frivolitäten“, herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Klaus Möckel, führt mit viel Witz und ironischem Erzählerton in die Welt galanter und amüsanter Anekdoten ein. Der folgende Textausschnitt zeigt auf unterhaltsame Weise, wie Moral, Dankbarkeit und menschliche Schwächen in heiterer Form gespiegelt werden.

Ein dankbarer Patient

Es ist nicht ausgeschlossen, liebe Freunde, dass euch beim Lesen, mögt ihr es nun aus Wissensdurst tun oder aus bloßem Vergnügen, irgendeine Geschichte unterkommt, die von der Intelligenz der Tiere handelt.

Wenn es um Hunde geht, so geschieht das meist nicht zu eurem Schaden, erfahrt ihr doch vom Erzähler im Allgemeinen etwas über jene außerordentlichen Eigenschaften, die beim Menschen mehr und mehr verschwinden, so zum Beispiel die Hingabe und die Dankbarkeit.

Es ist noch nicht lange her, da erzählte ich euch die Geschichte eines Hundes, der mir von Pater Etienne zum Geschenk gemacht wurde. Erinnert ihr euch?

Meine arme Töle hatte den Appetit verloren, und ich schob das auf den Kummer, den sie wegen der Abreise ihres Herrchens empfand. Unvermittelt – am Ostersonntag – verlor sich dieses mich beängstigende Verhalten dann wieder und machte einem ungewöhnlichen Heißhunger Platz, der dem Hund fast eine Darmentzündung und das Grab eingebracht hätte.

Ich brauchte nicht lange, um hinter diese Laune zu kommen. Das brave Tier hatte die Angewohnheit seines freundlichen Herrn übernommen. Es fastete freitags und respektierte die damit verbundenen geistlichen Pflichten.

Ich bildete mir viel auf meinen Hund ein und berichtete gern (so stolz, als sei ich der Held gewesen) von seiner Achtung für die katholischen Gepflogenheiten. Bis mir kürzlich jemand ernsthaft den Rang ablief. Er erzählte mir von der Art, wie er zu seinem Spaniel gekommen war, der ihm heute ein treuer Gefährte ist.

Dieser Mann stand eines Tages an seinem Gartentor, ruhig seine Pfeife rauchend, als der besagte Hund daherkam, aber in welch armseliger Verfassung!

Das Fell zerzaust, ein Auge fast erloschen, eine der Pfoten stark gequetscht.

Bewegt von so viel Kläglichkeit, erbarmte sich der Mann und ließ dem Unglücklichen alle Pflege angedeihen, die sein Zustand erforderte, das heißt, er legte ihm sorgsam einen Verband an und gab ihm etwas Gutes zu fressen.

Danach trottete die Töle, ohne sich zu bedanken, hinkend in unbestimmter Richtung davon.

„Undankbarer Köter“, sagte der Mann.

Bass erstaunt aber war er, als sein vierbeiniger Patient zwei oder drei Tage später sehr artig und bescheiden zurückkehrte und ihm die immer noch verletzte Pfote hinhielt.

Ein neuer Verband, erneut etwas zu fressen, erneutes Davonhinken irgendwohin.

So zog sich die Sache hin, bis die geschundene Pfote wieder in Ordnung war.

Dann dauerte das Verschwinden länger.

Der Mann maß dem Ganzen nur die geringe Bedeutung bei, die es zu verdienen schien, doch eines Morgens, es war kaum hell geworden, hörte er unter seinem Fenster behutsames Bellen und ein Kratzen an der Tür.

Neugierig erhob er sich und schaute nach.

Was sah er?

Den armen Hund, den er gepflegt hatte. Er war völlig wiederhergestellt, strahlte Gesundheit wie Freude aus und sprang mit einem prächtigen Hasen in der Schnauze (von dreizehn, vierzehn Pfund, wie mir der Mann versicherte) vor ihm auf und nieder.

Und von da an geschah Woche für Woche das Gleiche: Mal war es ein Hase, mal ein Rebhuhn, mal eine Schnepfe, immer jedoch ein ausgesuchtes Stück.

In der Tat, wenn es einen dankbaren Patienten gab, dann war es dieser Hund.

Aber, liebe Leser und ihr, Leserinnen, für deren winzigstes Lächeln ich mich in Stücke reißen lasse, das war noch gar nichts.

Eines Morgens, „wau–wau–wau!“. Der Mann streifte schnell die Hosen über und sauste die Treppe hinunter.

Gerade an diesem Tag hatte er eine Menge Leute zum Essen eingeladen.

Diesmal verwöhnte ihn der Hund.

Ein Fasan!

Ein wunderbarer Fasan!

Doch was entdeckte er am Federkleid des königlichen Vogels?Ein gummiertes Etikett mit der Aufschrift: „Sechs Francs“.

Der gute Hund hat an diesem Tag zweifellos ganz umsonst gejagt, und um nicht unverrichteter Dinge vor seinem Wohltäter zu erscheinen, hatte er das getan, was die Jäger in solch einem Fall oft zu tun pflegen.

Er hatte beim Wild– und Geflügelhändler vorbeigeschaut!

Die Leseprobe aus Christiane Baumanns Schwerin-Krimi „Die toten Mädchen vom Dreesch. Nora Grafs zweiter Fall“ führt direkt in die Ermittlungsarbeit der Kriminalpolizei und in das Milieu eines von Misstrauen geprägten Stadtteils. Der folgende Ausschnitt zeigt, wie Kommissarin Nora Graf mit Hartnäckigkeit und feinem Gespür neuen Spuren in einem rätselhaften Mordfall nachgeht.

Nora Graf und Holger Klein warteten an einer vielbefahrenen mehrspurigen Straße aufs Ampelgrün. „Der Dreesch ist viel größer, als ich dachte“, bemerkte sie.

Holger verdrehte die Augen und begann ungeduldig, von einem Fuß auf den anderen zu treten.

„Diese Von-der-Schulenburg-Straße, wo Marlene wohnte, wo ist die?“, fragte Nora.

„Wir steuern direkt drauf zu. Wieso?“

„Ich will mir den Tatort ansehen.“

„Den kenne ich!“

„Ja, Sie, aber ich nicht.“ Nora sah zu ihm hoch. Zwei Strähnen seines lockigen Haars fielen ihm in die Stirn. Die Augen huschten unentwegt von einem Punkt zum anderen. „Begleiten Sie mich, bitte“, forderte sie ihn auf und rechnete mit einer patzigen Entgegnung. Scheinbar schluckte er sie hinunter. „Wohnungsschlüssel dabei, Kollegin?“

„Hab ich.“

„Na, klar, die Gräfin denkt ja immer an alles“, bemerkte er spitz. Er führte Nora die Straße hinunter und über einen großzügig geschnittenen Innenhof. Nora wollte hinter die Müllcontaineranlage schauen, Holger hielt sie ab. „Hier waren wir gestern schon.“

Wenige Minuten später standen sie vor Marlenes Wohnblock. Die Haustür war verschlossen. Holger wippte auf den Füßen und studierte die Hausfassade; Nora drückte wahllos auf Klingelknöpfe, bis sich die Tür öffnete. Ein älterer, korpulenter Mann versperrte ihnen den Weg ins Haus mit einem Gehstock. Er trat erst beiseite, nachdem sie sich ausgewiesen hatten. Nach dem Mord an Marlene waren die Nachbarn besonders misstrauisch allen Fremden gegenüber.

Holger stieg die ersten Stufen hoch und Nora die Kellertreppe runter.

„Hey, die Wohnung liegt im zweiten Stock“, rief er ihr zu.

„Ich will zum Fahrradabstellraum.“

„Sie wollten zum Tatort!“

„Ja, gleich. Vorher einen Blick in den Keller.“

„Die Räder im Haus haben wir untersucht, sind unauffällig. Und Marlene hatte keins.“ Nora verschwand nach unten, und Holger folgte ihr mürrisch. Alles war sauber und aufgeräumt. Die einzelnen Kellerräume waren mit Nummern gekennzeichnet und die meisten mit Vorhängeschlössern gesichert. Der Fahrradabstellraum war ebenfalls verschlossen.

Schritte näherten sich. Eine ältere Frau, die mit dem linken Arm einen vollen Wäschekorb an die Hüfte presste, bog um die Ecke. Nora sprang auf den ersten Blick die Farbe ihrer Strumpfhose ins Auge: eine Mischung zwischen grün und dunklem Gelb. Ein netter Kontrast zu den lila Strähnchen im grauen Haar. Sonst war sie gekleidet wie eine Hausfrau - Rock, Pulli, bequeme Latschen.

Nora trat auf die Dame zu und zeigte ihren Ausweis. „Guten Tag, Kripo Schwerin, Nora Graf. Das ist mein Kollege Holger Klein. Wurde im Haus ein Fahrrad gestohlen?“

Die Mieterin beäugte sie misstrauisch. „Deswegen sind Sie im Keller? In diesem Haus wurde kein Fahrrad gestohlen, es wurde eine junge Frau umgebracht. Das sollten Ihnen eigentlich bekannt sein.“

***

Anton Zellner öffnete nach mehrmaligem Klingeln die Tür, mit wirrem Haar, bloßen Füßen und bekleidet mit einer Pyjamahose. Beim Anblick der beiden Frauen streckte er seine nackte unbehaarte Brust raus. Auch das Liebes-Tattoo A&M auf dem Oberarm war zu sehen.

„Die Lady, hi.“ Er beäugte Antje. „Und wer sind Sie?“

„Das ist meine Kollegin Antje Siggelkow.“

„Zwei Ladies. Herein in meine armselige Hütte.“

„Rechneten Sie mit unserem Besuch?“, erkundigte sich Nora.

Anton wurde ernst. „Ja, wegen Tabea. Ich habe von meiner Mutter gehört, dass sie ermordet wurde. Erst Marlene, jetzt Tabea … ist schon echt grauenhaft.“

„Ja, das sind wirklich schlimme Geschichten. Können Sie sich was anziehen, bevor wir weiter reden? Wir lassen derweil ein bisschen frische Luft in die Räucherkammer.“

Er sah an sich runter. „Fühlen Sie sich wie zu Hause, Ladies. Setzen Sie sich. Bis gleich.“ Er zwinkerte Antje zu, schnappte sich einen überquellenden Aschenbecher und verschwand nach nebenan.

„Das ist mal ein Typ“, sagte Antje, die sich belustigt nach einer annehmbaren Sitzgelegenheit umschaute. „Erinnert mich an meine allererste Bude. Hat was, oder?“ Sie probierte aus, ob eine Kiste zum Sitzen taugte; Nora öffnete ein Fenster. Ihr Handy klingelte. „Nora Graf.“

„Hier ist Nick Opitz. Frau Graf, mir ist was eingefallen. Marlene hat mir vor kurzem erzählt, dass sie das Gefühl hatte, verfolgt zu werden. Kann das wichtig sein?“

„Ich denke schon. Wann hat sie davon erzählt?“

„Vor ein, zwei Wochen.“

„Erinnern Sie sich genau an Marlenes Worte?“

„Sie sprach von einem unbestimmten, diffusen Gefühl, dass ihr jemand folgte. Können Sie damit was anfangen?“

„Ja. Wann und wo fühlte sie sich verfolgt?“

„Na, in der Stadt, wenn sie von der Arbeit zur Straßenbahn ging oder beim Einkaufen, glaube ich.“

„Okay. Ich danke für den Anruf. Schön, dass Ihnen das eingefallen ist, Herr Opitz. Auf Wiederhören.“

Anton erschien in Jeans und grauem Shirt. „Besser?“

Nora nickte und forderte ihn auf, sich zu setzen. Er schob sich einen hochgestellten Bierkasten unter den Hintern.

„Anton, ich habe gerade die Information bekommen, dass Marlene sich in den Wochen vor ihrem Tod verfolgt fühlte. Hat sie mit Ihnen darüber geredet?“

Er schüttelte den Kopf. „Nie.“

„Zu Tabea. Wie gut waren Sie miteinander bekannt?“

Er schaute zu Antje, während er auf die Frage antwortete. „Kaum. Ich habe sie ab und zu in der Apotheke meiner Mutter gesehen.“

„Und Marlene und Tabea, hatten die Kontakt?“

„Keine Ahnung.“

„Sie waren einige Zeit mit Marlene zusammen“, schaltete Antje sich ein, „und müssten ihre Freundinnen kennen.“

„Stimmt. Dann war Tabea keine richtige Freundin. Beide können sich vom Sehen gekannt haben, wie üblich in einer Stadt wie Schwerin. Wie ist Tabea denn getötet worden?“

„Kein Kommentar“, sagte Nora.

„Und wo war die Leiche diesmal versteckt?“

Die Leseprobe aus Karsten Kruschels „Spielwelten zwischen Wunschbild und Warnung. Eutopisches und Dystopisches in der SF-Literatur der DDR in den achtziger Jahren“ zeigt, wie die Science-Fiction-Literatur der DDR gesellschaftliche Entwicklungen zwischen utopischer Hoffnung und dystopischer Kritik reflektiert. Der folgende Abschnitt macht deutlich, wie Zukunftsentwürfe genutzt werden, um soziale Ungleichheit, Umweltprobleme und Medienmacht literarisch zu analysieren.

Die Versorgung der USA-Bürger mit materiellen Gütern und Lebensnotwendigkeiten in Prokops Vision liegt, wie in einer Dystopie üblich, sehr im Argen und ist doch differenziert zu sehen. Sind die klassischen Dystopien von einer großen Gleichmacherei oder von Kastenbildung gekennzeichnet, so wird bei Prokop einfach so verteilt, wie es marktwirtschaftliche Systeme von jeher tun: Wer bezahlen kann, hat alles, wer wenig bezahlen kann, lebt ärmlich, wer nicht bezahlen kann, muss sehen, wo er bleibt. Irgendwelche »sozialen Netze« gibt es nicht. Milliardenschweren, langlebigen Bigbossen mit allem erdenklichen und auch undenkbaren Luxus an der oberen Spitze der sozialen Stufenleiter stehen am Ende dieser Stufenleiter analphabetische, ausgebeutete und jung sterbende »underdogs« gegenüber, für die schon ein an sich bedeutungsloser Ordnungsverstoß grenzenloses Glück bedeuten kann ─ das sich, wenn man sich die Lebensverhältnisse der Bigbosse betrachtet, allerdings zu reiner Lächerlichkeit verflüchtigt. Noch unterhalb und eigentlich außerhalb dieser sozialen Schichtung stehen die ─ in der Regel völlig unschuldig verurteilten ─ Sträflinge sowie die Unpersonen: In keinem Computer erfasste und deshalb amtlicherseits gar nicht existierende Menschen, die im »underground« oder in den als verwüstet und unbewohnbar geltenden »nolands« leben.

Generell gilt auch in diesem Bereich, dass Prokop Entwicklungen der siebziger Jahre extrapoliert hat ─ durch eine alle Lebensbereiche vergiftende Umweltverschmutzung ist Trinkwasser zu einem äußerst kostbaren Gut geworden, alle auf natürlichem Weg hergestellten Nahrungsmittel sind sündhaft teuer, während für den Massenverbrauch nichts weiter zur Verfügung steht als die Erzeugnisse einer Surrogate herstellenden Industrie, die mit ihrer Produktion die Verseuchung der Umwelt weitertreibt. Diesen ─ sehr gegenwärtigen ─ Tatsachen entsprechend gehört neben der Sorge um Essen und Trinken auch die Angst vor radioaktiver Kontaminierung oder Umweltvergiftung zu den permanenten Lebenssorgen. Diese Aspekte einer dystopischen Gesellschaft, die in den klassischen Dystopien fast völlig fehlen, arbeitet Prokop an einigen der Truckleschen Kriminalfälle deutlich heraus.

Die Versorgung der Bürger jener Prokopschen USA mit geistigen Gütern ist ebenso streng nach Zahlungskraft geordnet wie die Versorgung mit Lebensmitteln und Umwelt: Künstlerische Genüsse und anspruchsvolle Freizeitinhalte sind den Bigbossen vorbehalten, die mitunter sogar Künstler zu einer Art von Leibeigenen machen, um allein in den Genuss der erbrachten Spitzenleistungen zu kommen. Für die wenig oder nicht Zahlungskräftigen bleibt Massen»kultur« in ihren plattesten Formen, meistens ebenso wie im materiellen Bereich blasse Surrogate und Billigprodukte ─ die Informationen, die die Bücher hierzu geben, weisen deutlich darauf hin, dass Prokop auf diesem Gebiet ein weiteres Mal reale Prozesse und Erscheinungen in die Zukunft hinein extrapoliert hat. Da diese Methode, wie oben bereits erwähnt, eine in der Science Fiction gängige ist, sehen die Ergebnisse dem ähnlich, was bereits in anderen Science-Fiction-Büchern zu finden war.

So ist jenes aus heutigem Fernseh-Unterhaltungs-Show-»Wesen« abgeleitete perverse TV-Spiel mit der Verfolgung eines Menschen durchs ganze Land, das Timothy Truckle so gut wie umbringt, bereits 1958 von Robert Sheckley in der (unter dem Titel Das Millionenspiel verfilmten) Erzählung The Prize of Peril geschildert worden (vgl. Alpers/Fuchs/Hahn/Jeschke 1987, S. 882), nachdem die beklemmende Idee einer übers Fernsehen ferngesteuerten Gesellschaft, die bereitwillig auch für Verbrechen benutzt werden kann, schon 1953 von Ray Bradbury in dem Roman Fahrenheit 451 gestaltet wurde. In jüngerer Zeit wurde das offenbar faszinierende Thema auch in moderner Action-Manier zu dem Schwarzenegger-Reißer Running Man verarbeitet.

Die Leseprobe aus Renate Krüger „Das Zeitalter der Empfindsamkeit. Kunst und Kultur des späten 18. Jahrhunderts in Deutschland“ führt in einen literarischen und gesellschaftlichen Kreis ein, in dem Gefühlskultur, Freundschaftsideale und Naturverehrung eine zentrale Rolle spielen. Am Beispiel des Darmstädter Hofes wird sichtbar, wie sich höfische und bürgerliche Einflüsse im Geist der Empfindsamkeit miteinander verbanden.

Ein Zentrum besonders kultivierter empfindsamer Lebenshaltung war der Hof der Landgräfin Henriette Christiane Karoline von Hessen-Darmstadt (1721-1774). Diese Landgräfin bewies eine außergewöhnliche geistige Energie und Regsamkeit. Obwohl ganz im französischen Geist erzogen, interessierte sie sich lebhaft für die zeitgenössische deutsche Literatur der verschiedensten Stilrichtungen. Wieland, Gleim, Sophie von Laroche und Klopstock erfreuten sich in gleicher Weise der Gunst der Landgräfin. Sie war die erste, die eine Sammlung der Oden Klopstocks veranlasste, ohne dass der Dichter etwas davon wusste.

Karoline versammelte um sich einen Kreis künstlerisch und literarisch Interessierter, in dessen Mittelpunkt der Darmstädter Kriegszahlmeister Johann Heinrich Merck stand. Merck, ein Freund Goethes, war nicht im engeren Sinne empfindsam, sondern außerordentlich kritisch und zu ständigem Widerspruch aufgelegt. Er gilt als das Vorbild zu Goethes Mephisto. Der Empfindsamkeit wurde vor allem durch die weiblichen Mitglieder dieses Kreises gehuldigt. An erster Stelle ist Karoline Flachsland, die Braut Johann Gottfried Herders, zu nennen, die im Hause ihres Musik liebenden Schwagers, des Geheimrats von Hesse, lebte. Innerhalb des Kreises der Darmstädter Empfindsamen trug sie den Beinamen Psyche; ihre Gesinnungsfreundin Henriette von Roussillon, eine Hofdame der Herzogin von Pfalz-Zweibrücken, nannte sich Urania; Luise von Ziegler, eine Hofdame der Landgräfin, wurde unter dem Namen Lila bekannt. Zu dieser von Goethe so genannten »Gemeinschaft der Heiligen« zählten ferner Johann Ludwig Leuchsenring, der Hofarzt der Landgräfin, und dessen Bruder, der Prinzenerzieher Franz Michael Leuchsenring.

Eine gewisse literarhistorische Bedeutung erhielten die Darmstädter Empfindsamen durch ihre Beziehungen zu Herder, der den Beinamen »Dechant« trug, und Goethe, der sich um 1772 als »Wanderer« häufig in Homburg und Darmstadt aufhielt, aus seinen Werken vortrug, sich anregen und aufmuntern ließ. Wie in keinem anderen zeitgenössischen Freundeskreis war bei den Darmstädter Empfindsamen die Natuschwärmerei eng mit einem heute nahezu unverständlichen Freundschaftskultus verbunden.

Das Phänomen der Darmstädter Empfindsamen zeigt einerseits den Prozess der Verbürgerlichung höfischer Kreise als eine Folge des Wandels der sozialökonomischen Struktur, andererseits aber auch gleichzeitig die bewusste Abgrenzung von der bürgerlichen Klasse durch den Empfindsamkeitskult der Eingeweihten, der in Einzelzügen der Freimaurerei verwandt war.

Knüpfen wir zum guten Schluss dieses heutigen Newsletters doch noch einmal an Karsten Kuschel und seine Doktorarbeit an, in der es um Utopien geht. Was ist eigentlich eine Utopie? Was ist gemeint, wenn jemand sagt, das ist doch utopisch?

Sehr schön bringt es wieder einmal das Internet-Lexikon auf den Punkt – eine überraschende Leseempfehlung eingeschlossen:

„Eine Utopie ist der Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist.

Das Wort geht zurück auf altgriechisch οὐ ou „nicht“ und τόπος tópos „Ort, Stelle“, gemeinsam „Nicht-Ort“, beziehungsweise den Titel Utopia eines lateinischen Romans des Thomas Morus aus dem Jahr 1516. Die in Utopien beschriebenen fiktiven Gesellschaftsordnungen resultieren häufig aus einer Kritik der jeweils zeitgenössischen Gesellschaftsordnung und können dann als positive Gegenentwürfe gelesen werden.

Christine de Pizan stellt in ihrem 1405 fertiggestellten Roman „Le Livre de la Cité des Dames“ erstmals das Bild einer utopischen Gesellschaftsform dar.

Bei Morus, der das Thema etwa hundert Jahre später (1516) ebenfalls aufgriff, handelt es sich bei dem Begriff um ein Sprachspiel zwischen Utopie und Eutopie aus εὖ (eu) „gut“ und τόπος. Dagegen bezeichnet die Dystopie die pessimistische Beschreibung einer unethisch negativen Gesellschaftsordnung.

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Utopie (insb. als Adjektiv utopisch) häufig als Synonym für schöne, aber als unausführbar betrachtete Zukunftsvisionen benutzt. Utopien wie sie in Science-Fiction-Filmen häufig sind, schildern positive (Zukunfts-)Welten, in denen Friede und Eintracht herrschen (etwa in „In den Fesseln von Shangri-La“).]

Hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit wird zwischen deskriptiven (scheinbare Zukunftstrends beschreibenden), evasiven (mit der Tendenz zur Weltflucht verbundenen) und konstruktiven (aktiv zu realisierenden) Utopien unterschieden. Diese können sich auf Staats- und Wirtschaftsformen, die Zukunft von Kultur, Kunst oder Religion, verschiedene Arten des Zusammenlebens, Innovationen des Bildungswesens oder der Geschlechterkonstellationen u. a. beziehen.

Zur „Wortherkunft“ merkt Wikipedia an:

Das Wort Utopie ist aus französisch utopie entlehnt, dieses aus neuenglisch utopia, und geht auf eine Wortneubildung im Titel „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ (Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia) des 1516 erschienenen Romans des englischen Staatsmanns Thomas Morus zurück, der darin eine ideale Gesellschaft beschreibt und auf diese Weise seinen Zeitgenossen einen kritischen Spiegel vorhält.

Im Deutschen bezeichnet Utopia nur den Romantitel beziehungsweise die fiktive Insel, auf der die Mitglieder der idealen Gesellschaft leben. Thomas Morus’ Utopia liegt nicht in der Zukunft, sondern in einer fernen Weltgegend; realisiert wird das ideale Gemeinwesen auch nicht im Rahmen der christlichen Heilsordnung, sondern innerweltlich. Erst im 18. Jahrhundert lässt sich eine Verzeitlichung der Utopie (Reinhart Koselleck) feststellen. Im heutigen Sprachgebrauch wird eine Utopie fast immer in der Zukunft verortet und selten in der Vergangenheit oder in räumlicher Ferne.

Charakteristisch ist in allen Fällen utopischer Entwürfe, dass in der Gegenwart bereits vorhandene Ansätze weitergedacht oder Zustände hinterfragt werden. So kritisierte Thomas Morus im ersten Teil seines Werks die sozialen Zustände im England seiner Zeit. Somit haben Utopien meist einen gesellschaftskritischen Charakter, entweder, indem sie behaupten, eine bessere Gesellschaft sei möglich (siehe Thomas Morus Utopia, Heinrich von Kleist Das Erdbeben in Chili („Das Tal der Gerechten“), Burrhus Frederic Skinner Walden Two) oder umgekehrt, indem sie bestehende Tendenzen gedanklich weiterbilden, in Dystopien, also pessimistische Negativutopien, verkehren und somit scharf kritisieren, so in klassischen Romanen und Satiren wie Schöne neue Welt (Aldous Huxley) und 1984 (George Orwell), in Visionen des Cyberpunk-Genres und Filmen wie … Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green).

Der Hauptinhalt einer Utopie ist häufig eine Gesellschaftsvision, in der Menschen ein alternatives Gesellschaftssystem praktisch leben (Beispiel: New Harmony). Die Utopie wird oft in literarischer Form (Utopischer Roman), durch filmische Werke oder auch in Kunstwerken präsentiert.

Obgleich man den Begriff Utopie herkömmlich als Synonym für optimistisch-fantastische Ideale benutzt, kann eine Utopie in ihrem gesellschaftskritischen Aspekt durchaus gegenwartsbezogen-praktisch ausgelegt werden: Befürworter sehen neue Möglichkeiten am Horizont heraufziehen. Kritiker verneinen deren Realisierungsmöglichkeit und warnen vor unerwünschten oder unbedachten möglichen Folgen.

Außerdem noch einige Sätze zur „Realisierbarkeit“:

Eine Utopie zeichnet sich dadurch aus, dass sie zur Zeit ihrer Entstehung als nicht sofort realisierbar gilt. Diese Unmöglichkeit der schnellen Realisierung hat stets einen (oder mehrere) der folgenden Gründe:

Die Utopie ist technisch nicht ausführbar, d. h., es wird erkannt, dass die technischen Möglichkeiten noch lange nicht so weit sind, bzw. es wird behauptet, diese würden auch in ferner Zukunft niemals ausreichend fortgeschritten sein, als dass sie den in der Utopie dargestellten Umständen gerecht werden könnten (siehe George Orwell, 1984 und auch Werner von Siemens, Über das naturwissenschaftliche Zeitalter).

Die Verwirklichung ist von einer Mehrheit oder Machtelite nicht gewollt oder wird als nicht wünschenswert abgelehnt.

Bei einem (überzeichneten) Gegenbild zur gesellschaftlichen Realität der Gegenwart muss auch erwogen werden, dass eine Realisierung der Utopie vom Autor gar nicht gewollt ist. Der Versuch einer Realisierung wäre dann eine tragische Fehlinterpretation seiner – möglicherweise ironischen – Absicht (siehe z. B. Morus’ Utopia).

Wie man sieht, ist das Thema Utopie ein dankbares Thema zum Selberdenken. Und man versteht jetzt vielleicht auch ein bisschen besser, warum die utopische Literatur (oder SF-Literatur) den Mächtigen in der DDR oder zumindest einem mehr oder weniger großen Teil von ihnen mindestens suspekt, wenn nicht sogar gefährlich erschien: Wir haben gesehen, dass eine Utopie zum einen zumeist auch eine Kritik am Bestehenden einschließt, das man verbessern kann/muss, weil es nicht gut genug ist.

Und zum anderen verführt eine Utopie dazu, über die Gegenwart hinaus zu denken – die Schaffenskraft wird also von den aktuellen Aufgaben beim Aufbau des Sozialismus abgelenkt …

Und so kommen wir zuletzt auf die Frage: Wie utopisch war eigentlich die DDR?

Bleiben Sie ansonsten weiter vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher gewogen. Die nächsten Sonderangebote warten schon ganz aufgeregt auf ihre Reise zu ihren Leserinnen und Lesern.

Und wenn im heutigen Newsletter auch eine akademische Arbeit zur SF-Literatur in der DDR präsentiert wurde, so gehört zu den Offerten in der nächsten Woche ein Buch seines Vaters, Heinz Kruschel. Der hatte erstmals 1969 im Deutschen Militärverlag Berlin als Heft 149 der Erzählerreihe „Die Rebellion der Franca Viola“ veröffentlicht.

Franca und Luigi lieben sich und wollen heiraten. Der reiche und einflussreiche Fillipo, der zweifelhaften Geschäften nachgeht, bietet Luigi jedoch viel Geld dafür, dass er von Franca ablässt. Er und Francas Familie fallen nun mehreren Verbrechen zum Opfer, bis Fillipo Franca entführt und entehrt.

So etwas gab es auf Sizilien noch nicht: Franca weigert sich, ihren Entführer zu heiraten und hat mit Unterstützung durch ihren Vater sogar Fillipo angezeigt, obwohl er die Macht der Mafia hinter sich hat. Hass schlägt ihr aber auch von den Frauen der Insel entgegen, weil sie ihr Schicksal nicht tragen will. Mit Hilfe der fortschrittlichen Kräfte und wirklicher Freunde entsteht eine starke Protestbewegung, die Franca hilft, die Anzeige nicht zurückzuziehen, obwohl ihr Leben und das ihrer Familie in großer Gefahr ist.

Hier der spannende Einstieg in den Text, der Böses ahnen lässt:

„Die Sonne ging unter. Der Monte Sparagio warf seinen Abendschatten über den Ort. Das Mädchen kam von den Weinbergen herab.

Ein Mann trat hinter den Aloezäunen hervor auf die schmale Straße, die sich den Berg hinaufwand.

Das dritte Mal schon, dachte das Mädchen. Hab’ ich ihm nicht deutlich genug gesagt, dass es keinen Zweck hat?

„Du bist schön. Franca“, sagte der Mann, „du wirst noch schöner werden, wenn du erst meine Frau bist.“

Franca schüttelte heftig den Kopf. „Quäle mich doch nicht. Ich habe dir gesagt, dass ich Luigi liebe …“

„Aber wir waren einmal versprochen …“

„Das ist lange her, Filippo. Damals war ich ein Kind, und mein Vater dachte …“ Sie stockte, sah den Mann an, bemerkte, wie seine Miene verschlossener wurde, böser, fordernder. Er war jung und straff, aber sein Gesicht wirkte alt. „Was dachte dein Vater, Franca?“ „Vielleicht dachte er, aus den beiden könnte mal ein Paar werden, nicht wahr, solche Gedanken machen sich die Eltern doch?“ Ich könnte ihm sagen, warum Vater die Verbindung gelöst hat, überlegte sie; aber ich wage es nicht, Filippo soll gewalttätig werden, wenn er die Nerven verliert; warum soll ich es auf die Spitze treiben, es ist kein Mensch in der Nähe, heute ist Markttag in Campotudia.

„Passt euch mein Lebenswandel nicht?“, fragte Filippo scharf.

„Ich weiß nicht, wie du lebst.“

„Man redet viel dummes Zeug über mich!“

„Ich kümmere mich nicht um das Gerede der Leute.“

„Na also“, sagte er, trat einen Schritt näher heran und umfasste das Mädchen. Franca bog den Kopf zurück und stemmte sich mit den Fäusten gegen seine Brust. Er lachte, er war stark, er küsste das Mädchen auf den Hals, Sie trat ihm mit dem Fuß gegen das Schienbein“ „Kleine Kröte“, sagte er, „aber du gefällst mir, so wie du bist …“

Sie erschrak. Sie fühlte die Gewissheit: Filippo Melodia ist ein Mann, vor dem man sich in Acht nehmen muss, sie durfte ihn nicht bis zum Äußersten reizen. „Bitte, Filippo“, sagte sie, „ich liebe Luigi, das habe ich dir schon oft gesagt.“

„Na und? Du weißt doch noch gar nicht, was Liebe ist, ich werde dich anbeten, Franca.“

„Ich will nicht.“

„Das wird sich ändern.“

„Nein.“ „Höre gut zu, Franca, ich bin nicht der Mann, der sich lächerlich macht. Ich habe das schon deinem Vater gesagt. Und ich lasse mich auch nicht von euch beleidigen.“

„Du verdrehst alles“, sagte sie, „niemand will dich beleidigen. Aber du kannst doch Liebe nicht mit Gewalt erzwingen!“

Er lächelte. „Ach Gott“, sagte er, „Liebe kommt später von allein, du bist kein kleines Mädchen mehr. Bei uns nimmt man sich die Mädchen, die man haben möchte, so viel solltest du wissen. Du wirst sehen, eines Tages entführe ich dich noch …“

„Ich muss gehen.“ Sie war voller Angst. Aber er ließ sie vorbei und sah ihr nach, wie sie den Hang hinunterlief. Mit der könnte man in eine große Stadt gehen und sich sehen lassen, dachte er, eine Figur hat sie. Aber ihr Vater hat sie zu viele Bücher lesen lassen, sonst wäre sie wie alle anderen, würde sich geehrt fühlen und sich nicht so zieren. Ich werde mir diesen Luigi vornehmen.“

EDITION digital: Newsletter 27.02.2026 - Arglist und Freundlichkeit, ein Schock für Nora Graf sowie Eutopisches