Home
eBook-Shop (nur Verlagstitel)
Links
Warenkorb

Höhen und Tiefen des Lebens, eine Vision von 1973 sowie ein Ausrutscher im Kalten Krieg - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
Achtung, bevor Sie weiterlesen, noch ein wichtiger Hinweis: Ab Mai 2026 versendet EDITION digital diesen Newsletter sowie die aktuellen Pressemitteilungen nicht mehr per E-Mail. Diese Texte können Sie aber zumeist sogar eher selbst unter den Internet-Adressen https://edition-digital.de/Blog/ (bisheriger Newsletter) und https://edition-digital.de/Presse/ (Pressemitteilungen) finden. Probieren Sie es doch jetzt schon mal aus zum Eingewöhnen.
(Pinnow 13.02. 2026) Leben und Literatur. Das ist eine gute Kombination, wenn Leben in Literatur verwandelt wird. Wie das aussehen kann, das zeigt das fünfte und letzte der insgesamt fünf aktuellen digitalen Sonderangebote dieses Newsletters, die sieben Tage lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 13.02. 2026 bis Freitag, 20.02. 2026) zu haben sind. Es ist der bislang vierte Roman von Karina Brauer, trägt den Titel Dann bist du tot! Mausetot!, und erzählt die Lebensgeschichte von Katharina mit all den Höhen und Tiefen, die ein Leben so bieten kann. Katharina leidet und verliert, kämpft und siegt, doch sie bleibt sich immer treu. Das E-Book war 2019 bei EDITION digital zeitgleich mit der Druckausgabe im Eigenverlag Karina Brauer erschienen.
Dann bist du tot! Mausetot! Der Mann, der diese Worte zu der neunjährigen Katharina sagt, ist ihr eigener Vater. Das Kind ist in dem Moment überzeugt davon, dass er die Worte in die Tat umsetzen würde, würde sie auch nur ein Sterbenswörtchen über das Geschehene sagen. Lange ist der Mann sicher, denn das Kind hat die Ereignisse, die ihn zu dieser Wortwahl brachten, vollkommen vergessen.
Doch dann Katharina kommen die Erinnerungen zurück. Und nun beginnt ein Wettlauf mit dem Tod, den sie nicht nur durch den Vater befürchten muss.
Lesen und sich Geschichten ausdenken, das gehörte seit frühester Kindheit zum Leben von Autorin Karina Brauer, Jahrgang 1961. Mit dem Romanschreiben begann sie jedoch erst 2004. Im Jahre 2009 wurde ihr erster Roman Du kannst den Wind nicht aufhalten verlegt. 2012 folgten Der Hühnergott auf der Fensterbank und 2014 Königs Kind. Und 2019 erschien dann Dann bist du tot! Mausetot! Alle vier E-Books von Karina Brauer sind unter edition-digital.de und im Online-Buchhandel zu haben.
Und so beginnt Roman Nummer 4 Dann bist du tot! Mausetot! mit Nieselschneeregen und roter Brause für die kleine Heldin, die schweigend alles beobachtet:
Erster Teil
1.
Februar 1971
Nieselschneeregen zieht übers Land. Die Scheibenwischer des blauen Wartburgs schieben schmierend und quietschend den Schneeregenmatsch über die Frontscheibe. Seit den späten Vormittagsstunden ist die dreiköpfige Familie schon unterwegs in den Norden der Republik, nach Hause.
Am Abend zuvor hatten die drei nach dem zehntägigen Skiurlaub im Süden der Tschechoslowakei nahe der ungarischen Grenze noch einen Stopp bei den Eltern des Mannes in der Nähe von Dresden eingelegt.
Zur Ankunft am vergangenen Abend gab es Käffchen und ein Conjäckchen für die Männer. Für die Damen ein Sektchen. Danach Schnittchen und noch ein Bierchen und noch ein Conjäckchen und noch ein Sektchen und noch ein Bierchen
Das Mädchen trank rote Brause mal etwas ohne chen. Sie war ja noch ein Kind, ein Kindchen, erst neun Jahre alt.
Gelacht hatten die Erwachsenen also vor allem die Großmutter und der Vater und sich ständig gratuliert und umarmt. Das Mädchen hatte nur beobachtend dabeigesessen. Sie wusste nicht, was da um sie herum geschah. Es war ihr aber auch egal. Hauptsache war: Mama und Papa stritten sich nicht. Dann musste das Kindchen ins Bett und erfuhr nichts vom Plan der Eltern, in den Süden der DDR, in die Nähe der Großeltern zu ziehen. Nichts wusste das Mädchen von den Plänen des Vaters und auch nichts von denen der Mutter, die doch bei gleichem Ziel so ganz unterschiedlich waren.
Am Morgen stiegen dann alle drei Vater Martin, Mutter Annegret und Kind Katharina lachend in den Wartburg. Der Vater pfiff sogar. Die Mutter blickte angestrengt durch die Frontscheibe, der Alkohol wirkte noch immer. Die Fröhlichkeit des gestrigen Abends verflog, sobald sie das Grundstück der Großeltern verlassen hatten. Die Fassade bröckelte, nur bemerkte es außer Katharina anscheinend niemand. Das Mädchen, das hinten saß, hatte gleich nach der Abfahrt die Augen geschlossen und wünschte sich ganz fest, dass die Eltern sich nicht streiten würden. Vater Martin hatte endlich mit dem Pfeifen aufgehört. Die Mutter Annegret schläft. Ihre Schnarchgeräusche übertönen das Quietschen der Scheibenwischer. Nach einer ganzen Weile öffnet das Mädchen die Augen und blickt hinaus in die Landschaft. Auf einem Straßenschild liest sie, dass es noch achtundvierzig Kilometer bis nach Berlin sind. Leise flüstert sie, mehr zu sich selbst: Berlin! Die Eltern hören das Wort dennoch. Martin und Annegret Juncker wiederholen den Namen der Hauptstadt, und fast scheint es, als würde ein Zauberwort durch das WartburgInnere schweben, jedoch hat es für jeden der drei eine andere mehr oder weniger magische Bedeutung.
Schweigend hängen die drei Insassen nun ihren Gedanken und Erinnerungen nach.
Erstmals 1973 erschien als Band 119 der Reihe Spannend erzählt des Verlags Neues Leben Berlin der Science-Fiction-Roman Antarktis 2020 von Alexander Kröger. Dem E-Book liegt die überarbeitete Auflage zugrunde, die 2009 der Projekte-Verlag Cornelius GmbH Halle veröffentlicht hatte.
Praktikum im Jahr 2020. Als Thomas Monig, Absolvent der Bergakademie Freiberg, das Flugzeug besteigt, denkt er an die drei Einsatzorte: an das Großbergwerk in der Antarktis, die Meerwasser-Enterzungsanlage in der Südsee und das Bewässerungsprojekt Sahara. Er denkt an modernste Lasertechnik, blühende Städte im Eis, an erzsammelnde Mollusken im Ozean, Riesenbagger in der Wüste und an das büschelige Schnellwuchsgras, das bald den Sand bedecken soll. Noch weiß er nicht, dass nicht nur das Abenteuer Technik auf ihn wartet. In der Weißen Finsternis und im Schneesturm bei der Rettung eines Kollegen wird er sich ebenso bewähren müssen wie beim Streik der ehemaligen Soldaten in den Unterwasserfarmen, bei dem er und der hübsche Kapitän Ann von Mike Paterthick gekidnappt und von den Wasseratmern gesucht werden. Der Überfall der Tuareg auf die Baustelle, die Geschichte mit der Freundin vom René Tours und der verderbenbringende Wassereinbruch lassen auch den Aufenthalt in der Sahara zu einer aufregenden Sache werden, und es ist gar nicht so gewiss, ob Thomas Monig rechtzeitig in Timbuktu sein kann, um Evelyn vom Flugplatz abzuholen.
Thomas wird mit den unbegrenzten Möglichkeiten konfrontiert, die eine globale Abrüstung bietet, aber auch mit den Problemen für die davon Betroffenen. Alexander Krögers Vision - angedacht 1973 - von einer friedlichen, abgerüsteten Welt im Jahre 2020 war zu kurz gegriffen; dennoch haben seine Denkanstöße in unserer Gegenwart mehr denn je ihre Gültigkeit.
Erstmals 2002 veröffentlichte Bert Teklenborg den Reiseführer Radwandern entlang des Jakobswegs. Vom Rhein an das westliche Ende Europas. Dessen 4. überarbeitete Auflage kam 2019 als E-Book unter dem Label Salem Edition by EDITION digital heraus.
Gleich Perlen auf einer Schnur reihen sich geschichtsträchtige Orte und wunderbare Landschaften wie Elsaß, Burgund, Auvergne und Gascogne in Frankreich und Navarra, Rioja, Kastilien, Léon und Galicien in Spanien. Dieser Radfernwanderweg berührt außerdem die ökumenische Gemeinschaft Taizé und das für die Jakobspilger des Mittelalters so wichtige Cluny, und führt durch das Loiretal nach Le Puy-en-Velay, seit alters her Sammelpunkt für Pilger. Hier folgt der Weg der Via Podiensis, einem der vier wichtigsten mittelalterlichen Pilgerwege in Frankreich, und erreicht bei St.Jean-Pied-de-Port die Pyrenäen, die am Ibañeta-Pass überschritten werden. Von Roncesvalles bis Santiago de Compostela folgt er dem Camino.
Anreisende aus Nord- und Westdeutschland finden einen Vorschlag für den Weg von Saarbrücken/ Sarreguemines über Epinal nach Darney; von Süddeutschland aus empfiehlt sich die Strecke von Freiburg im Breisgau nach Riquewihr. Ein kompakter Führer mit vielen Details über die Jakobspilger des Mittelalters, Hinweise auf interessante Bauwerke sowie Informationen über Land und Leute, Gasthöfe, Pilgerherbergen und Campingplätze.
Zurück in die Zeit des kalten Krieges führt Der Glatteisagent - Eine Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges. Wenn Opa Raschke erzählt von Ulrich Hinse.
Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Hintergrund der deutsch-deutschen Spionagegeschichte sind für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit wichtige Informationen über die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen am Forschungsreaktor Karlsruhe. Die DDR fürchtete, dass die Bundesrepublik eine Atombombe bauen könnte. Und mittendrin war damals ein Mann namens Reiner Paul Fülle, der seinen Jägern vom Bundeskriminalamt allerdings im Sichtschutz einer Straßenbahn bei Glatteis entwischt. Später gelangt er auf eine höchst merkwürdige und unbequeme Weise in die DDR, in der er aber nicht für immer bleibt. Und der Leser versteht, warum der Teufel ein Eichhörnchen ist.
Bitte, Herr Fülle, so Minister Mielke, nehmen Sie doch bitte neben mir Platz. Nach dieser Einladung war Reiner Fülle sehr stolz auf diese besondere Wertschätzung, den Ehrenplatz neben dem Chef der DDR-Staatssicherheit zugewiesen bekommen zu haben. Und damit nicht genug. Noch vor Beginn des Essens, das der Minister für erfolgreiche, aber von einem Überläufer enttarnte Kundschafter gab, wurden Orden verteilt. Und den höchsten von allen bekam wiederum Fülle. Im Auftrag des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker übergab ihm Staatssicherheitsminister Mielke den Vaterländischen Verdienstorden in Gold, die höchste Auszeichnung, die es neben dem Karl-Marx-Orden in der DDR gab. Diese Szene spielt sich kurz vor dem Ende des zweiten Drittels dieses Buches von Ulrich Hinse ab, der zuvor vor allem durch seine Schweriner und Pinnower Krimis mit dem scheinbar vornamenlosen Ermittler Erster Kriminalhauptkommissar Raschke sowie durch seinen historischen Bestseller Das Gold der Templer bekannt geworden war.
Vorbild für die Hauptfigur ist ein tatsächlich existierender Kundschafter des Friedens, den Hinse in seinem spannenden Roman beim richtigen Namen nennt: Reiner Paul Fülle, seit 1964 für das MfS tätig. Bis zu seiner Enttarnung und Verhaftung am 19. Januar 1979 lieferte Klaus, so sein Deckname, Informationen über seinen brisanten Arbeitsplatz - den Forschungsreaktor Karlsruhe, wo eine Anlage zur Wiederaufarbeitung von Uran und Plutonium gebaut wurde. Würde die Bundesrepublik Atombomben bauen, fragte sich der andere deutsche Staat.
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Heute geht es noch einmal zurück in die deutsche Geschichte, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und an die Ostfront, wo erbittert gekämpft, gelitten und gestorben wurde.
Generale unter sich von Theodor Plievier erschien 1948 im Aufbau-Verlag GmbH Berlin. Der Text ist ein Auszug aus seinem Erfolgsroman Stalingrad.
Stalingrad, Winter 1942/43: Während draußen eine Armee zugrunde geht, sitzen deutsche Generale im Keller zusammen - abgeschnitten, ratlos, gefangen im eigenen Denken. In Generale unter sich seziert Theodor Plievier mit unerbittlicher Schärfe die moralische und politische Bankrotterklärung einer militärischen Führung, die Verantwortung scheut und dennoch über Menschenleben verfügt. Ein eindringlicher, zeitloser Text über Macht, Schuld und das Versagen von Eliten im Angesicht der Katastrophe. Hier der Beginn des Buches:
Generale unter sich
General Gönnern hat einen Gegenstoß gemacht, zusammen mit seinem Nachbarn, dem General Vennekohl. Es war kein Gegenstoß mehr wie in früheren Tagen, als man eine Höhe und ein paar dazugehörige Dörfer nahm und festhielt als Ausgangspunkte für künftige Operationen; es war auch kein Gegenstoß mehr wie etwa auf dem Gelände der ehemaligen Stalingrader Westfront, wo man den Gegner aus ein paar Panzerwracks herauswarf und diese vor den Linien liegenden Panzergehäuse selbst besetzte und so den Stachel im eigenen Fleisch beseitigte. Es war auch keine Division mehr mit Regimentern und Bataillonen und Divisionsartillerie, die man anzusetzen hatte, sondern waren nur noch Überreste der einstigen Division, und da ist dann bitterer Spott nahe, noch dazu mit so illustren Gästen, wie er sie in seinem Keller beherbergt, zwei Kommandierende Generale mit ihren Chefs, IAs, Begleitern, außerdem jener etwas schwierige Vilshofen; und es war ein bitteres Wort, das er vernehmen musste, als er sich den Karabiner an die Schulter hängte und sich fertigmachte, um so bitterer, als es der Grundlage nicht ganz entbehrte: Letzte Zuckung!
Aber schließlich: eine Widerstandslinie ist doch eine Linie nicht nur auf dem Papier, und wenn sie eingedrückt wird, dann muss das wieder ausgebügelt werden, dazu bedarf es nicht erst des Befehls; und wirklich, man hatte es nötig, man musste sich Luft schaffen! Zu dicht saßen einem die Russen auf der Nase, die feuerten einem ja schon in den Kochtopf hinein, man fühlte sich ja schon beobachtet, wenn man sich, pardon, auf der Stange niederließ; und das ist kein Witz, es gibt da tragische Beispiele. Und wenn nun mit diesem Gegenstoß auch nicht allzu viel erreicht wurde, so ist doch mindestens einmal der Trampelpfad zur Balka des Korpskommandeurs freigelegt worden, auch der Pfad zur Fliegerschule und zu den Herren, die dort im Keller liegen. Und das ist auch schon was, denn weiter zurück kann man doch nun wirklich nicht mehr, nur müsste so ein Straßenkehren täglich durchgeführt werden, doch das kann man nicht, das ist zu kostspielig, dafür ist man zu arm an Männern, auch an Gewehr- und Werfermunition.
General Gönnern, den Karabiner am langgemachten Riemen, marschierte unter dem von Sternen übersäten hohen Himmel über Schutt und Schnee. Die Ruinenhaufen am Rande des Feldes waren die Überbleibsel einer Kaserne, und unter dem von Mauerfetzen gekrönten dicken Trümmer- und Schutthaufen befand sich der Keller, in den Gönnern mit Oberfeldwebel, Feldküche, Aggregat für elektrischen Strom, mit den Offizieren seines Stabes eingezogen war und in dem sich noch Platz für einige Gäste gefunden hatte.
Der General betrat einen von Gebälk abgestützten, wie einen Stollen schräg nach unten führenden Gang. Er überließ seinem Burschen, der ihm auf dem Fuße gefolgt war, Karabiner und Koppel. Den Tarnmantel hängte er selbst an den Nagel. Ja, man hatte das nötig gehabt, und wahrlich nicht nur eines Trampelpfades wegen (denn der wird morgen vielleicht schon wieder von MG- und Werfernestern verpestet sein). Man hatte das noch aus anderen, aus inneren Gründen nötig. Denn: Das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss! In dem Kellergewölbe stand ein Tisch, ein zweiter Tisch, an den Wänden standen Pritschen. Die Herren, die herumsaßen und herumstanden, sahen Gönnern an seine Pritsche treten und sich den Pelzmantel ausziehen.
Eine saukalte Nacht!, sagte einer. Kalt und sternklar!, sagte Gönnern.
Kellerluft, Dunst trocknender Kleider, herumstehende Leder- und Rohrplattenkoffer, einige geöffnet, über dem Tisch eine aus dem Aggregat gespeiste helle Lampe, das war die Generalsherberge. Vilshofen saß vor dem Ofen, in der Hand hielt er einen Strumpf, den er trocknete. Sein Blick ruhte, während Gönnern sich aus dem Mantel herausschälte und dann im Uniformrock und den Hosen mit den roten Generalsstreifen dastand, nachdenklich auf dessen Gestalt; dabei war es nicht einmal gewiss, ob er Gönnern überhaupt sah, ob sein Blick nicht ganz und gar durch ihn hindurchging. Nach dem Erfolg des Unternehmens wurde der Eintretende von niemand gefragt. Gönnern war also wieder da, nun gut! Neues konnte er von seinem Gang kaum mitgebracht haben. Man gab sich wieder seiner Beschäftigung hin. Und das war, den Kopf in die Hände stützen und Rundherumdenken, oder es war Aufundab- und Aufundabgehen. Und dabei kam man doch immer wieder auf denselben Punkt, beim Denken und auch beim Aufundabgehen.
Die Leseprobe aus Antarktis 2020 von Alexander Kröger führt unmittelbar in eine spannungsgeladene Extremsituation, in der Macht, Täuschung und Gefahr aufeinandertreffen. Der folgende Textausschnitt zeigt, wie schnell sich scheinbare Ordnung in Bedrohung verwandelt und die Figuren gezwungen sind, unter höchstem Druck zu handeln.
Thomas empfand abermals das Anormale der Situation: Er und Kai so gut wie nackt, Ann mit einem Handtuch umwickelt, so standen sie da, als Paterthik in der Uniform eines Kommandanten der Royal Navy forsch hereingestürmt kam.
Hochstapler, knurrte Ann leise. Wäre gern Commodore gewesen.
Morgen, grüßte Paterthik und tippte an die Mütze. Bin leider gezwungen, meine Herren, Sie ein wenig zu internieren. Ihre Dame habe ich bereits über die Lage aufgeklärt. Er machte eine Verbeugung zu Ann hin.
Wogegen ich auf das Entschiedenste protestiere, sagte Thomas Monig mit Bestimmtheit.
Paterthik hielt jetzt die Hände auf dem Rücken verschränkt und wippte auf den Füßen. Aber gewiss doch, entgegnete er lächelnd, und erst jetzt sah Thomas diesen listigen Zug in seinem Gesicht. Ansonsten war an diesem Mann nichts Besonderes. Thomas hatte ein Verbrechertyp vorgeschwebt, wie er ihn als Junge von einem Kriminalroman aus Großmutters Bücherkiste kannte. Paterthik war mittelgroß, hatte ein schmales Gesicht, das im Gegensatz zu seinem massigen Körper stand. Die Uniform zu knapp; sie spannte über der Brust, ein sicheres Zeichen, dass sie ihm nicht gehörte. Das täte ich an Ihrer Stelle auch, fuhr er jovial fort. Glauben Sie mir, die Umstände zwingen mich. Aber ich bin überzeugt, dass unser Freund Neuber jemand ist, der für seine Mitarbeiter etwas übrig hat.
Ich glaube, sie werden dich aufhängen, sagte Ann ruhig und begann, das Ei aufzuklopfen.
Erst haben, sagte Paterthik lächelnd, erst haben. Und so schnell geht das nicht. Ich werde mir schon etwas Richtiges aussuchen.
Mit dem Gold - vorausgesetzt, du bekommst welches - kannst du doch nur noch in einigen Staaten etwas anfangen, sagte sie obenhin. Also wirst du da schon in einen davon müssen. Und dort lässt sich ein schwerer Junge finden ...
Mag sein, sagte er, vorausgesetzt, man will es.
Und da sind noch deine Männer, ich nehme an, alle mit Gold, aber die meisten mit Familie ..., alle bekannt. Ann hatte lauter gesprochen. Frank und noch einer von der Mannschaft standen draußen vor der offenen Tür.
Das Lächeln auf Paterthiks Gesicht gefror. Halt den Mund, sagte er drohend. Ich bin nicht auf einen Morgenschwatz gekommen. Hier, unterschreibt das!
Er zog eine Mappe aus der Uniform, was ganz und gar unmilitärisch aussah, und schob sie zwischen die Frühstücksteller auf den Tisch.
Ann wischte sich den Mund, schlug die Mappe auf und begann zu lesen. Kai, der hinter ihr stand, blickte ihr über die Schulter. Das können wir schon getrost unterschreiben, Jungs, sagte sie. Thomas las die Aufforderung an die Leitung, ein Lösegeld von 200 Kilopond Feingold gegen die Freilassung der Besatzung von U 21 zu zahlen. Die Unterschriften der drei sollten lediglich ihre Gefangennahme bestätigen.
Paterthiks Blick ging lauernd von einem zum anderen. Er schien erleichtert, als Ann sagte: Vielleicht gibst du mir etwas zum Schreiben. Ich habe meine Handtasche an der Garderobe abgegeben.
Aber bitte sehr! Mike Paterthik war wieder die Höflichkeit selbst. Sie unterschrieben.
Ich wünsche guten Appetit, rief Paterthik und ging.
Der bleibt bei seinem Vorhaben sagte Monig. Er trank nachdenklich von seinem Saft. Mich ärgert, dass wir so gar nichts tun können.
Warte ab, sagte Ann kauend. Wenn Frank kommt, und er ist unbewaffnet, blockiert ihr die Tür, klar?
Aber als Frank Niesar zum Abräumen kam, war das was auffiel eine Armeepistole, die in seinem Gürtel steckte.
Thomas näherte sich trotzdem der halboffenen Tür. Kai, der ursprünglich folgen wollte, war beim Anblick der Pistole zunächst resignierend auf seinen Stuhl zurückgesunken.
Niesar räumte schweigend ab. Sund trank noch einen Schluck aus der Tasse, hielt das leere Gefäß sinnend in der Hand und stellte es wie gedankenverloren so auf den Tisch, dass es sich vom Standort Niesars am entferntesten befand. Thomas und Ann beobachteten gespannt die Szene.
Sunds Rechnung ging auf: Niesar beugte sich über den Tisch und langte nach der Tasse. Da griff Kai zu. Er zog rasch die Pistole aus Niesars Gürtel und sprang nach hinten weg. Der festgeschraubte Stuhl wäre ihm dabei beinahe zum Verhängnis geworden. Kai konnte sich im Straucheln abfangen und wich zur Wand zurück, die Pistole auf Niesar gerichtet.
Thomas hatte rasch den Außenriegel ausgeklinkt, die Tür zugedrückt, von innen verriegelt, und er stand, bevor Niesar reagierte, mit dem Rücken zu ihr.
Niesar wollte sich auf Kai stürzen und dazu den Tisch wegschleudern. Aber natürlich war auch der am Fußboden befestigt. Schweine, knirschte er.
Die Leseprobe aus Radwandern entlang des Jakobswegs. Vom Rhein an das westliche Ende Europas von Bert Teklenborg nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine eindrucksvolle Etappe durch Nordspanien. Der folgende Abschnitt verbindet praktische Wegbeschreibung mit kulturellen und historischen Hinweisen und vermittelt anschaulich, wie Landschaft, Pilgertradition und Reiseerlebnis entlang des Jakobswegs ineinandergreifen.
Wir verlassen Cebreiro auf der Landstraße und kommen im weiter ansteigenden Gelände über Linares auf der Passstraße 634 zum Alto San Roque, mit beeindruckender Pilgerstatue (Titelbild). Nach kurzer Abfahrt erneuter Anstieg zum Alto del Poio (1335 m); bei Biduedo (kleine Kirche mit steinernem Dach) beginnt die Abfahrt hinunter nach Filloval und Triacastela. Weiter auf der Landstraße kommen wir über Renche ins Tal zum Benediktinerkloster Samos. Leichter Anstieg auf der 633 nach Sarria; im Ort wechseln wir auf die C 535. Bei Mouzós zweigt der Camino ab durch viele kleine Orte und Gehöfte über einen Schotterweg (bei Regen überflutet!). Die C 535 führt nach kurzem Anstieg über Pacios hinunter zum Miño-Stausee und Portomarin. Hinter der Brücke folgen wir dem Schild Richtung Ventas de Narón.
INFORMATION
Hospital da Condesa
Refugio
Triacastela
Refugio; Hostal
Samos
Refugio; Hotel; Hostal; Casa rural
Sarria
Refugio; Hotels; Hostals
Portomarin
Tourist-Information; Refugio; Hotels; Hostals
Samos
Eine der ältesten Klostergründungen (6. Jahrhundert) und Mto.-Nacional Spaniens; einige Gebäude des Klosters wurden 1951 bei einem Brand in Mitleidenschaft gezogen, so auch die Bibliothek, die viele Pilgerberichte des Mittelalters verwahrt.
Sarria
Über der Altstadt die Burg, von der noch ein Teil der Befestigungsanlagen zu sehen ist; Iglesia San Salvador (13. Jahrhundert) und Convento de la Merced.
Portomarin
Die alte Templersiedlung ist im Stausee verschwunden; ein beachtlicher Teil der mittelalterlichen Bauwerke wurde jedoch am neuen Standort wieder aufgebaut, so auch die Wehrkirche San Juan (12. Jahrhundert) samt mächtigem Turm.
Die Leseprobe aus Der Glatteisagent - Eine Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges. Wenn Opa Raschke erzählt von Ulrich Hinse führt in eine spannungsreiche Situation zwischen Improvisation, Tarnung und ständiger Gefahr. Der folgende Textausschnitt macht deutlich, wie alltägliche Begegnungen in der Atmosphäre des Kalten Krieges schnell zu einem riskanten Balanceakt werden können.
Unter der Wendeltreppe schob Fülle eines der beiden Fahrräder beiseite, zog seinen Mantel aus und stopfte ihn unter die Kartons. Danach rückte er das Fahrrad wieder auf die alte Position. Es war nicht abgeschlossen, hatte aber einen Plattfuß. Eine Luftpumpe sah er nicht. Auch nicht an dem zweiten Rad, welches mit einer dicken Kette zwischen Hinterrad und Rahmen gesichert war. Über die Treppe kamen Personen herunter. Zum Weglaufen war es jetzt zu spät. Also ging er den sich intensiv und laut unterhaltenden Personen entgegen. Drei waren es, die ihm entgegenkamen. Dem äußeren Anschein nach, schon allein wegen der nachlässigen Kleidung, Studenten. Sie unterbrachen ihren Redefluss und schauten ihn neugierig an. Fülle grüßte höflich, dann ging er die Treppe weiter nach oben, so, als wenn er das jeden Tag machte. Die drei jungen Leute erwiderten den Gruß und verschwanden nach draußen, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. Die Tür warfen sie mit einem lauten Knall ins Schloss.
Im ersten Stock angekommen, überlegte er, ob er sich nicht doch besser für die noch im Haus arbeitenden Studenten unsichtbar machen sollte. Er dachte wieder an die Toilette. Aber er wurde einer Entscheidung enthoben, weil erneut einige Leute laut lachend die Treppe hinunterstürmten, ihn kurz musterten, aber ohne Kommentar weiter nach unten liefen. Einer der ziemlich bunt angezogenen jungen Männer hatte noch einen Pappbecher in der Hand. Mit Alkohol. Das war zu riechen, als er sich direkt neben Fülle vorbeidrängelte. Es wurde demnach nicht gearbeitet, sondern gefeiert. Langsam stieg er weiter nach oben. Den Flur kannte er noch vom Vorabend. Zuerst kam er an der Tür zur Damentoilette vorbei, dann an der für Herren. Einen Moment blieb Fülle stehen. Er musste schmunzeln. In dem Moment wurde er von hinten angesprochen.
Wasch machet Sie denn hier?, wollte eine kräftige Bassstimme von ihm wissen. Das war der Hausmeister. Die Stimme war nicht zu verwechseln. Seit gestern war sie ihm noch gut in Erinnerung. Langsam drehte sich Fülle um. Er musterte sein Gegenüber ebenso, wie der es tat.
Meierhofer, stellte Fülle sich vor, ich bin von der Abteilung Akademiefinanzierung im Regierungspräsidium. Von mir bekommt die Kunsthalle ihr Geld. Ich wollte einmal nachsehen, wie das hier so zum Feierabend zugeht. Und Sie sind der Hausmeister?
Jo, ich bin der Eisele. Ich bin hier Mädle für alles. Aber mir hat koiner gesagt, dasch jemand von der Regierung kommet.
Nun, Herr Eisele. Das konnte auch niemand, da ich niemanden von meinem Besuch vorher unterrichtet hatte. Ich wollte ein völlig unverfälschtes Bild erhalten.
Dasch ischt aber dumm. Ich wollt gerad gehe. Sie müsset wisse, mir habet eine kloine Familienfeier hoit. Aber wenn Sie gehet, ziehet Sie gerad die Tür unter der Wendel hinter sich zu. Mehr müsset Sie net mache.
Danke, Herr Eisele, ich komme zurecht.
Ja, und sehet Sie zu, dasch wir mehr Geld bekomme. Für die viele kloine Schäde hier und da. Eisele drehte sich um, winkte noch einmal nett und verschwand mit seinem wehenden, grauen Kittel die Treppe hinunter. Fülle atmete tief durch.
Puh. Das ist gerade noch einmal gut gegangen. Aber Dreistigkeit siegt, stellte er ohne Überheblichkeit in einer Art Selbstgespräch fest. Einige Meter weiter stand eine Tür einen Spalt breit offen. Aus dem Raum drangen Gelächter, laute Stimmen und hin und wieder ein Prost. Das Erlebnis mit dem Hausmeister hatte ihm Mut gemacht. Er ging zu der Tür, steckte den Kopf durch die Öffnung und grüßte höflich. Die Anwesenden ließen sich in ihren Gesprächen nicht unterbrechen. Niemand fragte danach, wer er sei und was er wollte.
Kommen Sie rein und feiern Sie mit. Andreas hat sein Examen bestanden. Das muss gefeiert werden. Auch wenn noch Semesterferien sind. Also, feiern Sie mit.
Wer ist denn Andreas? Ich möchte zumindest mit ihm auf seinen Erfolg anstoßen. Der ihn begrüßt hatte, zeigte auf einen jungen Mann gegenüber und drückte ihm einen Pappbecher in die Hand. Fülle schnupperte daran. Es war wohl Sekt. Er hob den Becher, prostete Andreas zu, der aber bereits so voll war, dass er gar nicht mitbekam, dass ein neuer Gast zu der Gruppe gestoßen war. Zum Essen gab es nicht viel. Erdnüsse, Salzstangen und einige angebrochene Tüten mit Chips lagen wild herum. Um ihn kümmerte sich keiner mehr. Alle hatten mit sich selbst oder den zwei, drei Studentinnen zu tun, die sich, offensichtlich schon reichlich angetörnt, mal dem einen, mal dem anderen an die Brust warfen. Fülle blieb in dem Kreis, in dem keiner fragte. Langsam wurden es immer weniger. Als einer der Letzten wurde Andreas, gestützt auf zwei Kommilitonen, aus dem Raum geführt.
Plötzlich war Fülle allein. Allein mit dem restlichen Sekt, einer halben Literflasche Cola, den Erdnüssen und Salzstangen. Er ging zur Tür und lauschte. Im ersten Stock waren die Transporteure von Andreas wohl erst einmal lang hingefallen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder so aufgerappelt hatten, dass sie weitergehen konnten. Eine Minute später hörte Fülle die Tür unten laut ins Schloss fallen. Er war wieder allein. Hier oben war es warm. In einer Ecke lag eine Matratze, auf der die Studenten zuvor gesessen hatten. Hier war es besser zu bleiben als unter der doch relativ kalten Wendeltreppe. Er knabberte an den Salzstangen, trank die restliche Cola und dachte nach. Hier in der Kunstakademie war sein Asyl vorbei, das war ihm völlig klar. Hier konnte er nicht mehr bleiben. Eisele würde sich schon sehr wundern, wenn am nächsten Tag der Regierungsvertreter wieder im Haus herumlief. Er musste weg. Aber wohin?
Hier in Karlsruhe würde sich jeder, der ihn kannte, auf ihn stürzen. Der ganze Aufwand, den er betrieben hatte, um dem Knast zu entgehen, wäre umsonst gewesen. Seine Frau konnte er nicht anrufen. Das BKA würde mit Sicherheit sein Telefon abhören. Zur Bank konnte er ohne seine Bankkarte auch nicht. Außerdem hatten ja alle schon im Fernsehen die Fahndung nach ihm mitbekommen. Seine freie Zeit wäre in diesen Fällen sehr begrenzt. Nein, er musste aus der Stadt hinaus. Mit den paar restlichen Kröten in der Manteltasche kam er nicht weit. Bus und Bahn schieden damit aus. Blieb allein das Fahrrad. Je länger er darüber nachdachte, erschien ihm das Zweirad als einzig denkbarer Weg, Karlsruhe zu verlassen. Aber wohin? Über die Rheinbrücke in die Pfalz und weiter nach Frankreich? Das wäre machbar. Wie aber reagierten die Franzosen? Kam er, ohne bemerkt zu werden, über die Grenze? Nein, er musste irgendwie in die DDR kommen. Aber wie?
Eine Mischung aus Abenteuerlust und Angst oder die Kraft, 20 Liegestütze auf einem Arm zu schaffen
In der Beschreibung zum Glatteisagenten von Ulrich Hinse heißt es, dass die Romanfigur ein reales Vollbild hatte, und dass die literarische Figur in Hinses Buch dessen richtigen Namen trage.
Wer war Reiner Paul Fülle? Und was hatte ein gewisser Werner Stiller mit dessen Enttarnung zu tun?
Zunächst zur Biografie des Kundschafters und Doppelagenten Fülle. Über ihn, sein Leben und über die Gründe, für den anderen deutschen Staat zu arbeiten, ist im Internet-Lexikon Wikipedia viel zu lesen:
Reiner Paul Fülle, der am 26. Dezember 1938 in Zwickau geboren wurde und am 9. Oktober 2010 starb, war ein deutscher Agent, zunächst der Hauptverwaltung A des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR und später des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV).
Fülle stammte aus Zwickau und lebte ab dem 20. Lebensjahr in der Bundesrepublik Deutschland, zunächst in Baden-Baden, dann in Karlsruhe. 1960 heiratete er, seine Ehefrau stammte aus Sachsen. Er wurde während eines Besuchs bei Verwandten in Thüringen im Jahr 1966 als Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit angeworben. Eigener Aussage nach bewog ihn eine Mischung aus Abenteuerlust und Angst zu dieser Tätigkeit. Er arbeitete als Buchhalter am Forschungszentrum Karlsruhe, dann in der Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen mbH Leopoldshafen. Er verriet unter dem Decknamen IM Klaus (Reg.-Nr. XV/205/66) vorwiegend Einzelheiten aus westdeutscher Wiederaufarbeitungstechnologie. Er hielt seine Tätigkeit auch gegenüber seiner Ehefrau geheim.
Am 19. Januar 1979 wurde Fülle in Zusammenhang mit den Aussagen Werner Stillers, eines MfS-Überläufers, verhaftet. Bei Überstellung von Karlsruhe zur Vernehmung nach Bonn konnte Fülle am darauffolgenden Tag entkommen, als der ihn begleitende BKA-Beamte bei Glatteis ausrutschte. Fülle war zudem entgegen den Dienstvorschriften nur von einem Beamten begleitet und nicht gefesselt gewesen. Nachdem er sich drei Tage lang in der Kunsthalle Karlsruhe versteckt gehalten hatte, entkam er nach Baden-Baden und wurde von Helfern der Sowjetischen Militärverbindungsmission in der Zeppelinstraße 19 in einer Holzkiste über den Grenzübergang Herleshausen in die DDR gebracht. Diese Flucht trug ihm in den bundesdeutschen Medien den Spottnamen Glatteisspion ein. Ihm wurde von Erich Mielke als Zeichen der Anerkennung hervorragender militärischer Verdienste der Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland in Gold verliehen. Eigener Aussage nach musste er Mielke sein Ehrenwort geben, mit niemandem über seinen Fluchtweg zu sprechen. Später wurde Fülle ebenfalls mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.
Eigenen Angaben nach lebte er für DDR-Verhältnisse wie eine Made im Speck, ließ sich vom Ministerium für Staatssicherheit unter anderem zwei Autos, zwei Motorboote sowie ein Stipendium für ein Hochschulstudium bezahlen. Fülle war in der DDR als Vortragsredner unterwegs und berichtete bei Schulungsveranstaltungen über seine frühere Kundschaftertätigkeit im Westen. Weil er lange Zeit Material über den DDR-Sicherheitsapparat nach Köln lieferte, organisierte das BfV die Operation Veronika und ermöglichte ihm die Rückkehr in den Westen. Mit falschen Papieren auf den Namen Hermann Sander und einem Flugticket BudapestAthenFrankfurt/Main ausgestattet, kehrte Fülle am 5. September 1981 zurück. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte ihn später wegen Landesverrats zu sechs Jahren Freiheitsstrafe.
Unter der Rubrik Geheimdienste und der zunächst etwas überraschenden Überschrift Orden im Müll war im Heft 40/81 des Hamburger Nachrichtenmagazins SPIEGEL am 27. September 1981 folgender Text zu lesen:
Der Häftling im Fond des Polizei-Opels war, entgegen den Vorschriften, nicht gefesselt. Sein Bewacher vom Bundeskriminalamt, der ihn ins Untersuchungsgefängnis in Karlsruhe bringen sollte, trug keine Waffe.
Als der BKA-Mann beim Aussteigen auf Glatteis ins Rutschen kam, nutzte Reiner Paul Fülle seine Chance. Geistesgegenwärtig sprang er aus dem Wagen und rannte dem hilflos am Boden mit den Beinen rudernden Polizisten davon.
Der westdeutschen Justiz entwischte in jener chaplinesken Szene am winterkalten 20. Januar 1979 ein Mann, der erst tags zuvor als Top-Agent des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) enttarnt worden war: Fülle, 40, Bilanzbuchhalter der Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen beim Kernforschungszentrum in Karlsruhe, gehörte zur Creme von DDR-Spionen in der Bundesrepublik, die MfS-Überläufer Werner Stiller damals gleich im Dutzend auffliegen ließ.
Aus der blamablen Panne wurde für die bundesdeutschen Häscher jetzt ein spektakulärer Erfolg: Seit drei Wochen ist Flüchtling Fülle wieder da - auf eigenen Wunsch zurückgeholt von Spezialisten des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz.
Die reumütige Rückkehr des verlorenen Spions scheint für das MfS die peinlichste Schlappe seit dem Frontwechsel des Oberleutnants Stiller. Schon von Ost-Berlin aus soll Fülle den Kölner Verfassungsschützern mehr als ein Jahr lang Material über Technik und Training von DDR-Agenten zugespielt haben. Seine Hinweise können womöglich zur Enttarnung weiterer Ost-Kundschafter führen. Und er dürfte dem Staatssicherheitsdienst einigen Ärger mit den Freunden vom Sowjet-Geheimdienst KGB bescheren.
Vor allem aber ist der Fall Fülle ein Dokument für das psychische Elend, in das die meisten westlichen MfS-Mitarbeiter trotz aller Ehrungen und Privilegien geraten, wenn sie sich vor ihren Verfolgern in die Sicherheit des Ostens retten müssen.
Als Fülle am 20. Januar 1979 übers Glatteis auf und davon eilte, flüchtete er zunächst, so seine Aussage vor BKA-Beamten im Bonner Untersuchungsgefängnis, in die Karlsruher Kunsthalle. Auf einem Fenstersims im dritten Stock harrte der sportlich trainierte Buchhalter, der sich gelegentlich rühmte, 20 Liegestütze auf einem Arm absolvieren zu können, drei Stunden lang in der Kälte aus, bis die Polizei ihre Sofort-Fahndung aufgab.
Die Nacht und den nächsten Tag verbrachte er in der Kunsthalle. Das Versteck schien ihm einstweilen sicher; aber Fülle wußte, daß er kaum eine Chance hatte, aus der Bundesrepublik herauszukommen, denn dazu brauchte er Helfer. Doch der Agent, trickreich und dreist dazu, fand einen Weg.
Während das Fernsehen Fahndungsphotos von ihm sendete, machte er sich auf nach Baden-Baden. Vielleicht, so seine vage Hoffnung, könne die Sowjetische Militärmission dort ihm kollegiale Hilfe leisten. Doch als er sich dem diensthabenden Offizier als DDR-Agent auf der Flucht vorstellte und um Unterschlupf bat, schickte der ihn konsterniert weg.
Fülle, mit den Umständlichkeiten des Dienstweges östlicher Behörden vertraut, ließ sich nicht entmutigen. Noch am selben Abend kam er wieder und hatte richtig kalkuliert: Die Rotarmisten, inzwischen wohl mit Direktiven von höherer Stelle versehen, ließen den Flüchtling ein. Im Keller der Militärmission, die wie eine diplomatische Vertretung als exterritorial gilt, war Fülle vor dem Zugriff deutscher Polizisten geschützt.
Die Sowjets verwahrten ihren Gast so lange, bis ihnen die Luft rein schien (ein westdeutscher Abwehrmann). Am 30. Januar steckten sie Fülle in eine Holzkiste, in die sie einige Luftlöcher gebohrt hatten. Die Fuhre ging - mit einem Transporter der Militärmission - über die Grenzübergangsstelle Herleshausen nach Thüringen in ein sowjetisches Offiziersheim. Die Amtshilfe der Roten Armee für den MfS-Protegé halten Kölner Verfassungsschützer für ein Bubenstück von unglaublicher Dreistigkeit. Daß die Angehörigen der Militärmission vor allem für den sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU arbeiten, galt schon immer als ausgemacht; daß sie aber das Risiko eingingen, einen enttarnten Spion aus der Bundesrepublik in die DDR zu schleusen, verblüffte die Kölner Spezialisten.
Das muß, so ein Spionage-Experte, auf höchster Ebene entschieden worden sein, zwischen den Zentralen von KGB und MfS - ein Beweis dafür, wieviel der Agent seinen Ost-Berliner Auftraggebern wert war.
Als Fülle nach 450 Kilometern seinem unkommoden Versteck entstieg, empfing ihn ein MfS-Mann, der sich als Horst vorstellte - einer von zwei Stasi-Beamten, die, Betreuer und Bewacher in einem, dem Heimkehrer fortan stets zur Seite standen.
Horst brachte Fülle nach Ost-Berlin, wo der Ex-Spion den zweiten Mann kennenlernte: Christian Streubel, Jahrgang 1935, stellvertretender Leiter der Abteilung 13 der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS. Die Spezialität des Referats 13, in dem auch Stiller als Sachbearbeiter unter Streubel gearbeitet hatte: Technologie-, Wissenschafts- und Industriespionage.
Über mangelnde Herzlichkeit und Gastfreundschaft konnte Fülle, MfS-Mitarbeiter seit 1963, nicht klagen: Die Genossen nahmen ihren Kundschafter auf wie einen Fußballspieler, der für die Lokalmannschaft im Pokal das entscheidende Tor geschossen hat. Man wollte, so Fülle, mir ein Leben voller Zufriedenheit bereiten.
In Klein-Machnow bei Berlin, am Jägerstieg 41 a, bekam er ein geräumiges Haus zugewiesen, das früher einmal, wie ihm seine Betreuer vergnügt mitteilten, der Familie des CDU-Abgeordneten Olaf von Wrangel gehört habe. Die Miete betrug 100 Mark - ein Klacks für Fülle, der vom MfS monatlich 1500 Mark bekam. Als Dreingabe erhielt er zwei Autos: einen 1600er Lada und einen in West-Berlin gekauften Fiat Mirafiori. So gut war Fülle alsbald bei Kasse, daß er sich für 9500 Mark ein Motorboot kaufte.
Auch an gesellschaftlichen und staatlichen Ehrungen fehlte es nicht. Das MfS arrangierte für alle von Stiller enttarnten Agenten, die sich rechtzeitig in die DDR hatten absetzen können, einen prunkvollen Empfang. Auf der Liste der Redner, die den Heimgekommenen ihren Dank ausdrückten: Stasi-Minister Erich Mielke und der legendäre Spionage-Chef Markus Wolf, Generaloberst, Vizeminister und Chef der Hauptverwaltung Aufklärung.
Fülle bekam den Vaterländischen Verdienstorden in Gold und, als Zeichen besonderer Wertschätzung, einen Ehrenplatz: Bitte, Herr Fülle, so der Minister Mielke, nehmen Sie doch neben mir Platz.
An der Universität Leipzig begann der Bilanzbuchhalter im Fernstudium Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Es ging flott voran: Schon für diesen Herbst war das Examen geplant, danach sollte er seinen Doktor machen. Um dem Kandidaten mißliche Überraschungen zu ersparen, beschaffte das MfS - eine kleine Aufmerksamkeit unter Kollegen - die Fragen für die mündliche Prüfung im Voraus.
Als Vortragsreisender und Herzeige-Agent des MfS fuhr Fülle nebenbei kreuz und quer durch die DDR. Mal sprach er vor Studenten über den Opportunismus der Arbeiterklasse in der BRD, mal teilte er angehenden Agenten, die für einen Einsatz in der Bundesrepublik vorgesehen waren, praktische Erfahrungen mit.
Vor Botschaftern und Botschaftsräten der DDR im westlichen Ausland referierte er derart packend über das Leben eines Kundschafters im Operationsgebiet, daß Ewald Moldt, Chef der Bonner DDR-Vertretung, spontan gratulierte: Das war ungeheuer interessant, sehr lehrreich. Aber, so Moldt fachmännisch, in anderen Ländern, etwa in Japan, herrschten ja wohl andere, meist schwierigere Bedingungen.
Mit seinem Aufpasser Streubel kam Fülle, ein kontaktfreudiger Typ und Kneipenmensch, glänzend zurecht. Vertrauensselig berichtete der Offizier über Familiäres und Berufliches - was ihm jetzt, so Bonner Experten, vermutlich die Karriere ruinieren wird.
Denn in Fülle setzte sich schon nach dem ersten DDR-Jahr die Überzeugung fest, daß seine Probleme durch die Flucht nicht gelöst seien. Spion aus Abenteuerlust eher denn aus Überzeugung oder Geldgier, fühlte er sich im engen Netz von Regeln, Vorschriften und Konventionen, die ihm das Leben eines pensionierten DDR-Agenten auferlegte, zunehmend unwohl. Hinzu kamen familiäre Probleme: Obwohl das MfS drängte, zeigten Frau und Tochter geringe Neigung, nach Ost-Berlin überzusiedeln.
Bei seinen alten West-Kollegen fand Fülle wenig Trost. Die meisten, so der Agent, lebten in wachsender psychischer Vereinsamung, mit dem nicht mehr zu verdrängenden Gefühl eines verpfuschten Lebens. Fülle: Denen kommen die Tränen, wenn sie das Westfernsehen einschalten. Der Physiker Johannes Koppe etwa, bis zu seiner Enttarnung 1979 bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken beschäftigt, halte das DDR-Leben nur mit täglich einer Flasche Schnaps aus.
Zu Beginn des Jahres 1980 entschloß Fülle sich, in die Bundesrepublik zurückzukommen. Über Mittelsmänner und nachrichtendienstliche Kanäle nahm der Agent, an seinen genarrten MfS-Aufpassern vorbei, Kontakt zum Kölner Verfassungsschutz auf. Wenn man ihm helfe, so sein Angebot, sei er bereit, erneut die Seite zu wechseln. Lieber mochte Fülle im Westen einige Jahre ins Gefängnis gehen, als den Rest seines Lebens im Ost-Getto zu verbringen.
Die Kölner hatten es nicht eilig, ihren Mann zurückzuholen. Wir wollten, so ein Abwehrmann, seinen Aufenthalt noch etwas ausnutzen. Anderthalb Jahre habe Fülle, längst mehr Opfer denn Akteur im Spiel der Geheimdienste, fleißig Material geliefert: Beobachtungen über das Verhalten von MfS-Offizieren, Angaben über Ausbildungszentren, Namen und Adressen.
Jetzt aber konnte Fülle nicht länger auf Posten bleiben. Am Donnerstag dieser Woche, so wollte es der Staatssicherheitsdienst, sollte Fülles Familie in die DDR umziehen. In der Nacht vom 5. auf den 6. September ließ sich der Ost-West-Agent in den Westen schleusen.
Den Vaterländischen Verdienstorden in Gold ließ Fülle zurück - in der Mülltonne seines Hauses in Klein-Machnow, sagt er.
Soweit die damalige westliche Sicht auf die deutsch-deutschen Auseinandersetzungen der Geheimdienst und die Rolle des Glatteisagenten darin.
Drei Jahre später setzte der SPIEGEL seine Berichterstattung zu Fülle fort diesmal aus dem Gerichtssaal. Unter der Rubrik Spionage und unter der Überschrift Tätige Reue. In dieser Woche beginnt vor dem OLG Stuttgart der Prozeß gegen einen Doppelagenten, der in die DDR und zurück flüchtete.
war in der Ausgabe 2/1984 vom 8. Januar 1984 zu lesen:
Der Opel des Bundeskriminalamts stoppte vor dem Untersuchungsgefängnis in Karlsruhe. Ein BKA-Beamter stieg aus, rutschte auf Glatteis, stürzte und ruderte hilflos auf dem Pflaster.
Der ungefesselte Häftling im Fond des Polizei-Pkw, den er bewachen sollte, nutzte die Gunst des Augenblicks. Er stieg ebenfalls aus, faßte besser Tritt und machte sich davon - in die DDR.
Das war im Januar 1979. Jetzt, fünf Jahre danach, muß sich der damalige Untersuchungshäftling und heutige Angeklagte Reiner Paul Fülle, 45, wegen Spionage ("geheimdienstliche Agententätigkeit") vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart verantworten. Mögliche Höchststrafe: zehn Jahre.
Von Dienstag dieser Woche an wird vor dem 4. OLG-Strafsenat der gewundene Lebenslauf eines Spions aufgearbeitet, dessen Fall juristisch von besonderem Belang ist. Die Richter müssen darüber entscheiden, ob und in welchem Umfang Fülles freiwillige Rückkehr aus der DDR und die Preisgabe seines Wissens als tätige Reue strafmildernd berücksichtigt werden können.
Vom Stuttgarter Urteil dürfte nach Einschätzung von Verteidigern und Verfassungsschützern abhängen, ob noch andere enttarnte und in die DDR geflüchtete Agenten ansehnlichen Kalibers einen Frontwechsel und Rückreise in den Westen erwägen. Jeder Heimkehrer, so ein Beamter des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) in Köln, wäre immer noch ein Gewinn für uns.
Fülle, der aus Zwickau in der DDR stammt, war nach dem spektakulären Übertritt des Stasi-Oberleutnants Werner Stiller im Januar 1979 zusammen mit gut einem Dutzend Wissenschaftlern und Technikern aufgeflogen. Als Bilanzbuchhalter der Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen beim Kernforschungszentrum in Karlsruhe soll Fülle, von Stiller als Top-Mann klassifiziert, laut Anklage seit 1964 für die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) spioniert haben.
Die Anklageschrift des Generalbundesanwalts nennt rund hundert konspirative Treffs in der Bundesrepublik, der Schweiz und der DDR, bei denen Fülle seinen Auftraggebern Informationen über Personen, Firmen, Institute und Behörden übermittelt habe. Seit 1968 stand Fülle auch in Funkverbindung mit seiner Führungsstelle in Ost-Berlin.
Vom westdeutschen Verfassungsschutz wird Fülle zu jenem Tausenderheer von qualifizierten Inoffiziellen Mitarbeitern des DDR-Staatssicherheitsdienstes gezählt, die dem Arbeiter-und-Bauern-Staat jährlich rund 300 Millionen Mark an Forschungs- und Entwicklungskosten sparen helfen.
Ein besonders schwerer Fall von Agententätigkeit, wie bei Fülle unterstellt, liegt nach Strafgesetzbuch-Paragraph 99 dann vor, wenn Erkenntnisse weitergegeben werden, die geheimhaltungsbedürftig waren und wenn der Täter eine verantwortliche Stellung mißbrauchte oder wenn er durch die Tat die Gefahr eines schweren Nachteils für die Bundesrepublik herbeiführte.
Aber auch für diese Tatbestände kann tätige Reue dann angenommen werden, wenn ein Täter sein strafbares Verhalten freiwillig aufgegeben und sein Wissen einer Dienststelle offenbart hat - eine Vergünstigung, auf die Fülle spekulieren kann, auch wenn die Umkehr auf sich warten ließ.
Im Januar 1979 hatte sich der ortskundige entwichene Untersuchungshäftling zunächst in der Karlsruher Kunsthalle verborgen, sich dann als DDR-Agent auf der Flucht der Sowjetischen Militärmission in Baden-Baden offenbart, wohin er unbehelligt reisen konnte.
Acht Tage wurde Fülle im Keller der Sowjet-Dependance verwahrt, dann in eine Holzkiste mit Luftlöchern gesteckt und mit einem Transporter der Roten Armee über die deutsch-deutsche Grenze geschafft - für Kölner Verfassungsschützer ein Stück von unglaublicher Dreistigkeit.
In Ost-Berlin wurde Fülle von jener HVA-Abteilung 13 übernommen, für die er früher als Zuträger von Stiller gearbeitet hatte. Auftrag: Ausforschung und Beschaffung von Informationen und Unterlagen aus Wissenschaft, Industrie und Technologie im Westen.
Fülle wurde drüben dekoriert und gefeiert, er bezog ein Haus in Klein-Machnow bei Berlin, konnte sich zwei Autos und ein Motorboot leisten - aber Ehefrau und Tochter blieben im Westen.
Bald fühlte sich der gesellige Fülle, einst unter Karlsruher Kollegen als Kneipentyp geschätzt, im Korsett von Geheimdienst-Spielregeln und DDR-Konventionen eingeengt. Auch bedrückte ihn, wie er später schilderte, das psychische Elend vieler westlicher Ex-Agenten, die sich - enttarnt oder auch schon verurteilt - in den Staat ihrer Auftraggeber abgesetzt hatten und dort trotz Privilegien isoliert blieben.
Anfang 1980 nahm Fülle Kontakt zum Kölner BfV auf und erbot sich seinen einstigen Verfolgern zu neuerlichem Seitenwechsel. Der Verfassungsschutz akzeptierte, wollte aber zunächst seinerseits Fülle ausnützen.
Rund eineinhalb Jahre lang lieferte Fülle nun fleißig Material über Technik und Training von DDR-Agenten, über Arbeitsweise und Lebensumstände hoher Stasi-Funktionäre. Immerhin kannte Fülle inzwischen den HVA-Chef, Generaloberst Markus Wolf, wie auch dessen mutmaßlichen Nachfolger im Amt des Spionagechefs, General Horst Vogel, persönlich.
In der Anklage ist aber auch festgehalten, Fülle habe gleichzeitig noch bis Herbst 1980 dem MfS Erkenntnisse und Erfahrungen aus seiner früher in der Bundesrepublik ausgeübten geheimdienstlichen Tätigkeit vermittelt - beide Seiten profitierten von Fülle, Schulbeispiel eines Doppelagenten.
Als das MfS Fülle energisch drängte, seine Familie nachzuholen, ließ er sich in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1981 zurückholen - eine Aktion, deren Details von Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst und Anklageschrift verschwiegen werden.
Und da alle guten Dinge bekanntlich drei sein sollen, soll hier ein drittes und zugleich letztes Mal das Hamburger Nachrichtenmagazin zu Wort kommen und zwar zum Thema Werner Stiller, der Überläufer, Held oder Verräter ganz nach Perspektive. Noch eine leicht spöttische Anmerkung: Bei dem im folgenden Text erwähnten weltläufigen, kultivierten Volvo244-GLS-Fahrer und Sohn eines schwäbischen Bühnenschriftstellers handelt es sich um Markus Wolf, und mit dem schwäbischen Bühnenschriftsteller ist offenbar der Arzt und Kommunist, Schriftsteller und Dramatiker Friedrich Wolf (1888 bis 1953) gemeint.
In seiner Ausgabe 10/1979 vom 4. März berichtete der SPIEGEL unter der Überschrift DDR-Spionage: Das läßt die mächtig wackeln:
Das Schwarzweiß-Photo zeigt, auf den ersten Blick, eine alltägliche Straßenszene in Stockholm. Unter einer Linde spaziert ein sportlicher Mittfünfziger mit Sonnenbrille; neben ihm eine Begleiterin.
Für westliche Geheimdienstler ist das eine Sensation. Denn das Photo, aufgenommen mit einem Teleobjektiv, zeigt in voller Größe die mysteriöseste Figur der europäischen Geheimdienst-Szene: den DDR-Spionagechef Markus Johannes Wolf, 56, Generalleutnant, Vizeminister und Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS).
Zwei Jahrzehnte lang hatte es der Geheimdienstler zu verhindern gewußt, daß aktuelle Photos von ihm publiziert wurden, fast ebenso lange wie sein ebenso legendärer einstiger Gegenspieler General Gehlen. Vom Präsidenten des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) kursierte bis 1972 ein und dieselbe betagte Aufnahme, die ihn mit schwarzem Hut und dunkler Brille zeigt.
Daß der Agentenchef der DDR sein Gesicht just jetzt verlor, hat Symbolcharakter. Denn zur selben Zeit, als es gelang, Wolf auf dem Stockholm-Photo zu entdecken, fiel grelles Licht auch auf den gigantischen HVA-Apparat, den er seit Anfang der fünfziger Jahre dirigiert und dessen operative Handschrift Geheimdienstlern in Ost und West seit je Bewunderung abnötigt.
Derlei doppelte Erhellung verdanken Bonns Dienste dem seit Jahrzehnten gewichtigsten Überläufer aus Ost-Berlin, dem im Januar in den Westen übergesiedelten MIS-Oberleutnant Werner Stiller, 31. Er identifizierte nicht nur den Mann auf dem Stockholm-Bild, sondern offenbarte der Spionageabwehr im Kölner Bundesamt für Verlassungsschutz (BfV) und der Gegenspionage im Pullacher BND eine Fülle geheimer Fakten aus jenem grauen Gebäudekomplex - 16 Bauten auf vier Hektar, das Haupthaus 13 Etagen hoch - in der Ost-Berliner Normannenstraße 21-22, in dem laut DDR-Spott der VEB Horch und Greif residiert.
Fast nackt, schwärmen Stiller-Vernehmer, biete sich nun die MfS-Infrastruktur dar. Weithin enttarnt sei die Arbeitsweise des gefürchteten Stasi (Volksmund Ost), der im Innern des Landes mit knapp 30 000 hauptamtlichen und rund hunderttausend Inoffiziellen Mitarbeitern siebzehn Millionen DDR-Bürger kontrolliert und dessen rund 3000 Kundschafter in Westdeutschland Industriekonzerne und Militärdienststellen ebenso zu penetrieren vermochten wie Parteizentralen und - bisheriges Meisterstück - das Bonner Kanzleramt.
Selbst der DDR-Bevölkerung scheint die HVA nicht allein Furcht einzuflößen. Mittlerweile habe sich aufgrund der Erfolge der Wolfschen Kundschafter im Ausland bei manchem Ostdeutschen, wie die Zürcher Weltwoche jüngst notierte, ein gewisser Stolz breitgemacht: Umschreiben läßt sich die Stimmung mit einer Art Wettkampfatmosphäre, so nach dem Motto Wir haben nicht nur die besseren Sportler, sondern auch die besseren Agenten.
Exakt dies jedoch ist fraglich geworden, seit sich, nach Stillers Seitenwechsel, im Westen die Verhaftungen häufen. Und blamabel muten auch die - bislang unbekannten - Umstände an, die dazu führten, daß ausgerechnet das Spionage-As gegnerischen Diensten in die Stockholmer Photofalle lief.
Wolf habe, höhnt ein hoher Verfassungsschützer, entgegen allen Geheimdienst-Usancen und den eigenen Spielregeln zuwider gehandelt, als er im Juni letzten Jahres mit DDR-Diplomatenpaß über Finnland nach Schweden gereist sei. Neben einem Decknamen Kurt Werner hatte sich Wolf auch den Doktortitel zugelegt - was westliche Geheimdienstler erst veranlaßte, die offenbar bedeutende DDR-Persönlichkeit zu observieren.
Wolf nutzte eine dienstliche Reise, um seine dritte, 1977 geheiratete Ehefrau erstmals in den Westen auszuführen und um mit ihr Teile der Wohnungseinrichtung einzukaufen, auf Sightseeing-Tour zu gehen und einen Porno-Klub zu besuchen.
Das Paar logierte in einer konspirativen Wohnung, die vom Stasi-Residenten in der Stockholmer DDR-Botschaft eigens angemietet worden war. Mehrmals traf sich der Gast aus Ost-Berlin, so die Beschatter, mit dem - kürzlich festgenommenen, inzwischen gegen Kaution auf freien Fuß gesetzten - bayrischen SPD-Abgeordneten Friedrich Cremer (SPIEGEL 6/1979).
Letzte Zweifel über die wahre Identität des zunächst Unbekannten schwanden, als diverse Stockholm-Photos dem ehemaligen Wolf -Mitarbeiter Stiller vorgelegt wurden. Die Enthüllung versetzte die westdeutsche Abwehr, die jahrelang mit teils nur geringem Erfolg gegen die Invasion der Wolf-Agenten hatte angehen müssen, ebenso in Entzücken wie Stillers Aussage, deren gewaltiger Umfang gerühmt wird.
Dieser Werner Stiller war kein x-beliebiger, der aus der Kälte kam, vielmehr ein Arrivierter, ein guter Sohn der DDR. Der Diplomphysiker war unter den Höherrangigen als dynamischer Mann der neuen Generation sowie als uneingeschränkt abgecheckt und zuverlässig wohlgelitten - einer. der fast alles wissen durfte.
Dank proletarischer Abkunft und Naturwissenschaftsstudium war der als scharfsinnig und cool eingeschätzte Sachse schon mit 31 zur Technokratenelite durchgestiegen. Bürgerliches Zuhause mit Weib und Kind sowie eine glänzende Kaderakte vervollständigten das Bild vom Musteraufsteiger in der sozialistischen Menschengemeinschaft.
Erwiesene Linientreue und sehr solide psychische Struktur hatten ihn beim MfS für höhere Aufgaben empfohlen. Nach Behördenrang war Oberleutnant Stiller zwar nur Sachbearbeiter, doch in der SED-Gliederung am Arbeitsplatz immerhin Erster Sekretär, was in der Funktionärshierarchie allemal weit mehr Einfluß garantiert als der berufliche Rang. Dadurch saß Stiller mitten im Kader, und, wichtiger noch, mitten unter den HVA-Chefs: Er nahm an den Leitungsbesprechungen teil, mit den dienstlichen und Parteiführungskräften vom Referatsleiter und SED-Sekretär aufwärts.
Privilegiert war er auch noch im Abgang: Schwerbepackt mit Koffer und Aktentasche, betrat er am 18. Januar, kurz vor Mitternacht, den S-Bahnhof Friedrichstraße durch das Hintertürchen für amtliche Insider; Nur S-Bahner und Leute vom Stasi dürfen durch diesen schleusenartigen Gang, hinter dem sich ein fensterloser Polizeiraum befindet; keine Visitation, keine der üblichen Grenzkontrollen.
Die Papiere werden hier mehr routinemäßig vorgezeigt, und daß im Ausreisedokument eine am 1. Januar 1979 neu eingeführte Eintragung fehlte, konnte jedenfalls einen Stiller nicht stoppen. Der Reisende gab sich ganz beiläufig, pochte zugleich auf seinen dienstlichen Auftrag, Gepäck für einen anderen Abholer auszulagern, und durfte passieren. Am Bahnhof Zoo stieg er in die U-Bahn bis zur Station Reinickendorf. Stiller verließ West-Berlin mit einer amerikanischen Kuriermaschine in Richtung Bundesrepublik.
Hausklatsch über die Tochter des Stasi-Ministers.
Was der Mann mit den Koffern dort, in der Pullacher BND-Zentrale, auftischte, brachte die ost-westliche Geheimdienstszene in Bewegung. Stiller zog unzählige Mikrofilme hervor, Kopien kompletter MfS-Akten, Stapel von Notizen, Kleinstbildphotos, Papiere, Listen und Register. Uns gingen immer wieder die Augen über, summierte ein deutscher Spionageexperte das Mitgebrachte; es füllt, obwohl erst in Ansätzen analysiert, schon meterweise Aktenordner.
Den Stiller-Aussagen entnahmen die westdeutschen Experten mit Genugtuung neue Einsichten in
Stiller brachte Honorarlisten und Dossiers, vermittelte aber auch Informationen über den Positionskampf der SED im mächtigen Ministerium für Staatssicherheit unter Erich Mielke. Die Ungewißheit, was Stiller sonst noch gebracht haben mag, ließ überall im Westen, besonders in der Bundesrepublik, DDR-Agenten in Scharen und panikartig abtauchen oder das Feld räumen. Viele, die nicht mehr flitzen konnten, sitzen nun - in der Bundesrepublik wurden mit Stillers Hilfe bis Ende letzter Woche 13 mutmaßliche Kundschafter Ost-Berlins eingebuchtet.
Dank Stillers akribischer Berichte können sich Pullachs Experten nun sogar am MfS-Hausklatsch ergötzen. Zum Beispiel darüber, wie das MfS bei hausinternen Parteiwahlen das Wahllokal so arrangiert, daß kein Kandidat unbemerkt von der Liste gestrichen werden kann und so die Liste hundertprozentig durchkommt. Die Folge: Beschwerden der MfS-Belegschaft über fehlende parteiinterne Demokratie.
Von Mielke selbst präsentierte Ex-Mitarbeiter Stiller eine streng geheime Brandrede, in welcher der Stasi-Minister das Bestehen einer feindseligen Opposition in der Bevölkerung einräumt (SPIEGEL 9/1979) und, noch enthüllender, widersetzlichen Elementen die volle Härte unserer Macht in Aussicht stellt. Zugleich aber scheut sich Mielkes Tugendpolizei nicht, dem Chef zuliebe Kaderakten so zu schönen, daß der Freund der 31jährigen Mielke-Tochter Kerstin nun korrekte proletarische Papiere vorweisen kann.
Dem Chef Wolf attestiert das Stiller-Paket Familienwirtschaft. Die West-Einkäufe, mit denen der Chef das häusliche Leben ausstaffiert, seien HVA-Gespräch; vermerkt werde auch, wie Markus Wolf seinen Bruder Konrad protegiert: Der renommierte Defa-Regisseur, Präsident der DDR-Akademie der Künste, sah sich wegen seiner Kontakte zum verfemten Sänger Wolf Biermann amtlich abgestempelt und bedroht (Zum Wahrnehmen öffentlicher Funktionen in unserer Gesellschaft nicht mehr geeignet). Nur des Bruders Bürgschaft bewahrte den Filmmann vor dem Verdammungsgeschick anderer Biermann-Freunde unter den DDR-Intellektuellen.
Insider Stiller verblüfft westdeutsche Spionageabwehrleute durch sein phänomenales Gedächtnis. Freilich speichert er darin seit langem auch speziell, was den Westen interessieren könnte - seit Jahren arbeitet der MfS-Offizier mit dem Bundesnachrichtendienst zusammen. Wann er kommen, wie lange er aushalten sollte, überließen die BND-Leute unter ihrem neuen Chef Klaus Kinkel dem Risikogespür des Ost-Berliners.
In seiner Dienststelle wußte Stiller hinter der Fassade des coolen Profis und kontaktfreudigen Kollegen seine Abwendung vom System zu verbergen. Schon bei der CSSR-Besetzung durch Truppen des Warschauer Pakts, unter DDR-Beteiligung, hatte Stillers Loyalität gelitten. Fälle wie der Bahros und Nico Hübners. die Einschüchterungen kritischer Parteibürger nach dem Motto Fragen fragen ist immer verdächtig, gingen ihm an die Nerven, wie er seinen BND-Vernehmern offenbarte.
Auch private Probleme tauchten auf. Persönlichen Rückhalt gibt das Betriebsklima des MfS nicht, es wirkt viel eher mit Dirigismus und Repression ins Privatleben seiner Bediensteten hinein. Solcher Geheimdienstkodex, gemischt mit verklemmten Moralvorstellungen, dürfte das Auseinanderdriften von Amt und Offizier beschleunigt haben.
Kritisch für ihn hätte es vor einiger Zeit werden können, als im MfS ein Mann vom BND aufflog. Die Quelle arbeitete zwar nicht im gleichen MfS-Bereich, aber mit deutlichem personellem Bezug zu Stiller (der im MfS-Auftrag gelegentlich in die Bundesrepublik fuhr). Diesen roten Faden übersahen die Rechercheure aber, weil ihnen offenbar der Blick für die Zuordnung fehlte.
So konnte die Quelle S. ihre Sammlung vervollständigen. Zustatten kam dem qualifizierten Jungoffizier dabei der hohe Kredit, den er bei Kollegen und Vorgesetzten genoß, aber auch Schlamperei im Sicherheitsbereich des Amtes. Noch kurz vor seinem Abgang holte sich Stiller Gewichtiges aus einem nur mangelhaft gesicherten Blechschrank. Weil der Schrank aus schlechtem Material und schlecht montiert war (Stiller), gingen die Türen schon auf, als der Interessent das Möbel anhob und verkantete. Heraus fielen Listen mit den Namen von MfS-Agenten im Westen.
Licht fällt nun auch auf eine bewährte Kaderschule des MfS, die schon Scharen von Agenten hervorgebracht hat: das Heer der Inoffiziellen Mitarbeiter. Stiller selbst hat diese Nachwuchsschulung durchgemacht - als nebenberuflicher Stasi-Mitarbeiter während der Überprüfung und Ausbildung in der Physikalischen Gesellschaft der DDR.
Inoffizielle Mitarbeiter (IM) sind in der DDR privilegiert. Ärgernisse wegen mißverständlicher Äußerungen werden ihnen erspart, Hindernisse der wissenschaftlichen Karriere weggeräumt, Prüfungsnoten notfalls auch mal geschönt. Kleinen Verpflichtungen im Inland folgen lukrative Kongreßteilnahmen im Westen, Probeeinsätze sollen die Zuarbeiter auf operative Begabung testen.
Danach dürfte künftig bei westlichen Fachveranstaltungen den DDR-Teilnehmern gesteigerte Aufmerksamkeit zuteil werden. Denn Stiller hat unter anderen auch einen hochangesehenen Wissenschaftler wie den Vorsitzenden der Physikergesellschaft, Robert Rompe, als prominenten IM bloßgestellt.
Solche Enthüllungen sind für die DDR um so gravierender, als der Sektor Aufklärung bei Wissenschaft, Technik und Industrie immer mehr Gewicht bekommen hat. Denn das machen die Stiller-Aussagen insbesondere deutlich: Die Technologiespionage, derer sieh vier der 20 Abteilungen der HVA widmen, hat hohe Priorität bekommen. Das Interesse gilt vor allem Bereichen, wo die DDR auf internationalen Anschluß erpicht ist, so der Kerntechnik oder Mikroelektronik, und allen Versuchen, vom Erdöl wegzukommen (Verfassungsschutz). Aber auch auf Energieplanung, Firmenverflechtungen oder Auslandsbeziehungen sind die Stasi-Sozialisten neugierig.
Die holen, was sie können, mutmaßt Heribert Hellenbroich, Chef der Spionageabwehr-Abteilung im Bundesamt für Verfassungsschutz, was irgendwann einmal interessant sein könnte. Und die Bandbreite der von Wolfs Konfidenten angezapften Bereiche ist denn auch verblüffend.
Der verdächtigte Atomphysiker Rolf Dobbertin, 45, in Paris festgenommen, war 15 Jahre beim französischen Nationalen Rat für Wissenschaftliche Forschung, seit Ende 1977 in einer Filiale des Europäischen Kernforschungszentrums CERN in Genf tätig.
Der Maschinenbau-Ingenieur Günter Sänger, 32, soll bei Siemens seit 1971 im Bereich der Elektronik spioniert haben; gewissermaßen als Hobby, so der Vorwurf, photographierte er nebenbei Brücken und Bahnhöfe und gab auch schriftlich Bericht über die Kennzeichen von Militärfahrzeugen.
Der Betriebswirt Reiner Paul Fülle, 40, firmierte offiziell als Bilanzbuchhalter der Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen beim Kernforschungszentrum in Karlsruhe - für Stiller, der ihn regelmäßig traf, ein Top-Mann. Bei wiederholten Treffen soll er Informationen über Firmeninterna und Führungspersonal gegeben haben.
Fülle gilt als ungemein geselliger und kontaktfreudiger Typ, ein Kneipenmensch, der sich überall Zugang zu verschaffen wußte, dreist noch dazu, und Stiller sagt, nur einer Figur wie Fülle konnte auf diese Weise die Flucht gelingen - Fülle entsprang geistesgegenwärtig, als sein BKA-Begleiter auf Glatteis ausrutschte.
Stichwortgeber und Verbindungsmänner könnten auch Karl-Heinz Glocke, 44, und Johannes Koppe, 47, beide in der Stromversorgungsbranche, gewesen sein. Physiker Koppe von den Hamburgischen Electrizitäts-Werken (HEW) machte sich als PR-Mann und publizierender Atomkraftbefürworter (6 Fragen - 66 Antworten zum besseren Verständnis der Kernenergie) verdient, Glocke war Sachbearbeiter in der Personalabteilung der Essener RWE. Dort könnte man, so glauben Verfassungsschützer, leicht ausbaldowern, ob jemand in finanziellen Schwierigkeiten ist, eine Freundin oder andere Schwachpunkte hat. Stiller nennt Koppe und Glocke Topagenten.
Als Kontaktpfleger für das MfS böte sich auch ein Mann wie Francois Lachenal an, Berater und PR-Mitarbeiter beim Pharma-Werk Boehringer Ingelheim. Lachenal, 60, der auf vielen Tagungen, auch im Ostblock, Wissenschaftlerbeziehungen pflegte und 1978 in Ingelheim Polnische Wochen aufzog, soll jahrelang MfS-Mann gewesen sein. Personen wie Lachenal gelten als ideale Anlaufstelle für Geheimdienstier in Fragen WKW, Branchenkürzel für Wer kennt wen?
Senior der mutmaßlichen Spione wäre der Göttinger Professor Karl Hauffe, 65, Spezialist für Physikalische Chemie. Er soll seit 1961 spioniert und beraten haben, zuerst im Dienst des KGB, dann des MfS. Hauffe kam 1953 als Flüchtling in den Westen. Zunächst war er bei der Max-Planck-Gesellschaft für Eisenforschung, dann am Zentralinstitut für Industrielle Forschung in Oslo. 1956 wurde er Professor in Göttingen, im April 1978 ging er in Pension; er lehrte aber weiterhin am Institut für Physikalische Chemie.
Auch beim Luftfahrtunternehmen MBB wurde durch Stiller ein mutmaßlicher MfS-Mann ausgemacht - Alfred Bahr, 58, seit zehn Jahren in der Raumfahrtabteilung und kenntnisreich in der Produktion von Sonnenzellen-Auslegern, die für Satelliten benötigt werden. Bahr war zuletzt am europäischen Satelliten Exosat beschäftigt.
Wie den Atomfachleuten Koppe und Fülle gelang noch zwei weiteren Verdächtigen aus dem Kernkraftbereich die Flucht. Beide arbeiteten bei einer Tochter der KWU (Kraftwerk Union), die für Siemens im In- und Ausland den Kraftwerkbau betreibt.
Abgängig ist dort der 44jährige Diplomphysiker Klaus Schmidt, der den Bereich Experimentelle Forschung und Entwicklung geleitet hat. Abgesetzt hat sich auch der Interatom-Techniker Horst Katzmann, 46, aus der Konstruktionsabteilung für Kernreaktoren vom Typ Schneller Brüter. Schmidt und Katzmann kennen beispielsweise die gesamte Planungsarbeit des Brüterprojekts Kalkar.
Aber was kann der Stasi in der DDR mit alledem anfangen? Alles, so lächerlich es klingt, alles kann interessant für die sein, urteilt Richard Meier, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Eine von einem Überläufer mitgebrachte Spionageanleitung aus Ost-Berlin lautet schlicht: Es ist alles zu erkunden, was bei dem Gegner vor sich geht.
Ausspähungsziel können ganz globale Forschungsübersichten sein, etwa zum Stand der westdeutschen Reaktorentwicklung, aber auch Spezialwissen, etwa darüber, wie die Westdeutschen die Brennelemente in ihren Kugelhaufenreaktoren anordnen.
Daß Ost-Berlins Technologieschnüffler querbeet operieren, ohne erkennbaren Schwerpunkt, erschwert den Ansatz der Fahnder und die Absicherungsstrategie der Wirtschaft gleichermaßen. Als Antrieb für den Spionageeifer erschließt sich weithin nur das übergroße Mißtrauen eines totalitären Regimes, wie etwa die von den Spitzenverbänden eingerichtete Arbeitsgemeinschaft für die Sicherheit der Wirtschaft vermutet.
Ergiebig war auch immer noch die Stasi-Schiene, auf der Perspektiv-Agenten in einflußreiche Zonen ziehen - auch bei Industrie und Wissenschaft. Denn aus diesem Bereich werden zunehmend Spitzenleute für politische Schaltstellen rekrutiert. Geduld, sagen Staatsschützer, sei da das beherrschende Operationsprinzip.
Der Späherfolg in der westdeutschen Wirtschaft ist leicht zu erzielen, da die hartnäckigen wie geduldigen Bemühungen, DDR-Agenten in die Nähe der Entscheidungszentren heranwachsen zu lassen, dem Blick westdeutscher Aufpasser meist entgehen. Vor Ort geht dann die Agentenarbeit um so unkomplizierter von der Hand, da die Geheimhaltung oft erst beim halbwegs fertigen Produkt beginnt; die Spionage, so klagt der Kölner Abwehrchef Hellenbroich, beginne schon am Reißbrett der Zulieferer und nicht erst in der Waffenschmiede oder im Kernkraftwerk.
Die Kontaktanbahnung zwischen MfS und Zuträgern verläuft in der Regel unproblematisch. Auf internationalen Kongressen, bei Kooperationsverhandlungen oder auch nur zu Besuch im Kollegenheim werden Kandidaten getestet; schon im Vorfeld ermittelt der Talentsucher vom MfS, wie arglos und gesprächsbereit der westliche Partner ist.
Auf diese Weise spart der Osten Millionen.
Noch weniger spektakulär zapft hinfort der neugewonnene Kontaktmann seine Quellen. Faktenbeschaffung läuft auf der Ebene von Kantinengespräch, Zeitschriftenlektüre, Sachdiskussion. Ein Blick in Firmenunterlagen dann und wann wird nicht weiter auffallen, Blaupausen gehen im täglichen Routinestapel mit über den Kopierer - nur im geringsten beruht Ost-Berliner Klarsicht auf Konspiration.
So sind auch die Aufklärer mit Justizmitteln oft nur schwer zu fassen. Die Landesverratsbestimmungen des Strafrechts stellen auf die Übermittlung von Staatsgeheimnissen ab - der MfS-Spion jedoch hilft vielfach nur dem im Westen unumstrittenen Erfahrungsaustausch von Technikern und Wissenschaftlern nach. Staatssekretär Manfred Schüler aus dem Bundeskanzleramt: Man muß überlegen, ob hier der Strafrechtsschutz ausreicht.
Bei Forschungseinrichtungen und Spitzenindustrie ist freilich umstritten, wie wertvoll die vom Osten abgezapften Informationen sein können, und vor allem: ob solche Erkenntnisse den pompösen Beschaffungsapparat des MfS rechtfertigen. Horst Wagner von der Frankfurter Degussa rezitiert spöttisch Rilkes Stunden-Buch: Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, / geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister / und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.
Als kürzlich nach dem Verschwinden des mutmaßlichen DDR-Spions Fülle in Karlsruhe ein Status-Seminar Schneller Brüter mit 500 Experten stattfand, fragte ein anwesender SPIEGEL-Redakteur den Chef der Hanauer Kernbrennstoff-Firma Nukem, Peter Jelinek-Fink, wie viele Agenten er wohl noch im Saal vermute. Antwort: Und wenn. Die sollen gut aufpassen. Ist doch alles bekannt. Kanzleramtschef Manfred Schüler: Ich glaube nicht, daß unserer Wirtschaft auf breiter Front großer Schaden entsteht, im Einzelfall kann er allerdings erheblich sein.
Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst vermuten zwar, daß die Wirtschaft nun, nach den Festnahmen, das Gewicht der Enttarnten verharmlost und herunterspielt; im Einzelgespräch werde nämlich die Gefahr der Technologiespionage doch sehr deutlich gesehen und zugestanden.
Ähnlich pessimistisch sah es vor geraumer Zeit das Wirtschaftsministerium mit seinem der Industrie zugedachten Sicherheitsleitfaden Geheimnisjäger, Geheimnisträger: Ob Kraftfahrzeuge, physikalische Geräte, chemische Herstellungsverfahren oder Patente - die kommunistische Wirtschaft nutzt alle Erfahrungen des Westens rücksichtslos aus. Auf diese Weise spart sie Millionen.
Gravierende Dinge brauchen denen nicht eingeflüstert zu werden.
Gleichwohl sind wirtschaftliche. Direktprofite der DDR nicht ohne weiteres möglich:
* Westlich zugeschnittene Erzeugnisse und Verfahrensweisen kann die anders organisierte und meist rückständige Ostindustrie kaum in ihre Produktion einpassen.
* In besonders spionageträchtigen Zweigen, wie etwa Mikroelektronik, lassen hektische Innovationsschübe manchmal im Vierteljahresrhythmus, das frisch Erspähte im Nu veralten.
* Es gibt nur wenige industriell nutzbare Techniken, die nicht in internationaler Diskussion breit und eingehend erörtert werden, also als Spionageobjekt lohnten.
In wirklich nennenswertem Maße fließt dagegen das Know-how bei ganz legalen und oft noch staatlich geförderten Kooperationen Richtung Osten ab. Norbert Hammacher vom Wirtschafts-Sicherheitskreis: Das geht oft sehr weit ins Eingemachte.
Der fachliche Austausch in Ost-West-Richtung läuft auch bei der Forschung auf hohen Touren, westliche Grundlagenforschung hat reichlich offiziellen Ostbesuch. In Experimentieranlagen wie dem schweizerischen CERN zum Beispiel haben russische Physiker Bewegungsfreiheit.
Und auch in der industriellen Nutzung der Kernenergie dürfte es für die Östlichen wenig praktisch Verwertbares geben. Wie schon der mutmaßliche MfS-Mann Koppe von der HEW in einer Aufklärungsbroschüre verbreitete, betreibt die UdSSR seit dem Bau ihres weltersten Reaktors 1954 eigene Atomkraftsysteme.
Hans-Lothar Brandt, Sprecher des Stromversorgers und Atomenergie-Gewinnlers RWE: Es ist kein Geheimnis, daß der Ostblock den gleichen Wissensstand hat wie wir. Gravierende Dinge brauchen denen nicht eingeflüstert zu werden.
Planungssystem und Fertigungsmethoden des Ostens sind nach Ansicht bundesdeutscher Industrieller fast schon Garant dafür, daß West-Erkenntnisse nicht so schnell schadenstiftend einfließen können. Was der Osten beispielsweise auf dem Gebiet der elektronischen Datenverarbeitung vorzuweisen und zu vertreiben hat, sei, so Alexander Großmann von Siemens, mehrere Jahre hinter westlichen Standards zurück. Siemens: Die Elektronik veraltet so schnell. Neuheiten in der Bauelementetechnik sind in drei Jahren nicht mehr marktgängig.
So ist nach Firmenauskunft am Weltmarkt noch nichts Östliches aufgetaucht, von dem man sagen könnte, das riecht nach Siemens, das haben die bei uns abgekupfert. Und auch bei der Firma Degussa - Edelmetalle, Chemie, Farben, Pharma - ist bislang nichts abhanden gekommen.
Derlei Bewertungen freilich legen die Frage nach dem Sinn der Wolfschen Technologie-Spionage nahe: Wenn sich denn durch Ost-Berlins geheime Forschungs- und Industrierecherchen kaum jemand im Westen ernstlich geschädigt fühlt, wenn vieles ohnehin offen zu beschaffen ist - wie kann die Agenten-Beute dann der DDR von Nutzen sein?
Eine bündige Antwort hat BW-Chef Meier parat. Für ihn sind die kommunistischen Dienste schlicht Opfer ihrer Mentalität: Sie trauen den vorhandenen Veröffentlichungen nicht. Sie versuchen, alles und ständig durch eigene Agenten nachzuprüfen.
Tiefverwurzelter Argwohn bringt die MfS-Oberen dazu, sich keineswegs damit zu begnügen, nach Möglichkeit in jedwedem Institut, in jedem Spitzenunternehmen der Bonner Republik einen geheimen Informanten zu plazieren. Sitzt irgendwo ein Agent, wird vielmehr häufig versucht, ebendort, ohne dessen Wissen, auch noch einen zweiten einzusetzen - Kontrolle ist besser.
Zudem kann jeder Vertrauensmann in Produktions- oder Forschungsstätten - auch da, wo es gar nichts Geheimes zu holen gibt - dem MfS als Tipgeber behilflich sein, den Kreis der Mitarbeiter zu vergrößern: Hinweise auf politische Einstellung oder persönliche Verfehlungen von Bundesbürgern helfen Ost-Berlins Agentenwerbern, neue Quellen zum Sprudeln zu bringen.
Während der letzten Jahre haben sich denn auch die Arbeitsschwerpunkte des MfS verschoben. Die Bedeutung der HVA-Abteilung 5, die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Technik auswertet, stieg zusehends, ebenso der Arbeitsanfall in der 13., 14. und 15. Abteilung, die derlei Material zu beschaffen haben. Nach wie vor freilich rangiert die Technologiespionage, hinter der Polit- und Militär-Ausspähung, der Zahl der Arbeitsaufträge nach auf dem dritten Platz.
Mit zunehmendem Stellenwert der Wirtschafts- und Wissenschaftsinformationen hat ein neuer Typ von Nachrichtenleuten Einzug ins MfS gehalten, dessen Veteranen aus der Zeit des. Kalten Krieges völlig andere Formen konspirativer Arbeit gewohnt waren: In den fünfziger Jahren etwa zündeten MfS-Agenten Flugblatt-Raketen vor CDU-Parteitagsgebäuden oder betäubten und entführten westliche Gegenspieler.
HVA-Chef Wolf entsendet die von ihm geförderten, akademisch ausgebildeten Technologie-Experten nun in Staatskomitees für die Koordinierung wissenschaftlicher Forschung. In diesen Gremien prüfen die Nachrichtendienstler gemeinsam mit qualifizierten Wissenschaftlern, welche Innovationen zur Erfüllung der Volkswirtschaftspläne erforderlich sind, welche Erkenntnisse sich in Fachjournalen abschöpfen lassen, welche ausgespäht werden müssen.
Und da scheint eben doch ein, wenn auch begrenzter ökonomischer Nutzen solcher Spionage erkennbar: Die DDR-Wirtschaft, die das Erspähte nur ausnahmsweise direkt für die eigene Produktion einsetzen kann, ist über den jüngsten Stand der Technik informiert; und das erspart zumindest Fehlinvestitionen.
Die HVA-Abteilungen 13 bis 15 verstehen sich mithin als eine Art Dienstleistungsunternehmen für die DDR-Wirtschaft. Die Aufklärer lassen sich, wie Stiller den westdeutschen Abwehrexperten bestätigte, für diesen Service von der Industrie regelmäßig bezahlen - durchweg in Devisen, mit denen sie wiederum ihre Auslandsaktionen finanzieren.
Selbst wenn die Firmen nur zehn Prozent des Marktwertes für das von der HVA beschaffte Material aufbringen müßten, meint ein Kölner Verfassungsschützer, dann wäre das noch immer ein gutes Geschäft.
Als wertvoll gelten Informationen über alle Handelspartner im Westen. Wenn die unsere Auftragslage und die Kalkulationen kennen, weiß Norbert Hammacher vom DIHT-Arbeitskreis Sicherheit, drücken sie auf die Preise. Da haben die richtig kapitalistischen Grundsätze.
Für Erkenntnisse, die DDR-Manager und -Forscher mangels eigener Kapazitäten nicht selber verwenden können, finden sich allemal Interessenten in anderen Comecon-Ländern, insbesondere in der UdSSR. Stiller brachte Dokumente mit, die detailliert Aufschluß über derlei Lieferungen (und Gegenlieferungen) bieten, darunter ein in kyrillischen Lettern gedrucktes Papier über das Zentrum für Kernforschung in Karlsruhe, Moskau 1977, geheim gestempelt und nummeriert (539).
Viele der Geheimkontakte und der Geheiminformationen aus dem Westen helfen schließlich den MfS-Oberen, ihren innenpolitischen Einfluß zu vergrößern. Der im Stasi-Ministerium angesammelte Wissensschatz, folgern westdeutsche Analytiker aus Stillers Erzählungen, sei inzwischen derart umfangreich, daß die SED-Spitze das MfS als konkurrierenden Machtfaktor fürchte.
Verstärkt habe die Partei daher in jüngster Zeit versucht, die innere Struktur des Wolfschen Dunkeldienstes zu kontrollieren - mit Leuten, ausgerechnet, wie dem SED-Sekretär Stiller. Daß der Frontwechsel des Oberleutnants für das MfS die größte Schlappe seit der Enttarnung des Kanzierspions Günter Guillaume bedeutet, scheint denn auch eine angemessene Einschätzung westdeutscher Sicherheitsbeamter. Das hat die, frohlockt Kanzleramts-Staatssekretär Schüler, Geheimdienst-Koordinator der Bundesregierung, mächtig wackeln lassen.
Schiere Spekulation freilich, ob sich dadurch auch die Position des Stiller-Vorgesetzten Wolf destabilisieren lasse. Denn der Spionagechef, DDR-Aktivist der ersten Stunde, wurde wegen seiner Professionalität und seiner Linientreue von Ost-Berlins Regierenden ebenso geschätzt wie von den Sowjets. West-Kollegen über Wolf:
Ausgezeichneter Nachrichtenmann.
Der weltläufige, kultivierte Volvo244-GLS-Fahrer, Sohn eines schwäbischen Bühnenschriftstellers, hatte als Emigrant von 1934 bis 1945 Schulungsstätten in Moskau, in Alma Ata und im baschkirischen Kuschnarenkowo absolviert. Und schon bald nachdem er mit der Gruppe Ulbricht nach Berlin zurückgekehrt war, berichtete er als Sonderkorrespondent Mark F. Wolf über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß' fungierte er als sowjetischer Kontrolloffizier im Berliner Rundfunk, wo er unter dem Pseudonym Michael Storm politische Kommentare sprach.
Der Brillenträger, den Freunde seit jenen Tagen Mischa nennen, machte rasch Geheimdienst-Karriere: 1951 trat er in das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung ein, die Keimzelle des Auslandsnachrichtendienstes HVA' dessen Leitung er fünf Jahre später übernahm.
Seither bewies der ausgezeichnete Nachrichtenmann, wie es in einem Dossier westlicher Dienstmänner heißt, hervorragende Führungsqualitäten. Und daß sein Spitzenmann in Bonn, Kanzleramtsspion Guillaume, aufflog, machte letztlich nur klar, von welcher Qualität Wolfs Agenten sein können.
Gravierender für die Ost-Berliner Aufklärer war da schon, daß die westdeutsche Spionageabwehr, auch mit Hilfe der Computer-Fahndung, seit einigen Jahren den DDR-Agenten gleich dutzendweise auf die Spur kam. Und die Panne von Stockholm, die HVA-Chef Wolf sich höchstpersönlich leistete, deutet auf ein Gesetz der Serie zu seinem Nachteil hin.
Der Abgang des Stasi-Oberleutnants Stiller bringt ihm nun womöglich sogar Ärger mit den Freunden ein, wie der Sowjetgeheimdienst KGB im Jargon bei Mielkes heißt. Denn Stiller wartete auch mit KGB-Beständen auf.
Damit sind endgültig bei der Causa Werner Stiller angelangt. Aber das ist eigentlich schon eine andere Geschichte.
Erste Hilfe zu seiner Biografie und zu seiner spektakulären Flucht aus der DDR und dem Ministerium für Staatssicherheit bietet auch hier das Internet-Lexikon Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Stiller
In der Mitteldeutschen Zeitung war am 03.04.2017, 08:16 folgende Agenturmeldung online veröffentlicht worden:
DDR-Doppelagent Werner Stiller tot: Mit durchgeladener Pistole in den Westen geflohen
Werner Stiller war ab 1972 hauptamtlicher Mitarbeiter der DDR-Auslandsspionage und von 1978 an Doppelagent für den Bundesnachrichtendienst (BND).
Werner Stiller war ab 1972 hauptamtlicher Mitarbeiter der DDR-Auslandsspionage und von 1978 an Doppelagent für den Bundesnachrichtendienst (BND). Ch. Links Verlag GmbH
Berlin - Werner Stiller, der als Stasi-Überläufer zahlreiche DDR-Agenten im Westen enttarnte, ist tot. Stiller sei im Alter von 69 Jahren bereits am 20. Dezember 2016 in Budapest gestorben, teilte der Ch. Links Verlag unter Berufung auf seine Familie am Freitag in Berlin mit. Stiller war seit 1972 hauptamtlicher Mitarbeiter der DDR-Auslandsspionage und von 1978 als Doppelagent für den Bundesnachrichtendienst (BND). 1979 flüchtete er in die Bundesrepublik.
Werner Stiller nach seiner Flucht in den Westen zum Tode verurteilt
Den Passierschein habe er sich in einer Nacht-und-Nebelaktion im Ministerium für Staatssicherheit besorgt, berichtete Stiller später in einer TV-Dokumentation. Mit durchgeladener Pistole sei er über den Bahnhof Berlin-Friedrichstraße in den Westen geflohen. Er nahm dabei Unterlagen aus der Stasi-Zentrale mit. Dadurch erhielten der BND und der US-Geheimdienst CIA Einblicke in den DDR-Auslandsgeheimdienst. Zwei Jahre nach seiner Flucht wurde er von der DDR in Abwesenheit wegen Spionage und Fahnenflucht zum Tode verurteilt.
Aus Sicherheitsgründen siedelte Stiller 1981 in die USA über, wo er mit dem CIA zusammenarbeitete. In den USA absolvierte er ein Wirtschaftsstudium und war später in New York und London als Investmentbanker tätig. Seit Ende der 1990-er Jahre lebte Stiller als Privatinvestor in Budapest. 2010 veröffentlichte er seine Autobiografie Der Agent Mein Leben in drei Geheimdiensten. (dpa)
Bislang drei Auflagen erreichte Stillers erstmals 2012 im Chr. Links Verlag Berlin erschienene Autobiografie Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten, das dort derzeit noch als E-Book erhältlich ist.
Der Verlag schreibt dazu:
Es war die größte Niederlage des Ministeriums für Staatssicherheit: Im Januar 1979 wechselte Oberleutnant Werner Stiller die Seiten. Der Agentenführer von Markus Wolfs Auslandsspionage floh mit einem Koffer brisanter Unterlagen in den Westen und enttarnte Dutzende DDR-Spione. Erich Mielke tobte und wollte Stiller um jeden Preis finden. Er sollte möglichst zurückgeholt und vor ein Militärgericht gestellt werden, wo die Todesstrafe auf ihn wartete. Der Bundesnachrichtendienst schützte seine Quelle rund um die Uhr und übergab Stiller schließlich an die CIA, da er in Europa nicht mehr sicher war. In den USA erhielt er eine neue Identität, studierte und arbeitete als Peter Fischer bei Banken in New York, London, Frankfurt am Main und Budapest. Er verdiente Millionen und verlor sie wieder.
Werner Stiller berichtet erstmals freimütig über sein abenteuerliches Leben in der Welt der Geheimdienste. Es ist zugleich das Psychogramm eines Mannes, der sich seinen Weg bahnte durch konträre Gesellschaftssysteme und für den Spannung ein Lebenselixier ist.
Die FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung, urteilte damals (31.01. 2011) in einer Rezension über dieses Buch, in der auch sein Motiv näher beleuchtet wird:
Seinen Übertritt von Ost nach West vollzog Werner Stiller, Oberleutnant in der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit, am 18. Januar 1979 im geteilten Berlin. Das Risiko, das der Verräter eingegangen war, hätte bei seinem Scheitern den Tod bedeutet. Fast wäre es dazu gekommen, denn ihm gelang der Seitenwechsel quasi in letzter Stunde. Die Stasi-Spionageabwehr war ihm auf die Spur gekommen - offensichtlich infolge unprofessionellen Vorgehens des Bundesnachrichtendienstes (BND) in der konspirativen Kommunikation. Wenige Tage später konnte auch seine Freundin, eine Kellnerin im Interhotel Panorama in Oberhof, über Warschau und Helsinki fliehen. Ihr Bruder im Westen hatte den Kontakt zum BND geknüpft. Seine Frau und zwei Kinder ließ er in Ost-Berlin zurück. Als Stiller sieben Jahre später über seinen Übertritt ein Buch vorlegte, Im Zentrum der Spionage, kolportierte er die Legende, über Jahre als Top-Agent für den Bundesnachrichtendienst tätig gewesen zu sein. In seinem neuen Buch nun bekennt er, seine Kontakte zum BND seinerzeit auf Wunsch der Pullacher Kollegen verfälscht zu haben. Heute, 20 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, kann ich erzählen, wie es wirklich war. Die Initiative ging nämlich von mir aus und nicht vom BND. Tatsächlich spionierte Stiller nur rund acht Monate für die Zentrale im Isartal. Aber er bewies gleichwohl Kaltblütigkeit und Mut. Sein Motiv wurzelte allerdings nicht in widerständiger Gesinnung. Abenteurertum war im Spiel und die Spekulation auf eine Perspektive im Westen. Mit Pullachs Hilfe wollte ich die HV A von Innen aushöhlen, Substantielles an die andere Seite liefern. Ganz so kam es hernach zwar nicht, doch fraglos hat er der Stasi-Spionage nachhaltig geschadet. Ohne Skrupel verriet er Namen und Strukturen der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A), ihre Arbeitsmethoden, Schwerpunkte und Schwachstellen. Ein Glücksfall für den BND, dem er Tausende Blatt geheimer Akten und Materiallisten übergab. Er sorgte für ein Dutzend Festnahmen im Operationsgebiet und zwang andere Kundschafter an der geheimen Front zum Rückzug in die DDR. Schwer wog auch der psychologische Schaden, den er verursacht hatte: die Verunsicherung hauptamtlicher und inoffizieller MfS-Mitarbeiter. Fortan wucherte intern das Misstrauen. Immerhin war mit Stiller ein scheinbar zuverlässiger Kader verlorengegangen, der seine Sozialisation im DDR-Sozialismus erlebt, der Abitur gemacht und Physik studiert hatte, der noch während des Studiums Genosse der SED und MfS-Spitzel (IM Stahlmann) geworden war. 1972 trat er in die HV A ein - Sektor Wissenschaft und Technik -, Dienstrang Leutnant, später Oberleutnant. Und er wurde Sekretär der Abteilungsparteiorganisation. Und dieser Mann läuft zum Klassenfeind über? Für Tschekisten wie Erich Mielke und Markus Wolf schier unbegreiflich. Während die Stasi-Fahndung nach ihm ebenso intensiv wie erfolglos lief, ermöglichte der BND ihm mit Hilfe der CIA im Herbst 1980 die Ausreise in die Vereinigten Staaten. Nach einem Studium in St. Louis (Business Administration) arbeitete Klaus-Peter Fischer, so seine neue Identität, als Banker und Börsenmakler in New York und London. Im Jahr 1990 sah er Deutschland wieder. Heute lebt er in Ungarn. Das intelligent verfasste Buch liest sich spannend wie ein Krimi. Der Autor, etwas selbstgefällig, bietet Einblicke in den Alltag der Stasi-Spionage aus der Erfahrung eines Führungsoffiziers. Besonders interessant sind dokumentierte MfS-Operativ- und Ermittlungsakten zum Fall Stiller, der unter der vielsagenden Deckbezeichnung Schakal bearbeitet wurde. KARL WILHELM FRICKE Werner Stiller: Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten. Ch. Links Verlag, Berlin 2010. 252 S., 19,90 [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main
Zuletzt in dieser Sache noch ein Hinweis auf eine ebenso aufschlussreiche wie zugleich entlarvende Dokumentation von SPIEGEL TV auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) anzuschauen:
https://www.bpb.de/mediathek/reihen/zeitreise-ueberwachungsstaat/235616/werner-stiller/
Bleiben Sie ansonsten weiter vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher gewogen. Die nächste Ladung mit den fünf Sonderangeboten für den vierten Februar-Newsletter ist schon verpackt und verschnürt und steht zur baldigen Abholung in Godern bereit. Zu den fünf Titel gehört wieder einmal ein Buch von Walter Kaufmann.
Erstmals 1973 hatte der Verlag der Nation Berlin Unterwegs zu Angela. Amerikanische Impressionen herausgebracht.
In dieser 1973, also im Jahr nach dem Freispruch in allen Anklagepunkte für die amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis, geschriebenen packenden Reportage gelingt Walter Kaufmann ein lebendiges Porträt der damals 29-jährigen Angela Davis. Kaufmann berichtet von ihrer Kindheit und Jugend, ihrer politischen Entwicklung, von der Arbeit der Solidaritätskomitees für Angela Davis und von den Vorgängen vor und während des gegen sie angestrengten Prozesses.
Zugleich bietet Unterwegs zu Angela aufschlussreiche Einblicke in die US-amerikanische Gesellschaft dieser Zeit von den Ungerechtigkeiten gegenüber der schwarzen Bevölkerung bis zum Thema Todesstrafe.