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Der Verbannte von Tomi. Historische Erzählungen von Volker Ebersbach
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Preis E-Book:
6.99 €
Veröffentl.:
30.12.2021
ISBN:
978-3-96521-590-0 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 238 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Geschichte, Belletristik/Psychologisch, Belletristik/Liebesroman/Geschichte/Antike, Belletristik/Biografisch
Historischer Roman, Biografischer Roman, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, 1. Jahrhundert (1 bis 99 n. Chr.)
Ovid, Constanta, Kaiser Augustus, Verbannung, Seume, Dostojewski, Puschkin, Teplitz, Petersburg, Russland, antikes Rom, Connewitz, Weimar, Schiller, Goethe, Wieland
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Der Präfekt lud Ovid zum Essen. Auf dem Weg zu seiner Villa sagte er: „Du hast dich bei dem Griechlein sehr gut benommen.“

Ovid sah ihn fragend an.

„Nun, ist dir nicht aufgefallen, wie er um dich warb, wie er versuchte, das römische Bürgerrecht zugunsten seiner Krämerprivilegien herabzusetzen? Wir dulden die Bule. Ihre Krämerbelange können sie am besten selber regeln. Aber es herrscht dort kein guter Geist, und nur die Angst vor den Barbaren hält sie widerstrebend in Gehorsam gegenüber Rom. Sie weigern sich, an Opernfeiern für den vergöttlichten Julius Cäsar teilzunehmen.“

„Mir scheint“, entgegnete Ovid, „die Verehrung des vergöttlichten Juliers ist uns Römern so wichtig, weil unser Glaube an die alten olympischen Götter abgestorben ist.“

Der Präfekt räusperte sich, schwieg aber.

Die Sonne schien jetzt ungetrübt und warm. Das Meer brauste stärker unter stetigem Nordostwind. In der Sonnenhelle blendeten die weißen Gebäude der Landzunge. In Rom, dachte Ovid, steht die Sonne um diese Jahreszeit kaum höher. Warum nur ist es noch immer so kalt.

Der Präfekt erwiderte den Gruß zweier Kaufleute, die vom Hafenamt kamen. Der Dichter hatte Zeit, das Verfängliche seiner freimütigen Bemerkung zu bedenken. Das Gespräch mit Polymachos, in dessen heiterer Gegenwart jedes Problem zu zerrinnen schien, war zu rasch beendet worden, die Plauderlaune hielt noch vor.

Aber der Verbannte wusste nun, dass es in der Stadt Leute gab, die ihn besser verstanden als sein soldatischer Landsmann. Das machte ihn sicherer dem Präfekten gegenüber. An der Tafel, der Lucius diesmal fernblieb, fragte er geradezu: „Was meinte wohl der griechische Bürgermeister, als er auch dich scherzhaft unter die Verbannten zählte?“

Quillius Postumus sah den Frager an wie ein ertappter Lügner. Offenbar war ihm solch eine Frage noch nie gestellt worden. Ein dumpfer Groll rötete sein Gesicht. Dann gab er der Versuchung nach, sich jemandem anzuvertrauen. Er lockerte den Bausch seiner Toga so weit, dass in seiner Schulter dicht neben dem Schlüsselbein eine runzlige, ständig gerötete Grube sichtbar wurde: „Das blieb mir von einem getischen Pfeil, der, weil er vergiftet war, sofort an Ort und Stelle, hinter den Zinnen des Stadttores, herausgeschnitten werden musste, und der Wundarzt hielt es für nötig, auch noch ein brennendes Eisen hineinzusenken.“ Dann fuhr er mit dem Daumen die Narbe auf seiner rechten Wange entlang. „Auch diese Verwundung empfing ich von vorn“, fuhr er feierlich fort. „Auf dem Rücken habe ich nicht einen einzigen Kratzer. Aber sie stammt nicht von Barbarenhand, sondern von einem römischen Kurzschwert, und der Fluch, der den Hieb begleitete, war ein lateinischer, und zur Vergeltung führte Mars meine Klinge in das Herz eines römischen Bruders.“ Er aß, kaute, räusperte sich dann. „Es war bei Actium.“ Er lauerte, was sein Gast dazu sagen würde. Aber da die erwartete Frage ausblieb, stellte er sie selbst: „Wer bei Actium solch einen Beweis seiner Tapferkeit lieferte – hat der es verdient, in diesem Nest sein Leben zu fristen? Nein, nicht wahr! Die Erklärung ist ganz einfach: Ich stand bei den Verlierern. Ich war ein Mann des Antonius. Konnte ich mit meinen kaum zwanzig Jahren denn wissen, wer Rom retten würde, Antonius oder Oktavian, unser Augustus? Ich wurde gefangengenommen. Meine Eltern, die mich zur Flotte des Antonius geschickt hatten, verloren ihre Güter in Apulien. So kam es, dass ich nicht den Lohn des Erhabenen erwarten durfte, sondern auf seine Gnade angewiesen war. Nachdem ich meine alte Gefolgschaft als den Irrtum, der sie ja war, abgeschworen hatte, durfte ich mit einer frisch ausgehobenen Legion nach Mösien ziehen. Ich bin Präfekt dieser Stadt geworden und vertrete hier die römische Schutzmacht. Das ist weit mehr, als einer erwarten durfte, der auf der falschen Seite gestanden hat. Aber sind dreißig Jahre nicht genug? Ich fürchte, der Kaiser hat mich vergessen, einfach vergessen. Seit zehn Jahren ist kein Legat mehr hiergewesen, bin ich zu niemandem bestellt worden. Auf Anregungen, die ich in meine Berichte einflechte, bekomme ich keine Antwort. Ich habe es längst aufgegeben, Gesuche um Abschied aus dem Heer und Rückkehr in meine Heimat zu schreiben. Ein einziges Mal erhielt ich einen Bescheid: Um als Erbe der beschlagnahmten apulischen Güter auftreten zu können, die meine Eltern hinterlassen haben, müsse ich nachweisen, dass ich verheiratet bin. Eher werde der Fall gar nicht bearbeitet. So entschloss ich mich, die Getin zu heiraten, mit der ich zwei Kinder habe. Polymachos stellte mir eine einwandfreie Heiratsurkunde aus. Ich weiß nicht einmal, ob sie in Rom angekommen ist.“

Der Präfekt trank, ließ sich nachschenken und trank noch ein Glas Wein. Noch nie hatte er sich so ausgesprochen.

„Wer weiߓ, sagte Ovid, „ob diese Ehe anerkannt wird. Vielleicht wird deine Getin als Sklavin eingestuft. Die Gesetze sind in dieser Hinsicht verschärft worden. Fand sich denn keine griechische Kaufmannstochter in ganz Tomi?“

Der Verbannte von Tomi. Historische Erzählungen von Volker Ebersbach: TextAuszug