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Jakob, der stumme Krieger. Von einem, der die Hölle des Dreißigjährigen Krieges überlebt von Harald Wieczorek
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Preis E-Book:
11.99 €
Buch:
14.80 €
Veröffentl.:
29.04.2019
ISBN:
978-3-95655-993-8 (Buch), 978-3-95655-994-5 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 232 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Action und Abenteuer, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Liebesroman/Geschichte/Mittelalter, Belletristik/Thriller/Geschichte, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Verbrechen
Historischer Roman, Thriller / Spannung, Historische Abenteuerromane, Kriegsromane, Historische Liebesromane, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Deutschland, erste Hälfte 17. Jahrhundert (1600 bis 1650 n. Chr.)
30-jähriger Krieg, Deutschland, Tilly, 17. Jahrhundert, Gutsherr, Vergewaltigung, Raub, Mord, Gräuel, Liebe, Kloster, Entführung, Leibeigene, Freundschaft, Treue, Hoffnung, Glaube
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DER HALBE MANN

„Mein Gott, was für ein Gestank!“ Wolf blieb angeekelt in der offenen Tür stehen. „Wenn du saufen, fressen, spielen und deinen Schwengel gebrauchen willst, dann bist du dort richtig!“, hatte ihm der Bürger gesagt und auf das graue Gebäude gezeigt. Eine Kneipe direkt an der Stadtmauer. Wolf war dem Rat gefolgt. Jetzt stand er in der offenen Tür und das Bild, das sich ihm bot, war so skurril, dass es selbst der verrückteste Maler hätte nicht malen können. Dicke, hässliche, aber auch dünne, grell, die schmutzigen Gesichter überschminkte Weiber, hingen an teilweise gutangezogenen, scheinbar wohlhabenden Geschäftsleuten oder perversen Adligen. Aber auch an grobschlächtigen Kerlen. Sie tranken und rauchten aus langstieligen Pfeifen. Dabei lachten sie schrill und hysterisch. „Mein Gott, wo bin ich hier!?“ Wolf konnte sich der Faszination des Anblicks nicht entziehen. „Wenn du beten willst, geh in die Kirche! Willst du Spaß, dann komm herein!“ Vor Wolf stand eine hervorstechende, junge, hübsche Frau. Aber auch sie war übermäßig grell geschminkt. „Ich habe schon lange keine fleischliche Lust verspürt, was kostet mich dieses Vergnügen?“ Dabei verbeugte Wolf sich elegant. „Zwei Silberstücke für einen ganzen Mann!“

Herausfordernd stand die Hure vor Wolf, der hob seinen Armstumpf nach oben.
„Und wie viel für einen halben?“ Die junge Frau lachte, betrachtete den Arm.
„Wenn dein Schwengel nur halb so gut aussieht wie der Stumpf! Na ja, dann nur ein Silberstück.“ Sie packte seinen Unterarm und zog Wolf in die Kneipe.

 

Vor dem Stadttor hielt Gustav den Wagen an. Er stieg vom Bock, ging nach hinten und brüllte in den Planwagen. „Max! Frieda! Kommt raus!“ Die Sonne war schon halb über dem Horizont, färbte die sonst grüne Landschaft hellrot und versprach einen schönen Tag. Max, der sich an diese Art zu leben noch nicht gewöhnt hatte, rieb sich seine schmerzenden Glieder. Gustav packte ihn grob am Genick und drehte ihn in Richtung Stadt. „Zwei Tage wird das Stadtfest dauern. So viel Zeit hast du, um von Frieda zu lernen, wie man den Pöbel und die Kaufleute um ihren Beutel erleichtert. Keine Beute bedeutet Prügel und nichts zu fressen. Verstanden?“ Als Max nicht reagierte, bekam er eine schallende Ohrfeige, die ihn zu Boden beförderte. „Er hat verstanden!“, schrie ihn Frieda an. Gustav hob die Hand, doch bevor er auch Frieda schlagen konnte, war Max aufgesprungen und stellte sich schützend vor sie. „Sieh mal einer an!“, sagte er zu Cara, die gähnend ihren Kopf aus dem Wagen steckte, „wir haben uns einen Ritter eingefangen.“ „Such einen Lagerplatz, Dummkopf!“, herrschte ihn Cara an und zog sich ins Innere zurück. Gustav stieg auf den Bock und trieb den Gaul an, der Wagen setzte sich in Bewegung. Frieda und Max liefen hinter ihm her. Cara schaute auf die ausgebreiteten Karten und zog eine heraus. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. „Es wird Ärger geben!“, rief sie Gustav zu. „Spar dir den Mist für diese Trottel in der Stadt auf, Hexe!“ Lauthals lachend trieb er das Pferd an. Aus der Stadt klang hell die Kirchenglocke zu ihnen herüber und weckte ihre Bürger.

 

Es war ein guter Tag für Gustav und Cara. Gustav war, wie immer, die Sensation auf dem Fest. Und wenn diese schlimme Zeit nach dem langen Leidenskrieg jemandem von Nutzen war, dann den Wahrsagern. Alle Menschen, die Not und Elend leid waren, hatten nur noch eins, woran sie sich klammern konnten. Hoffnung! Cara wusste das ebenso wie alle anderen Wahrsager. Doch nicht nur, dass sie durch ihr hexenhaftes Aussehen die Menschen beeindruckte, sie konnte wie kein anderer Hoffnung verkaufen. Obwohl sie die Gabe des Sehens hatte, hütete sie sich, Ungutes weiterzugeben. Die Dummen, in ihren Ängsten und mit ihrem Hoffen, waren großzügiger, wenn sie Glück erwarten durften. Da Geld knapp war, wurde größtenteils in Naturalien bezahlt. Aber das war Cara und Gustav sowieso lieber. Sie hatten immer zu futtern und zu saufen. Für den einen oder anderen Klingelbeutel sorgte Frieda.

 

Max war hin und her gerissen zwischen Abscheu und Bewunderung. Einerseits fand er es furchtbar, ja schrecklich, mit anzusehen, wie Frieda den Leuten in dieser Zeit das wenige Geld stahl, andererseits konnte er nicht umhin, ihr Geschick, wie sie dabei zu Werke ging, zu bewundern. Ja, er war gegen seinen Willen davon fasziniert.

Doch der Ärger und die Wut des ehrlich und anständig erzogenen Max waren größer als die Bewunderung und machte sie nicht geringer, dass Frieda sich bemühte, nur wohlhabende Kaufleute zu bevorzugen. Er schwor bei seinen Eltern und Gott, egal was Gustav mit ihm machte, sich niemals an diesen Diebereien zu beteiligen. „Ich hoffe, du hast gut aufgepasst, denn morgen wirst du für dein Essen selbst zu Werke gehen. Gnade dir, wer immer, kommst du ohne Beute zum Lager.“ Das war’s! Max‘ Entschluss stand fest. „Morgen werde ich fliehen!“ „Das hier ist ein elendiges Leben.“ Frieda hatte Max’ Hand genommen. „Aber Leben. Wenn du fliehst und dieser Teufel dich erwischt, bricht er dir den Hals.“ Traurig blickte sie in Max‘ Augen. „Wenn er dich nicht erwischt, überlebst du dort draußen“, sie deutet wahllos in die Ferne, „keine zwei Tage.“ „Wir werden sehen“, antwortete Max trotzig.

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