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Zwischen Napoleon, Zukunftsvisionen und den Fragen des Friedens Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 24.07.2026) Geschichte wird oft von den Mächtigen geschrieben. Doch Literatur zeigt, wie große Ereignisse das Leben ganz gewöhnlicher Menschen verändern. Die fünf aktuellen Sonderangebote im E-Book-Shop von EDITION digital führen diesmal von den Napoleonischen Kriegen über politische Konflikte und persönliche Schicksale bis hin zu Zukunftsvisionen und den Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden.
Vom Freitag, dem 24. Juli, bis Freitag, dem 31. Juli 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Von einem, der auszog, Napoleon zu schlagen von Heinz-Jürgen Zierke
1813. Der Befreiungskrieg gegen Napoleon hat begonnen. Der pommersche Bauernjunge Willem Beggerow will den Tod seines Vaters rächen, der von französischen Soldaten erschossen wurde. Mit einer Tabakdose Scharnhorsts als Empfehlung macht er sich auf den Weg zu den preußischen Truppen. Doch statt einer Uniform erwarten ihn Gefangenschaft, Todesgefahr und immer neue Hindernisse. Nur mit Mut, Entschlossenheit und der Hilfe treuer Freunde gelingt es ihm, seinen Traum weiterzuverfolgen.
Ein spannender historischer Abenteuerroman vor dem Hintergrund der Befreiungskriege, erstmals 1975 im Kinderbuchverlag Berlin erschienen.
Visa für Ocantros von Wolfgang Held
Ein Attentat auf den Premierminister eines tropischen Inselstaates scheitert nur durch Zufall. Wenige Tage später putscht ein Teil der Streitkräfte, unterstützt von ausländischen Interessen. Mitten in die blutigen Auseinandersetzungen geraten drei Monteure, die auf der Insel eine Druckerei aufbauen sollen. Als Martin Katrup eintrifft, sind seine beiden Kollegen spurlos verschwunden.
Wolfgang Held verbindet politische Spannung, Abenteuer und internationale Konflikte zu einem packenden Roman, der auf einem Fernsehmehrteiler des Deutschen Fernsehfunks basiert.
Nach dem großen Aufstand von Erik Neutsch
Im Mittelpunkt dieses großen historischen Romans steht der Maler Mathias Grünewald, Schöpfer des berühmten Isenheimer Altars. Vor dem Hintergrund von Reformation und Bauernkrieg erzählt Erik Neutsch vom Leben eines Künstlers, dessen Herkunft, Werk und Persönlichkeit bis heute viele Rätsel aufgeben. Als Hofmaler des Kardinals Albrecht von Brandenburg erlebt Grünewald die politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen seiner Zeit unmittelbar.
Mit großer erzählerischer Kraft fragt Neutsch zugleich nach der Rolle des Künstlers in Zeiten des Umbruchs und danach, wie Kunst entsteht, ohne ihre innere Wahrheit zu verlieren.
Elitepartner und Omatyp von Martin Meißner
Am 21. März 2013 stellte die Volksstimme Magdeburg ihre Kolumne ein. 140 der rund 200 Beiträge von Martin Meißner sind in diesem Band versammelt. Die Texte verbinden Alltagssprache und feinen Humor zu Satiren über menschliche Schwächen und gesellschaftliche Absurditäten. Dabei entstehen kleine Geschichten, die zum Schmunzeln und Nachdenken anregen.
Der Friede im Osten. 1., 2., 3. und 4. Buch von Erik Neutsch
Auch in dieser Woche richtet sich die Rubrik Friday for Future auf die großen Fragen von Krieg, Frieden und gesellschaftlicher Verantwortung.
Mit Der Friede im Osten erzählt Erik Neutsch von den Folgen des Zweiten Weltkriegs und den Hoffnungen auf eine friedlichere Zukunft. Die vier Bücher spannen einen weiten Bogen von den Erfahrungen des Krieges bis zu den Herausforderungen des Wiederaufbaus und der Suche nach einem dauerhaften Frieden.
Die fünf Bücher dieser Woche führen durch verschiedene Zeiten und Lebenswelten von den Napoleonischen Kriegen über politische Konflikte bis hin zu humorvollen Alltagsbeobachtungen. Die folgenden Leseproben geben einen ersten Eindruck von ihren Figuren, Themen und Geschichten.
Von einem, der auszog, Napoleon zu schlagen von Heinz-Jürgen Zierke
Geschichte wird besonders lebendig, wenn man sie durch die Augen eines jungen Menschen erlebt. Die folgende Passage begleitet Willem auf seinem gefährlichen Weg in den Krieg gegen Napoleon.
Scharnhorst hatte sich den Lehnstuhl ans Fenster rücken lassen, damit er das Treiben auf dem Hof überblicken konnte. Es war das gewohnte Bild, Soldaten und Offiziere, preußische und russische Uniformen, Pferde, Geschütze, Bagagewagen. Nur eins war anders: seit der Niederlage und dem Rückzug war der Empfang in Dörfern und Städten kühl. Die Leute blieben in den Häusern und kamen nur mürrisch und mangelhaft den Anordnungen nach. War das die Angst vor der Rache der Franzosen, oder hatten die Verbündeten das Volk enttäuscht?
Eine Ordonnanz ritt auf den Hof zu. Der Staatskanzler ließ sich melden. Da rollte die Kutsche auch schon auf den Hof.
Der Freiherr von Hardenberg? Brachte er Neues aus Österreich? Hatte sich der Wiener Hof endlich entschlossen, am Kampf gegen Napoleon teilzunehmen?
Der Staatskanzler, ein überaus höflicher Mensch, erkundigte sich eingehend nach des Herrn Generalleutnants Gesundheit. Man sei am Hofe sehr in Sorge, die Majestät selbst wünsche ihm die beste Genesung.
"Sparen wir uns die Redensarten! Haben Sie Nachrichten aus Wien? Meine Wunde macht Schwierigkeiten; eine frohe Kunde wäre die beste Medizin."
Der Kanzler zupfte verlegen ein paar Stäubchen von seinem Rock. Gewiss, gewiss. Er bedauere nur, dass er nicht so Positives vermelden könne, wie er es Seiner Exzellenz wünschte. Obwohl hoffnungsvolle Ansätze nicht zu übersehen wären: Österreich verstärke seine Rüstungen, ziehe Truppen zusammen... Andererseits scheue man sich am Wiener Hofe, dem kaiserlichen Schwiegersohn offen... Graf Metternich träume noch immer von einer Vermittlerrolle. Ja, wenn wir jemand hätten, dessen Feuer und Überzeugungskraft...
Scharnhorst lehnte sich zurück. "Wenn es mir doch meine Gesundheit erlaubte, zu Pferd würde ich halb Europa durchqueren, wie weiland Karl XII. von Schweden."
Hardenberg beeilte sich, die Kissen in seinem Rücken zu ordnen. Dankbar nickte ihm der General zu und sagte nachdenklich: "Ohne Österreich wird es sehr, sehr schwer werden. Preußen allein verfügt nicht über genügend Menschen und Mittel. Die russischen Verstärkungen überwinden zu langsam die Weite des Landes. Mit Österreichs Macht aber besäßen wir das Übergewicht. Und dann das Beispiel: alle deutschen Länder richteten sich daran auf und würden vom Feuer des Patriotismus erfasst, Sachsen, Bayern, Westfalen..."
Hardenberg lächelte dünn. Eine leichte Röte überzog sein Gesicht.
"Mein Freund sollte seine angegriffene Konstitution schonen. Es wäre besser, sich nicht den Strapazen des Feldzuges auszusetzen, sondern sich in einer weniger unter dem Kriege leidenden Landschaft zu kurieren. Man könnte an Böhmen denken, oder an Wien."
"Ihr wollt mich tatsächlich nach Österreich schicken?"
"Wenn einer den Kaiser Franz umstimmen kann, dann seid Ihr es, Scharnhorst, nur Ihr allein. Was davon abhängt, sagtet Ihr selbst. Ihr habt die stärksten Argumente, und Ihr wisst sie am überzeugendsten darzulegen. Meine Diplomaten..., ich weiß, der Herr General belieben zu scherzen: die Männer mit den dicken Bäuchen und den dünnen Köpfen."
"Ihr Schnüffler. Alles bekommt ihr heraus. Man kann nicht das Hemd wechseln, ohne dass im Kabinett ein Aktenstück angelegt wird."
Visa für Ocantros von Wolfgang Held
Manchmal geraten Menschen ungewollt in politische Ereignisse, die ihr Leben völlig verändern. Die folgende Szene führt mitten hinein in die dramatischen Vorgänge auf Ocantros.
Nachdem sie das Leiterstück auf dem Dach hatten, stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach war, den Abgrund damit zu überbrücken. Der erste Versuch missglückte, nur blitzschnelles gemeinsames Zupacken verhinderte den Absturz des schweren Eisengitters. Das Vorhaben gelang erst mithilfe eines meterlangen Schlauches, den sie sich aus einem der Feuerschutzschränke geholt hatten. Noch ehe man sich über die Reihenfolge des Überquerens verständigen konnte, balancierte Jagoda Woronicz bereits aufrecht und die Arme wie ein Hochseilakrobat ausbreitend, von Sprosse zu Sprosse. Je näher sie der Mitte kam, um so stärker bogen sich die beiden Führungsstangen unter der Last. Die Leiterenden lagen beiderseits nur noch knapp dreißig Zentimeter auf. Die beiden Männer hielten den Atem an. Sie knieten nieder und umklammerten die Eisenrohre, als könnten sie so die Polin im Fall eines Unglücks vor dem Sturz in die Tiefe bewahren. Erst als Jagoda Woronicz unbeschadet die andere Seite erreicht hatte, wurde Martin Katrup bewusst, dass die Reihe nun an ihm war, wenn er dem Doktor nicht den Vortritt lassen und damit eine ganz und gar kümmerliche Figur abgeben wollte.
"Ich werde mich flach halten, dann ist das Gewicht besser verteilt", sagte er heiser. Er räusperte sich gepresst, aber das trockene, würgende Gefühl blieb. Den Blick hinab in die Gasse peinlich vermeidend, kroch er bäuchlings über die Sprossen. Er fühlte, wie die Leiter unter seinem Gewicht immer stärker federte. Kälte kroch in Hände und Füße. Seine Gelenke wurden steif. Er lag dreißig Meter hoch über dem Gassenpflaster und wagte keine weitere Bewegung.
"Was ist los, Martin?", rief Jagoda Woronicz leise von drüben.
Er hob den Blick und glaubte ihr besorgtes Gesicht erkennen zu können. "Ich hab' meine Zahnbürste vergessen", antwortete er gezwungen kaltschnäuzig, um seinen Zustand nicht erkennbar werden zu lassen. Die Täuschung scheiterte am Klang seiner Stimme.
"Schau Jagoda an und kriech weiter", riet Ostschenko.
Martin Katrup gehorchte. Langsam, Zentimeter um Zentimeter, kam er der anderen Seite näher. Die Kälte wich einem sonderbaren Gefühl von Gleichgültigkeit, das jede Vorstellung möglichen Unheils auslöschte. Kein Gedanke mehr an Absturz und zerschmetterte Glieder. Er sah die Polin und den Rand des Daches und war mit einem Male seiner glücklichen Ankunft dort unbedingt sicher.
Nur noch ein Meter trennte Martin Katrup von seinem Ziel, als Schüsse fielen. Ein Feuerstoß aus einer Maschinenpistole. Unwillkürlich blickte er nun doch nach unten, und größer als die sofort wieder erwachende, schwindelerregende Höhenangst war die Erleichterung darüber, dass die Geschossgarbe nicht ihnen galt. In der Gasse war kein Uniformierter zu sehen.
"Weiter!", drängte Jagoda Woronicz.
"Ich genieße jede Sprosse", schnaufte der Monteur verhalten und kroch noch in derselben Minute auf die betonierte Fläche, wo er sich neben der Polin vorsichtig aufrichtete.
Der Doktor war auf dem Hoteldach zur Hofseite geeilt und kam nun wieder zur Leiter. "Der Schwabe", rief er. "Ein Posten hat ihn erwischt."
"Das lenkt die Kerle bestimmt vom Parkplatz ab", vermutete die Polin. "Beeilen Sie sich, Doktor!"
Nach dem großen Aufstand von Erik Neutsch
Große Kunst entsteht oft in Zeiten großer Konflikte. Die folgende Passage führt in die Welt des Malers Mathias Grünewald und seiner Epoche.
Käme nicht das aber schon einer Lästerung gleich? Und vermochte er selbst denn noch zu erfassen, was er mit seinen Strichen und Farben, mit all den wie Schlüssel von Legende zu Legende führenden Zeichen in seinen Bildern mitzuteilen gedachte?
Gela jedenfalls erschrak, als sie diese Dinge sah und haargetreulichst abgemalt als jene aus dem Kinderstübchen, dem Alkoven, der ihrem Sohn zugeteilt war, wiedererkannte. Ihr Glaube, begann sie zu fürchten, sei stiller, Gott dem Herrn untertäniger als der in dem aufgewühlten Künstlerherzen dieses Mannes, den sie aber doch liebte.
Sie saß auf der Bank in der Werkstatt und wiegte Endres in den Armen, damit er nicht gar zu laut schrie.
Bleib so, drang es plötzlich wie ein Befehl von der Bildwand zu ihr, rühr dich nicht, bitte, beweg dich nicht. Mathis griff hastig nach einem Blatt und zur Kohle, um sie wohl wieder einmal, wie sies gewöhnt war, in ihrer jetzigen Haltung mit einer Skizze auf das Papier zu bannen.
Aber ich kann den Jungen doch so nicht beruhigen. So steif halten schon gar nicht. Mir erlahmen die Arme. Du vergißt, er ist schon ein halbes Jahr alt und hat sein Gewicht.
Trotzdem. Bemüh dich.
Laß ihn mich doch wenigstens an mich drücken.
Gleich bist du erlöst.
Es schien tatsächlich, als beeilte er sich, verengte mehrmals zum Schlitz seine Augenlider, ließ seine Blicke zwischen ihr und der Zeichnung wandern und reichte ihr schließlich das Blatt.
Sie sah sich gut getroffen, und unverkennbar, obwohl nur mit wenigen Strichen hingeworfen, war es Andreas, den er konterfeit hatte. Wie stets bei solchen Gelegenheiten bewunderte sie, welche außergewöhnliche Gnade ihm mit seinem Malen zugefallen war. So wirklich, so nahe dem Leben, empfand sie, war es ein ständiges Suchen in ihm. Aber sie brauchte ihm das nicht zu sagen, dergleichen täten schon andere. Sie nickte nur.
Ihm jedoch reichte offenbar ihre Zustimmung nicht. Gela, und sie hörte es schon am Klang, er grübelte wieder. Was ich mich immer gefragt habe ... Deshalb war mir genau dieser Augenblick wichtig. Nie fiele es mir ein, so unser Büblein zu halten und zu schuckeln. Ich meine ... Ach, überlaß ihn mal mir.
Er konnte es nicht anders erklären, als daß er es vorführte. Er legte den linken Arm unter das Gesäß des Jungen und den rechten um seine Schultern. Dabei knickte das Köpfchen hintüber, und Endres begann aus Leibeskräften wieder zu schreien.
Jesses Maria! Um Gottes willen! Gela sprang auf. Nahm ihm das Kind ab, indem sie sofort überm Genick seinen Schädel mit der Hand stützte. Das kannst du doch so nicht tun! Verstehst du denn immer noch nicht, daß in seinem Alter der Kopf für ihn noch viel zu schwer ist? Du bist aber auch ein Tölpel!
Er wußte nicht, wieso, aber mit einem Mal gerieten ihm mitten in ihrer Schelte Dürers Proportionen in den Sinn. Der Kopf eines Menschen macht, ins Verhältnis gesetzt zu seinem Körper, ein Siebentel, außer - beim Kinde.
Verzeih, Liebste, sagte er und strengte sich an, die Miene eines Schülers, der soeben belehrt worden war, anzunehmen. Dann aber lächelte er: Ja, genau. Das war es. Deine Hände, wie du sie hieltest ... Das meinte ich.
Mit den überdeutlich links und rechts der Mitte in das Doppelgemälde gerückten, grell beschienenen Gegenständen der Wochenstube hatte Mathis die Verbindung gefunden zwischen Maria aeterna im Tempel Salomos, der Zeitlosen, wie einst von Tauler genannt, und seiner ganz irdischen Mutter mit dem Kinde, der Maria im Hiesigen, denn eine jede ihres Geschlechts, so denkt er, die einem Menschlein das Leben schenkt, empfängt das Licht der Barmherzigkeit Gottes. Und wer wollte ihm nun verübeln, wenn er für sie nicht auch Gela zum Vorbild nähme, seine geliebte Frau, sie vor sich auf der Bank in der Werkstatt sitzen läßt und sie bittet, ein ums andere Mal, in dieser oder jener Haltung zu verharren? Guersi, der von alledem wußte, gewiß nicht. Er hatte sich längst abgewöhnt, ihm in seiner Formen- und Farbensprache mit Forderungen zu kommen, ihm gar den Pinsel, als wärs seine Zunge, wie unter der Folter auszureißen, ihm gar die Hand zu brechen, wenn er nur etwas schüfe, was des Erschauerns vor der Allmacht des Herrn würdig wäre, besonders in diesem Weihnachtsbild. Er zuckte die Achseln, wickelte sinnend die Spitzen seines Patriarchenbartes um die Finger und sagte: Tut, was Ihr nicht lassen könnt, Maestro. Soviel hab ich von Euch gelernt. Denn wo solltet Ihr sonst Eure Gesichter finden, wenn nicht in dieser Welt.
So umgibt er auch weder die Mutter noch den Knaben in ihren Armen mit einer Gloriole, dem heiligen Schein, streicht nur einen Hauch von Gold über ihre Scheitel, verzichtet auf alles, was, wie es seit jeher durch die Kunst geistert, an Krippe und Esel, an Joseph oder die Ankunft der Könige aus dem Morgenlande in der Ärmlichkeit des Stalles zu Bethlehem erinnern könnte. Ja, die vom Meister Schongauer hinterbliebene, wunderhübsch anzusehende Madonna im Rosenhag, die er mehrmals zuvor an ihrem Platz in der Stiftskirche Sankt Martin zu Kolmar betrachtet, gar studiert hat, steht ihm vor Augen, doch er darf sich auch davon nichts aufzwingen lassen. Weit, bis an des Himmels Grenze muß sich die Landschaft dehnen, und seine Gestalt soll nicht in einem Geflecht von Blättern und Blüten gefangen sein. Und hat denn der große Meister nicht bemerkt, daß eine Mutter so, ohne mit der Hand den Kopf zu stützen, niemals ihr Kind trägt?
Mathis kleidet seine Gela in fürstliche Gewänder; so wünscht er sie vor sich zu sehen. Es ist für ihn, als predigte er jetzt mit seinen Farben. Karminrot erstrahlt der Stoff, vom Hals herab bis in den Schoß, wallt über die Knie und fällt breit gebauscht, gewellt und reich gegliedert, zu Boden, in einer Fülle, die sofort alle Andacht auf sich lenkt. Von dort aber hebt sich das Auge wieder empor, nicht nur das des Kenners, so hofft er, schaut der Maria, der Begnadeten, ins Antlitz, gewahrt über dem tiefblauen, festlich gefältelten Seidenmantel ihr mit einem rötlichen Schimmer getöntes Blondhaar, und er weiß, ihre Züge passen so gar nicht zu einer Königin. Doch er verklärt sie nicht, macht sie nicht schöner, denn er liebt diesen Gegensatz, will zeigen, daß ihre Schönheit von innen her leuchtet, ihre Anmut in ihren Gebärden liegt, allein, wie sie den Kopf neigt und er es tausendmal an ihr erlebt hat, wie sich, und mag sie auch vom Volke sein und bäurisch, all ihre erhabene Güte dem Sohne zuwendet. Ihr Mutterglück ist es. Es steckt ihn an, stimmt ihn heiter, und trotzdem soll das Kind zugleich den Messias darstellen: Denn seht, ein Knabe ist uns geboren ... Er malt auch ihn, als sei er von dieser Welt, nackt, wohlgenährt und von strammer Gesundheit, verspielt, mit tapsigen Fingerchen an den Perlen im Rosenkranz nestelnd, und fragenden Blicks. Aber die Windel! Wie kann das sein? Vor dem Prachtgewand dieser Frau von einem vergilbten Weiß. Durchlöchert, zerfetzt. Mathis übernimmt sie von seinem Gemälde auf der ersten Schauseite des Altars, kündigt an: So wird dereinst Jesus Christus, mit demselben Tuch als Lendenschurz, auf dem Berge von Golgatha ans Kreuz genagelt werden und hängen.
Drei rote Rosen, sie dürften genügen, an einem Strauch ohne Dornen, das liebende Leid und die leidende Liebe, es hat auch diese Mutter, so seht!, als sie empfing und obwohl sie in Unehe lebt, nicht gesündigt. Der geschlossene Garten ihrer Unschuld, in dem sie ruht, zärtlich dem Kind zulächelt und mit ihm spricht, öffnet sich bis hoch zu Gottvater auf der goldenen Wolke, in der goldenen Aureole, und von seinem Thron gießt er das Licht des Verzeihens über sie und schickt eine Prozession fahnenschwenkender Engel zu ihr. Dahingegen der Feigenbaum ihr zur Seite, verwünscht von Christus: Denn in Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von ihm essen ... Er scheint vom Gift durchädert in seinem ermatteten Laub, ein Zweig rankt auch schon sperrig über das Kreuz in der Pforte. Mathis kann erneut seine Befürchtungen nicht verschweigen. Das Haupt ist krank, nicht die Wurzel. Und unter dem Kleid der Maria platzen die Steinplatten aus den Fugen. Die Erde wird erbeben unter dem Zorn des Allmächtigen, die Kirche, gleich jener des Klostergebäudes im fernen Hintergrund über dem Zeichen des Leidens Christi, den roten Rosen von Jericho, wo er den einen Turm mit schadhaftem Dach in der Form einer Mitra malt.
Elitepartner und Omatyp von Martin Meißner
Oft steckt das Komische mitten im Alltag. Die folgende Passage zeigt, wie Martin Meißner aus ganz gewöhnlichen Situationen überraschende Geschichten macht.
Besuch nur bei Sonnenschein
Als so eine Art Hausmeister der Familie hielt ich mich sehr häufig im Keller auf.
Dieser tiefliegendste Raum war sozusagen das Herz und die Niere des Hauses. Sollte heißen, dort befand sich der Heizofen. Außerdem gingen alle Leitungen durch. Und etliche Zähler hatten ihren Platz.
Vom Keller aus konnte ich gut das Geschehen im Hause verfolgen. Wann aufgestanden wurde, wann einer welche Verrichtungen tat. Besonders intensiv ließ sich am Rauschen verfolgen, wenn jemand duschte. Und an der Dauer der löblichen Körperpflege konnte ich perfekt unterscheiden, wer es denn war.
Und da begann nun das Leid des Familienoberhauptes im Keller. Sofort begreifend, warum man sich die Hölle immer irgendwie unten vorstellen musste. Jedenfalls wurde dieses Duschen dort oben zur ungeahnten Pein. Weil ich nicht begriff, warum jemand so lange und so viel Wasser an sich herunterlaufen ließ.
Anschaulich wurde, was in einer Hölle so vor sich ging. Der Brenner fauchte. Nicht nur das Wasser erwärmend, sondern auch meine Atemluft. Trieb den Zähler der Gasuhr an. Der mir bewies, wie schnell Zahlen rennen konnten. Kaum aufgetaucht und kaum gelesen, wurden sie blitzartig durch höhere ersetzt. Zu hoch, was immer sie im Einzelnen auch bedeuteten. Dasselbe tat die Wasseruhr, gemächlicher zwar, aber auch noch zügig genug. Kurz und knapp, ich fühlte mich nicht gut unter meinem Haus. Auch schwitzte ich bald. Wer eigentlich ein Duschbad brauchte, war klar.
Endlich aber kam eine Lösung in Sicht. Solartechnik hieß das Zauberwort. Ich zimmerte mir ein paar Sonnenkollektoren aufs Dach. Elegant und zukunftsweisend. Imponierend, zumal man die Schulden dafür nicht sah. Die Gasuhr jedenfalls hatte Pause.
Ruhte allerdings nur, wenn die Sonne schien. Aber das juckte mich nicht. Hatte ich mir doch etwas ausgedacht, was ich meiner Frau nur noch erklären musste. Die Kinder sollten uns weiterhin besuchen. Allerdings nur bei Sonnenschein. Dann könnten sie kommen und duschen, soviel sie wollten. Dann freute sich auch der Vater auf ihren Besuch.
Eine perfekte Idee, fand ich. Sie meiner Frau zu erklären, schob ich allerdings immer von Neuem vor mir her.
Der Friede im Osten. 1., 2., 3. und 4. Buch von Erik Neutsch
Frieden entsteht nicht von selbst. Die folgende Passage zeigt, welche Hoffnungen, Konflikte und Anstrengungen mit seinem Aufbau verbunden sind.
Nein, die Schritte der Mutter waren es nicht. Der Vater befand sich ohnehin wieder auf Reisen. Vielleicht weilte er wirklich in Berlin, vielleicht auch nur dort, wo er nach seiner Geographie Berlin angesiedelt hatte. Aber was störte es ihn noch! Ihm, Robert, war es gleich, schnurzpiepe, wo sein Alter die Nächte verbrachte. Lina Bonk, nach dieser Enttäuschung, war nicht mehr sein Typ. Ihr Bild war ihm während seiner Abwesenheit entwendet worden. Aber selbst, wenn er es noch besessen hätte, er hätte es zerrissen und seine Fetzen durchs Klobecken gespült. Dort gehörten sie beide hin, sie und sein Vater ...
Clara ... Es konnte nur Clara sein, die so spät umhergeisterte. Eine dumpfe Ahnung befiel ihn, und er mußte ihr nachgehen. Was hatte denn sie noch, um diese Zeit, im Wohnzimmer zu suchen?
Einige Male, obwohl zögernd, mit verhaltenen Worten, ihrer Sache nicht sicher, hatte sich in den letzten Wochen die Mutter darüber beklagt, daß ihr im Portemonnaie Geld fehle, und stets dabei ihn mit mißtrauischen, fast strafenden Augen angesehen. Nachdem jedoch seine Schwester in der Kaufhalle die Schokolade gestohlen hatte, waren ihre Blicke - und diesmal trauriger denn je, wie ihm schien - vom einen zum anderen gewandert. Er vermutete, daß es sich nur um Pfennigbeträge handelte, dieses oder jenes Markstück, aber er, das konnte er beschwören, mußte er wohl von sich selber hundertprozentig wissen, war in dieser Beziehung sauber.
Er kroch aus dem Bett, schlich sich durch den Korridor. Wenn das zuträfe, was er glaubte, sein detektivischer Spürsinn nicht trog und er sie auf frischer Tat überraschte ... Er könnte sich ein für allemal reinwaschen.
Und so geschah es.
Als er die Tür aufriß, sah er Clara über die Couch gebeugt, halb auf den Knien, im Nachthemd. Nur das Licht der Stehlampe in der Sesselecke funzelte. Dennoch war alles klar zu erkennen. Mit beiden Händen wühlte sie soeben in der Umhängetasche, in der die Mutter Papiere des täglichen Bedarfs aufbewahrte, ihren Personalausweis, Straßenbahnfahrkarten, ein Schlüsselbund, auch sonst eine Menge Krimskrams und - ihr Portemonnaie aus rotem Rindsleder.
Ich hab dich erwischt, schrie er. Du gemeines Biest, du Diebin!
O, jetzt konnte er wieder einmal Gerechtigkeit üben. Er stürzte auf sie zu und versetzte ihr links und rechts Ohrfeigen.
Sie heulte, stotterte irgend etwas vor sich hin, wimmerte, bat ihn, halb erstickt unter Tränen, sie nicht zu verraten. Sie erschien ihm in diesem Zustand noch häßlicher als sonst. Er schlug ihr nochmals ins sommersprossige Gesicht und vernahm nur die Worte: Bitte, bitte, wecke sie nicht. Sie will ihre Ruhe haben. Wir sollen sie nicht stören ...
Das könnte dir so passen ...
Nein, diesen Gefallen würde er seiner Schwester niemals tun. Denn was für eine einmalige Gelegenheit bot sich ihm da, der Mutter zu beweisen, daß nicht er der ständige Sündenbock sei, sondern dieses ihm stets vorgezogene, mit Lobsprüchen noch bis vor kurzem überhäufte Töchterchen.
Er klopfte an die Tür des Schlafzimmers.
Mama! Mama!
Nichts aber rührte sich.
Mama! Wach auf! Mir tut es leid, aber ich muß dich stören ...
Er erhielt keine Antwort.
Das Schlafzimmer, so hatten es die Eltern bestimmt, war ein Bereich, den sowohl er als auch Clara nur mit ihrer Erlaubnis betreten durften. Nicht selten kam es auch vor, besonders in letzter Zeit, daß sich die Mutter, sobald sie sich unwohl fühlte, darin einschloß.
Robert zögerte einen Moment. Dann aber drückte er die Klinke nieder, sie gab nach. Endlich sollte die Mutter die Wahrheit erfahren, wissen, wer sie bestahl.
Er schaltete das Licht an.
Da sah er sie liegen. Auf ihrer Seite in den Ehebetten. So ungemein friedlich, wie es schien. Bis ans Kinn gezogen die Decke. Mit geschlossenen Augen. Doch verfallen, zusammengeschrumpft der Mund, ein wenig zwar geöffnet, aber mit ganz schmalen Lippen.
Er trat näher. Er vernahm keinen Atemzug an ihr.
Bleiern senkte sich etwas in ihn hinab. Yesterday, I Want to Hold Your Hand ... Es dröhnte in seinem Kopf. Jetzt sah er es deutlicher: Der Anblick seiner Mutter war so unnatürlich, daß es ihm ein Frösteln einjagte und seine Gedanken sich verwirrten.
Von einer unbestimmten Furcht gepackt, wagte er dennoch, sie anzurühren. Er versuchte, sie wachzurütteln, nur zaghaft, ängstlich.
Unter der Bettdecke glitt ein Arm hervor. Die Hand mit dem Ehering. Schlaff hing sie herunter.
Auf dem Nachtschrank stand ein Glas mit Wasser, in dem ihre Zahnprothese schwamm.
Daneben lag ein Blatt Papier, willkürlich mit Druckbuchstaben aus Schlagzeilen von Zeitungen beklebt: SeHR geEhrTe FraU LuTteR ...
Er kannte den Text. Er war sein Werk, und er riß den Zettel an sich. Der Brief hatte sie doch nur warnen sollen, und niemals hatte er daran gedacht, daß sie sich deswegen ...
Wie im Traum, benommen vor Schreck, gewahrte er noch auf dem Bettvorleger ein zweites Glas. Es lag dort umgekippt und leer.
Er rannte zurück in den Korridor. Clara! Clara ... Die Mama!
Seine Schwester hockte nach wie vor winselnd in irgendeiner Ecke.
Ihn aber erfüllte nur noch Entsetzen, und nichts von alledem, was er jetzt tat, drang in sein Bewußtsein. Zwar begriff er, die Mutter war tot, doch er wollte sie immer noch retten, die Mutter, mit ihrer ... Trotz allem ... Mit ihrer großen Liebe zu ihm, ohne die er verloren sein würde ...
Er lief ins Treppenhaus, klingelte bei den Nachbarn, hielt den Finger auf dem Knopf, bis ihm aufgetan wurde.
Tante Gisela! Tante Gisela! Ich glaube ... Es ist ... Er würgte an jedem Wort.
Bleiben Sie ansonsten vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher weiterhin gewogen. In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem Kurisches Gold. Ein Hansekrimi von Jan Eik.