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Zwischen Märchenzauber, Lebensfragen und fernen Welten Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 26.06.2026) Die letzten Junitage und der Beginn des Sommers laden dazu ein, neue Geschichten zu entdecken. Die fünf aktuellen Sonderangebote im E-Book-Shop von EDITION digital führen diesmal in die Welt sorbischer Märchen, zu bewegenden Lebensfragen, in die Kunstgeschichte, auf die Venus und in die politische Wirklichkeit der Karibik.
Vom Freitag, dem 26. Juni, bis Freitag, dem 3. Juli 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Das schöne Mädchen, die zwölf Brüder und die größte Ohrfeige der Welt von Jurij Koch
Vier sorbische Märchen hat Jurij Koch spannend nacherzählt. Ein schönes Mädchen rettet sich vor seiner bösen Stiefmutter, zwölf Brüder geraten auf ihrem Weg zu zwölf Bräuten in die Gewalt eines bösen Geistes, der starke Jan bezwingt sogar einen Drachen, und die listigen Lutken zeigen, dass Humor oft wirksamer ist als Gewalt.
Zwei leere Stühle von Erik Neutsch
Bei einem Absolvententreffen bleiben zwei Stühle leer. Der Schuldirektor fragt sich, was aus zwei ehemaligen Schülern geworden ist dem hochbegabten Klassenbesten und dem einstigen Außenseiter.
Doch bald geht es um weit mehr als um zwei Lebensläufe: Erik Neutsch stellt grundlegende Fragen nach Erziehung, Verantwortung und gesellschaftlicher Entwicklung.
Fundsache Venus von Alexander Kröger
Eine geheimnisvolle Entdeckung auf der Venus beschäftigt Menschen über Jahrzehnte hinweg. Aus einem scheinbar kleinen Fund entwickelt sich eine Geschichte über Verantwortung, wissenschaftlichen Fortschritt und die Zukunft der Menschheit.
Mit spannender Handlung und faszinierenden Ideen verbindet Alexander Kröger Science Fiction mit aktuellen Fragen unserer Zeit.
Und das Licht der Glocken tanzt auf den schaumigen Kronen von Michael Baade
Michael Baade würdigt den Maler und Grafiker Armin Münch, der die Kulturlandschaft Mecklenburgs und Vorpommerns über Jahrzehnte geprägt hat. Entstanden ist ein persönliches Buch voller Erinnerungen, Beobachtungen und kunsthistorischer Betrachtungen.
Die Dominikanische Tragödie von Wolfgang Schreyer
Friday for Future erinnert diesmal daran, dass Frieden, Freiheit und demokratische Entwicklung keine Selbstverständlichkeiten sind. Wolfgang Schreyer zeigt, wie eng politische Verantwortung und die Zukunft eines Landes miteinander verbunden sind. Er schildert den Sturz des dominikanischen Diktators Trujillo und die dramatischen Ereignisse, die darauf folgen. Anhand historischer Dokumente und Zeitzeugenberichte entsteht ein eindrucksvolles Bild von Diktatur, Widerstand, Demokratie und ausländischer Einflussnahme.
Ob Märchen, Zeitgeschichte, Kunst, Science Fiction oder politische Spannung jedes dieser Bücher eröffnet einen besonderen Blick auf die Welt. Die folgenden Leseproben laden dazu ein, die Geschichten und ihre Figuren näher kennenzulernen.
Das schöne Mädchen, die zwölf Brüder und die größte Ohrfeige der Welt von Jurij Koch
Märchen erzählen von Mut, Klugheit und erstaunlichen Wendungen. Die folgende Passage führt mitten hinein in eine Welt voller Magie und Abenteuer.
Eins von ihnen rief: Will Schmied werden und heißt nur Jan.
Ein anderes setzte hinzu: Schlag zu! Aber nicht auf die Ohren, dort sind noch Eierschalen dran.
Jetzt holte Jan aus. Er wollte zeigen, was er hinter den Ohren hatte. Von wegen Eierschalen!
Der Hammer sauste durch die Luft. Er traf den Amboss, dass Funken sprühten und die dunkle Schmiede für einen Augenblick hell aufleuchtete. Der Schlag, der einem Kanonenschuss glich, ließ die Augenpaare vor Schreck zuklappen. Als sie sich wieder öffneten, sahen sie keinen Amboss mehr. An seiner Stelle war ein Loch im Fußboden. Und in der Schmiede polterte es noch, als rollten hundert pferdelose Kutschen eine holprige Steinstraße abwärts.
Als erster fand der Meister die Sprache wieder. Sein Mund war wie ein aufrecht stehendes Ei. Ja... Jan, was wie ... wo ... ist .. mein Amboss? Hast ihn in die Erde geschlagen. Wo ist er jetzt?
Jan hob seine Schultern: Was weiß ich? Vielleicht am anderen Ende der Erde.
Ein Geselle sagte: In Amerika! Dann fiel er um. Ein anderer sagte: In Australien! Dann fiel er auch um.
Mein Amboss in Amerika! stotterte der Schmied. Was sollen die Amerikaner mit meinem Amboss? Haben selber genug. Er trottete wie von Sinnen herum und wäre in das Loch hineingefallen, wenn ihn Jan nicht im letzten Augenblick aufgefangen hätte. Also, was ist? fragte Jan. Kann ich bleiben?
Der Schmied erholte sich langsam von seinem Schreck und begann wieder vernünftige Fragen zu stellen. Schlägst du immer so zu? wollte er zunächst wissen.
Immer nicht, beruhigte ihn Jan. Aber ich kann noch besser. Manchmal kommen meine Ambosse in Japan als Ofenrohre heraus. Das war natürlich ein Scherz. Der Meister lachte, und die Gesellen lachten auch. Sie traten aus ihren dunklen Winkeln und biederten sich an.
Ja, weißt du, wand sich einer. Es ist ein bisschen schade um unseren Amboss.
Und ein zweiter fügte hinzu: Macht nichts. Wir haben ihn ohnehin nicht oft benutzt. Nur, wenn es gar nicht anders ging. Nur der Meister schaute traurig in das Loch hinein, durch das das schwere Eisen entschwunden war. Eine Schmiede ohne Amboss! jammerte er. Und was wird meine Frau sagen? Ich muss erst mal mit meiner Frau sprechen, jetzt hatte der Schmied die Person genannt, die in der Schmiede alles zu bestimmen hatte.
Deine Frau? wunderte sich Jan. Na, dann frage sie schnell, sonst gehe ich weiter.
Der Meister verschwand hinter einer eisernen Tür. Dort war es noch finsterer als in der finsteren Werkstatt. Er tastete sich durch allerhand Gerümpel und kam schließlich in die Küche. Die erkannte man an einem Ofenrohr, aus dem es dampfte, das an einem Ofen befestigt war, auf dem ein Topf stand, in dem eine Frau mit einem rostigen Löffel rührte. Die Frau sah sehr schlampig aus. Ihr Rock bestand aus hundert zusammengenähten Löchern. Solche liederlichen Frauen gibt es heute nicht mehr. Was ist? krächzte die Alte.
Er erzählte ihr schnell von Jan, der auf Antwort wartete.
Was du nicht sagst! So viel Kraft in einem Mann? wunderte sie sich und vergaß den Brei.
Er könnte uns das ganze Werkzeug nach Amerika befördern, gab der Schmied zu bedenken.
Was für Werkzeug? Du hast doch nicht viel mehr als einen Amboss, der nun auch noch fehlt, zwei Hämmer und drei Zangen, dummer Mann! schimpfte sie. Dabei rührte sie wieder den Brei, dass er über den Topfrand lief und zischend auf dem Ofen verbrannte, dass es gottsjämmerlich stank.
Ja, wenn du mir das ganze Geld verjubelst, setzte sich der Mann zur Wehr.
Ach, ich das ganze Geld ...! Natürlich ich ...! Sie hob den rostigen Löffel, von dem der Brei kleckerte, und schlug auf den Mann ein. Es sind die lieben Mitarbeiter! schrie sie. Ein Geselle fauler als der andere. Daran liegt es, dass wir zu nichts kommen. Sie wärmen sich die Bäuche an dem Feuer, das du ihnen jeden Morgen machst. Und wenn ein Pferd beschlagen werden soll, zittern sie vor Angst. Ach, geh mir doch mit deinem ...
Sie steckte den rostigen Löffel in den Brei zurück. Der Löffel stand. Das war das Zeichen, dass das Essen fertig war. Angesichts fertiger Speisen kamen ihr manchmal Gedanken. Jetzt kam auch einer. Ei, ich glaube, das wird unsere Rettung, sagte sie.
Was für eine Rettung? wollte der Mann wissen. Alle deine Rettungen erwiesen sich bis jetzt als Katastrophen.
Das machen wir.
Was machen wir?
Wir schicken sie zum Teufel.
Wen?
Der Schmied verstand seine Frau nicht. Sie hatte kleine Augen und schien irgendwo in der Ferne ein goldenes Schloss zu sehen.
Die lieben faulen Mitarbeiter, murmelte sie. Die schicken wir zum Teufel. Der starke Jan erledigt alles besser, schneller. Wir sparen Geld. Die Leistung steigt, der Lohn verringert sich.
Zwei leere Stühle von Erik Neutsch
Manche Fragen lassen einen auch nach vielen Jahren nicht los. Die folgende Passage zeigt, wie Erinnerungen zum Nachdenken über das eigene Leben und die Gesellschaft führen.
Energie sparen, Bruderherz. Ist doch völlig unökonomisch, dieser Unsinn. Nach uns kommt keiner mehr hier herauf. Doch schau dir das an: Hunderte Kubikmeter wertvolles Gas verbrennen, verpuffen für niemanden und nichts und gehen der Volkswirtschaft verloren. Erinnere dich mal an den Vortrag im Bergbaumuseum, wie schwer es die Kumpel haben, die Kohle zu fördern. Sie schuften und rackern sich ab. Was aber macht denn der Lampenputzer von Burgstädt? Er schläft, schläft, schläft...
Natürlich war es eine Schnapsidee, und wir konnten sie keineswegs billigen. Uwe Tolls jedoch muß sie in diesem Moment so hell eingeleuchtet haben, wie er sofort sich bemühte, die Laternen dunkel zu schalten. Dazu stieg er von einer zur anderen.
Womit aber beide selbst bei aller Nüchternheit nicht gerechnet hätten, war, daß sie von Anfang an von zwei Volkspolizisten beobachtet wurden. Die waren soeben auf ihrem Streifengang am oberen Ende der Straße angelangt und entdeckten nun, wie die Lampen in regelmäßigen Abständen von einer Minute erloschen. Da sich die seltsame Erscheinung jedoch auf sie zubewegte, fanden sie keinen triftigen Grund, ihr entgegenzugehen. Sie brauchten sich nur ein Versteck zu suchen und dort zu warten, bis sich das Rätsel von selber löste. So taten sie es, und vielleicht war das ihr Fehler. Denn aus dem Spaß (und nennen wir es ruhig wie damals: groben Unfug) wurde im Handumdrehen fast blutiger Ernst.
Tolls wollte seine Energiesparaktion gerade beenden, rutschte vom vorletzten Pfahl herunter und wurde von Lichtenfeld in die Arme genommen und mit Beifall bedacht, als sie sich plötzlich im Lichtkreis der letzten Laterne von den Volkspolizisten und einem knurrenden Schäferhund gestellt sahen.
So, meine Herren. Nun wollen wir euch mal die Quittung präsentieren. Und glaubt nicht, wir sind von der Gasanstalt. Die Personalausweise, bitte.
Wolfgang begannen die Knie zu zittern. So wird es gewesen sein. Uwe aber, noch in dem naiven Bewußtsein, etwas Nützliches geleistet zu haben, gebrauchte alle Argumente, die er noch kurz zuvor von seinem Freund und Anstifter gehört hatte.
Halten Sie gefälligst den Mund.
Der Ton wurde schärfer. Auch der Hund knurrte lauter. Er zerrte schon ungeduldig am Lederzeug und bellte.
Ein Wort muß das andere ergeben haben. Und während Lichtenfeld bereitwillig kuschte, wohl auch angab, er habe seinen Begleiter vor jeder Laterne zu warnen versucht, setzte der sich zur Wehr und verschlimmerte somit nur seine Lage.
Erst nehmen Sie mal das Vieh weg, schrie er. Oder ich bringe es um.
Doch er bewirkte das Gegenteil. Der Hundeführer lockerte die Leine. Das kräftige und für Verfolgungen abgerichtete Tier gebärdete sich wie wild. Es duckte sich, stemmte seine Vorderpfoten in den weichen Boden am Wegrand, wühlte ihn auf, sprang, nur eine Armlänge entfernt, vor Uwe auf und ab.
Er zog aus der Hosentasche ein Waidmesser und ließ die Klinge aufschnappen.
Einer der beiden Männer griff nach dem Gummiknüppel, doch der andere sprach beschwichtigend auf ihn ein. Sie verständigten sich beide und gingen schließlich, nur dem Hund noch Befehle erteilend, davon.
Wenig später jedoch, kaum daß sich Lichtenfeld und Tolls in der Herberge bei Mathematik-Müller zurückgemeldet hatten, traf ein Streifenwagen mit rotierendem Blaulicht ein. Lehrer und Klasse gerieten in hellste Erregung. Was aber hätte denn ich in dieser fatalen Situation an Müllers Stelle getan?
Widerstand gegen die Staatsgewalt, und man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, sie blieb es.
Die Genossen nahmen ein Protokoll auf und baten auch den Lehrer um eine Einschätzung seiner beiden Schüler. Er stellte sich demonstrativ hinter Lichtenfeld, lobte ihn wegen seiner sonstigen Besonnenheit und fügte hinzu, er könne sich den bedauerlichen Vorfall nur so erklären, daß Wolfgang von Uwe verführt worden sei. Auf Tolls warf er dann alle Schuld, zumal der, aus falsch verstandener Kameradschaft gewiß, bereit war, die volle Verantwortung zu tragen. Müller tat sogar noch mehr, viel mehr, und als ich ihn danach fragte, nach seinen Gründen, antwortete er mit aller Überzeugung, deren er fähig war: Na, hören Sie, Chef. Ein Delinquent in der Klasse hat mir gereicht. Indem ich Lichtenfeld schonte, habe ich nur den Ruf - bitte, notieren Sie das - unserer Schule retten wollen. Und außerdem: Um Tolls war es ja wohl nicht schade. Es ist doch wirklich ein himmelweiter Unterschied zwischen den beiden. Ich widersprach ihm natürlich. Doch er berief sich auf seine pädagogischen Pflichten und wiederholte, worüber er, soweit es Uwe anging, auch schon der Burgstädter Volkspolizei, wie er sich ausdrückte, reinen Wein eingeschenkt habe.
Alle Kleinkariertheit der deutschen Schulmeister kam da zum Vorschein, und mit Pädagogik hatte es so wenig gemeinsam wie ein Dreschflegel mit der Erziehung der Hirse: Haartracht wie die Beatles, Vorliebe für schräge Musik und - wie man soeben in flagranti habe studieren können - für Alkohol, hemmungsloser Oppositionsgeist, Jeans zum Blauhemd!
Er hatte ein Bild von ihm entworfen, das dem eines Wegelagerers, eines Asozialen glich und das ihm Uwe seither wohl niemals verzieh.
Inzwischen völlig ernüchtert, zeigte er sich zwar einsichtig und bereute seine Tat, aber es half zunächst nichts; die Genossen nahmen ihn mit auf die Wache und behielten ihn noch zwei Tage bei sich. Von ihnen erfuhren wir dann übrigens aus einem Begleitschreiben, warum sie ihm mildernde Umstände zuerkannt hätten: Er war bereits einmal als Kind von einem Hund angefallen und verletzt worden.
Fundsache Venus von Alexander Kröger
Manche Geheimnisse verlieren auch nach vielen Jahren nichts von ihrer Bedeutung. Die folgende Szene zeigt, wie aus einer Entdeckung eine weitreichende Verantwortung erwächst.
Es ist mir nicht möglich, Mark, anzugeben, wie lange ich irgendwo zwischen den Toten auf Trümmern gesessen und mich meinem Schmerz hingegeben hatte. Ich dachte die tausendmal gestellte Frage: Warum! Und es war, als stünde der Kosmos still. Weiter dachte ich nicht, nicht an die Zukunft, nicht, was wohl aus mir werden würde, allein in dieser Wildnis.
Später rappelte ich mich mühsam auf, schleppte wie mechanisch erst Sam, dann Mitsu zu Josef, bettete sie nebeneinander und begann, Steine über die Gefährten zu häufen, eine Pyramide.
Erst allmählich dachte ich daran, dass ich einmal würde wieder nach oben steigen müssen, und ich zwang mich, meine Umgebung bewusster wahrzunehmen. Aber zunächst überwand ich mich, ein wenig zu essen, zu trinken. Dann wollte ich meine traurige Pflicht zu Ende bringen, schaute mich nach einem größeren flachen Stein für eine Inschrift um. Ich erblickte etwas am Rande der Halde, das ich für geeignet hielt, schritt darauf zu und stand dann vor einem an den Rändern bizarr verformten und zerfransten Blechfetzen, grau und genarbt.
Kindisch, gedankenträge stieß ich mit dem Fuß danach. Das Blech geriet in Bewegung, schepperte. Ich ließ mich in die Steine gleiten, legte den Helm auf die Knie und lachte und weinte verzweifelt. Ab und an hieb ich auf das Metall oder strich mit den Handschuhen über den scharfen Grad, hörte auf das Geräusch ...
Ich rannte in den Canon hinein, von Quader zu Quader, brachte einige der Brocken und mich aus dem Gleichgewicht, sah gezwungenermaßen auf den Boden, auch in der Hoffnung und Absicht, noch mehr von diesem Metall zu entdecken.
Das Gehopse trieb ich, bis mich Atemmangel zu verhaltenem Vorgehen zwang. Ich blieb stehen, hätte mir gern den Schweiß von der Stirn gewischt, und es wurde mir bewusst, mit meinem törichten Verhalten hatte ich gegen mehrere Gebote des Raumreglements verstoßen.
Von diesem Augenblick an begann ich wieder in gewohnter Weise, vielleicht schärfer noch, zu denken, zu kombinieren.
Ich sah mich langsam und aufmerksam um. Zweifellos befand ich mich in einer sehr regelmäßig gebildeten Schlucht, in einem Canon, der Teil eines Staffelbruches zu sein schien. Aus den senkrecht anstrebenden Wänden quollen Wolken. Und aus diesem drieselnden Dampf der sich oben zu einer Watteschicht zusammenballte, glotzte wie drohend ein riesiger, regelmäßiger Körper, der Bug der LUX, fast direkt über mir.
In dieser Sekunde sackte ich zusammen. Mir wurde es schwarz vor den Augen, ich konnte mich noch abstützen, bevor es mich auf die Steine warf.
Als ich zu mir kam, ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen haben mochte, arbeitete mein Gehirn nach einem leichten Benommensein exakt wie ein Computer.
Der Bug des Schiffes - oder das, was ich von ihm sah - war wenig beschädigt.
Links von meinem Standpunkt lag der Schiffskörper am Fels an. Dort gelangte ich mit einiger Mühe, mich wie in einem Kamin abstützend, nach oben und auf den Rumpf hinauf. Eigenartigerweise liefen meine Gedanken und das, was ich tat, programmhaft exakt. Zweifel, Nervosität, Spannung, Hektik gar ergriffen mich nicht. Ich fand noch nicht einmal die Zeit, mich darüber zu wundern.
Das Schiff lag flach, ich konnte ohne Mühe abwärts schreiten, zum Bug, zu den oben liegenden Fenstern. Lange hielt ich mich nicht auf, umkreiste den kanzelartigen Aufbau, bemerkte nichts, was auf einen Menschen hingedeutet hätte.
Dann stieg ich wieder hinunter in den Canon, holte mir das Seil der toten Gefährten, erklomm erneut das Schiff, verschnaufte und ging diesmal rumpfaufwärts, zum Zentraleinstieg. In den Dämpfen wäre ich beinahe über den plötzlich klaffenden Abgrund hinausgeschritten und abgestürzt. Der Schiffskörper war an dieser Stelle bizarr auseinandergerissen. Und mir war sofort klar, diesen Absturz hatte ganz sicher niemand überlebt, vorausgesetzt, er hätte sich zum Zeitpunkt des Aufschlages noch im Schiff befunden.
In den Spanten, den Blechzacken und zerrissenen Böden und Einbauten, konnte ich gut nach unten klettern. Und dann sah ich nicht weit entfernt hinter einer Bodenwelle, einem Felsgrat, der den Grund des Canons querte, den zweiten Teil der LUX. Und mir schien, als wäre dieser nach dem Heck geneigt. Die Öffnung aber war schwarz und verkohlt ...
Und das Licht der Glocken tanzt auf den schaumigen Kronen von Michael Baade
Kunst lebt nicht nur in Bildern, sondern auch in den Erinnerungen der Menschen, die sie begleitet haben. Die folgende Passage vermittelt einen Eindruck von dieser besonderen Verbindung.
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Goethe schrieb diese Zueignung zum Faust.
Sie spiegelt auch das Bemühen Armin Münchs wider, die schwankenden Gestalten festzuhalten, nicht vordergründig das Äußere zu illustrieren, sondern zum Wesen vorzudringen: Dass ich erkenne, was die Welt /im Innersten zusammenhält.
Als 18-Jähriger sieht Armin Münch in der Trümmerwüste Dresden eine Faust-Inszenierung.
Er notiert: Die großartige Einfachheit und Klarheit in der Kunst.
Das wird das Credo seines Schaffens werden und Zeit seines Lebens wird er sich mit der Faust-Gestalt auseinandersetzen, die er bald als Faustmephisto begreift.
So auch in den 60er und 70er Jahren.
In diesem Zeitraum verfasse ich meine Diplomarbeit über die Faust-Rezeption an Theatern und bin als Vorsitzender der Goethe-Gesellschaft in Rostock tätig.
So eröffne ich die Faust-Ausstellung von Armin Münch im Heinrich-Mann-Klub mit dem Vortrag Faust-Illustrationen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, von Goethe bis Armin Münch.
Später bekomme ich eine originell gestaltete Karte, natürlich mit Faust und Mephisto, und werde in die Helsinkier Straße 28 eingeladen.
Es beginnt eine intensive und langjährige Arbeitsfreundschaft:.
Unser Engagement für gesellschaftliche Prozesse verbindet uns in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und zentralen Fragen der Menschheit.
Ich zitiere aus einer Presse-Veröffentlichung:
Zwei unterschiedliche künstlerische Auskünfte zu einem Thema, das die Welt in Atem hält. Nationalpreisträger Professor Armin Münch, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, schuf die Graphik ,Vietnamesischer Kämpfer, die hier in gedanklicher Korrespondenz mit den Gedichten des Rostocker Schriftstellers Michael Baade steht.
In dieser Auswahl ist die Graphik Schwangere Ballerina - Lebenstanz gegen den Atomtod zu nennen. Mit hoher künstlerischer Meisterschaft schuf Armin Münch eine eindrucksvolle Warnung vor dem atomaren Inferno. Ich antworte mit einem Dreizeiler
Welche Möglichkeiten im Land der Unbegrenzten.
Es folgen die Federzeichnung Porträt Ingrid und mein Liebesgedicht Ohne dich.
Die Insel Hiddensee ist unsere gemeinsame Liebe.
Die Federzeichnung Blick auf Hiddensee von Dranske verbindet er mit meinem Prosagedicht Die Insel und eine mehrteilige Folge Hiddensee - Menschen und Meinungen wird von ihm einfühlsam illustriert und begleitet.
Ein Höhepunkt in unserer 40-jährigen Freundschaft ist sicher die Buchpublikation Sturmkinder ... auf Hiddensee und anderen Inseln.
Sie erscheint zum 75. Geburtstag des Künstlers.
Die poetischen Impressionen bereichert Armin Münch mit 45 Graphiken.
Eine unvergessliche Buchpremiere vereint Künstler und Autor mit dem Schauspieler Siegfried Kellermann.
Der Maler und Graphiker Armin Münch prägte in fast 60 Jahren die Kultur in der Region wesentlich mit. Er lebt in seinen Zeichnungen weiter. In seinen Arbeiten ist das Faustische aufgehoben und es lebt das Ewig-Weibliche.
Wir ehren einen Meister der sensiblen Linie und der expressiven und formgewaltigen Handschrift.
Dankbar verneigen wir uns vor einem guten Menschen, liebevollen Ehemann und Vater und einem treuen und zuverlässigen Freund.
Die Dominikanische Tragödie von Wolfgang Schreyer
Zwischen Macht, Loyalität und Gewissensentscheidungen geraten Menschen in Konflikte, die ihr ganzes Leben verändern. Die folgende Passage führt hinein in diese dramatische Zeit.
"Aber das müssten wir doch hören, Livio! Verdammt, warum hören wir nichts?"
"Kann sein, unser Empfänger ist defekt. Der Wagen hat was abbekommen."
Das war möglich; nur glaubte Tomás nicht, dass Imbert die Meldung durchgegeben hatte. Das Gefecht, die Erregung, der Mangel an Beherrschung, die Sorge um die Verletzten das war zuviel für einen Mann ohne Kampfausbildung, den der Pulverdunst berauschte. Livio oder er selbst, einer von ihnen hätte am Schauplatz zurückbleiben sollen, damit man nichts vergaß. Doch sie, die Erfahrensten, mussten das Dringlichste tun, so bestimmte es der Plan.
Tomás verließ die Uferstraße zwei Ecken vor dem Hotel Jaragua. Románs Haus lag in der Calle Ramírez, am stillen Südrand des Diplomatenviertels. Er fand das Hoftor angelehnt und drückte es mit der Stoßstange auf; um die Lampen auf den Pfeilern schwärmten Moskitos. Er parkte so dicht hinter der Villa, dass der Wagen im Schatten stand. Kein Fahrzeug, kein Posten im Hof; bloß ein Springbrunnen, dessen Fontäne versiegt war. Hatte Román nicht Wachmannschaften seines Ministeriums herbeordert, wagte er nicht einmal das? Die Jalousien waren geschlossen.
Sie traten zum Kofferraum. Den Toten wollten sie nicht ins Haus schleppen; das Wie der Übergabe war nie besprochen worden. Weshalb kam der General nicht heraus, hatte er ihre Ankunft überhört? "Er telefoniert vielleicht", sagte Pimentel. Hinter ihnen, in den Gärten des Villenblocks, zwitscherten Vögel; von den Avenidas wehte Verkehrslärm, gedämpft, halb verschluckt von den Blättern und Mauern des Lugo-Viertels.
Da, ein Bremsgeräusch, klappende Autotüren, Stiefel auf dem Pflaster. Die Wachmannschaft, endlich? Tomás sah um die Ecke und fuhr zurück. Am Bordstein stoppten drei, vier Wagen, einer stand schräg im Torweg. Geheimdienstler quollen heraus, eine gepresste Stimme befahl, das Haus zu umstellen. Pezuelas Stimme! Die Leute trugen Maschinenpistolen, sie begannen, sich über das Grundstück zu verteilen.
Tomás griff nach der Waffe, doch Pimentel zog ihn zurück. Eine erdrückende Übermacht, er hatte recht. Sie wichen Schritt für Schritt aus, im Blattschatten, umgingen den Springbrunnen, die Ziersträucher und langten, von Blütenstaub überpudert, bei einer dicht bewachsenen Mauer an. Sie halfen sich hinauf. Fleischige Ranken, starker Duft; das würgende Gefühl des Rückzugs, der Preisgabe... In der Villa schrillte die Torglocke, man schlug hart gegen das Holz. "Román ist nicht da", flüsterte Tomás, als er oben war. "Ob er in sein Ministerium...?"
"Wo er auch ist, Juan, wir haben verloren. Die anderen waren schneller."
Ein Volkswagen schob sich in den Hof, sein Licht warf wandernde Schatten. Dann gellten Rufe, die Seguridad hatte den Ford entdeckt, umwimmelte ihn wie Ameisen eine tote Raupe; gleich würde sie noch mehr finden.
Bleiben Sie ansonsten vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher weiterhin gewogen. In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem Endzeit der Sieger von Wolfgang Schreyer.