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Ein böser Traum und eine kalte Dusche, zwei Mal Pieter Koopgaard und einer der letzten DDR-Krimis - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
Achtung, bevor Sie weiterlesen, noch ein wichtiger Hinweis: Ab Mai 2026 versendet EDITION digital diesen Newsletter sowie die aktuellen Pressemitteilungen nicht mehr per E-Mail. Diese Texte können Sie aber zumeist sogar eher selbst unter den Internet-Adressen https://edition-digital.de/Blog/ (bisheriger Newsletter) und https://edition-digital.de/Presse/ (Pressemitteilungen) finden. Probieren Sie es doch jetzt schon mal aus zum Eingewöhnen.
(Pinnow 23.01. 2026) Wer heißt schon Wiesenpieper? Eine Antwort auf diese und viele andere Fragen zu einem jungen DDR-Bürger Ende der 1980er Jahren gibt das fünfte und letzte der insgesamt fünf aktuellen digitalen Sonderangebote dieses Newsletters, die sieben Tage lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop https://www.edition-digital.de (Freitag, 23.01. 2026 bis Freitag, 30.01. 2026) zu haben sind. Bereits kurz nach den ersten Seiten des erstmals 1988 im Kinderbuchverlag Berlin (der DDR) erschienenen Buches Wiesenpieper. Die lustig-traurige Geschichte eines Pechvogels von Wolfgang Held wissen wir etwas mehr:
Wiesenpieper, laut Geburtsurkunde und Personalausweis eigentlich Felix Ritter, ließ nur seinen auf vier Zentimeter Haarlänge gestutzten Blondschopf und einen nackten Fuß der Schuhgröße 44 unter dem dicken Federbett hervorschauen. Er träumte. Ein dürrer General, der zu seiner mit roten Biesen besetzten Hose, einer bunten Ordensbrust und der mit viel glitzerndem Zierrat geschmückten Jacke seltsamerweise eine meterhohe, steife Küchenmeistermütze trug, hatte unserem Felix aus Bruselfeld soeben für die Erfindung eines elektronisch gesteuerten Kartoffelpufferautomaten den goldenen Blechnapf verliehen. Nun sollte das Wunderwerk die erste, große Bewährungsprobe bestehen. Auf Befehl des Generals waren aus allen Himmelsrichtungen ein paar Hundert Soldaten herbeimarschiert. Sie saßen an langen Tischen und trommelten mit den Essbestecks ungeduldig auf die Teller, als sei das Vertilgen von Reibekuchen eine Aufgabe von höchster militärischer Bedeutung. Felix fühlte sich stolz und hochgeehrt. Keine Spur von Unsicherheit. Gelassen schritt er zu seinem Apparat. Das Wundergerät besaß sehr viel Ähnlichkeit mit einem Traktor, dessen Auspuffrohr jedoch nicht himmelwärts, sondern waagerecht nach vorn gerichtet war und einer Kanone glich. Feierlich legte er seinen Zeigefinger auf den Startknopf. Der General stand stramm. Er hob die flache Hand zum Gruß an den Rand der Kochmütze. Die Soldaten an den Tischen sprangen hoch. Mit ausgestreckten Armen präsentierten sie Messer und Gabeln. Dazu schrien sie kurz und abgehackt: Hurra-Hurra-Hurra! Krachend zerplatzten am Himmel drei grüne Leuchtkugeln. Felix drückte auf den Knopf.
Nichts! Stille! Die Kinnlade des Generals klappte herab. Die Soldaten verstummten. Felix trat vor das Kartoffelpufferausstoßrohr. Er spähte hinein, wollte etwas sagen, doch ehe es dazu kam, schoss ihm ein eiskalter Wasserstrahl ins Gesicht und nahm ihm den Atem. Jetzt muss ich gleich jämmerlich ersaufen, dachte er und versuchte zu fliehen. In diesem Moment sausten aus der dunklen Röhre dutzendweise pfannenheiße Kartoffelpuffer heran, flogen ihm um die Ohren, klatschten links und rechts schmerzhaft gegen seine Wangen. Gleichzeitig schmetterte eine Mädchenstimme Unfreundlichkeiten! Raus, du Schluckmolch! Guck dir das an und schäm dich gefälligst mit! Die Worte knatterten wie Hagelkörner und zerlöcherten Felix' Traumwelt. Das Gezeter nahm kein Ende. Mensch, werde ich die Zeit genießen, wenn du bei der Fahne bist! Los, wach endlich auf!
Felix' Schwester Uli war so ärgerlich, dass sie keine Mittel scheute, um den Bruder aus seinem Schlaf und ans offene Fenster zu holen. Tatsächlich bewirkten die mit einem Glas Wasser verabreichte kalte Dusche und zwei, drei Ohrfeigen mittlerer Güte, dass er die Lider hob. Kleine Rippenstöße halfen nach. Zuerst blieb der junge Bruselfelder freilich noch ein Weilchen auf der Bettkante sitzen. Gähnend stieß er dann einen Raubtierlaut hervor und betrachtete eine kleine Weile tiefsinnig seine weißen Füße. Es hatte den Anschein, als zähle er argwöhnisch nach, ob ihm über Nacht nicht einer seiner Zehen abhandengekommen war.
Das ist jedoch nicht passiert. Aber der Wunsch seiner Schwester geht in Erfüllung. Denn tatsächlich kommt Felix Ritter alias Wiesenpieper wenig später zur Fahne, also zur Armee. Und dieser Felix Ritter aus Bruselfeld scheint seinen Spitznamen aus frühesten Kindertagen zu Recht zu tragen. Er hat das Pech gepachtet und spielt ungewollt den Dorfclown. Doch dann muss der junge Mann, den alle nur Wiesenpieper rufen, seinen Grundwehrdienst ableisten. Er traut seinen Augen nicht, als seine alte verwaschene Jeanshose zum Abschied ganz oben an der Kirchturmspitze hängt.
Aber Felix tröstet sich: Das Kasernengelände ist groß, dort kennt ihn und den verhassten Spitznamen Wiesenpieper niemand. Wirklich niemand? Mit viel Humor schildert Autor Wolfgang Held, wie der Tollpatsch Wiesenpieper zu einem selbstbewussten jungen Mann heranreift.
Über Felix Ritter alias Wiesenpiper und seine Armeezeit hatte Wolfgang Held schon einmal fünf Jahre zuvor geschrieben und zwar ein Drehbuch für den gleichnamigen DEFA-Film in der Regie von Hans Knötzsch. Die Hauptrolle des Wiesenpiper in Uniform hatte damals der 1954 in Berlin geborene Schauspieler Bernd Braun übernommen. Nach seiner Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch folgten Engagements am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und diverse Auftritte in Film- und Fernsehproduktionen. Nach seiner Ausreise aus der damaligen DDR 1984 arbeitete er in Hamburg, am Theater Basel, Theater am Neumarkt Zürich, Theater Konstanz, Staatstheater Mainz und dem Theater Oberhausen.
Seit der Spielzeit 2003/2004 ist Bernd Braun festes Ensemblemitglied am Theater Bonn. Wichtige Rollen in Bonn waren unter anderem in ANSICHTEN EINES CLOWNS (Regie: Alice Buddeberg), DAS FEST (Regie: Martin Nimz), NATHAN (Regie: Volker Lösch), UNTERLEUTEN (Regie: Jan Neumann), KÖNIG LEAR als Titelrolle (Regie: Luise Voigt) sowie in GLAUBE LIEBE HOFFNUNG (Regie: Julia Hölscher).
Der DEFA-Film Wiesenpiper hatte seine TV-Premiere am 1. März 1983 und damit passenderweise am Tag der NVA, der Nationalen Volksarmee, den 1956 gegründeten DDR-Streitkräften also vor nunmehr 70 Jahren.
Der heutige Newsletter präsentiert zudem gleich zwei Bücher von Dietmar Beetz, die sich mit afrikanischer Geschichte befassen oder genauer formuliert: mit deutsch-südafrikanischer Geschichte. Dabei spielte Deutschland keine gute Rolle.
Erstmals 1978 erschien als Band 145 der Reihe Spannend erzählt im Verlag Neues Leben Berlin Späher der Witbooi-Krieger. Als Pieter Koopgaard seine Herde heim nach Rehoboth treibt, ist die Straße menschenleer. Der Hund wittert unruhig. Sollte ein Leopard in der Nähe sein? Im Westen steht eine dunkle Wolkenmauer. Vielleicht hat sie die Leute vertrieben.
Dann erfährt Pieter, dass Deutsche im Dorf sind, dass sie den Boten Hendrik Witboois gefangen haben. Pieter fühlt sich schuldig. Er hat dem Boten gesagt: Die Schnurrbärte? Die sind weit weg.
Pieter muss versuchen, den Nama zu befreien. Und wenn es nicht gelingt, wird er an seine Stelle treten. Als Späher der Witbooi-Krieger nimmt er am Kampf der Deutschen gegen die Witbooi in Deutsch-Südwestafrika Ende des 19. Jahrhunderts teil, als Bastard von den Deutschen verachtet, als Verräter von den meisten Witbooi bekämpft.
Ein gutes Jahrzehnt später, erstmals 1989, veröffentlichte Dietmar Beetz im Verlag Das Neue Berlin seinen Roman Flucht vom Waterberg. Und der Held dieses Buches ist wieder Pieter Koopgaard
Es ist August 1904 in Deutsch-Südwestafrika, dem Land zwischen den Flüssen Oranje und Kunene. zwischen Atlantik und Kalahari. Die Kolonialtruppen des deutschen Kaisers, der seit knapp einem Jahrzehnt dieses Land als Kolonie beansprucht, bewegen sich zu den Südhängen des Waterberges, zur Entscheidungsschlacht gegen das Volk der aufständischen Herero.
Nach Monaten erbitterten Kampfes haben sich Zehntausende zu dem rostroten Felsmassiv zurückgezogen, in der Hoffnung auf Wasser. Ihnen bleibt, wenn sie weiter in die Wüste jenseits des Berges getrieben werden, nur der Tod des Verdurstens.
Pieter Koopgaard, durch Geburt zwischen den Rassen stehend und unfreiwillig Söldner in deutschen Diensten, weiß, dass er sich entscheiden muss. Omutima, die Frau, die er liebt, ist eine Herero. Er muss zu ihr, muss fliehen ...
Aber Koopgaard war vor Jahren Späher der Witbooi-Krieger im Kampf gegen die Deutschen. Und noch immer, lange schon ohne Nachricht, glaubt er an den Auftrag von Hendrik, dem legendären Führer des Stammes. Also bleiben und warten ...
Doch da ist dieser Schwur, gegeben einem Weihepriester der Herero, bei jener Zeremonie. Koopgaard fühlt sich zerrissen und zwischen den Fronten. Was soll er tun? Und dann wird er hineingezogen in einen Strudel unvorstellbarer Ereignisse.
Dietmar Beetz schreibt über einen wenig bekannten Zeitabschnitt deutscher Kolonialgeschichte. Er erinnert daran, dass mit dem Völkermord an den Herero, 1904 in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia), jenes Kapitel deutscher Perfektion und Gründlichkeit begann, das Jahrzehnte später seinen schrecklichen Höhepunkt finden sollte.
Außerdem dürfen sich die Empfängerinnen und Empfänger dieses Newsletters auf einen besonderen Krimi freuen:
Erstmals 1990 veröffentlichte Jan Eik in der renommierten DIE-Reihe (Delikte, Indizien, Ermittlungen) des Verlages Das Neue Berlin seine Kriminalgeschichte Dann eben Mord, in der ein Polizist gehörig in Schwierigkeiten kommt:
Auf seinen Spürsinn hat sich der Provinz-Kriminalist Werner Jarosch immer verlassen können, egal ob es sich um einen Scheckbetrug handelt oder die Ausplünderung eines Dorfes, das dem Braunkohlenabbau weichen muss.
Im Fall der Isa Matuschek aber lässt ihn seine Intuition im Stich: Ein Unbekannter hat die junge Frau überfallen und vergewaltigt, und Jarosch tappt im Dunkeln.
Jan Eiks letzter in der DDR erschienener Krimi spielt in der Endzeit des erschöpften Landes; der Klassenfeind kommt jetzt in Grün, weiß eine gewissenhafte Schuldirektorin zu melden, während die Atmosphäre in der Schule von Kerkow, an der Swetlana und Arne Schildhauer unterrichten, auch auf andere Weise vergiftet wird.
Obwohl Jarosch jeder noch so vagen Spur nachgeht und dabei über mancherlei Absonderlichkeiten des alltäglichen Lebens auf dem Lande stolpert, vergehen Monate, bis ihn endlich ein seltsamer Verkehrsunfall mit Fahrerflucht Zusammenhänge erkennen lässt, die selbst den gestandenen Kriminalisten überraschen.
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Wieder geht es um Verantwortung und Schuld, um Verführung und Verblendung fast eines gesamten Volkes.
Zur Lektüre empfohlen wird heute der Roman Himmelfahrtskommando von F. C. Weiskopf. Textgrundlage für das E-Book sind die Gesammelten Werke IV, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, erschienen 1960 im Dietz Verlag Berlin. Auswahl und Zusammenstellung der Werke besorgten Grete Weiskopf und Stephan Hermlin unter Mitarbeit von Dr. Franziska Arndt.
Ein deutscher Soldat, verwundet und in Gefangenschaft, ringt um die Wahrheit seiner eigenen Vergangenheit. Zwischen Tagebuchfragmenten, Erinnerungen und Begegnungen entfaltet sich die schonungslose Beichte eines Mannes, der begreift, wie Schuld, Verblendung und Schweigen ihn und Millionen andere an die Hitlerstange ketteten.
F. C. Weiskopfs Himmelfahrtskommando ist kein Heldengesang, sondern ein eindringliches Zeugnis über Schuld und Verantwortung im Krieg. Mit literarischer Kraft zeigt der Roman, wie schwer es ist, aus der Verstrickung von Mitläufertum, Angst und Gewissenlosigkeit auszubrechen - und wie notwendig der schmerzhafte Prozess der Selbsterkenntnis bleibt. Ein Werk von bedrückender Aktualität, das die Frage nach moralischem Handeln im Angesicht von Gewalt auch heute stellt.
Das Buch beginnt mit einem
Auftakt sowie einer erschütternden Frage eines deutschen Soldaten:
1
Also Sie sind die Schwester, die niederschreiben wird, was ich zu sagen habe? Also Sie werden mir helfen, meine Geschichte zu Papier zu bringen die Geschichte, die ich schon in meinem verloren gegangenen Tagebuch aufzuzeichnen versucht habe? Das ist schön. Das ist sehr schön, Schwester. Denn sehen Sie, dieses Tagebuch war so etwas wie mein besseres Selbst, oder nein, es war noch nicht mein besseres Selbst, aber doch ein Weg zu ihm hin, ein Spiegel der Erkenntnis, ein Freund, dem ich mich ohne Furcht anvertrauen konnte.
Wissen Sie, was das heißt? Nein, wie könnten Sie wissen, was es für einen Soldaten der Großdeutschen Wehrmacht bedeutet, einen Freund bei sich zu haben, mit dem er offen sprechen kann, wenn auch nur in Andeutungen und Stoßseufzern denn so weit haben sie es dank ihrem System von Spitzelei und Einschüchterung und Brutalität gebracht. So weit haben sie es gebracht, dass man sich mit seinen eigenen Gedanken nur noch im Flüsterton zu unterhalten wagt. Auch wenn man ein alter Landser, Träger der Sudetengedenkmedaille und des Verwundetenabzeichens und Besitzer eines Parteibuches aus dem Jahre 1937 ist Ja, das Tagebuch war ein Freund, ein Mitwisser geheimer Regungen. Deshalb hat es wohl auch der Oberfeldwebel, der am letzten Abend noch bei unserer Gruppe herumschnüffelte, weggenommen.
Offen gestanden, Schwester, ich glaubte dem Lazarettkommissar nicht, als er mir sagte: Wir werden schon jemand ausfindig machen, dem Sie Ihre Geschichte diktieren können, Hans Holler. Es wird sich sicher jemand melden. Ich hielt die Worte des Kommissars für einen freundlichen Trost, ein Zeichen menschlicher Anteilnahme, und schon das war unerwartet viel. Aber jetzt haben Sie wieder Mühe, mich zu verstehen, Schwester. Ich weiß, ich weiß, es ist für euch nicht ganz einfach, so etwas zu begreifen, denn ihr drillt ja euren Soldaten nicht ein, dass sie aufhören müssen, Menschen zu sein, wenn sie die Uniform anziehen. Ihr glaubt ja nicht, dass der Weg zum Sieg nur über die Bestialität führt (als ob das nicht, wie unser Beispiel zeigt, der sicherste Weg zur Niederlage wäre!). Bei euch kennt man ja nicht diese Sonderbefehle: Verwundete Gefangene sind nicht erst zu machen!, und auch nicht diese Ansprachen beim Appell, wie wir sie noch am Tage unserer Ankunft in der Frontstellung zu hören bekamen: Nerven, Herz, Mitleid existieren für euch nicht; die braucht man im Kriege nicht. Zu eurem persönlichen Ruhm muss jeder von euch hundert Russen töten, das ist das richtige Verhältnis. Vernichtet jedes Wesen, das in eurem Wege steht. Ihr werdet alle andern in die Knie zwingen. Der Deutsche ist der absolute Herr der Welt.
Nein, ich glaubte nicht, dass sich jemand melden würde. Zu einer solchen Arbeit? In der Freizeit? Für einen deutschen Soldaten? Für einen verwundeten und gefangenen, schön und gut, aber doch einen Soldaten jener Armee nun, Sie wissen ja selbst, wie sich die Wehrmacht des Großdeutschen Reiches auf fremdem Boden aufführt.
Schade, dass ich Sie nicht sehen kann, Schwester. Wie heißen Sie doch? Marussja? Ja, schade, dass ich Sie nicht sehen kann, Schwester Marussja. Aber ich werde Sie sehen, nicht wahr, ich werde Sie sehen können, ich werde mein Augenlicht behalten?
Bevor wir in die Leseprobe eintauchen, lohnt sich ein kurzer Blick auf Ton und Thema des Textes: Wiesenpieper. Die lustig-traurige Geschichte eines Pechvogels erzählt mit feinem Humor und viel Empathie von einem Mann, dem das Missgeschick treu zur Seite steht. Wolfgang Held schildert die kleinen und großen Katastrophen des Alltags so, dass man schmunzeln muss und zugleich spürt, wie nah Komik und Tragik beieinanderliegen. Die folgende Leseprobe gibt einen eindrucksvollen Vorgeschmack auf diese besondere Mischung.
Ein anderes Mal traf der von ihm getretene Fußball nicht etwa bloß eine Fensterscheibe, die ja leicht zu reparieren gewesen wäre, sondern knallte gegen den Kopf eines Maurers, warf den erschrockenen Mann vom Gerüst und verursachte bei ihm zwei gebrochene Rippen.
Vor der Jugendweihe im Saal der Dorfkneipe hatte Frau Ritter ihrem Sohn eine sehr höfliche und tiefe Verbeugung beigebracht. Er sollte sich damit wohlerzogen für die Glückwünsche und den Händedruck des Bürgermeisters bedanken. Aufgeregt und bemüht, auch der mit Uli in der sechsten Reihe sitzenden Mutter eine Freude zu machen, hatte er im feierlichen Augenblick den Kopf weit nach vorn geworfen und völlig unbeabsichtigt den gewölbten Bauch des Bürgermeisters derart kräftig gerammt, dass der verdutzte Amtsträger rückwärts taumelte. Er stürzte von der Bühne herab zwischen die zur Zierde aufgestellten Grünpflanzen, wobei ihm glücklicherweise außer dem Gejohle der Zuschauer sowie ein paar blauen Flecken am Rücken und etwas weiter unten keine schlimmeren Unannehmlichkeiten widerfahren waren.
Und so war es all die Jahre hindurch weitergegangen.
Besonders lange hatte man in Bruselfeld über das Missgeschick gelacht, das dem Wiesenpieper passiert war, als er schon das Facharbeiterzeugnis besaß und in der LPG-Fahrzeugwerkstatt arbeitete.
Auf der Probefahrt mit einem gerade erst reparierten Traktor hatte er versehentlich den Rückwärts- anstelle des Vorwärtsganges eingelegt und war, ehe er recht begriff, was geschah, in voller Fahrt durch das Schaufenster der neuen Konsumkaufhalle gedonnert, hatte Regale samt Nudeltüten, Keksschachteln und Waschpulverpaketen überrollt, bevor er das knatternde, tonnenschwere Ungetüm endlich am Molkereiwarenstand inmitten einer Fontäne aus Milch, Quark und Käse zum Stehen bringen konnte.
Die Wiedergutmachung des angerichteten Schadens zerstörte einen Traum. Felix nahm damals Abschied von dem Wunsch nach einem eigenen Motorrad, behielt nur noch zwei Mark und fünfzig Pfennig auf seinem Sparbuch und zahlte darüber hinaus noch ein paar Monate lang ein gehöriges Sümmchen von seinem Lohn an den Konsum.
Bevor die Leseprobe beginnt, öffnet sich der Blick auf eine Welt voller Spannung, innerer Zerrissenheit und drohender Entscheidung: Späher der Witbooi-Krieger führt mitten hinein in die Gedanken eines Mannes, der zwischen Pflicht, Verrat und der Hoffnung auf Erlösung steht. Mit dichter Sprache und historischer Genauigkeit zeichnet Dietmar Beetz das Porträt eines Spähers am Rand des Abgrunds. Die folgende Passage lässt eindrucksvoll spüren, wie nah Entschlossenheit und Zweifel, Mut und Angst beieinanderliegen.
Zwar riss der Major sofort sein Pferd herum und ritt zum letzten Wagen, aber der Baas hatte sich schon wieder gesetzt, und er erhob sich nicht einmal, während er in die Runde wies und offenbar erklärte, das hier sei der beste Platz für die Nacht.
Ohnehin spannen die Tauleiter bereits aus, und das Brüllen, das Blöken und Wiehern schwillt an wie immer zu Beginn einer Rast, und so lässt sich Pieter von dieser Woge gleichsam überrollen, taucht in dem Durcheinander unter, bückt sich nach ein paar Schritten, packt den Splint und zieht.
Und wundert sich, als er den Eisendorn in der Hand hält, erschrickt jetzt erst und lässt den fingerlangen Stachel fallen, tritt darauf und begräbt ihn mit der Sohle im Sand und blickt dabei aus aufgerissenen Augen um sich.
Keiner, der herschaut! Gott sei Dank! Offenbar ahnt niemand, was eben geschehen ist, was der Treiber und Bastard, der Späher Koopgaard vollbracht hat.
Geschafft! denkt er noch, als das Abendbrot bereits verzehrt ist und der Durst gelöscht und die Sonne verschwunden im Westen hinter dem Bergwall; und als endlich die Dunkelheit anbricht, atmet er auf und sagt sich, redet sich erneut ein: Geschafft! Nun kann keiner sehn, dass der Splint fehlt, und es müsste schon mit dem Teufel zugehn, wenn morgen früh ...
Abermals stockt er in Gedanken und beginnt zu grübeln und beschwichtigt sich selbst und versucht, wiederum zu frohlocken, und weiß doch, dass nur ein Anfang gemacht und noch gar nichts vollbracht ist.
Morgen früh muss sich ein Rad lösen, muss die Achse brechen, muss ein Teil der Kolonne allein weiterziehn mit der Hälfte der Bewachung, damit im Engpass von Horebis, kurz vor Tsaobis ...
An dieser Stelle schiebt sich gleichsam eine Wand vor seine Gedanken - heute Abend im Gegensatz zu gestern und zu den Tagen und Abenden zuvor.
Was dann? fragt er sich. Wenn alles klappt, selbst wenn dir bei dem Überfall nichts passiert und vorher nichts - was danach?
So nah die Entscheidung ist, so fern und unwahrscheinlich dunkt ihn plötzlich die Erlösung. Eben war er noch überzeugt, mit dem ersten Schuss im Engpass von Horebis werde er wieder zum Krieger Pieter Koopgaard, frei und offen zum Verbündeten der Witboois; nun zweifelt er selbst daran, bezweifelt, dass irgendetwas morgen glückt.
Und liegt, gehüllt in seine Pferdedecke, schlaflos, lange, und bedrückt, nachdem die Schwüle des Tages, die dumpfe, vom Rauch des schwelenden Feuers beschwerte Luft hier im Talkessel längst verdrängt ist von nächtlicher Kühle, versucht, jenen Abend, den letzten in Hoornkrans, zu beschwören: die Wärme, die Geborgenheit und Marias erregenden, verheißungsvollen Blick, versucht es verzweifelt, vergebens, grübelt noch, als die beiden Doppelposten bereits beginnen, vor Kälte die Stiefel zusammenzuschlagen.
Dieses Klopfen und der Hall ihrer Schritte rings um das Lager und manchmal das Klirren von Metall auf Stein - das alles könnte morgen schon Vergangenheit sein, Erinnerung wie an einen Albtraum, überstanden, vorbei.
Bevor die Leseprobe einsetzt, führt Flucht vom Waterberg unmittelbar in eine Situation äußerster Anspannung und moralischer Erschütterung. Mit eindringlicher Klarheit zeigt Dietmar Beetz, wie Gewalt, Angst und Zweifel in den Wirren des Kolonialkriegs aufeinandertreffen. Die folgende Passage konfrontiert die Lesenden schonungslos mit einem Moment, der das Denken und Fühlen der Beteiligten für immer verändert.
Der Unteroffizier schaut sich um, und erst jetzt bemerkt Koopgaard, wie still es hinter ihnen geworden ist. Der Hauptmann und die anderen, die neben dem Okuruo stehen - alle spähen zu jener Kerbe.
»Qualmts dort nicht?«
»Tatsächlich!«
»Ein - Rauchzeichen?«
Aus den Augenwinkeln gewahrt Koopgaard seitab eine Bewegung, und dann sieht er, wie die Frau das Kind an sich drückt, wie sie es fortschickt, es behutsam von sich schiebt, wie sie die Kalebasse nimmt und das Öl, alles aus dem Gefäß, in das Feuer gießt.
Bevor die Flammen hochschießen, einen winzigen Moment lang, wirkt ihr Gesicht verjüngt, und im selben Bruchteil einer Sekunde erkennt Koopgaard auch, woher das Muster auf Stirn und Wangen rührt.
Schmucknarben, denkt er, eine Seltenheit bei den Herero.
Da ist er bereits geblendet, und eine Weile hört er nur, was geschieht.
»Tuka, Ninga, utuka! Lauf, Ninga, lauf!«
Das Weinen des Kindes, das Flehen seiner Mutter, Gepolter, Gewieher und das Geschrei des Hauptmanns ...
»Weg da! Der werd ich ...«
Als die Kolonne die Werft verlässt, ist es noch immer Nacht. Nach wie vor scheint der Mond, blinken Sterne, streicht die Luft kühl vorbei, und doch hat sich während der vergangenen Stunde in Koopgaard etwas erschreckend verändert.
Es war wie ein Schock. In all den Jahren, die er nun schon die Uniform des Kaisers trägt, hat er manches erlebt, manches mit angesehen; das aber ist, bevor er es mit eigenen Augen sah, für ihn unvorstellbar gewesen.
Noch hinnehmen konnte er, dass Böhm, als die Flammen hochschlugen, als klar war, was vor sich ging, die Frau, die das Feuerzeichen gesetzt hatte, niederschoss. Schließlich, so sagte sich Koopgaard, ist Krieg, und die Frau hat gewusst, was sie tut, hat sich geopfert.
Jedenfalls musste man davon ausgehen, dass Späher, die vermutlich in jener Schlucht saßen, nun gewarnt worden waren, dass der Alarm, den das Flammenzeichen ausgelöst hatte, längst weiterlief, dass er vielleicht schon Samuel Maharero, den Oberhäuptling und Führer der Herero, erreicht hatte. Der Trupp war bemerkt worden, soviel stand fest, und sicher würde er jetzt kaum mehr unbehelligt das Plateau erreichen.
Eigentlich selbstverständlich, dass die Kolonne unter diesen Umständen unverzüglich aufbrechen, dass sie versuchen musste, den Kriegern der Herero zuvorzukommen.
Um so unverständlicher - der Einfall von Böhm.
»Boschkow!«, rief der Hauptmann, in der Hand noch die Pistole, über den Leichnam der Frau gebeugt.
Irgendwo weinte das Kind.
Seine Mutter lehnte, in den Hüften verdreht, an einem der Ochsenschädel. Ihre Augen standen offen, große Augen mit einem - so schien es Koopgaard - durchdringenden Blick, und das Gesicht mit den Schmucknarben auf Wangen und Stirn lag voll im Licht der prasselnden Flammen.
»Boschkow, zu mir!«
Der Sanitäter salutierte vor dem Hauptmann, der sich aufgerichtet hatte, der nun zu der Toten wies.
»Wär das was?«
Boschkow begriff offenbar sofort. Er ließ einen Laut hören, wobei seine Schultern herabsackten, und räusperte sich.
»Na ja, wenns richtig präpariert wird ... Trotha könnte sichs aufspannen lassen, für seine Trophäensammlung oder als Lampenschirm oder so was.«
»Gut, Gefreiter. An die Arbeit!«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann.«
Es klang nicht gerade begeistert.
Beim Pontok des Häuptlings wimmerte das Kind, und am Okuruo hatte sich inzwischen die gesamte Abteilung versammelt. Die Männer hielten die Tiere am Halfter und schwiegen.
Boschkow ging unwillig zu einem der Maulesel, zerrte und riss an einem Gepäckstück, kam mit der Tasche zurück, kramte darin und holte medizinische Geräte heraus.
»Aus dem Licht!«
Niemand stand im Schein, den der Mond und die Flammen auf das Gesicht der Toten warfen. Trotzdem befahl der Hauptmann den Männern, wegzutreten, sich und die Tiere zum Weiterreiten, für einen Eilmarsch herzurichten.
Sie kamen dem Befehl nur zögernd nach, zurrten am Zaumzeug und an den Gurten, mit denen die Traglasten befestigt worden waren, warfen immer wieder einen Blick über die Schultern, ungläubig, kopfschüttelnd.
Hoffmann sah weg.
Sein Gesicht war blass.
Er biss die Zähne zusammen.
Das Kind - es weinte, wimmerte, schrie.
Plötzlich fuhr der Hauptmann herum, riss die Pistole heraus und schoss.
Das Schreien brach ab, setzte von Neuem ein, schrill nun.
Koopgaard war starr vor Entsetzen. Er hörte den Hauptmann brüllen, sah, wie der schoss, wieder und wieder; das Geschrei des Kindes erstarb lange vor dem Gebrüll und dem letzten Schuss.
Boschkow präparierte unterdessen verbissen. Er war bereits beim Kinn angelangt. Ein Ruck, und er hielt die Haut vom Skalp bis zum Brustansatz in den Händen.
Noch immer schwieg Hoffmann. Sein Gesicht war weiß und starr wie bei einem Leichnam. Er atmete schwer, mit offenem Mund.
Erst als Boschkow das blutige Hautstück zusammengerollt und in der Kalebasse verstaut hatte, als er es mit Schnaps übergoss und dazu bemerkte: »Schade um jeden Tropfen« - da erst brach es aus Hoffmann heraus.
Der Hauptmann fiel dem Unteroffizier ins Wort, herrschte ihn an, befahl ihm zu schweigen. Vergebens; Hoffmann war wie von Sinnen.
Von dem, was er, zitternd vor Erregung, hervorstieß, verstand Koopgaard nicht alles, doch begriff er, dass Drohungen dabei waren, Drohungen gegen den Hauptmann, gegen Generalleutnant von Trotha, gegen die Kolonialmacht.
»Ich bin kein Sozialdemokrat, bin ich nie gewesen, aber nun - das schwör ich - werd ich dafür sorgen, dass Bebel und der Reichstag, dass die ganze Welt von diesen Verbrechen erfährt!«
Bevor die Leseprobe einsetzt, zeichnet Dann eben Mord das Bild einer scheinbar ruhigen Provinz, in der akribische Ermittlungsarbeit und leise Zweifel den Ton angeben. Mit nüchterner Präzision und feinem Gespür für Spannungsaufbau führt Jan Eik in einen Fall ein, bei dem jedes Detail zählt und nichts so harmlos ist, wie es scheint. Die folgende Passage gibt einen konzentrierten Einblick in diese sachliche, zugleich beklemmende Atmosphäre.
Auf keinen Fall zum "Heidekrug". Er war kein Kneipengänger. Wenn er von seinem Spaziergang zurückkehrte, würde er sich einen Tee zubereiten, das war das gescheiteste bei diesem Wetter.
Außerdem hatte der
"Heidekrug" am Mittwoch Ruhetag - wie die "Sonne" in Bartz.
Noch zweimal war er dort gewesen, hatte schließlich mit viel Geduld zusammen
mit dem Wirt so etwas wie einen Zeitplan
für den bewussten Samstagabend erarbeitet, und einen Sitzplan auch.
Weitergebracht hatte ihn beides nicht. Mit den Pkw-Spuren sah es nicht viel
besser aus, obwohl der Techniker auf dem Parkplatz gegenüber der
"Sonne" die Abdrücke der abgefahrenen Reifen und die der
Winterstollen gefunden hatte. Fehlten nur die dazugehörigen
Fahrzeuge vom Typ Wartburg, wenn man den Vermessungen trauen durfte, die
mindestens im ersten Fall nicht ganz gesichert erschienen. Die Fahndung lief im
ganzen Bezirk, aber wahrscheinlich rollte der eine Wartburg längst auf neuen
Reifen, und dass jemand den anderen auch Ende Juni noch mit Winterreifen fuhr,
war nicht anzunehmen. Weder der Sonnenwirt noch Isa oder Fredo und seine ![]()
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Kumpel hatten einen
Hinweis auf den gesuchten Wagen liefern können. Ihn in Großpöhlow, Launitz oder
Bartz zu finden, hätte ohnehin das Ende einer Fehlspur bedeutet. Isa Matuschek war nach wie vor davon überzeugt, von
einem Fremden überfallen worden zu sein.
Ein Durchreisender? Zum hundertsten Mal überdachte Jarosch auch diese Möglichkeit. Wer reiste samstagnachts durch Bartz und kannte dabei diesen Landweg nach Großpöhlow so genau, dass er in der Kürze der Zeit sogar einen Abstellplatz für seinen Pkw fand, um dann dem Mädchen an geeigneter Stelle aufzulauern? Nein, ein mit der Gegend nicht Vertrauter kam nach Jaroschs Version nicht in Frage, und davon hatte sich nach gründlicher Erörterung der Spurenlage und der Zeugenbefragungen auch der Major überzeugen lassen. Der Täter war zumindest Ohrenzeuge der Auseinandersetzung zwischen Isa und Fredo gewesen, hatte also den Flur und die Toilette der "Sonne" betreten, vorher wahrscheinlich auch die vordere Gaststube. Er kannte jedenfalls die Absicht des Mädchens und beobachtete, wie sie abfuhr und gleich darauf noch einmal zurückkehrte. Vermutlich ließ er die Luft aus dem Reifen, um später die Fahrerin an einer schnellen Flucht zu hindern.
Dann hatte er sich am Großpöhlower Weg auf die Lauer gelegt. Das alles sprach wiederum für einen Täter, der Isa Matuschek kannte. Die beiden einzigen Fremden, auf die der Wirt sich besann, waren im Lkw vorgefahren. Das wusste Jarosch inzwischen. Er hatte sie mit Hilfe der gebackenen Forellen gefunden, noch bevor die Fahndung im weit verzweigten Fuhrpark des Braunkohlenkombinats erfolgreich gewesen war. Schon am Sonntag nach dem Tatwochenende war der eine mit Frau und Sohn zum Mittagessen in der "Sonne" aufgetaucht. Der Wirt hatte sich das Kennzeichen des Lada notiert und die Kripo verständigt.
2,5 Millionen Armeegeschichten
Vielleicht gibt der Wiesenpiper von Wolfgang Held Anlass, einmal kurz zurück auf die Geschichte der Nationalen Volksarmee und ihre insgesamt 34 Jahre dauernde Geschichte zu schauen.
Alles begann mit zwei Verträgen im Mai 1955 zum einen mit dem Abschluss des Warschauer Vertrages sowie zum anderen mit dem Souveränitäts-Vertrag zwischen der DDR und der UdSSR: Damit wurde der DDR auch die Verantwortung für ihren militärischen Schutz zugesprochen. Und der Aufbau einer eigenen Armee konnte in Angriff genommen werden. Bereits existierende Einheiten konnten in die ein Jahr später offiziell gegründete Nationale Volksarmee überführt werden. Wichtig zu wissen: Zunächst war die NVA eine reine Freiwilligenarmee.
Das änderte sich, als am 24. Januar 1962 also etwa ein halbes Jahr nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 - in der DDR die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde. Von jetzt ab mussten Männer zwischen 18 und 26 Jahren einen Grundwehrdienst von 18 Monaten leisten. Insgesamt dienten seitdem 2,5 Millionen Männer in der DDR-Volksarmee. Das sind nebenbei bemerkt auch 2,5 Millionen Armeegeschichten
Wer den Dienst an der Waffe ablehnte, wurde Bausoldat ein von Anfang an umstrittenes Thema. Ein verfassungsmäßig garantiertes Recht zur Wehrdienstverweigerung oder auf einen Zivildienst wie in der Bundesrepublik gab es bis zum Frühjahr 1990 in der DDR nicht. Allerdings bestand seit 1964 die Möglichkeit, einen waffenlosen Wehrdienst in der NVA abzuleisten. Die als Bau- oder auch als Spatensoldaten (wie auf ihren Schulterstücken zu erkennen war) bezeichneten, überwiegend religiös motivierten Waffendienstverweigerer verrichteten vor allem körperlich anstrengende Bauarbeiten.
Gegliedert war die NVA in Land- und Luftstreitkräfte sowie in die Volksmarine. Ab 1961 wurde die bisherige Grenzpolizei ebenfalls der NVA unterstellt und später umbenannt in Grenztruppen der DDR. Außerdem gab es einen eigenen militärischen Nachrichtendienst, der Militärische Aufklärung genannt wurde.
Zum Charakter des DDR-Wehrdienstes ist in einem Beitrag des Mitteldeutschen Rundfunks (mdr) unter anderem zu lesen:
Wehrdienst: Leben mit dem Ernstfall
Auch an diejenigen, die nicht an der Grenze dienen mussten, stellte der Wehrdienst in der NVA große psychische und physische Anforderungen dar. Trotz des Anscheins, eine Verteidigungsarmee zu sein, befand sich die NVA in einer ständig hohen Einsatzbereitschaft. Der Kernsatz der sozialistischen Militärdoktrin lautete: Der Gegner wird auf seinem eigenen Territorium vernichtet. Die Theorie ging davon aus, dass nach einer NATO-Aggression die Truppen des Warschauer Paktes zur Offensive übergehen und den Feind auf dem Gebiet der NATO vernichten. Intern ergingen sich die Offiziere der NVA gern in der Vorstellung, dass es bis zum Atlantik kein Hindernis für die Panzerdivisionen des Warschauer Paktes gäbe.
Für die Wehrdienstleistenden bedeutete die permanente Gefechtsbereitschaft eine hohe Beanspruchung: wenig Urlaub, kaum Ausgang und damit die dauernde Trennung sowohl von der Familie als auch der zivilen Umwelt. Hinzu kam ein äußerst rigides disziplinarisches System. Waren Waffentechnik und militärische Ausrüstung meist in sehr gutem Zustand, galt dies für die Mannschaftsunterkünfte, Sanitäreinrichtungen, Küchen und Speiseräume weniger. Die Haushaltsmittel wurden vorrangig für die Sicherstellung der Kampfkraft genutzt.
Angesichts der vielfältigen Beanspruchungen, Verpflichtungen und Entbehrungen war der Wehrdienst für Jugendliche kaum eine Verlockung. Um sie dennoch zu motivieren, wurden sie sowohl innerhalb der Armee als auch außerhalb - im Rahmen der Wehrerziehung - politisch geschult.
In einem weiteren Abschnitt geht es um die Themen
Pflicht, Disziplin und EK-Bewegung
Die Musterung für den Wehrdienst erfolgte in der Regel im Alter von 17 Jahren. Jetzt musste der Jugendliche auch entscheiden, ob er sich eventuell für eine längere Dienstzeit verpflichten wollte. Eine Wehrdienstverweigerung war anfangs überhaupt nicht möglich. 1964 schuf der Nationale Verteidigungsrat die Möglichkeit eines waffenlosen Militärdienstes als sogenannter Bausoldat. Wer diesen Dienst wählte, hatte allerdings unter ständigen Schikanen zu leiden. Eine Totalverweigerung war gesetzwidrig und wurde entsprechend hart bestraft.
Der Grundwehrdienst war im Alter von 18 bis 26 Jahren für 18 Monate abzuleisten. Er wurde mit dem obligatorischen Wehrkundeunterricht an den Schulen vorbereitet und setzte sich in Form von Reservisteneinsätzen zum Teil noch viele Jahre nach dem aktiven Wehrdienst fort. Bis zu einem Alter von 50 Jahren konnte man insgesamt weitere 24 Monate einberufen werden. Eine Laufbahn als Berufsunteroffizier dauerte zehn Jahre, als Fähnrich 15 Jahre und als Berufsoffizier 25 Jahre.
Während des Grundwehrdienstes bestand 18 Monate selbst im Ausgang Uniformpflicht, ebenso auf der Fahrt von und zum Heimaturlaub. Die Wehrpflichtigen sollten sich an eine spartanische Lebensführung gewöhnen. Zur Durchsetzung von Ordnung und Disziplin waren die Vorgesetzten mit einer weit reichenden Disziplinargewalt ausgestattet, sie konnten Urlaub und Ausgang gewähren oder auch verbieten, Arrest und Degradierungen aussprechen, aber auch Belobigungen in Form von Beförderungen oder Sonderurlaub. Der Druck, der dadurch auf die Wehrpflichtigen ausgeübt wurde, fand seinen Ausdruck in der so genannten EK-Bewegung. Die Entlassungskandidaten, d.h. die ihr letztes Diensthalbjahr absolvierenden Soldaten, ließen ihren angestauten Frust an nach ihnen eingezogenen Wehrpflichtigen aus. Nicht selten kam es zu Gewalt und Schikanen. Nach der Wiedervereinigung wird die NVA aufgelöst.
Oder etwas anders formuliert: Am 3. Oktober 1990 wurde die NVA in die Bundeswehr überführt was allerdings nicht reibungslos funktionierte und wohl auch nicht reibungslos funktionieren sollte, wenn ein Sieger einen Verlierer übernimmt, dann zeigt er sich eben auch so
Ein spannendes Thema ist übrigens nicht zuletzt die Sprache in der NVA, in der sich über die Jahrzehnte hinweg ein ganz eigener Jargon herausgebildet hatte. Auch dazu gibt es spannende Bücher wie Die Sprache der Soldaten der DDR. Das Soldatenwörterbuch der NVA und der Grenztruppen mit 1156 Strichwörtern von Werner Neumann von 2010 oder Die diskriminierende Sprache der NVA-Soldaten - Wie sie sich äußert und an wen sie sich richtet von Moritz Ballerstädt eine mit der Note 2,0 bewertete Bachelorarbeit aus dem Jahr 2011 im Fachbereich Germanistik Linguistik der Universität Potsdam (Institut für Germanistik). Dazu schreibt der Autor selbst:
Die Sprache der DDR-Soldaten wurde erst nach 1990 Gegenstand linguistischer Untersuchungen. Warum sich die Wissenschaft mit der NVA-Sprache beschäftigt hat, ist vermutlich nur durch ihre Eigentümlichkeit zu erklären. Matthias Rogg resümiert, dass in der Nationalen Volksarmee (NVA) die Lexik besonders schrille Töne hervor- gebracht habe. Zudem standen ideologische und soziokulturelle Aspekte der Sprache im Fokus der Forschungsbemühungen. Dass die NVA eigene Sprachriten entwickelte, ist nicht verwunderlich. Peter Möller insistiert, dass Soldaten untereinander seit jeher eine eigene Sprache entwickelt haben, denn die Soldatensprache ist so alt wie das Militär. Diese Arbeit widmet sich dem aggressiven bzw. diskriminierenden Potential von Soldatensprache, die anhand der DDR-Soldatensprache untersucht werden soll. Der Versuch, dieses Phänomen zu erklären, wird sich zu Teilen auch auf die Einstellungen der gesamten DDR-Bevölkerung zur NVA beziehen. Denn eine Isolation von der Bevölkerung verstärkt die Ausprägung einer Parallelgesellschaft in der Armee. Für diesen ersten Moment bleibt festzuhalten, dass NVA-Soldatensprache erst im Armeedienst erlernt und lediglich während der Dienstzeit angewendet wurde. Am aktuellen Forschungstand möchte ich zeigen, dass NVA-Sprache noch ein weitgehend unreflektiertes Untersuchungsgebiet darstellt. Jedoch bevor diese Arbeit mit der Überprüfung beginnt, möchte ich darauf hinweisen, dass die Sprache der NVA nicht zuletzt auf Grund einiger Kinofilme wie NVA Wahre Helden oder DDR- Mottoshows, in denen auch NVA-Soldatenvokabular Eingang findet, sich einer Renaissance erfreute, die, ironisch verwendet, heute der Belustigung dient. Die Ernsthaftigkeit der Sprache und ihr Wirken auf die Sprachteilnehmer scheinen gewichen zu sein.
Alles n allem bleibt das Thema NVA auch und gerade im historisch-politischen Rückblick ein weites Feld, um es mal mit Fontane zu sagen. Der war übrigens als gebürtiger Preuße selbst durchaus sehr militärisch interessiert und nichts nur als Kriegsberichterstatter im Einsatz, sondern auch mit dem Tode bedrohter Kriegsgefangener.
Bleiben Sie ansonsten weiter vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher gewogen. Das erste Februar-Paket mit Sonderangeboten ist auch schon gepackt und geht in Kürze auf die Reise und zwar wieder per Eisenbahn.
Und manchmal passiert es, dass man sich beim Lesen älterer Bücher doch sehr an die Gegenwart erinnert fühlt. Das trifft diesmal für einen auch verfilmten und seinerzeit mit viel Aufmerksamkeit verfolgten Bestseller von Wolfgang Schreyer zu.
Erstmals 1959 erschien im damaligen VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik Berlin sein Roman Das grüne Ungeheuer, der 1961 als überarbeitete Ausgabe unter dem Titel Der grüne Papst herauskam. Dem E-Book liegt die nochmals überarbeitete Fassung von 1965 zugrunde.
Worum geht es in dem spannenden Buch, bei dem man sich dabei ertappt, ein wenig an Präsident Trump, Venezuela und Grönland denken zu müssen
Karibisches Meer, Juni 1954:
Ein junger Deutscher gerät in Not und schließt sich Männern an, deren Geschäfte er nicht kennt. Schmuggeln sie Rauschgift, plündern sie Schiffe aus, sind es Kidnapper? Die Bande fürchtet keinen Richter, sie hat einen langen Arm - und Flugzeuge, Schnellboote, Sendestationen. Er kann nicht mehr zurück. Von jener Insel auf der Mosquitobank, die ein Piratennest ist, gelangt er in die Hauptstadt einer kleinen Republik zum Haus eines kaffeepflanzenden Greises, durch Urwälder, Tropenflüsse und über Kaktussteppen.
Er lebt zwischen Gangstern und Landsknechten, trifft aufrechte Männer und Laffen, dient einem windigen General, dann einem frommen Obersten. Ihm begegnen Hafenpolizei, Indios, Mädchen, Papageien, Spitzel. Er trifft eine glutäugige Schönheit, die ihm die Haut ritzt und seine Spottlust weckt, bevor er sie liebgewinnt. Sie lehrt ihn ihre Heimat sehen; und im Lichte aufdämmernder Erkenntnis findet er sein Gewissen wieder.
Wolfgang Schreyer gibt in diesem abenteuerlichen Roman dem Helden selbst das Wort. Darin liegt der besondere Reiz seiner Geschichte.
Halb zeitgeschichtliche Reportage, halb Abenteuerroman, entstand dieses Buch zu einer Zeit, in der die cubanische Revolution noch nicht gesiegt hatte und niemand die Ereignisse in Chile voraussehen konnte. Der gesellschaftliche Hintergrund dagegen, den der Text auch da veranschaulicht, wo Figuren und Handlungen kühn erfunden sind, entspricht überall den Tatsachen. Der Wert des Romans liegt bei aller Unterhaltung, die er dem Leser bietet, in der Information über ein fernes kleines Land (Guatemala) und einen Vorgang scheinbar am Rande des Weltgeschehens, der nicht länger als zwölf Tage Schlagzeilen machte (der von der CIA organisierte Sturz von Jacobo Arbenz Guzmán). Heute erscheint uns dieser Vorgang in schärferem Licht; er gewinnt an Bedeutung, wenn man an die Verbrechen der chilenischen Konterrevolution denkt und an den Überfall der USA auf die friedliche Antilleninsel Grenada im Oktober 1983, der den Putsch der Bananengesellschaft in Guatemala auf erschreckende Weise wieder aktuell werden ließ.
Das Buch war die Vorlage zu dem fünfteiligen Fernsehfilm Das grüne Ungeheuer von Rudi Kurz (1921 bis 2020), der 1962 in der DDR zu einem Straßenfeger wurde.
Zu den Mitwirkenden gehörten unter anderen Jürgen Frohriep als Antonio Morena, die schöne Ungarin Kati Székely als Isabel Chabelita Guerra, die in zweiter Ehe mit Frohriep bis zu ihrer Trennung nach der Wende verheiratet war, Erik S. Klein als Steve Baxter und Werner Dissel als Dr. Luis Guerra sowie Eva-Maria Hagen als Joan und sogar Regisseur Rudi Kurz als Jeepfahrer.
Das grüne Ungeheuer wurde vom 16. bis 23. Dezember 1962 erstmals auf DFF 1 im Deutschen Fernsehfunk gezeigt. Zudem wurde er für das Kino ausgewertet: Der Fünfteiler wurde dabei zu einem Zweiteiler gekürzt und am 26. April 1963 (Teil 1) und 3. Mai 1963 (Teil 2) erstmals im Kino gezeigt. Im September 2011 erschien der erste Fünfteiler des DDR-Fernsehens zusammen mit dem DFF-Zweiteiler Feuerdrachen sowie Beiträgen zur Produktionsgeschichte auf DVD. 2013 war eine weitere DVD-Produktion von Studio Hamburg Enterprises herausgegeben worden, die dafür digital überarbeitet wurde.
Außerdem interessant ist das Buch Das grüne und andere Ungeheuer: Theater-, Fernseh- und Lebenszeit von Rudi Kurz. 334 S., zahlreiche Abbildungen. Verlag Wiljo Heinen, Böklund 2008, ISBN 978-3-939828-24-2.