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Gitarre oder Stethoskop von Rudi Benzien
Autor:
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
25.11.2018
ISBN:
978-3-95655-965-5 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 237 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Liebesroman/Erwachsenwerden, Belletristik/Familienleben
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Heranwachsen, Moderne und zeitgenössische Belletristik, Zeitgenössische Liebesromane, Familienleben, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Liebe und Beziehungen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Deutschland: Kalter Krieg (1945 bis 1990 n. Chr.)
Medizinstudium, Abiturient, Gitarrenband, Liebe, Schwerin, Ostsee, Bauarbeiter, Krankenhaus, Ablehnung, Kind
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Wer fährt am nächsten Morgen vor Ninas Kindergarten vor? Baltus.

Baltus bringt Simone und Nina. Während Simone das Kind ins Haus begleitet, sucht er im Rückspiegel nach Spuren der Schlaflosigkeit in seinem Gesicht. Mit Erfolg! Simone kommt eilig zurück.

Steig auf, ich fahre dich noch zum Krankenhaus. Sozusagen meine Gegenleistung für die freundliche Übernachtung. Es hätte schließlich schlimmer kommen können, Nagelbrett, oder auf Glasscherben schlafen.

Ich komme auch mit der Straßenbahn noch pünktlich, sagt sie.

Zier dich nicht, steig schon auf.

Folgsam setzt sich Simone hinter Baltus.

Kaum fünf Minuten später sind sie am Krankenhaus. Simone reicht Baltus die Hand.

Dann auf Wiedersehen, du wirst ja nun weiterfahren. Ihre Stimme zittert, jedenfalls scheint es Baltus so.

Er hält ihre Hand fest.

Das muss ich ja wohl, oder?

Simone entzieht ihm ihre Hand und sagt schon im Gehen:

Reisende Leute soll man nicht aufhalten, hat meine Oma immer gesagt.

Sie verschwindet hinter der Pendeltür.

Baltus fährt zurück zur Wohnung der Mädchen. Er wird seine Sachen nehmen und verschwinden. Wohin? Das wissen die Götter. Kurs Nord.

Auf dem Tisch liegt ein Zettel für ihn. Von Monika keine Spur. Er liest:

Deine Sachen liegen in der Küche neben der Wasserleitung. Ich bin noch einmal für ein paar Tage weggefahren. Also, mach’s gut. Gute Reise und viel Spaß an der Ostsee.

Den Schlüssel kannst du in den Briefkasten werfen.

Moni

Baltus nimmt sich seine Sachen und geht nach unten.

Als er an der Wohnungstür der Frau von Bredenfelde vorbeikommt, tritt die alte Dame in den Flur.

Guten Morgen, junger Mann. Ach, Sie wollen schon fahren? Schade, schade. Das hat mir Ihre Cousine gar nicht gesagt. Schade.

Baltus lässt sich nicht anmerken, dass er überrascht ist. Von wegen Cousine! Hoffentlich fragt sie mich nicht, wer von den beiden meine Cousine ist. Quatsch eigentlich, sie weiß es ja, denkt Baltus.

Ich will weiter zur Ostsee, ich habe hier nur kurz Station gemacht, sagt er.

Die Hecke, wissen Sie, die muss ein Mann schneiden, ich kann das nicht mehr. Aber wenn Sie es eilig haben, will ich Sie nicht halten.

Baltus legt seine Utensilien in die hinterste Flurecke und zieht sich die Lederjacke aus.

So eilig, dass ich nicht noch schnell Ihre Hecke frisieren kann, so eilig habe ich es wirklich nicht.

Baltus schätzt, dass er höchstens eine Stunde dazu braucht.

Die Hecke umgibt das Grundstück von allen vier Seiten und muss mindestens so lange nicht geschnitten worden sein, wie das Feldbett auf dem Boden alt ist. Nach einer Stunde hat Baltus eine beachtliche Kollektion Blasen an den Händen, doch nicht mal die Hälfte der Vorderfronthecke ist geschafft. Und die Hecke an den Seiten und hinterm Haus ist wesentlich höher, die Zweige sind dicker.

Auf was habe ich mich da eingelassen? fragt sich Baltus. Das sieht nun fast nach Lebensaufgabe aus, was ich in einer Stunde hinter mich bringen wollte.

Zu Mittag isst er bei Frau von Bredenfelde in der guten Stube. Kohlrübeneintopf von einem Meißner Teller, gelöffelt mit einem Silberlöffel.

Baltus ist beeindruckt. Nicht so sehr von den Kohlrüben. Aber was hier an Möbeln steht, was hier an den Wänden hängt, jedem Antiquitätenfan würde das Herz aus dem Leibe springen.

Wer das alles zusammen kaufen wollte, müsste aber die alte Dame mit übernehmen, findet Baltus, nur durch ihre Anwesenheit leben diese Sachen, ohne sie wären sie nur kalter, alter Plunder.

Schweigend sieht die alte Dame Baltus beim Essen zu. Ihr entgeht nicht, dass er sich aufmerksam alle ihre schönen Sachen ansieht.

Nach dem Essen geht Baltus wieder auf die Hecke los. Bald sind seine Handflächen so geschwollen, dass die Haut spannt, wenn er den Griff der Heckenschere loslässt und die Finger spreizt. Er führt einen verbissenen Kampf und verliert von Schnitt zu Schnitt das Gefühl für Zeit und Schmerz.

Endlich kommt er an das Ende der ersten Seitenfront. Nur noch eine Seitenfront und die hintere Hecke warten auf Baltus und die Schere.

Nur noch!

Er wirft einen Blick auf die Uhr: In zwanzig Minuten ist es vier.

Da kommt ihm eine Idee.

Er wirft die Heckenschere ins Gras, wäscht sich unter dem Wasserstrahl des Gartenschlauches. Eine ganze Weile lässt er den kühlen Strahl über seine zerschundenen Handflächen laufen. Eine solche Wohltat hat er noch nie empfunden.

Dann zieht er sich schnell sein Hemd über, und im Laufschritt geht es zum Motorrad.

Die Uhr neben der Einfahrt des Krankenhauses zeigt an, dass es ein paar Minuten nach vier ist. Baltus postiert sich mit seiner Maschine so, dass er genau die gläserne Pendeltür im Blickfeld hat.

Da kommt Simone.

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