Specials
Firmenlogo
Verlag für E-Books (und Bücher), Handwerks- und Berufszeichen
Sie sind hier: EDITION digital: Newsletter 27.03.2026 - Zwischen Aufklärung, Abenteuer und Alltagsgeschichten

Zwischen Aufklärung, Abenteuer und Alltagsgeschichten – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

(Pinnow, 27.03.2026) – Der März verabschiedet sich langsam, und der April kündigt sich bereits an. Eine Zeit des Übergangs also – zwischen Altem und Neuem, zwischen Rückblick und Aufbruch. Genau diese Spannbreite spiegelt sich auch in den fünf aktuellen digitalen Sonderangeboten im E-Book-Shop www.edition-digital.de wider.

Die Titel, die von Freitag, dem 27.03.2026, bis Freitag, dem 03.04.2026, zum Sonderpreis erhältlich sind, führen ihre Leser in die Welt der Aufklärung, in das mittelalterliche Frankreich, in ein fröhliches Krankenzimmer, in die Geschichte eines alten Handwerks – und schließlich in eine eindringliche Erzählung über Mensch und Natur.

Rebellisches Wissen. Diderots Kampf um die Große Französische Enzyklopädie von Klaus Möckel

Frankreich, Mitte des 18. Jahrhunderts. In einer Zeit feudaler Machtherrschaft, des Sittenverfalls und verbissener religiöser Streitigkeiten beschließen der noch wenig bekannte Philosoph Diderot und sein Verleger Le Breton, ein Lexikon des Wissens und damit der geistigen Aufklärung herauszugeben. Doch diese  „Große Enzyklopädie“ trifft auf erbitterten Widerstand. Der Polizeipräfekt und seine Spitzel, der Erzbischof von Paris, die Gerichtshöfe und Dunkelmänner aller Couleur bekämpfen das Werk. Während Diderot Mitstreiter um sich schart (d’Alembert, Voltaire, Rousseau) ist er stetiger Bedrohung ausgesetzt. Intrigen werden angezettelt, die Affäre um einen jungen Abbé und ein Attentat auf den König beschwören höchste Gefahren herauf. Es kommt zu Zerwürfnissen unter den Verbündeten und am Ende zum Verrat, der das Werk fast noch scheitern lässt.

In dieser historisch fundierten, spannenden Novelle des schon mit „Die Gespielinnen des Königs“, „Gold und Galeeren“ und „Heiße Ware unterm Lilienbanner“ erfolgreichen Autors und Romanisten prallen die Gegensätze einer ganzen Epoche aufeinander. Nicht nur die genannten Personen, auch der König selbst und seine Mätresse, die berühmte Pompadour, greifen ins Geschehen ein. Adlige unterschiedlicher Couleur, Kirchenmänner, reiche Bürger wie der Verleger Le Breton, aber auch Handwerker, Lakaien, Dirnen, bevölkern ein von Widersprüchen erfülltes aufregendes Geschehen.

Die Auseinandersetzungen um die „Große Französische Enzyklopädie“, von der Literatur bisher wenig beachtet, sind voller Dramatik und fordern den Vergleich mit den religiösen wie weltlichen Konflikten unserer Tage geradezu heraus.

Gold und Galeeren. Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte aus dem mittelalterlichen Frankreich von Klaus Möckel

Jacques Coeur, dem Helden dieser abenteuerlichen Geschichte aus dem Frankreich des 15. Jh., wurde ein ungewöhnliches Schicksal zuteil. Er stieg vom kleinen Tuchhändler zum Schatzmeister des Königs auf und wurde vom ihm zurück ins Nichts gestoßen. Er machte, selbst geadelt, die Adligen zu seinen Schuldnern und verlor am Ende Haus wie Hof. Er liebte eine königliche Mätresse und wurde beschuldigt, sie vergiftet zu haben. Nicht durch Hexerei, sondern durch Handel mit kostbaren Gütern gelang es ihm, Kupfer in Gold zu verwandeln. Er schickte Galeeren übers Mittelmeer und verschaffte seinem ärmlichen Herrscher damit Geld für historische Siege. In Zeiten eines Hundertjährig genannten Krieges gehörte er mit Jeanne d'Arc zu jenen Persönlichkeiten, die das Land vor vollständiger Besitznahme durch die englischen Eindringlinge retteten.

Aus der Sicht des in den Kerker geworfenen Schatzmeisters schildert Möckel die historischen Ereignisse im damals tief gespaltenen Frankreich: die Verwüstungen, Intrigen, Morde. Er legt die Wankelmütigkeit des Königs dar und den rasanten Aufstieg Coeurs, der Verbindungen zum Papst wie zum ägyptischen Sultan aufbaute, riesigen Reichtum erwarb und doch alles verlor. Dieser Mann, Liebhaber der freizügigen Agnès Sorel oder vielleicht auch nur ein Verehrer, der im Traum das Bett mit ihr teilte, ragt durch Mut zum Experiment, vor allem aber durch seine Toleranz über die Zeitgenossen hinaus. Seine kluge Vermittlung zwischen den bis aufs Blut verfeindeten Religionen verleiht ihm Bedeutung bis in heutige Tage.

Ein atemlos durcheiltes Leben, dessen Spannung bis zum dramatischen Ende nicht nachlässt.

Das fröhliche Krankenzimmer. Lustige Spielideen für Kinder von Rita Danyliuk

Langeweile muss nicht sein, auch nicht im Krankenzimmer. Ob allein, zu zweit oder mit mehreren: Unzählige Spielideen machen froh und munter!

Fast 150 Spiele - Würfel-, Karten-, Domino-, Geschicklichkeits-, Denk-, Wort-, Pfänder- und Ratespiele, Basteleien, Pantomime, Schattenspiele, Quiz, Puzzle, Zaubertricks und viel mehr - hat die Autorin extra für kranke Kinder zusammengestellt. Aber auch Gesunde und Erwachsene werden viel Freude an dem Buch haben, wenn sie sich von Smartphone, Tablet und Gameboy trennen und in froher Runde auf alte und neue Beschäftigungsideen besinnen. Das Buch ist für Großeltern, Eltern, Erzieher und Kinder eine Fundgrube.

Auch in schwierigen Situationen darf gelacht werden – besonders im Krankenzimmer. Ein praktisches und zugleich liebevolles Buch, das zeigt, wie wichtig Fantasie und Freude gerade in belastenden Zeiten sind.

Die Mühle vom Roten Strumpf. Nachforschungen über ein Handwerk von Jürgen Borchert

Wie kommt man nach Dabel? Gemeinsam mit dem Feuilletonisten Jürgen Borchert, der Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts anfangs eigentlich nur ein Porträt des bekannten Müllermeisters Fritz Döscher und seiner Holländerwindmühle schreiben soll, macht sich der Leser auf den Weg. Wie sich herausstellt, ist die Mühle nicht schwer zu finden und so schwer ist es auch nicht, mit Fritz Döscher ins Gespräch zu kommen – über seine Mühle, über seine Vorfahren und über seinen zu DDR-Zeiten geführten energischen Kampf für den Erhalt seiner Mühle als technisches Denkmal.

Aber Jürgen Borchert wäre nicht der Feuilletonist Jürgen Borchert, wenn aus dem anfänglichen Auftrag, ein Porträt von Fritz Döscher zu schreiben, nicht das Porträt eines ganzen Berufsstandes geworden wäre. Und am Ende wissen der Schriftsteller wie der Leser jede Menge mehr über die Mühle von Dabel, über die Geschichte, die Konstruktion und die Funktion von allerlei Mühlen und über mecklenburgische Geschichte im Allgemeinen und im Besonderen sowieso.

Herausgekommen sind ebenso vergnügliche wie informative Nachforschungen über ein Handwerk und ein Zeitdokument der besonderen Art.

Schwarzer Storch – weißer Schatten von Liselotte Pottetz

Auch in dieser Woche richtet sich der Blick in der Rubrik Friday for Future auf grundlegende Probleme der Menschheit – und auf eine Katastrophe, deren Folgen bis heute nachwirken. Liselotte Pottetz erzählt vor dem Hintergrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl eine eindringliche Geschichte über zerstörte Lebensräume, unsichtbare Bedrohungen und die Verletzlichkeit unserer Umwelt.

Ein Storchenpaar, von bösen Vorahnungen geplagt, zieht aus dem warmen Süden in die Heimat, nach Belarus – in das Land der Wälder, Flüsse, Seen und Sümpfe. 26.04.1986: Super-Gau! Im Atomkraftwerk „W. I. Lenin“ in Tschernobyl. Schlagartig verdunkelt sich die Welt, Mensch und Natur gleichermaßen betreffend.

Ein sensibles und eindringliches Buch über Verantwortung und Wahrnehmung.

Die Aufklärung war nicht nur ein philosophisches Projekt, sondern ein riskantes Unternehmen mit politischen Folgen. Die folgende Passage aus Rebellisches Wissen. Diderots Kampf um die Große Französische Enzyklopädie von Klaus Möckel zeigt, unter welchem Druck Diderot und seine Mitstreiter arbeiteten.

Für einen Moment dachte Diderot, so widersinnig es war, an d’Alembert. Gewiss stand der berühmte Mathematiker gleich ihm an der Spitze des Unternehmens, doch würde man mit ihm möglicherweise weniger grob umspringen. Aber er gab diesen Gedanken sofort wieder auf. Die Gegner waren zum Äußersten entschlossen, da halfen keine akademischen Mitgliedschaften. Zudem war der Wissenschaftler nicht eben der Mutigste.

Trotz seiner Sorgen lachte Diderot bei diesen letzten Überlegungen laut auf. Vor wenigen Tagen noch hatte d’Alembert den Freunden vorgeschlagen, das Unternehmen im Ausland fortzuführen, und ausgerechnet in dem ängstlichen Le Breton einen Gegner gefunden.

„Was meint Ihr, Monsieur”, hatte d’Alembert vorsichtig formuliert, „wäre es angesichts unserer schwierigen Situation nicht am besten, das Vorhaben anderswo zu Ende zu bringen? An gesichertem Ort? Ich habe einige Verbindungen zu Berlin, zum König von Preußen.”

Die anderen antworteten nicht gleich, doch Le Breton, anscheinend auf einen solchen Vorschlag vorbereitet, reagierte lebhaft.

„Ins Ausland? Aber Monsieur d’Alembert, wir werden doch ein Werk, auf das wir so viel Mühe verwandt haben, nicht außerhalb der Grenzen unserer Landes weiterführen.”

„Und warum nicht? Der Wissenschaft ist es gleich, wo sie zum Erfolg gelangt. Hauptsache, sie kommt zum Erfolg!”

„In Preußen wird sie bestimmt nicht mehr Freiheit haben als bei uns. Bedenkt doch, was uns Monsieur Voltaire kürzlich schrieb, der es ja genau wissen muss. Nicht nach Preußen! Preußen steckt voller Bajonette, und Athen herrscht nur am Hofe des Königs!”

Diderot taten diese Worte in der Seele wohl. Obgleich er sich über die Gründe des Verlegers, die vor allem finanzieller Art waren, keine Illusionen machte, brachte er Le Breton in diesem Augenblick große Sympathie entgegen. Er unterstützte ihn vehement, und da auch die übrigen, vor allem Madame de Geoffrin und die Buchhändler gegen eine Verlegung ins Ausland waren, musste sich d’Alembert geschlagen geben. Die Erinnerung an dieses Gespräch aber brachte Diderot zu Bewusstsein, dass es absurd wäre, den Gelehrten auch nur mit einem Teil des Materials zu belasten.

Wenn er doch wenigstens zwei Tage zur Verfügung hätte, dann könnte er versuchen, jemanden außerhalb der Stadtgrenzen zu finden, jemanden, der weniger gefährdet war. Aber er wusste - solche Erwägungen waren fruchtlos. Noch heute musste er zu einer Lösung kommen.

Plötzlich hatte Diderot eine Idee. De Malesherbes könnte vielleicht noch einmal helfen, könnte sich um einen Aufschub bemühen. Er würde ihn bitten, der Enzyklopädie noch diesen einen zusätzlichen Dienst zu erweisen. Zwar würde der Hüter des Bibliothekswesens nicht beglückt sein, wenn man ihn immer tiefer in die Angelegenheit verstrickte, er war noch jung und setzte seine Karriere aufs Spiel, die ihm bei einiger Zurückhaltung in politischen Dingen sicher schien. Doch er war auch ein Mann von aufrechter Gesinnung, und was blieben dem Philosophen sonst für Möglichkeiten? Es war die einzige Chance, die Arbeit von vielen Jahren zu retten.

Er setzte sich an den Tisch, fegte die dort liegenden Manuskripte zur Seite. Er tauchte den Gänsekiel ins Tintenfass und kritzelte einige Zeilen auf ein Blatt Papier. Streusand, kurz über die Schrift geblasen, dann rollte er den Bogen zusammen. Er ließ alles stehen und liegen, verriegelte nur zur Verwunderung seiner Frau die Tür. Sie solle auf keinen Fall jemanden in sein Zimmer lassen, erklärte er ihr, bald sei er zurück. Dann rannte er die Treppe hinunter, nahm immer zwei Stufen auf einmal und eilte hinaus in den Lärm der Straßen. Er musste das Schreiben, das er im Ärmel seines Überrockes trug, so schnell wie möglich an den Adressaten übermitteln, nur konnte er das nicht selbst tun: Die Gefahr, erkannt zu werden, war zu groß. Doch in einem Café in der Nähe wusste er einen zuverlässigen Boten, einen Burschen, der ihm für ein paar Sous schon manch guten Dienst geleistet hatte. Um diese Zeit würde der Mann bestimmt dort sein.

Diderot hastete einige Straßen entlang, bog um eine, dann um eine zweite Ecke. Da war der Eingang. Er erblickte den anderen sofort, denn der Raum war nicht groß und bloß zur Hälfte gefüllt. Viele Worte waren nicht nötig, der Philosoph erklärte nur, wie wichtig die Sache sei. Er wusste, dass der Bursche alles Menschenmögliche tun würde, um die Botschaft in die rechten Hände gelangen zu lassen.

Der Tag war grau und schmutzig. Während Diderot wartete, konnte er durchs Fenster die Bettler beobachten, die sich in die Hauseingänge drückten, die Bauchladenhändler, die trotz des miserablen Wetters versuchten, ihre Waren an den Mann zu bringen. Ein geschwätziger Alter setzte sich an seinen Tisch, ein heruntergekommener Nichtstuer, der einige Kupfermünzen eingenommen hatte und sie nun in Essen und Trinken umsetzte. Seine Kleidung war abgenutzt. Er trug eine billige Perücke, deren Pomadengeruch Diderot in der Nase kitzelte. Er hätte gern den Platz gewechselt, doch der Alte, der ihn wohl schon einige Zeit beobachtet hatte, wollte ihn offenbar in ein Gespräch verwickeln. Er redete, gewiss weil es ihm selbst nicht gut ging, vor allem über das Elend in der Welt.

„Schaut nur richtig hin, junger Herr”, sagte er mit hoher Greisenstimme, „nirgends gibt es mehr arme Teufel als hier in Paris, wo die Paläste und herrlichsten Bauwerke nur so aus dem Boden schießen. Die Straßenhändler möchten auch etwas von dem Reichtum abhaben, aber es gibt ihrer so viele, dass sie sich von ihren Einkünften kaum eine Suppe am Tag leisten können. Und die Maurer und Zimmerleute, die jene neuen Paläste bauen, sind kaum besser dran.”

Diderot konnte die Richtigkeit dieser Worte nur bestätigen. Er erinnerte sich an einen Schreiner, den er kürzlich wegen eines Artikels aufgesucht hatte. Dieser Mann wohnte mit seiner Frau und vier Kindern in einem feuchten Kellerloch, das sich unterhalb seiner kleinen Werkstatt befand. Die Familie lebte buchstäblich von der Luft, obwohl der Mann von früh bis in die Nacht hinein schuftete.

„Ich weiߔ, antwortete er deshalb, „ich kenne so manchen Tagelöhner und manchen rechtschaffenen Handwerker, der mit seiner Arbeit oft nicht das Nötigste zum Leben verdient.”

Der andere hob belehrend den Zeigefinger und erklärte:

„Hört, was der große Philosoph Montesquieu sagt: ‚Damit ein einziger Mann in Frankreich mit Genuss leben kann, müssen hundert andere pausenlos am Werk sein.’ Genauso ist es und noch schlimmer. Denn wie viele von denen, die getrieben vom Hunger nach Paris kommen, finden keine Arbeit. Seht nur die Armenasyle. Sie sind vollgestopft und werden von Jahr zu Jahr mehr.”

Diderot schaute sich den Alten genauer an und kam zu dem Schluss, dass er schon bessere Zeiten gesehen haben musste.

„Ihr habt Euch mit Montesquieu beschäftigt?”, fragte er erstaunt. Seine Worte klangen fast unhöflich.

Der Alte kicherte.

„Das traut Ihr mir wohl nicht zu, junger Herr. Dann lasst Euch gesagt sein, dass sich unter manch alter Perücke mehr Wissen verbirgt als unter einem neuen Samthut. Dreiundzwanzig Jahre lang war ich Hauslehrer beim Marquis de Perillon, einem feinen Mann. Dann ist er gestorben, und seine Erben haben mich aus dem Haus gejagt. Jetzt schlage ich mich kümmerlich als Fripier durch. Als Lumpenhändler, ich! Wenn Ihr abgenutzte Kleider los werden wollt, kommt in die Rue de Mouffetard zu Maître Renard. Aber bedenkt, dass er nicht immer ein schäbiger Trödler war!”

Das Mittelalter war geprägt von harten Lebensbedingungen und ungewissen Schicksalen. Die folgende Szene aus Gold und Galeeren. Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte aus dem mittelalterlichen Frankreich von Klaus Möckel gibt einen Einblick in eine Welt zwischen Macht, Abhängigkeit und persönlichem Überlebenskampf.

Eine Audienz beim König zu erlangen, war nicht einfach. Karl VII. hatte sein unstetes Leben, das ihm in jungen Jahren durch Krieg und Verfolgung aufgezwungen worden war, fortgeführt, auch ohne dass es noch eine Notwendigkeit dafür gab. Durch Johannas Siege und die Streitereien der englischen Rivalen jenseits des Kanals entlastet, wollte er erst einmal auf neue Schlachten verzichten, bemühte sich um Verhandlungen mit den Burgundern.

Damit folgte er Ratgebern wie dem trunk- und streitsüchtigen Tremoille, der auf diese Art seine eigenen Interessen am besten vertreten glaubte. Karl aber erhielt durch diese Politik Raum für Reisen von Schloss zu Schloss, mitsamt der Hofgesellschaft, wo ihm Feste, Jagden – die er freilich weniger liebte – oder religiöse Andachten Abwechslung brachten.

Doch Jacques Coeur hatte einige Trümpfe im Ärmel. Karl VII. kannte ihn von den Münzgeschäften her als einen fähigen Mann, der für den Hof besondere Waren besorgen und ihm größere Summen stunden konnte. Da der König nicht dumm und an Dingen, die mit Geld zu tun hatten, besonders interessiert war, hatte er sich von der Reise des Händlers nach der Levante berichten lassen. Deshalb gab es bei ihm eine gewisse Bereitschaft, nun aus direkter Quelle Näheres zu erfahren.

So wurde der Tuchhändler nach einigen vergeblichen Versuchen, wozu ein Ritt nach Tours gehörte, schließlich bei Seiner Majestät vorgelassen. Karl hielt sich dort, um seine ehelichen Pflichten zu erfüllen, (die Königin gebar ihm im Laufe der Jahre eine beträchtliche Schar von Kindern) immer wieder mal bei seiner Gemahlin mit ihrem Hof auf.

An diese Begegnung erinnert er sich noch genau. Der König war etwas jünger als er, sah aber älter aus. Das mochte an seiner wenig gestrafften Haltung liegen, an der großen Nase, den wimpernlosen Augen, an seinem Blick, der am Besucher vorbeiglitt, dem abwesend scheinenden Gesichtsausdruck, an der Art, sich bei Gesprächen lieber im Schatten als im vollen Licht zu zeigen.

Die Umgebung des Königs führte diese Eigenheiten auf seine von Not, Verfolgung und Mord geprägte Jugend zurück. Hatte er nicht als Kind die Massaker von Paris erlebt, als Jüngling den Totschlag des Herzogs von Burgund, Jean Ohnefurcht?

1422 war bei einer Versammlung mit Notabeln und angesehenen Bürgern in der Hafenstadt La Rochelle der Fußboden des Raums eingebrochen, in dem sie sich befanden, und einige der Anwesenden waren schwer verletzt worden oder hatten sogar das Leben verloren. Auch Karl, in einem Stuhl sitzend, war in die Tiefe gestürzt, aber mit dem Schrecken davongekommen. Doch solche Ereignisse wirkten in ihm nach; jedes Jahr ließ er an dem bewussten Tag deswegen eine feierliche Messe lesen.

Jedenfalls könnte man wegen des Königs Absonderlichkeiten meinen, dass er bei dieser Begegnung nur halb bei der Sache ist. Doch das täuscht. Zumindest kommen seine Fragen zu den Einzelheiten der Reise sehr präzise. Auch lässt er sich Zeit bei den Antworten, als Jacques seine Pläne entwickelt.

„Schiffe bauen, Niederlassungen gründen, Kanäle und Häfen von Sand, Schlick, Morast befreien, Coeur, wo nehmt Ihr das Geld dafür her?“

„Für den Anfang kann unsere Handelsgesellschaft einiges vorschießen, Sire, und wenn Ihr vielleicht den Städten am Meer einen kleinen Teil der Steuern erlasst, könnten sie die so gesparten Mittel für diese Arbeiten verwenden.“

Das ist der wunde Punkt: Karl soll etwas abgeben, bevor er den Gegenwert erhält. Zum ersten Mal sieht er Jacques direkt ins Gesicht.

„Die Steuern, Coeur, die wir einnehmen, reichen nicht einmal für unsere notwendigsten Ausgaben.“

Jacques weiß, dass die Mittel aus den Provinzen seit den Erfolgen gegen die Engländer wieder reichlicher fließen, es ist allerdings nur der Anfang einer Wende. Freilich kann man über die „notwendigen Ausgaben“ streiten, wenigstens was die teure Hofhaltung betrifft. Doch daran darf er nicht rühren. Er hält sich zurück, schweigt.

„Neue Steuern kann ich meinem Volk im Augenblick nicht zumuten“, ergänzt der König.

„Wenn die Wegzölle wegfielen, die nur den Fürsten Vorteile bringen, und Städte, die nicht vom Krieg betroffen sind, etwas mehr zahlen würden ...“, wagt Jacques einzuwenden.

„Ihr scheint Euch besser in meinen Land auszukennen als ich selbst“, murrt Karl und fügt etwas tückisch hinzu: „Wo liegt eigentlich Euer Vorteil bei der Sache? Ihr tragt ein großes Risiko. Erzählt mir nicht, dass Ihr das alles aus Treue zu Eurem König tut.“

„Nicht nur“, gibt Coeur zu und sagt sich, dass er die Preise schon entsprechend ansetzen wird. „An gutem Handel werden alle verdienen, auch wir. Seht doch Florenz, Sire, seht Genua, Venedig. Diese Städte erblühen durch Kauf und Verkauf ihrer Waren. Ich habe in Ägypten und Syrien Schätze gesehen, die nur darauf warten, gegen unsere wertvolle Wolle getauscht zu werden. Man muss es anpacken.“

Karl lässt sich von seinem Eifer nicht anstecken. Er zögert. „Na gut“, sagt er schließlich, „einiges von dem, was Ihr berichtet habt, klingt ja nicht so schlecht. Wir werden darüber nachdenken. Aber erwartet nicht zu viel. Wir haben noch andere Pflichten.“ Und er erhebt sich.

Jacques ist entlassen und nichts entschieden. Aber er beschließt, das Ergebnis der Unterredung positiv zu werten. Er wird abwarten und zugleich aktiv werden.

Leseprobe:
Spielen hilft, Ängste zu überwinden und neue Kraft zu schöpfen. Die folgende Passage aus Das fröhliche Krankenzimmer. Lustige Spielideen für Kinder von Rita Danyliuk zeigt, wie einfache Ideen den Alltag von Kindern heller machen können.

Immer nur Fragen

Alter: 12-15 Jahre

Teilnehmer: mindestens 3

Stelle deinem Spielpartner eine beliebige Frage. Er muss sie mit einer Frage beantworten, die er gleichzeitig dem nächsten Spielteilnehmer stellt. Auch dieser Befragte muss geschickt mit einer weiteren Frage antworten und so fort.

Wer keine Frage weiß oder vergisst, mit einer Frage zu antworten, scheidet aus. Sieger ist, wer übrigbleibt.

 

Beispiel:

Wo wohnst du?

Warum willst du das wissen?

Willst du es mir nicht sagen?

Muss ich denn?

Warum interessiert dich das?

Kannst du dir das nicht denken?

Willst du mir vielleicht einen Blumenstrauß schenken? usw.

 

Oder:

Wann hast du Geburtstag?

Willst du mir ein Geschenk machen?

Was wünschst du dir?

Kann ich es mir noch überlegen?

Hast du denn noch keinen Wunschzettel?

Muss ich ihn mit Bleistift oder mit Tinte schreiben?

Kannst du denn überhaupt schreiben?

Warum bist du so frech?

Warum stellst du immer nur Fragen? usw.

Herzlichen Glückwunsch

Alter: 7-12 Jahre

Teilnehmer: möglichst viele

Das wird benötigt: ein zusammengeknotetes kleines Tuch

Die Kinder sitzen dicht um das Krankenbett. Ein Kind hält das geknotete Tuch in der Hand, das es einem beliebigen Mitspieler zuwirft und ihm zuruft: „Herzlichen Glückwunsch!“ Der Angesprochene muss das Tuch auffangen und sofort „auch dir!“ antworten. Dann wirft er das Knotentuch einem anderen in der Runde zu und sagt zu ihm: „Herzlichen Glückwunsch!“ Auch dieser muss das Tuch auffangen und schnell „auch dir“ antworten.

Der Spieler mit dem Tuch kann seinen Spielpartner auch täuschen, indem er den Mund zum Sprechen nur öffnet, aber in Wirklichkeit nicht spricht.

Wer auf den Trick hereinfällt und trotzdem antwortet, oder wer zu spät antwortet, gibt ein Pfand.

Wenn ich reich wäre

Alter: 10-15 Jahre

Teilnehmer: ab 5

Ein Spieler beginnt und sagt: „Wenn ich reich wäre, würde ich ... kaufen.“ Statt des betreffenden Wortes beschreibt nun der Spieler den gedachten Gegenstand. Wenn er zum Beispiel an ein Auto denkt, wird er sagen: „Es hat vier Räder, zwei Türen und macht viel Lärm.“ Wem es gelingt, den Gegenstand als erster zu erraten, darf nun selbst sagen: „Wenn ich reich wäre ...“

Alte Handwerke bergen Geschichten, die oft nur noch in Erinnerungen weiterleben. Die folgende Passage aus Die Mühle vom Roten Strumpf. Nachforschungen über ein Handwerk von Jürgen Borchert führt in diese vergangene Welt und lässt sie noch einmal lebendig werden.

So schön sie ist, die Geschichte des Müllers von Sanssouci, so ist sie aber doch leider von vorn bis hinten erfunden. Diese Feststellung indes trifft auch auf andere schöne Geschichten nicht gerade selten zu. Nicht dass solche Geschichten dadurch schlechter würden: Wüsste man von Anfang an, dass Fantasie im Spiele ist, könnte man den Einfallsreichtum des Geschichtenerfinders viel besser würdigen.

Erzählt wird die Anekdote meist so, dass Friedrich Zwo, als er Sanssouci errichten ließ, sich über die unschöne und lärmende Mühle geärgert und dem Müller mit gewissem Nachdruck den Verkauf an den Fiskus vorgeschlagen habe. Der Müller habe darauf nur geantwortet: „Ja, Majestät, wenn das Berliner Kammergericht nicht wäre!“, und F. II. habe daraufhin klein beigegeben.

Das Berliner Kammergericht, bereits 1516 gegründet und oberste juristische Instanz Brandenburg-Preußens, war unter den Königen mehrfach neu geordnet und mit höchsten Befugnissen ausgestattet worden, und auch Friedrich II. war auf diese seine „unabhängige“ Rechtsprechungsanstalt nicht wenig stolz. Vaterländisch betrachtet, konnte daher die Anekdote gar nicht anders enden - stellte sie doch den Gerechtigkeitssinn des Königs ebenso unter Beweis wie die angebliche Rechtssicherheit der Untertanen nach dem Motto: Was Recht ist, muss Recht bleiben.

Aber schon Johann Georg Ritter von Zimmermann hat in seinem Buch „Über Friedrich den Großen und meine Unterredungen mit ihm“ im Jahre 1788, als die Ereignisse um die Mühle noch gar nicht so lange zurücklagen beziehungsweise noch im Gange waren, die Sache ganz anders erzählt:

„Eine Windmühle, die dem König sehr missfiel, stand dicht über der Orangerie zu Sanssouci. Er ließ darum dem Besitzer sagen, er verspreche ihm ein sehr beträchtliches Geschenk an Gelde und an einem anderen Orte drei (!) sehr schöne Windmühlen, wenn es ihm beliebe (!!), dem König diese Mühle abzustehen. Trotzig und schnöde erwiderte der Müllermeister: Meine Windmühle hat mich und meine Kinder nun lange ernähret, und ich habe auch da eine schöne Aussicht; also will ich auf meiner Windmühle leben und sterben! Mit dieser Antwort begnügte sich der König (!!!), und der Müller behielt seine Mühle.“

Die eingeklammerten Ausrufezeichen habe ich hinzugesetzt - sie markieren die Stellen, wo Devotion in Geschichtsklitterung umschlägt.

Geht man nun der Sache auf den Grund, stellt man staunend fest, dass eigentlich alles ganz anders gewesen ist - beide Zitate, sowohl das vom Kammergericht als auch die „schnöde“ Antwort des Müllers nach Zimmermann, sind niemals in dieser Form gefallen. Die Akten sagen die Wahrheit. Zum Ersten handelt es sich nicht um den, sondern um die Müller von Sanssouci. Der erste hieß Grävenitz; er erbaute mit Erlaubnis König Friedrich Wilhelms I. die Mühle im Jahre 1737. Er beschwerte sich später, dass durch den Bau des Schlosses und den hohen Baumwuchs des Parkes ihm der Wind genommen sei. Der Alte Fritz aber, der erst gesonnen war, dem Manne zu helfen und ihm anderswo eine Mühle zu schenken, änderte seine Meinung, denn die Mühle gefiel ihm, weil sie dem Schloss zur Zierde gereichte. Also änderte sich nichts, bis Grävenitz 1763 seine Mühle an einen Müller namens Kallatz verkaufte, der jedoch bankrott machte, wodurch 1764 ein neuer Besitzer einzog. Der hieß Vogel und verpachtete seinerseits wieder an einen Mann mit dem schönen Namen Hering. Als Friedrich II. starb und Friedrich Wilhelm II. zur Regierung gelangte, warf der Vogel den Hering aus dem Pachtvertrag und mahlte wieder selbst. Später betrieb seine Witwe die Mühle noch eine Weile, bis auch sie zur Grube fuhr und die Erben den inzwischen prächtig ausgebauten Holländer versteigerten. Den Zuschlag erhielt der Müller Walsleben. Dessen Nachfolger hieß Meyer, er trat 1843 in seine Geschäfte ein.

Alle diese Müller - Grävenitz, Kallatz, Vogel, Hering, wieder Vogel, Vogel-Witwe, Walsleben und Lehnsmüller Meyer - haben seit der Errichtung der Mühle bis 1850 ständig mit dem Fiskus im Streit gelegen. Mal waren ihnen die Bäume zu hoch, dann wieder die Steuern. Dann setzten sie sich hin und schrieben eine Supplik an die Verwaltung. Die Verwaltung antwortete, wie es Verwaltungen an sich haben: mal zustimmend, manchmal ausweichend, meistens ablehnend. Vors Kammergericht ist - und schon gar nicht zu Lebzeiten Friedrichs - keine einzige dieser Akten gelangt. Sie verschwanden in den Depositorien des Amtes Potsdam.

Von dem hübschen Märchen, den Preußenkönig habe das laute Klappern der Mühle gestört, wenn er in Sanssouci in seinem Studierkabinett saß und seinen Voltaire empfing, bleibt nichts übrig. Schließlich stand die Mühle nicht direkt hinter dem Schloss, wie man durch die Lage der heutigen Kneipe Historische Mühle vielleicht verführt werden möchte, das anzunehmen. Die Ruine der Mühle liegt noch einige fünfzig Meter weiter hinter den Neuen Kammern, die die berühmte Gemäldegalerie von Sanssouci beherbergen. Schon in rein technischer Hinsicht hat Friedrich die Mühle nicht klappern hören können, so laut klappert die beste Mühle nicht. Und soll er, der König, nicht auch schwerhörig gewesen sein?

Natur ist hier nicht nur Kulisse, sondern ein geschädigter Lebensraum, in dem sich die Folgen menschlichen Handelns unmittelbar zeigen. Die folgende Passage aus Schwarzer Storch – weißer Schatten von Liselotte Pottetz führt hinein in diese beklemmende Wirklichkeit.

Waleris Leben wünschst du deinem ärgsten Feind nicht. Hätte er sich vorher ein solches vorstellen können? Nicht in der Fantasie und in den schlimmsten Albträumen! Auch für seine Eltern wurde alles Ungeahnte zu einem schwarzen, furchtbaren Ereignis.

Wie viel Freude hatten Vater und Mutter in ihrem Leben! Sie erzogen zwei Söhne. Und was für welche! Hübsch, gesund und kräftig – die Arbeit ging ihnen von der Hand. Was sie sich vornahmen, erledigten sie mit Verstand. Und es gelang ihnen. Es gab nicht eine Schönheit in der Nachbarschaft, die nicht insgeheim gern ihre Braut geworden wäre und den sehnlichsten Wunsch hatte, Iwans oder Waleris Frau zu werden. Jede wartete darauf, irgendwann beachtet und auserwählt zu werden. Freude und Stolz bestimmten das Leben der Eltern. Und auch die Hoffnung, dass bei ihren Söhnen alles gut werden wird. Dass sie eine hübsche und arbeitsame Frau finden, die ihnen Enkel und Enkelinnen schenkt und das Haus wie ein Bienenstock wird, das Lachen der Kinder das Gehör der Großeltern liebkost. Aber anstelle klarer Sonnenstrahlen vergrub sich bei ihnen eine schwarze Wolke, die ihnen die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft entriss und die ganze Familie mit schwarzem Regen übergoss. Im Hause der Schurbas siedelten sich Kummer und Leid an. Welch seltsames Zusammentreffen der Umstände! Selbst ihr Familienname „Schurba”, der im Belorussischen „Kummer und Leid” bedeutet, bewahrheitete sich. Unmöglich schien es, aus diesem Teufelskreis herauszukommen, der wie ein Fluch auf ihnen lastete. Kein Ausweg, nicht mal ein kleines Licht am Ende des Tunnels, war zu sehen. Aber die Mutter, jeden Tag vor dem vergrößerten Porträt ihres Wanjuscha stehend, wiederholte ein und dasselbe laut: „Mein Söhnchen, an allem trägt die Schuld – Tschernobyl. Du bist eine Mörderin – Tschernobyl, und als diese wirst du im Gedächtnis der Menschen bleiben.”

Den Einberufungsbefehl vom Militär erhielt Iwan per Post. Der Sommer war in vollem Gange – heiß, unruhig, eben ein Tschernobyl-Sommer. Alle wussten schon, dass sich ein gewaltiges Unglück ereignet hatte und bei Tschernobyl Menschen umkamen, die mit dem Preis ihres Lebens ein Ausbreiten der Radioaktivität auf den ganzen Erdball verhinderten.

Der Vater nahm aus dem Briefkasten ein Kuvert, öffnete es und las den kleinen Zettel: „Einberufungsbescheid für Iwan Schurba. Sie müssen unverzüglich im Wehrkreiskommando erscheinen. Sie werden zur Ausbildung für 15 Tage eingezogen.”

,Das verheißt nichts Gutes’, dachte der Vater. Auf dem Hof stehend, las er die ihm unverständliche Mitteilung ein zweites und drittes Mal. ,Das ist sicher keine gewöhnliche Zusammenkunft. Wenn die Armeeangehörigen für durchgeführte „Kriegsspiele” Geld beantragen, sieht das anders aus.’ „Reg dich nicht auf, Vater”, beruhigte ihn fröhlich der Sohn und verscheuchte seine trüben Gedanken, als er ihm abends den Zettel überreichte. „Das ist kein großes Übel. Ich gehe doch nicht in den Krieg, werde zwei Wochen marschieren und kehre zurück.” „Aber das ist vielleicht tausendmal schlimmer als Krieg”, fügte die Mutter mit zitternder Stimme, den Tränen nahe, hinzu. „Mutter, nur einen halben Monat, einen halben Monat.” „Mein Söhnchen, bei der Armee kann eine Stunde das ganze Leben verändern.” „Alles wird gut, bei der Armee herrscht eiserne Disziplin, sind strenge Kommandeure, unter deren Bewachung alles abläuft.” Die Mutter sagte nichts, seufzte schwer und neigte den Kopf. Dann schaute sie auf ihren Sohn, wusste selbst nicht, weshalb sie ihn so aufmerksam betrachtete.

Auf der Kommandantur versammelten sich alle, denen man ein Schreiben geschickt hatte. Die Verwegensten und Drangvollsten wollten von der Militärobrigkeit wissen, wohin man sie schicken wird. Diese wehrte nur ab: „Nicht für euch, sondern für uns gibt es eine Menge Probleme.” Man brachte sie in das Kiewer Gebiet, in die Nähe des Atomreaktors, nur einige Kilometer entfernt davon – in das Dörfchen Orani. Sie marschierten nicht zu Übungen, machten keine Langstreckenläufe, führten keine Schießübungen auf einen vermeintlichen Feind des sozialistischen Landes aus. Es stellte sich heraus, dass man sie für die simpelste und für einen Soldaten beleidigendste Arbeit, die es je gab, einteilte. Sie wurden alle Wäscher. Ja, ja, - Wäscher! Sie wuschen Kleidung. Aber keine gewöhnliche Kleidung, sondern die mit Strahlen verseuchte, welche die Reservisten beim Abtragen vom herausgeschleuderten Grafit, auf dem Dach der Station, getragen hatten. Als sie die Verstrahlung der Kleidung mit Dosimetern maßen, schlugen die Zeiger bedrohlich über die Skala aus. Sie befürchteten, man würde ihnen den Weg zur Vermessungsstation verbieten. In den ersten Tagen schmerzten allen, ohne Ausnahme, die Köpfe. Viele bekamen Nasenbluten, das mit nichts zu stillen war. Niemand begriff etwas, aber alle befiel die Angst vor dem Unbekannten. In Zelten wurden sie behandelt, indem man die Nase mit Handtüchern zuhielt. Der Arzt gab ihnen irgendwelche Tabletten, tröstete sie: „Das macht nichts, es geht vorbei. Das rührt alles vom Klimawechsel her. Auch die Hitze wirkt auf den Organismus.”

Sie beeilten sich, wie sie konnten, zählten nicht die Tage, sondern die Stunden: ,Nur raus hier aus dieser Bluthölle. Was faselt er von Klimawechsel? Ist doch das gleiche wie bei uns.’ „Wir befinden uns hier im Epizentrum der hohen Verstrahlung, der sich jeder von uns in vollem Umfang aussetzt. Wir haben keinerlei Schutzmittel, sind nur Versuchskaninchen”, sagte Viktor, der die komplizierte Lage ein wenig realistisch einschätzte. Sie, die hier Militärdienstpflichtigen, nannte man im Volk „Partisanen”. Aber wie denken die Kommandeure darüber? Sie trinken Wodka, ihnen geht es nicht um die Soldaten. Auch sie sind ohne Schutz, denken, sie könnten sich durchs Trinken vor der Verseuchung retten. Die „Partisanen” versuchten es auch mit Trinken. Aber Iwan drehte hinterher der Kopf noch mehr, deshalb verwarf er diesen Einfall. In der Wäscherei fiel einer nach dem anderen um, wieder floss Blut aus der Nase. Niemanden der Kommandeure störte das, die Wäsche musste weiter gewaschen werden. Leichter wurde es ihnen ums Herz, als die letzte, die 14. Nacht hereinbrach. Morgen werden sie nicht mehr in die Wäscherei gehen und sich den schwarzen Todesstrahlen aussetzen müssen. Morgens erschien ein Vertreter der Kommandantur: „Was, nach Hause wollt ihr, zum Mütterchen untern Rock? Nein, meine Freunde. Ihr seid jetzt dem Ministerium für Verteidigung unterstellt, also Militärangehörige. Und als solche müsst ihr alle Befehle der Leitung ausführen.” „Was will er uns zu verstehen geben? Wozu braucht man hier Befehle?”, flüsterte jemand hinter Iwan. Der Kommandierende fuhr in rauem Befehlston fort: „So sieht’s aus. Ich erteile euch neue Aufträge. Ich gebe den Befehl, noch zwei Wochen hier zu bleiben. Ihr alle seid Komsomolzen, pflichtbewusste und ehrliche Menschen. Die Partei und der Komsomol vertrauen euch die verantwortungsvolle Aufgabe an, die aktivste Teilnahme bei der Liquidierung der Havarie anzunehmen.” „Das ist ungesetzlich!”, schrie Schljaga aus der Menge. „Wir haben den Befehl, zwei Wochen hier zu bleiben, ausgeführt. Hier kann sich niemand aufhalten. Wir sind der höchsten Strahlendosis ausgesetzt!” „Schweigt! Die Sprecher in die Reihe! Wie ich gesagt habe, so wird es gemacht. Wer den Befehl nicht befolgt, wird vors Kriegsgericht gestellt. Dann wird er schon keine Kraft mehr zur Rückkehr haben. Ist das allen klar?!” „Uns ist nichts klar – warum schickt ihr uns in den Tod?” „Schweieiei-gen!”, brüllte der Offizier, der es nicht gewohnt war, dass man ihm widerspricht. „Alle werden der Nichterfüllung eines Befehls beschuldigt!” Alle Unterzeichneten beim Erhalt eines ausgehändigten Schreibens. Auch Iwan Schurba unterschrieb. Dem für sie unerwarteten Befehl mussten sich alle unterwerfen. Am Morgen war noch nichts, gegen Mittag stürzte die Hälfte der „Partisanen” zu Boden. Und, wie immer, floss aus der Nase das Blut. „Ich möchte nicht mehr leben, besser, ich hänge mich auf”, weinte der Jüngste der „Partisanen”, sich die Tränen von den Wangen abwischend. „Ich halte das nicht länger aus.” Neben ihm saß Iwan, legte seine Hand auf die Schulter: „Wasja, reiß dich zusammen. Nur noch einige Tage. Uns allen fällt es schwer.” Die Tage zogen sich schleppend und beunruhigend in die Länge. Niemand mehr hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, niemand mehr scherzte, niemand mehr sang. Alle hatten einen gequälten Blick, in den Augen Trauer und Schmerz – Hoffnungslosigkeit. Gegen Abend kam der Offizier der Militärleitung. Wieder erteilte er ihnen einen Dienstauftrag. Die Verlängerung um zwei Wochen. Das wiederholte sich regelmäßig in der Mitte des Monats. Und die Jungen mussten dort bleiben, einen Monat, zwei, drei, vier, fünf ... Sie begannen zu murren, zu rebellieren, nicht zur Arbeit zu gehen, hatten keine Kraft mehr. Und der Offizier schrie wieder, drohte mit dem Kriegsgericht. Sie beschafften sich illegal ein Dosimeter, nicht ein übliches, sondern ein japanisches. Ein Offizier, ein Landsmann, erwies sich als Fachmann. Sie maßen, rauften sich die Haare: „Das bedeutet – den Tod! Das ist ein blankes Verbrechen!” Der „Dosimeter-Offizier” flüsterte unter dem Siegel der Verschwiegenheit: „Hier darf man sich nicht einen einzigen Tag aufhalten, aber ihr seid schon fast ein halbes Jahr hier. Ein Wunder, dass ihr noch lebt!”

Bleiben Sie ansonsten vor allem schön gesund und munter – und der Welt der Bücher weiterhin gewogen. In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem „Das große Abenteuer. Zwischen Sturm und Freiheit“ von Theodor Plievier.

EDITION digital: Newsletter 27.03.2026 - Zwischen Aufklärung, Abenteuer und Alltagsgeschichten