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Zwischen Dorf und Geschichte. Erzählungen von F. C. Weiskopf
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Preis E-Book:
8.99 €
Veröffentl.:
03.03.2026
ISBN:
978-3-68912-649-0 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 747 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Geschichte, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Historischer Roman, Kriegsromane: Zweiter Weltkrieg, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories
Arbeiterkampf, Revolution, Soziale Gerechtigkeit, Klassenkonflikt, Industrialisierung, Bergbau, Proletariat, Utopie, Realismus, Zeitgeschichte, Russland, Frankreich, Arbeitswelt, Armut, Hoffnung, Aufbruch, Streik, Solidarität, Ideologie, Politik, Gesellschaftskritik, Widerstand, Schicksal, Moderne, Historisch, Literaturklassiker, Legende, Lenin, Zola, Kapitalismus, Ausbeutung, Menschlichkeit, Gemeinschaft, Vision, Umbruch, Elend, Mut, Erinnerung, Kollektiv, Heydrich-Attentat
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Das goldene Äpfelchen

Als die Marina Kmetko, Kätnerin und Tagelöhnerin in Nizné Vrútky in der Slowakei, erfuhr, dass ihr Sohn Laco die schöne Arbeit in der Kremnitzer Papierfabrik aufgegeben habe, um in das weite und unbekannte Land Spanien zu ziehen, noch dazu in einen Krieg, von dem sie noch gar nichts gehört hatte, da glaubte sie allen Ernstes, der Junge sei um den Verstand gekommen. Doch dann schickte der Laco einen Brief: ein beschriebenes Papier und zwei Bilder. Auf den Bildern waren tote Kinder zu sehen und weinende Frauen vor verbrannten Hütten. In dem Geschriebenen hieß es:

„Die Bauern hier sind so arm gewesen wie die bei uns in der Steingegend von Kysúce. Sie haben Land bekommen von der Republik, aber die Grafen wollen es ihnen nicht lassen und deshalb ist Krieg. Sie stecken die Dörfer an und erschlagen die Kinder, aber die Bauern wehren sich gut. Die Arbeiter aus den Städten helfen ihnen, und es kommen auch viele aus anderen Ländern zu Hilfe. Jetzt weißt Du, warum ich hierhergegangen bin …“

Als Rifkele Berschkowitz, die Tochter des Händlers in Vrútky, von der sich Marina das Schreiben vorlesen ließ, bis zu dieser Stelle gelangt war, unterbrach sie sich und sagte: „Das kann ja niemand verstehen. Er ist meschugge, euer Laco. Oder wisst ihr, was ihn das angeht?“

„Ja“, gab Marina zurück und bekam seltsam dunkle, flackernde Augen, „er denkt an seinen Vater.“ Worauf Rifkele hinauslief, weil ihr unheimlich wurde und sie nicht wollte, dass das Kind in ihrem Leib davon Schaden nehme. „Entweder hat sie das Fieber, oder ich weiß nicht was“, sagte sie zu Hirsch, ihrem Mann, und schickte ihn in den Laden. Er wog der Marina dann die zwei Pfund Salz ab, die sie haben wollte, und riet ihr, ein Senfpflaster aufzulegen. „Das zieht die Hitze aus dem Blut und bringt die Gedanken in Ordnung!“

Aber Marinas Gedanken waren völlig in Ordnung. Sie dachte an Lacos Vater, ihren toten Mann. Der war auch gegen die Grafen gezogen, im Neunzehner Jahr, drüben in Ungarn. Sie hatten ihn gefangen und aufgeknüpft. Damals hatte der vierzehnhrige Laco seinen Vater rächen wollen. Er war weggelaufen und erst nach einem Monat, ganz verhungert und abgerissen, zurückgekehrt.

Es stand sofort fest für Marina, dass sie dem Jungen etwas schicken müsse. Etwas Besonderes. Etwas, woran er seine Freude haben würde.

Sie überlegte. Was hatte man im großen Krieg den Männern geschickt? Tabak und wollene Socken. Aber Laco rauchte nicht, und in seinen Briefen berichtete er, in Spanien sei es so heiß, dass sie alle ohne Strümpfe in Bastschuhen herumliefen. Sie versuchte, sich zu erinnern, was für Wünsche Laco gehabt hatte. Es gelang ihr nicht. Überhaupt fiel ihr das Nachdenken über solche Dinge schwer. Der Laco war als fünftes von zehn Kindern zur Welt gekommen. Zehn Kinder im Haus, der Mann in den Wäldern bei der Holzarbeit und später im Krieg, und der Acker so dürftig, dass die Kartoffelernte bestenfalls für neun Monate im Jahr reichte – wie hätte Marina da Zeit finden sollen, sich um die Wünsche und Träume der Kinder zu kümmern?

Und nach der Rückkehr von dem missglückten Rachezug gegen die ungarischen Grafen war Laco zu einem Gazda gegangen, zu einem Bauern aus der Nachbarschaft, der Drahtenbinderjungen mit auf die „große Reise“ nahm. Seither hatte der Sohn sein eigenes Leben gelebt, war selten und immer nur auf ganz kurze Zeit nach Hause gekommen, jedes Mal um einiges größer und männlicher, jedes Mal dem toten Vater um etwas ähnlicher und darum dem Herzen der Mutter lieber, aber ihren Augen und Ohren fremder. Ach ja. Zu guter Letzt fiel es ihr doch ein. Sie sah in Vrútky vor dem Berschkowitz-Laden ein paar Dorfkinder stehen und die zwei Apfelsinen im Schaufenster bewundern. Da erinnerte sie sich, dass Laco, als er zum ersten Male mit ihr in der Stadt gewesen war, auch so verzaubert vor dem Laden von Leib Berschkowitz gestanden und noch lange Zeit nachher sehnsüchtig von den nie zuvor gesehenen goldenen Äpfelchen gesprochen hatte.

Ihr Entschluss war sofort gefasst. Sie trat in den Laden und verlangte eine Apfelsine.

„Was wollt ihr?“, fragte Rifkele, die bei Marinas Erscheinen automatisch nach der Salzschaufel gegriffen hatte. Dann entsann sie sich des seltsamen Verhaltens, das Marina kürzlich an den Tag gelegt hatte, und meinte nur: „Wisst ihr auch, was das kostet?“

„Ich habe Geld“, antwortete Marina und holte aus einem aufgeknoteten Zipfel des Unterrocks die Nickel hervor. „Wie viel ist zu zahlen?“

Kopfschüttelnd brachte Rifkele die Frucht.

„Ich möchte sie eingepackt haben“, sagte Marina, „in Papier und in eine feste Schachtel und gut verschnürt.“

„Eingepackt und verschnürt, hat man so was schon gehört? Ja, warum denn? Wollt ihr sie am Ende wegschicken?“

„Ja.“

„Wirklich? Wohin denn?“

„Weit.“

Sie achtete nicht auf die Fragen von Rifkele Berschkowitz, zählte zwölf Sechser auf die Theke, nahm die Zuckerschachtel mit der Apfelsine behutsam unter den Arm und ging.

„Meschugge, ganz und gar meschugge!“, murmelte Rifkele, die ihr von der Ladentür aus nachblickte. Das Kind im Leib regte sich. Sie spuckte dreimal aus. „Toi, toi, toi!“ Dann drehte sie sich schnell um und warf die Ladentüre zu.

„Verrückt!“, dachte sich auch die Postbeamtin, als Marina an den Schalter trat und bat, man möge die Schachtel zum Versand fertigmachen.

„Nach Spanien.“

„Was? Nach Spanien? Und was ist drin? Obst? Das wird zur Beförderung nicht angenommen … und überhaupt, wer wird nach Spanien Apfelsinen schicken? Dort wachsen sie doch!“

Sie schob die Schachtel zurück, schloss das Schalterfenster und kümmerte sich nicht weiter um Marina. Die blieb noch eine ganze Weile vor dem Schalter stehen. Es war nicht leicht, sich über das, was die Postbeamtin gesagt hatte, klar zu werden. Aber schließlich hatte sie alles durchdacht und begriffen und wusste auch, was sie wollte.

Sie klopfte nochmals an das Schalterfenster.

„Was gibt’s denn noch?“, fauchte die Postbeamtin. „Ich habe doch vorhin schon erklärt, dass Postsendungen mit Obst ins Ausland nicht angenommen werden.“ Sie schlug das Fenster wieder zu.

Marina wartete noch eine Weile, dann ging sie zurück zum Laden von Leib Berschkowitz. Als Rifkele ihrer ansichtig wurde, wollte sie sich davonmachen, doch dann hielt die Neugier sie an ihrem Platz hinter der Theke fest. Warum Marina nochmals komme? Sie habe eine Bitte. Ob Rifkele ihr nicht einen Brief schreiben könne? An Laco, an den Jungen in Spanien.

Wieder siegte die Neugier über eine ursprüngliche Regung der Abwehr. Rifkele holte Papier und Bleistift und schrieb, was Marina dem Jungen mitzuteilen hatte:

„Lieber Sohn Laco!

Ich wollte Dir eines von den goldenen Äpfelchen schicken, die Du Dir gewünscht hast, weißt Du noch? Ich habe es bei Berschkowitz im Laden gekauft, aber auf der Post wollen sie es nicht annehmen. Auch sagen sie, es ist unnötig, weil dort, wo Du jetzt bist, die Äpfelchen wachsen. So schicke ich Dir nur den Brief, weil Du ja auch nicht rauchst und Wollsocken keinen Zweck haben, wenn es heiß ist.

Es küsst und segnet Dich Deine Mutter Marina Kmetko von Nizne Vrutky.“

„Ihr könnt es gegen Salz umtauschen oder gegen Petroleum“, erklärte Rifkele, als sie zu Ende geschrieben hatte, großmütig. „Ich nehme es zurück.“

Aber Marina wollte das goldene Äpfelchen behalten: „Weil es von dort kommt, wo er ist!“

Sie dankte für das Aufschreiben des Briefes und empfahl sich. Die Schachtel mit der Apfelsine hatte sie vorher in das Umhängetuch geknüpft wie einen Säugling.

Der Brief an Laco kam zurück. Er lag in einem neuen Umschlag neben einem andern Brief. In diesem teilte der Kommissar des Bataillons Masaryk mit, dass der Kamerad Laco Kmetko bei der Verteidigung einer vorgeschobenen Stellung gegen vielfache feindliche Übermacht den Tod für die Freiheit gefunden habe. „Er ist an dem gleichen Tag gefallen, an dem Ihr Brief ankam, und wir haben ihn unter einem Baum begraben, der zweimal im Jahr goldene Äpfel trägt.“

Rifkele konnte nur langsam vorlesen, sie hatte die Augen voller Wasser. „Was hat er auch hingehen müssen in den Krieg, wo er nichts zu suchen hatte?“, rief sie aufgeregt schluckend, „aber so sind sie immer, eure Männer: An die Frauen und Mütter denken sie nicht!“

Marina streichelte ihr die Schulter. Man hätte meinen können, der andern sei ein Sohn gestorben und nicht ihr. „Weine nicht“, sagte sie zu Rifkele, „das verstehst du nicht. Er ist dorthin gegangen, weil er an die Frauen und Kinder gedacht hat.“

Sie kaufte eine Kerze. Rifkele schenkte ihr eine zweite dazu. Hirsch blieb der Mund offenstehen, als er das sah. Über dem offenen Mund schwebte, wie ein unsichtbares Wölkchen, das stumm gebliebene Gezeter über Rifkeles Verschwendung. Aber seine Frau war wie verwandelt. Sie wandte sich an ihn: „Mach den Mund zu, es regnet kein Manna, und ich bin nicht meschugge … nur, du verstehst nichts, verstehst du?“

Marina klebte die Kerzen auf die Truhe, rechts und links neben ihren bunten Hochzeitsteller, auf dem der goldene Apfel lag. Abends, wenn sie von der Arbeit kam, stand sie eine Weile vor der Truhe, und in der wachsenden Dämmerung nahm die Frucht die Form eines Kinderköpfchens an. Es war seltsam: Seitdem Marina von Lacos Tod erfahren hatte, konnte sie sich ganz deutlich erinnern, wie er als kleines Kind ausgesehen hatte. Auch wurde er – früher nur eines von zehn Kindern – jetzt zu dem liebsten.

Sie begann Andenken an ihn zu sammeln: seinen Kreisel, eine Peitsche, die er als Hirtenjunge gehabt hatte, und die Ledertasche, mit der er auf die Drahtenbinderfahrten gegangen war. Sie fragte jedes Mal, wenn sie nach Vrútky in den Berschkowitz-Laden kam, nach Neuigkeiten aus dem Land Spanien, wo Laco begraben war. Rifkele hatte für sie schon die alten Zeitungen beiseite gelegt. (Sie wunderte sich manchmal über sich selbst: Womit, zum Teufel, gab sie sich jetzt ab! Daran waren nur Marina und ihr Laco schuld. Oder doch nicht nur sie?) Sie las Marina vor: „An allen Fronten wurde erbittert gekämpft. Barcelona erlebte gestern den siebzigsten Luftangriff. Unter den Toten befinden sich über hundert Kinder. Der Nichtinterventionsausschuss …“

Sie blickte von der Zeitung auf, Marina ins Gesicht, und sagte mit einer seltsam rauen Stimme: „Weißt du, was der Nichtinterventionsausschuss ist? Das sind die englischen Herren, die dafür sorgen, dass die andern alle Waffen bekommen und deine Leut nichts. Verstehst du?“

„Ja“, erwiderte Marina. Sie verstand auch, dass Rifkele nur deshalb „deine Leut“ und nicht „unsere Leut“ gesagt hatte, weil sie sich noch schämte. „Ja“, erwiderte sie, „aber zum Schluss wird es ihnen doch nichts nützen, den Herren, gegen uns. Lies weiter!“

Als Marina wieder einmal in den Laden kam, hatte Rifkele eine besondere Neuigkeit für sie: „Die Kinder aus Spanien werden weggeschafft. Man bringt sie nach Frankreich in Häuser, die man eigens für sie kauft. Das kostet viel Geld, und deshalb wird jetzt überall gesammelt, auch in Prag. Wer kein Geld hat, kann auch Sachen schicken.“ Sie senkte die Stimme, damit ihr Mann, der nebenan im Lager herumwirtschaftete, sie nicht höre. „Ich hab schon einen Zuckerhut geschickt.“ Sie lachte verschämt. „Und du, willst du nicht auch was schicken?“

Natürlich wollte Marina. Aber was? Geld hatte sie nicht, das Schwein würde erst in drei Monaten aufgemästet sein, und von ihren Sachen …? Da hatte sie so einen Einfall: „Ich weiß schon

Sie ging und kam am nächsten Tag wieder. Im Umhängetuch brachte sie Lacos Kreisel, Peitsche und Drahtenbindertasche mit.

„Das schicke ich ihnen.“

Rifkele fragte: „Wollen wir in die Tasche nicht noch etwas hineintun?“

„Nicht nötig. Nimm Feder und Papier, ich will ihnen etwas dazu sagen … Bist du so weit? … Also dann schreib: ,Ich, Marina Kmetko von Nizne Vrútky, schicke Euch Kindern die Sachen von meinem Sohn Laco, der in Eurem Lande begraben ist, unter einem Baum, der zweimal im Jahr goldene Äpfel trägt.‘ Hast du alles aufgeschrieben? Ja? Dann gib her, ich will meine Kreuze daruntermachen.“

Rifkele reichte ihr das Papier. Dabei stieß sie an die Tasche, die verschob sich, klaffte auf. Aus ihrem Innern rollte eine braun gewordene, eingetrocknete, völlig verrunzelte Frucht hervor.

Marina griff schnell danach und steckte die Frucht wieder in die Drahtenbindertasche.

„Es ist nur“, sagte sie leise, „damit sie etwas aus ihrer Heimat haben.“

1938

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