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Stille Wasser sind tief. Der Helenesee und andere Geschichten von Karl-Heinz Schleinitz
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Preis E-Book:
5.99 €
Veröffentl.:
13.07.2021
ISBN:
978-3-96521-489-7 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 83 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Kurzgeschichten, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Liebesroman/Allgemein, Belletristik/Politik, Belletristik/Biografisch, Belletristik/Familienleben
Memoiren, Berichte/Erinnerungen, Familienleben, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Liebe und Beziehungen, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Tod, Trauer, Verlust, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories, 20. Jahrhundert (1900 bis 1999 n. Chr.), Nordostdeutschland
DDR, Bergbau, Kohlegrube, Sozialismus, 2. Weltkrieg, Jagdflieger, Liebe, Familienleben, Kuba
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Die ersten zwölf Jahre meines Lebens Seite an Seite mit den Großeltern in ihrem winzigen Häuschen. Darin als früheste Kindheitserinnerung an Oma Pauline, es war der brüllend heiße Sommer des Jahres 1925, ich bin man gerade Vier:

Wir sind beim Murmeln, Cousin Hans und ich, Altersunterschied eine Woche, sind es auf dem leicht abschüssigen kleinen Hof zwischen Haus und Ställchen, darin Zicklein und Säulein, auf einmal hören wir es hinter uns sachte pladdern. Verwundert blicken wir uns um und sehen kaum fünf Schritte weit entfernt am Gartenzaun Oma Pauline stehen. Steht etwas breitbeinig da, mit spitzen Fingern die Warbschürze samt darunter befindlicher Kledasche ein wenig vom Bauch weggezogen … und zwischen den Pantoffeln unten rinnt fröhlich ein Bächlein.

Wir glupschen, verwirrt staunend, die Münder weit offen – wo kommt das Wässerchen her? Doch Oma bringt das nicht aus der Ruhe, sie lässt es weiter pladdern. Um am Ende der Wasserfestspiele zu sagen, bin eben besser dran, ihr Schlingel, brauche nicht erst wie ihr nach einem Schniepel zu grapschen …

Sie war stolz auf ihren Fliegerenkel, viele Jahre später. Und trauerte mit ihm, wenn es in seiner Ausbildungszeit mal keinen Sprit gab. Was freilich der dazu nutzte, was sonst tun mit der schönen Zeit, in der Kunsthochschule Stettin einen Abendkurs im Aktzeichnen zu besuchen. Zum ersten Mal sah unsereins Keuschheitsidiot eine nackte Frau – oh Gott, oh Gott! Stolz präsentierte ich, meiner künstlerischen Mission voll bewusst, beim nächsten Kurzurlaub Oma Paulinen meine ersten Kritzeleien in Rötel, liebe diesen warmen Ton noch heute.

Sagt doch Oma Pauline: „Hast ja das schönste am Bauch vergessen, Junge – oder hat die da etwa gar keine Mutzeln?“

Schwer für einen angehenden großen Künstler, einem Dorfweib zu erklären, dass man über solche Haare sprich Mutzeln hinwegsieht, dass es auf das Höhere ankommt. „Also hat sie nun, oder hat sie nicht?“

„Sie hat!“

„Und wenn du die nicht pinselst, erst dann ist es was Höheres? Na ick weeß nicht, Junge, weeß nicht …"

Ihr sehnlichster Wunsch war, mal mit ihrem Enkel durch die Lüfte zu sausen – lande doch mal einfach in den Wiesen oder so, und icke rein und ab heidi!

Wie sehr ich Oma Pauline auch mochte, dieser Wunsch war nicht zu erfüllen. Doch als sie mit dem Tode rang, ließ sie mir schreiben, mein Vater tat‘s: Wenn du es schon nicht geschafft hast, mich mal mitfliegen zu lassen, dann mache wenigstens bei meiner Beerdigung eine Ehrenrunde.

Da ich bereits Fluglehrer war, habe ich ihr diesen Wunsch erfüllt. Und das, obwohl es ein so schwüler Tag mit scheußlich niedrig dahinschleifenden Gewitterwolken von Stettin bis zu meinem Heimatdorf war. Und obwohl ich wusste, dass auf solche Capriolen strenge Strafen bis hin zur Versetzung in Selbstmörderkompanien standen. Eine C 445, eine französische Caudron, zwei fein summende luftgekühlte Renault-Motore, gedacht als Passagiermaschine in Afrika, mit der ich, auf den Sitzen hinten fünf Flugschüler, drei Ehrenrunden über Oma Paulines Beerdigung drehte.

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