Specials
Firmenlogo
Verlag für E-Books (und Bücher), Handwerks- und Berufszeichen
Sie sind hier: Ondjango. Ein angolanisches Tagebuch von Jürgen Leskien: TextAuszug
Ondjango. Ein angolanisches Tagebuch von Jürgen Leskien
Format:

Klicken Sie auf das gewünschte Format, um den Titel in den Warenkorb zu legen.

Preis E-Book:
8.99 €
Veröffentl.:
30.04.2014
ISBN:
978-3-86394-743-9 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 406 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Familienleben, Belletristik/Action und Abenteuer, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Märchen, Volkserzählungen, Legenden und Mythologie, Belletristik/Politik
Abenteuerromane, Mythen und Legenden (fiktional), Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Kriegsromane, Familienleben
Angola, Augusthino Neto, FNLA, MPLA, UNITA, Autoreparaturwerkstatt, DDR
12 - 99 Jahre
Zahlungspflichtig bestellen

20. Dezember

Um fünf fahre ich zur Bäckerei nach Catumbela und bekomme auch zwei Brote für uns. Aufatmen am Frühstückstisch.

 

Heute will mich Amalia der Direktorin ihrer Schule vorstellen. Ab halb acht warten wir auf dem Schulgelände. Einige der Salzteiche am Rande der Stadt hat man zugeschüttet und dort die Schulgebäude errichtet. Weit über die Mauern gezogene Dächer schirmen die luftigen Sälen gleichen Klassenräume von der Sonne ab. Betonbauten, die nichts Bedrückendes an sich haben. Nur das Grün fehlt, kein Baum, kein Strauch.

 

In der Lake eines nahen Teiches - wieder die hochbeinigen zu seltsamen Haken verkrümmten Gestalten der Märchenwelt - die rosa gefiederten Flamingos.

Ein fischmäuliger CITROEN rollt auf den Vorplatz. Eine Frau steigt aus. Mittelgroß, kräftig, mit schulterlangem dunklem Haar. Sie tritt mehrmals gegen das linke Hinterrad und kommt zu uns herüber. Das ist sie, Maria do Carmo, Direktorin.

Amalia muss zum Unterricht, wir folgen der jungen Frau im Jeanskleid ins Gebäude.

Ihre Bürotür ist schwarz von Moskitos, der Hausmeister wird gerufen, er verjagt die Mücken. Das Büro ist klein, schattig, klimatisiert, mit einem blechernen Schreibtisch, einem blechernen Schrank und kunstlederbezogenen Stuhlsesseln ausgestattet. Maria do Carmo raucht. Ihr ruhiges, schönes Gesicht ist sehr wach, sie beobachtet uns, während ich frage.

Eine Stimme, der ich gern zuhöre.

Diese Schule besuchen achthundert Schüler der Klassen eins bis acht. Schulpflicht für Kinder ab sechs Jahre, Schulgeldfreiheit für jeden. In den Klassen eins bis sieben stehen die Bücher kostenlos zur Verfügung. Die wenigsten der jetzt hier lernenden Kinder hätten zur Zeit der Überseeprovinz dieses Gebäude betreten dürfen. Zuviel Kinder sitzen noch in einem Klassenraum zusammen. Vierzig sind es, ja sogar fünfzig. Trotz Hilfe der CHE-GUEVARA-Brigade. Gern würden wir die Anzahl der Stunden für die Lehrer verringern, zumal die meisten sich nach Unterrichtsschluss der Alphabetisierungskampagne und der Erwachsenenweiterbildung zur Verfügung stellen. Aber weniger als sechsundzwanzig Wochenstunden sind im Moment nicht möglich.

Nach der achten Klasse dann gibt es zwei weiterführende Bildungswege. Der eine, von der neunten bis zur zwölften Klasse mit Berufsausbildung, als Vorbereitung für den Fachschulbesuch. Der andere Weg wird erst nach einer Auswahl durch das Bildungsministerium möglich und führt nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit zum fünf- bis sechsjährigen Universitätsstudium.

Die Traditionen, ob sie uns helfen, ob sie im Wege sind?

So allgemein will ich das nicht beantworten. Wenn ein Mädchen zum Beispiel, der Tradition folgend, als dreizehnjährige Schülerin einem Mann versprochen wird, dann kann die Schule, wenn das Mädchen einverstanden ist, nichts machen. Ist das Mädchen aber dagegen, dann werden wir die Schülerin mithilfe des Gerichts unterstützen, und sie wird an der Schule bleiben.

 

Eine junge Frau bringt ihr Baby in das Büro der Direktorin. Anders geht es nicht, erklärt Maria do Carmo, die Lehrerinnen bringen ihre kleinen Kinder mit in die Schule. Kinderkrippen gibt es nicht, und Kindergärten haben wir noch zu wenige.

 

Unsere Fragen haben sie nun doch aufgescheucht.

Bei der Verabschiedung lädt sie uns zu sich in die Wohnung ein.

Einer Zeitungsnotiz entnehme ich, dass die angolanische Bevölkerung zu sechzig Prozent aus Kindern im schulpflichtigen Alter besteht. (Dieser hohe Anteil kommt sicher durch die geringe Lebenserwartung, die im Durchschnitt bei fünfunddreißig Jahren liegt, zustande.) Im April 1976 begann der Unterricht mit ungefähr eintausend Lehrern, jetzt arbeiten dreißigtausend Lehrer im Lande; von den Grundschullehrern haben zweiundfünfzig Prozent die vierte Klasse beendet, und sieben Prozent verfügen über eine abgeschlossene pädagogische Qualifizierung.

Inzwischen besuchen sechzig Prozent der schulpflichtigen Kinder den Unterricht.

Weiter ins Hochland hinein, in den landwirtschaftlichen Gebieten, werden die Kinder erst zwischen dem zwölften und sechzehnten Lebensjahr in die Schule geschickt. Die MPLA hat als Übergangslösung in diesen Gegenden ESCOLAS PROVISORIAS - provisorische Schulen - eingerichtet. Die Kinder und Jugendlichen erlernen hier während des vierjährigen Unterrichts einen landwirtschaftlichen oder handwerklichen Beruf und schließen mit der sechsten Klasse ab. Diese Schulen sind Selbstversorger. Lehrer und Schüler bauen das an, was sie zum Leben brauchen.

 

Ondjango. Ein angolanisches Tagebuch von Jürgen Leskien: TextAuszug