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Sie sind hier: Die Unsichtbaren. Utopischer Roman von Günther Krupkat: TextAuszug

12.-15. März 2020
Halle 4, Stand B 301/401

Die Unsichtbaren. Utopischer Roman von Günther Krupkat
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Preis E-Book:
6.99 €
Veröffentl.:
15.07.2019
ISBN:
978-3-96521-145-2 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 312 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Science Fiction /Action und Abenteuer, Belletristik/Thriller/Technologisch, Belletristik/Science Fiction /Weltraumoper
Klassische Science-Fiction-Literatur, Technothriller
Mondflug, Raumstation, Raumschiffe, Mars, Außerirdische, Atomexpresszug, Liebe, Sabotage, Sozialismus, Kapitalismus, Atlantis, Meteoritenabsturz
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In den Mittagsstunden des sechzehnten Januar 1999 ereignete sich hier nun ein Vorfall, der weitgehende Folgen haben sollte. An diesem Tage warf sich der Nordatlantik wieder brüllend und donnernd gegen die Klippenwände der Inseln. Er schleuderte Wasser und Gischt auf die Felsmassive, die mit ihren schneeig weißen Spitzen aus den finsteren, zischenden Fluten emporzackten. Wenn der Sturm die Wolkenhänge für Augenblicke zerriss, traf ein flüchtiger Sonnenstrahl dieses Inferno.

Nebelschwaden jagten über das Wasser, das von langen Streifen schmutzigen Schaumes durchzogen wurde. Das Meer, die Inseln und der ferne Küstensaum des Festlandes waren hinter einer milchigen Wand versunken. Das Tageslicht schien am Verlöschen und gewährte nur wenige Meter Sicht.

Unter dem Windschutz der öden, nackten Felsenwelt stampfte und schlingerte trotz ihrer Kreiselanlage die Atommotor-Jacht „Cadena“ der offenen See entgegen. Die „Cadena“, ein schnittiges weißes Schiff, war Eigentum des Millionärs Basil Varone und kam aus Narvik, wo sie mehrere Tage vor Anker gelegen hatte.

Kapitän Armando erschien auf der Kommandobrücke. Der kleine, behände Südländer klopfte die Nässe aus seinem Mantel und sah besorgt auf den Bildschirm des Infrastrahlers, dessen Langwellen den Nebelwall durch drangen und auf dem Schirm alles abzeichneten, was sich im Kurs des Schiffes befand. Am rechten Rand der schimmernden Fläche waren die Konturen einer Insel sichtbar.

„Wenn wir aus diesem elenden Wetterwinkel nur schon heraus wären!“, schimpfte Armando.

„Wir haben es bald geschafft, Capitano“, beruhigte ihn Steuermann Parladini, der neben dem Rudergast stand. Er warf einen Blick auf den Bildschirm. „Sind dicht vor der Insel Moskö.“

Der Kapitän trat neben Parladini und beide schauten eine Weile schweigend durch die Scheiben, gegen die Regenböen prasselten und an denen nasse Schneeflocken träge herabrannen.

Der Sturm heulte und pfiff in schrillen Tönen. Er trieb immer neue Nebelwände vor das Schiff, das an Klippen und Untiefen vorbei in langsamer Fahrt durch die schwere Dünung rollte. Der Lärm des Unwetters wurde jetzt von einem anderen Geräusch zunehmend übertönt. Wildes Brausen und Fauchen wuchs an, ebbte ab und kam verstärkt wieder. Die Wogen flachten ein wenig ab, das Wasser begann zu strudeln und zu gurgeln. Es hatte den Anschein, als nähere sich die Jacht einem gewaltigen Wasserfall.

„Der Mosköstrom“, stellte der Steuermann fest.

Der Mosköstrom, auch Maelstrom genannt, ist eine Meeresströmung zwischen den Inseln Varö und Moskö, die sogar bei Ebbe, ganz besonders aber bei schwerem Sturm gefährliche Strudel bildet und schon manchem Schiff zum Verhängnis wurde. Der Mosköstrom hat zwar nicht die Berühmtheit der Charybdis in der Meerenge von Messina erlangt, aber wer ihn einmal in seiner ganzen Schrecklichkeit erlebt hat, vergisst ihn sein Leben lang nicht.

„Achten Sie auf den Sog!“, mahnte der Kapitän. „Bei diesem Wetter kann die Strömung uns leicht an die Klippen treiben.“

Parladini nickte und gab dem Mann am Ruder Anweisung, den Wirbeln auszuweichen.

Unter Deck war von dem Toben der Elemente nichts zu hören. Das feine, monotone Brummen der langsam laufenden Turbinen ließ das Schiff kaum spürbar vibrieren. In dem breiten, mit wertvollen Läufern belegten Gang brannten die eingelassenen Wandleuchten, der Schein des Tages drang schwach durch die Oberlichter. Ein Steward eilte lautlos vorüber, klopfte an eine Kabinentür und trat ein. Das gelockerte Facetteglas einer Wandlampe klirrte leise im Summen der Maschinen.

Nicht immer war es an Bord der „Cadena“ so ruhig. Basil Varone liebte es, sich auf Reisen mit einem großen Gefolge von Experten zu umgeben, die er als Berater zu seinen Verhandlungen hinzuzog. Dann entfaltete sich geräuschvolles Leben im Schiff. Auf den Gängen hasteten Sekretärinnen hin und her, aus Lautsprechern kamen Anweisungen, farbige Lämpchen flammten über den Kabinentüren, Tonbandstimmen diktierten in automatische Schreibmaschinen. Und am Abend bot Varone seinen Mitarbeitern und Gästen vielerlei Kurzweil im Musiksalon, im Kinosaal oder bei geeignetem Wetter auf Deck.

Während dieser Fahrt jedoch, die ziemlich überstürzt angetreten wurde, befanden sich außer Varones engerem Reisestab, der aus Leontos, seinem persönlichen Sekretär und Vertrauten, einigen Sekretärinnen und Hilfskräften bestand, nur zwei Sachverständige an Bord. Diese beiden Herren waren jedoch für die eben beendeten Verhandlungen nicht einmal in Anspruch genommen worden. Was hatte Varone ausgerechnet im Winter nach dem hohen Norden getrieben? Über diese Frage zerbrachen sich alle an Bord den Kopf, ausgenommen natürlich Leontos, der es wusste, und Kapitän Armando, den nur die nautische Seite der Reise interessierte.

„Narvik ist ein großer Fehlschlag für uns!“ Der Sekretär Leontos sah diese Worte Varones wie ein Menetekel vor sich. Seine gepflegten, nervösen Hände hielten die Mappe mit den neuesten Funknachrichten, darunter die endgültige Absage der Verhandlungspartner. Er hob den Kopf und richtete die brennenden Augen auf den anderen, der groß und stattlich, die Hände in den Taschen des eleganten Sakkos, in der geräumigen Kajüte stand und sinnend durch eins der Bullaugen auf das Unwetter schaute. Sein faltiges Gesicht und das schlohweiße Haar, Attribute eines hohen Alters, bildeten einen merkwürdigen Kontrast zu dem Glanz seiner lebhaften dunklen Augen, zu der straffen Körperhaltung und der Festigkeit seiner Stimme. Das war Basil Varone, eine fast legendäre Erscheinung, Haupt und Hoffnung der Desperados.

Woher er, der Staatenlose, eigentlich stammte, wusste niemand zu sagen, außer Leontos vielleicht; aber der schwieg und pflegte bedauernd die Schultern zu heben, wenn Neugierige ihn ausfragen wollten. Er war eben da, ein ruheloser Geist, der die Generationen überlebte und aus dunklem Hintergrund seine Ziele verfolgte,

Varone ging mit schnellen, elastischen Schritten auf seinen Sekretär zu und blieb dicht vor ihm stehen. „Ein bisschen viel Fehlschläge in letzter Zeit, Leontos. Wir werden alt!“ Und er musterte das grau melierte Schläfenhaar des anderen.

Leontos lächelte. „Noch hält Sie jeder für Anfang Sechzig, Herr Varone,“

„Aber im Sommer werde ich achtzig, mein Bester. Und unser Nimbus verblasst, unser Stern steht nicht mehr im Zenit … wie vor dreißig Jahren.“

In Leontos’ Erinnerung liefen die Jahre zurück, dreißig lange Jahre. Damals war er gerade in Varones Dienste getreten, als junger Mensch voller kühner Ideen. Kurz darauf hatte Varones Frau durch einen Flugzeugunfall den Tod gefunden. Seitdem bestieg der Millionär kein Flugzeug mehr. Es begann ein unstetes Leben. Varone hatte überall in der kapitalistischen Sphäre Besitzungen, aber selten blieb er länger als ein paar Wochen an einem Ort und schließlich verließ er kaum noch die „Cadena“, mit der er ruhelos, immer von neuen Plänen gejagt, über die Meere zog. Nun war er ein uralter Mann, daran änderte auch seine erstaunliche Rüstigkeit nichts, und seine Tage waren gezählt. Aber er gab den Kampf nicht auf; verbissen rang er mit der neuen Welt um sein altes Vorrecht, die Macht zu besitzen und den Erdball zu beherrschen.

„Wir lenken nicht mehr, sondern werden gelenkt und müssen froh sein, wenn man uns zu Verhandlungen empfängt“, fuhr Varone fort, „Wir stehen nur noch am Rande des großen Weges, den die Menschheit heute geht. Welch bittere Wahrheit! Narvik hat es wieder bewies

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