Home
eBook-Shop (nur Verlagstitel)
Links
Warenkorb

Zwischen Erinnerung, Flugfunken und harter Gegenwart Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 11.12.2026) Vom 11. bis 18. Dezember 2026 stellen wir fünf E‑Books vor, die auf sehr unterschiedliche Weise mit Erinnerung, Nähe und der Härte historischer und persönlicher Entscheidungen ringen: die Entstehungsgeschichte eines vielgelesenen DDR‑Films und sein nicht realisierter Fortsetzungsentwurf, kurze literarische Funken für Minuten der Muße, praxisnahe Einsichten in den Umgang mit kindlicher Trauer, ein ehrlicher Blick auf Jugendjahre in der NVA und eine bittere Erzählung von Verfolgung und Rache im Vietnamkrieg. Zusammen entfalten diese Texte ein Spannungsfeld zwischen persönlichen Bindungen, institutionellen Kräften und den Spuren, die beides in Gegenwart und Zukunft hinterlässt.
Vom Freitag, dem 11. Dezember, bis Freitag, dem 18. Dezember 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Last und liebes Kummerfeld. Das Buch zur Geschichte eines unvergessenen Spielfilms sowie der nicht veröffentlichte zweite Teil von Wolfgang Held
Als der später auf der Berlinale ausgezeichnete Film Einer trage des anderen Last" Anfang 1988 in die Kinos kam, fand er in der DDR ein Millionenpublikum. Er wurde in Ost und West als ein Plädoyer für Toleranz" verstanden.
In diesem Buch beschreibt Wolfgang Held den schweren Weg über DDR-Kultur-Hürden, bis dieser Film endlich gedreht werden durfte. Und die weltweite Anerkennung des Drehbuchs und des Films.
Eine literarische Skizze über Josef Heiliger und Pater Blasius, die als Fortsetzung nach Einer trage des anderen Last wieder ein Spielfilm werden sollte, füllt den zweiten Teil des Buches.
Für dieses Sujet aus der DDR-Geschichte, realistisch, ohne einseitige Idealisierung oder Verteufelung, fand sich leider, damit auch dem Zeitgeist verbunden, kein marktwirtschaftlich orientierter finanzkräftiger Produzent.
Flugfunken. Prosa für Minuten-Leser von Wolfgang Held
Ihre Bahn ist kurz, winzig das Leuchten und nicht von Dauer. Gestresste, geistige Dickbrettbohrer, Schlagzeilengläubige und Fans von Events der höheren Steuerklassen haben weder Auge noch Sinn für eine derart flüchtige Erscheinung, an denen nicht einmal die Provinzpresse bis hinab zu den Lokalsendern Interesse zeigen, ganz zu schweigen davon, dass kein ernsthafter Wissenschaftler auf den Gedanken gekommen wäre, sich mit dieser Erscheinung zu beschäftigen.
Also absolut bedeutungslos? Total im Null? Wahrscheinlich wäre das der Fall, gäbe es da nicht die Träumer, die Kinder, eine unüberschaubar weit verstreute Schar derer, die fähig und geübt geblieben sind im Entdecken des fein verborgenen Reizvollen. Sie verstehen die flinken Lichtpünktchen als Signale, helle Textsplitter, kurze Wortmeldungen aus meinem Literatur-Atelier. Texte, die ich Flugfunken nenne, wohl nicht ausreichend gewichtig, um bibliothekarisch in die Listen langlebiger Belletristik aufgenommen zu werden.
Nein, es ist Besinnliches oder Heiteres vom Rand der Festplatte her zusammengeweht in dieser schmalen Herausgabe für Leseminuten auf der Reise, zur Nacht vorm Einschlafen, zur Erinnerung an dieses oder jenes bereits Vergessene ...
Also finde nun jeder reichlich das ihm Gemäße!
Das trauernde Kind von Dörte Joost
Kindliche Trauer hat viele Gesichter. Damit sich die Trauer entfalten und letzten Endes selbst überwinden kann, braucht sie in starkem Maße begleitende Erwachsene und deren Verständnis und Toleranz. Da es häufig der Fall ist, dass gerade Eltern in Trauerzeiten durch die eigene Betroffenheit wenig Stütze für ihre Kinder sein können, stellen Erzieher/innen bzw. Tagesväter/mütter im Rahmen der Kinderbetreuung eine Chance für eine weitere Hilfestellung dar. Sie können verbunden mit Fachwissen um mögliche Trauerreaktionen, zu durchlaufende Traueraufgaben und Erkenntnissen der Hirnforschung zu Trauerprozessen, das den ersten Abschnitt des Buches bildet, ins tiefere Verstehen gelangen und in ihre Rolle als wichtige Begleitperson für Kinder hineinwachsen. Der zweite Teil des Buches widmet sich den begleitenden Hilfsangeboten durch pädagogische Fachkräfte, die zur Trauerbewältigung bei Kindern beitragen können. Abgerundet durch beispielhafte oder eröffnende Antworten auf Kinderfragen und eigenen Empfehlungen zu Kinderbüchern schließt das Buch mit einem motivierenden Plädoyer.
Tiefenkontrolle. Jugendjahre im Arbeiter- und Bauernstaat, 2. Teil von Lutz Dettmann
Klaus Levitzow, der Held des Romans Wer die Beatles nicht kennt von Lutz Dettmann ist jetzt zwanzigjährig und wird zur NVA berufen. Er begibt sich in eine fremde Welt mit eigenen Gesetzen, Ritualen und einer eigenen Sprache. Klaus ist kein Held, der gegen das System aus Befehlsgehorsam und Tageszahl kämpft. Er ist einer der Millionen von jungen Männern, die versucht haben, einigermaßen aufrecht diese Zeit zu überstehen. Er schildert eine Armeezeit, die nicht nur aus Druck und Schikane besteht, sondern in der auch die Liebe, die Kameradschaft und die Freundschaft eine wichtige Rolle spielen. Dieses Buch beschreibt einen Zeitabschnitt und eine Welt innerhalb der DDR, die nicht vergessen werden darf.
Wer Leander Haußmanns NVA-Film und Buch kennt und dessen Schenkel klopfende (Haben wir doch damals toll gesoffen und sind über den Zaun gegangen!) Aufbereitung für unrealistisch erkannt hat, ist in diesem Buch gut aufgehoben. Es schildert die NVA authentisch, ohne dabei den menschlichen Aspekt zwischen den Soldaten auszublenden. Authentisch sind auch die Orte beschrieben, an denen das Buch spielt: Dabel (im Buch Buchholz) eine von vielen NVA-Kasernen im Norden der damaligen DDR und Schwerin, die Bezirksstadt im Nordwesten der kleinen DDR.
Abrechnung mit dem Teufel von Hasso Grabner
Unser Friday for Future‑Titel der Woche ist Abrechnung mit dem Teufel von Hasso Grabner. Die Erzählung über Folter, Machtmissbrauch und die bleibenden Schäden für Überlebende und Angehörige lenkt den Blick auf die langfristigen Folgen politischen Handelns und die Verantwortung, die daraus erwächst ein Thema, das auch die Debatten von Friday for Future prägt: die Frage, wie heutige Entscheidungen kommende Generationen belasten oder schützen. Indem das Buch Ursachen, Machtstrukturen und persönliche Konsequenzen sichtbar macht, bietet es einen literarischen Anlass, Verantwortung zu benennen und Lehren für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft zu ziehen.
In Südvietnam foltert der USA-hörige Polizeichef der Provinz einen Kämpfer der FNL und dessen Ehefrau abwechselnd und hofft, dass einer der beiden die Leiden des anderen nicht mehr mit ansehen kann, und so zum Verräter wird. Als der Ehemann stirbt, ohne dass beide gestanden haben, ertränkt er den zweijährigen Sohn vor den Augen der Mutter.
Kurze Zeit danach wird dieser Sadist, der die abgeschnittenen Ohren seiner Opfer sammelt, Polizeichef von Saigon. Die Frau folgt ihm und hat nur noch ein Ziel: den Mann mit dem Tod zu bestrafen. Gemeinsam mit einem Saigoner FNL-Kämpfer beobachtet sie den Polizeichef. Doch dieser sieht sie einmal ganz kurz und setzt alles in Bewegung, um die Frau mit dem Narbengesicht zu finden, denn er hat Angst vor ihrer Rache. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.
Die folgenden Leseproben öffnen kleine, aber prägnante Türen in die Tonwelt der fünf Bücher: mal wird ein kulturpolitischer Kampf sichtbar, mal ein knapper literarischer Blitz, mal ein lehrreicher Begleitmoment für Erwachsene, mal eine Kaserne voller Gegensätze und einmal ein dramatischer Verfolgerlauf. Jede Passage erlaubt unmittelbaren Zugang zu dem Augenblick, der das jeweilige Werk trägt.
Last und liebes Kummerfeld. Das Buch zur Geschichte eines unvergessenen Spielfilms sowie der nicht veröffentlichte zweite Teil von Wolfgang Held
Die erste Leseprobe nimmt Sie mit in die dramaturgische Werkstatt hinter einem bekannten DDR‑Film: ein Blick auf die Hürden, Verhandlungen und Hoffnungen jener, die den Stoff gegen Widerstände zur Leinwand bringen wollten.
Kühle Stille im hohen Kirchenschiff des Kummerfelder Gotteshauses. Die weitgeöffnete Tür lässt hin und wieder Geräusche mäßigen Straßenverkehrs herein. Pater Blasius kniet am Altar vor dem gekreuzigten Christus. Er sucht Zwiesprache. Erregung macht ihm die Worte lauter als sonst im Gebet.
Die Bitte eines Sterbenden, Herr. Er wünscht sich mein Wort an seinem Grab. Nicht Vergebung will er von mir, nicht die letzte Ölung zum Heil seiner Seele, nicht dein Gnadengeschenk des ewigen Lebens, nur ein Wort zum friedfertigen Umgang miteinander, zu Sanftmut und Duldsamkeit gegenüber Andersdenkenden, die mit eigenen Weisen und Wegen ein menschenwürdiges Erdendasein erstreben Er ist ein guter Mensch, denke ich. Aber ein Heide Zeig mir den Weg, Herr! In mir ist es finster. Was soll ich tun? Was darf ich tun als dein Diener?
Es bleibt still im weiten Kirchenschiff. Kein Zeichen. Nichts. Oder doch? Ein Bibelwort kommt ihm in den Sinn. Es ist wie ein Ruf von weither. Ohne Erbarmen wird das Gericht über den ergehen, der nicht Erbarmen geübt hat. Aus dem Jakobusbrief, weiß Pater Blasius. Aber eine Antwort? Ist das Seine Antwort für mich?
Er findet einen Platz in einer der letzten Reihen des Gestühls. Sein Blick wandert hinüber zur Kanzel. Erinnerung lässt das Bild verschwimmen. Er sieht sich selbst dort oben stehen, zwanzig Jahre jünger als heute. Es ist der Tag, an dem ein Vorfall zur ersten Begegnung mit dem gerade in Kummerfeld angekommenen neuen Bürgermeister führt. Sein Name: Josef Heiliger.
Flugfunken. Prosa für Minuten-Leser von Wolfgang Held
Bei den Flugfunken fällt die Probe wie ein heller Lichtpunkt: eine kurze, fein gesponnene Beobachtung, die in wenigen Sätzen Stimmung und Einfall bündelt.
Es war kurz vor Mitternacht. Oben am Hang, vom Haus der Frau von Stein herkommend, näherten sich zwei Gestalten. Sie bewegten sich langsam, kannten sich offensichtlich in dieser Umgebung nicht aus. Dort, wo eine schmale Steintreppe hinab zum Flüsschen führte, verharrten die nächtlichen Wanderer eine Weile und hielten Ausschau. Ihr besonderes Interesse galt einem im Dämmerlicht schwach erkennbaren kleinen Haus in einem Garten jenseits des Flüsschens.
Ein paar geflüsterte Worte, dann stiegen die zwei merkwürdigen Nachtgestalten die Stufen hinab.
Der Steig führte durch ein enges Felsentor, das die Einheimischen Nadelöhr nannten. Das Paar kannte nicht die traurige Begebenheit, von der Goethe einst bewegt worden war, genau diese steinerne Treppe und das Felsengebilde gestalten zu lassen. Es sollte als romantisches Naturdenkmal jener Offizierstochter gewidmet bleiben, die hier auf diesem Weg am 18. Januar 1778 aus Liebeskummer zum Fluss gegangen war, um sich zu ertränkten. Bei ihrer Leiche wurde damals zu Goethes tiefer Betroffenheit ein Exemplar seines Briefromans Die Leiden des jungen Werther gefunden.
Über die Naturbrücke gelangten die späten Parkbesucher hinüber zum anderen Ufer. Am Fluss entlang näherten sie sich jenem kleinen Haus und schlugen an der Gabelung den Weg ein, der sie bis vor den Eingang zum Garten führte.
Sie fanden die Tür verschlossen. Der größere von den beiden ungebetenen Besuchern rüttelte an der Klinke. Auf seinem Rücken, im prall gefüllten Campingbeutel, klirrte Glas. Drinnen, jenseits des Zaunes, kein Laut. Hinter keinem der Fenster flammte Licht auf. Nein, hier musste man weder einen bissigen Hund noch wachsame Bewohner fürchten.
Sekundenschnell kletterten sie über den Zaun. Die Bewegungen verrieten Jugend und Kraft. Zweimal umschlichen die Eindringlinge das Häuschen, bevor sie ohne große Mühe eines der Fenster im Erdgeschoss aufzudrücken und einzusteigen wagten.
Im schmalen dunklen Flur entschied der Größere leise, dass er zuerst einmal allein in den verschiedenen Räumen hier unten und im oberen Stockwerk nach möglicherweise doch anwesenden Bewohnern Ausschau halten wolle. Schnell stellte er dann fest, dass sich unten in Küche und Zimmern nichts regte. Vorsichtig schlich er nach oben. Die hölzerne Stiege knarrte so laut, dass die beiden nächtlichen Eindringlinge fürchteten, man könnte sie hinaus bis zu den Parkwiesen hören.
Nur wenige Minuten vergingen, bevor der Große flüsterte, es sei keine Gefahr, und der Besitzer dieses Wochenendhäuschens müsse wohl, an der Einrichtung gemessen, ein ziemlich armer Kerl sein.
Tatsächlich ließ das fahl hereinfallende Mondlicht in den Räumen weder Tisch noch Stuhl, Sessel oder Sofa erkennen, ganz zu schweigen von Radio oder gar Fernsehgerät. Zudem eine Küche ohne Kühlschrank und nirgendwo ein Krümel Essbares. Immerhin fand sich in einem kleinen Zimmer ein etwas wackeliges Bett, zwar ohne Laken und Zudecke, aber nach dem Auflegen des mitgebrachten Schlafsackes und dem Zustellen eines der hier vorgefundenen uralten Kofferkästen durchaus als Nachtlager geeignet.
Wie überall im Haus, so machte auch hier tagsüber angestaute Sommerwärme die Luft schwer und schwül, doch das war wohl für die beiden Eindringlinge keineswegs der einzige Grund, sich splitternackt zu entkleiden. Der matte Schein des Sternenhimmels verriet jetzt mehr über sie.
Es war ein junger, ziemlich dünner Mann mit schulterlangem dunklen Haar und einem dichten Vollbart. Die Begleiterin reichte ihm nur knapp bis zur Schulter. Helles Haar schimmerte auf Streichholzlänge gestutzt. Sie war sehr schlank, aber durchaus bemerkenswert mit allen weiblichen Rundungen ausgestattet. Wenn sie in die Nähe des Fensters kam, zeigten sich am Nacken und anderswo auf ihrer weißen Haut dunkle Liebesspuren.
Der junge Mann brachte aus dem Campingbeutel einen Brotlaib, Knackwurst und eine Flasche Wodka zum Vorschein. Das schmale Bett wurde zum Picknickplatz. Sie aßen aus der Hand und tranken aus der Flasche, rauchten billige Zigaretten, küssten einander zwischen durch, wohin sie gerade die Lust lenkte, flüsterten und kicherten immer sorgloser.
Das alte Bett knarrte und ächzte in allen Fugen unter ihren stürmischen Liebesspielen.
Fern hinter dem Webichtwäldchen vor der Stadt glänzte im Nordosten schon der neue Tag, als das Mädchen im Gartenhaus noch eine Flasche Wermut hervorholte, die dann aber halb voll auf den Dielen stehen blieb.
An diesem Morgen geschah, was zum Ärger der beiden Hüter des Gartenhauses im Park während der Sommermonate immer wieder passiert. Schon vor der Öffnungszeit hatte sich eine Besucherschar am Eingang versammelt und empfing die eintreffenden Aufsichtspersonen mit freundlichen Grußworten auf Deutsch, Russisch, Englisch oder Französisch.
Der ältere Herr, der im Vorraum Eintrittskarten und Andenken verkaufte, war auch diesmal von den englischen Lauten ein wenig irritiert. Er wurde davon immer wieder an die beiden Geschäftsleute aus dem Walt-Disney-Land erinnert, die allen Ernstes mit ihren Dollars dieses Gartenhaus kaufen, Stein um Stein demontieren und als besondere Attraktion im Walt-Disney-Land/USA wieder aufbauen wollten.
Ein solches Ansinnen hatte an diesem frühen Tag freilich keiner der Besucher. Diese kulturell interessierten Damen und Herren erwartete dafür, ebenso wie die Aufsichtspersonen, eine fast ebenso ungeheuerliche Überraschung.
Ein spitzer, wohl bis hinüber zur Naturbrücke gellender Aufschrei einer innigen Goetheverehrerin und Studienrätin aus dem Hessischen holte die Aufsichtsperson und sämtliche um diese Stunde im Haus befindlichen Besucher in das kleine Zimmer im Obergeschoss.
Was sie dort sahen, nahm ihnen für Augenblicke die Stimmen. Sekundenlanges Schweigen. Ein junger Mann und ein Mädchen, beide splitternackt und in zärtlicher Umarmung fest schlafend, umgeben vom Dunst wie in einer Hafenkneipe!
Bevor die Aufsichtsdame es verhindern konnte, zuckte Blitzlicht, klickten Fotoapparate. Das Mädchen erwachte zuerst, rieb sich die Augen, starrte in die entgeisterten, empörten oder erheiterten Mienen der Leute und glaubte, dass dies alles nur ein böser Traum sein könnte. Sie weckte ihren Gefährten. Zu zweit wurde ihnen allmählich bewusst, dass dies hier kein Wochenendhäuschen eines verarmten Weimarer Pensionärs sein könne.
Das trauernde Kind von Dörte Joost
Die Passage aus Das trauernde Kind führt in einen pädagogischen Moment, in dem eine erwachsene Begleitperson einer Kinderfrage begegnet und damit sichtbar wird, wie Zuhören und Deuten trauernde Kinder stützen können.
2 Trauer als Lebenskrise für ein Kind
2.1 Tod und Trauer in unserer Gesellschaft
Es lebe das Leben, es lebe die Jugend. Diese Parole bringt laut Spölgen und Eichinger die Grundeinstellung der heutigen westlichen Gesellschaft auf den Punkt. Alter und Krankheit werden aus dem Alltag und damit aus dem menschlichen Bewusstsein gedrängt, Sterben und Tod sogar tabuisiert. Als Gründe führen sie vorrangig die Verstädterung und Industrialisierung an, die eine Veränderung der Lebensgemeinschaftsformen von generationsübergreifenden Großfamilien zu Kernfamilien bzw. Teilfamilien mit zwei Generationen mit sich brachte. Kinder erleben demnach Alterungs-, Krankheits- und Sterbephasen nicht mehr so selbstverständlich mit, wie noch vor 100 Jahren. Auch die Anonymität in den Städten trägt erheblich dazu bei, dass der Abschied vom Menschen selten sichtbar wird. Alte bzw. kranke Menschen sterben oft von ihren Familien getrennt im Pflegeheim oder Krankenhaus, so dass die modernen Menschen immer seltener Anlässe haben, sich mit der Realität von Sterben und Tod auseinanderzusetzen. (Spölgen & Eichinger, 1996)
Hinzu kommt, dass die heutige Trauerkultur gegenüber der Vergangenheit verarmt erscheint, schließlich sind über Jahrhunderte bestehende Traditionen, wie z.B. die mehrtägige Aufbahrung mit der sogenannten Totenwache zu Hause, der Trauerzug durch den Heimatort des Verstorbenen und die große und gelebte Gemeinschaft der Trauernden, nicht mehr von Bestand. Demgegenüber scheinen Bestattungen heute von Bürokratisierung und Professionalisierung gekennzeichnet zu sein, die wenig emotional, möglichst schnell und ohne viel Aufwand in der Folgezeit verlaufen. (Onnasch & Gast, 2011)
Die Auswirkungen des gesellschaftlichen Umgangs mit Tod und Trauer in Bezug auf Kinder fasst Margit Franz mit folgenden Kernaussagen zusammen, die sie in ihrem Buch detailliert erläutert (Franz, 2002):
1813. Kindern fehlen Begegnungen mit den Schattenseiten des Lebens
1814. Kinder erleben Krankheit und Tod als Feinde
1815. Kinder haben mangelhafte Erfahrungen im Umgang mit Senioren
1816. Kinder erleben den Tod als Medienereignis und wachsen in einer Happy-Gesellschaft auf
1817. Kinder erleben den Tod, ohne ihn persönlich kennen zu lernen
1818. Kinder erfahren Sprachlosigkeit in Bezug auf das Thema Sterben und Tod
1819. Kinder können den Tod nicht greifen und damit nicht begreifen
1820. Kinder erleben den nahen Tod entfernt
1821. Kinder erfahren kaum Sterbe- und Trauerkultur
Greift man diese eindeutig ernüchternde Einschätzung auf, so kann die gegenwärtig mangelhafte Trauerkultur auch als Chance begriffen werden, für eine individuelle Trauergestaltung einzutreten und Solidarität durch Trauer zu erwirken. Gerade die Solidarität kann eine enorme Wertigkeit erlangen und als Multiplikator in unserer Gesellschaft wirken. Sie kann jedem Einzelnen und allen anderen zeigen, wie wertvoll das Leben in all seinen Facetten ist, denn der Tod umgibt einen Jeden.
2.2 Entwicklung des kindlichen Sterblichkeitswissens
Die Grundlage für eine empathische Trauerbegleitung von Kindern bildet das Wissen um die Entstehung des kindlichen Sterblichkeitswissens. Auch hier gilt es zu beachten, das der achtsame Blick auf das Einzelkind mit seinen ganz individuellen Todesvorstellungen und das mitunter stark variierende Entwicklungstempo von Kindern einer starren Phaseneinteilung widersprechen. Die tabellarisch dargestellte altersspezifische Strukturierung bildet ein Gerüst, das auf Piagets vier Grundannahmen zur Denkentwicklung zurückgreift:
1. Nonfunktionalität: Der Tod bedeutet den völligen Stillstand der Körperfunktionen.
2. Irreversibilität: Der Tod ist nicht mehr rückgängig zu machen.
3. Universalität: Alle Lebewesen müssen einmal sterben.
4. Kausalität: Die Ursache des Todes ist biologisch.
Während Erwachsene um diese vier Dimensionen wissen, muss sich diese das Kind im Laufe der Kindheit und Jugend erarbeiten:
Tiefenkontrolle. Jugendjahre im Arbeiter- und Bauernstaat, 2. Teil von Lutz Dettmann
Tiefenkontrolle beginnt mitten in einem Kasernenalltag: die Probe zeigt, wie alltägliche Rituale, Kameradschaft und persönlicher Zwiespalt im Dienst nebeneinander bestehen und das Leben junger Männer prägen.
Husten auf dem Flur, Schritte kommen näher. Und plötzlich steht Major Wagner in der Tür. Ich springe auf, mache meine Meldung. Tropfen rührt sich nicht. Und an Wagners Blick sehe ich, dass gleich etwas passieren wird.
Wollte mich mal mit dem Soldaten Lasky unterhalten. Da wird was gemunkelt.
Er grinst, zeigt seine gelben Pferdezähne. Und mich greift wie immer die Angst an, wenn ich in Wagners Nähe bin. Seine wasserblauen Augen wandern über meine Felddienst.
Levitzow, sagen Sie mal, aus welchem Lumpensack haben Sie denn die ausgegraben?
Sein Finger zeigt auf meine Hose. Ich schaue an mir herunter, und ich weiß nicht was er will.
Denn ich bin stolz darauf, dass Buschi mir seinen alten Drillich schon abgetreten hat, obwohl er ja noch einige Tage hier dienen muss. Eigentlich hätte Bäumchen ihn bekommen müssen. Aber Buschi meinte, Weicheier dürfen solch altgedienten Drillich nicht tragen.
Gut, die Hosenbeine sind etwas kurz. Aber sonst?
Soldat Levitzow, Sie sehen wie eine Vogelscheuche aus!, stellt Wagner fest.
Ziehen Sie doch mal Ihre Stiefel aus.
Gefährlich ruhig ist seine Stimme.
Wortlos bücke ich mich, ziehe die Stiefel von den Füßen und stehe auf grauen Socken vor ihm. Hätte ich bloß die Socken gewechselt! Ein trauriger Geruch geht von meinen Füßen aus, und ein großer Zeh schaut neugierig aus seiner grauen Umhüllung, als ob er frische Luft schnappen will. Ein tolles Bild muss ich abgeben: Die grauen Socken, darüber der weiße Streifen der langen Unterhose und die viel zu kurze Drillichhose.
Und plötzlich geifert Wagner los:
Ab zur BA-Kammer. Schämen Sie sich! Sie sind eine Schande für die NVA. Eine neue Felddienstuniform und in zehn Minuten bei mir im Stab melden! Ist das klar!
Und ich schlüpfe schnell in meine Stiefel, blicke aus den Augenwinkeln zu Tropfen, der nur die Augenbrauen hochzieht. Kehrtwendung und raus. Ich möchte jetzt nicht in Haralds Haut stecken.
Mittägliche Ruhe herrscht vor dem Med-Punkt. Im Laufschritt, die Arme angewinkelt, tobe ich um den Ex-Platz und hoffe, auf keinen Offizier zu treffen. Eine einzige Ehrenbezeugung würde wohl meinen Zeitplan sprengen. Atemlos komme ich an der Kammer an. Der erste angenehme Anblick heute, als ich die Tür geöffnet habe: Das Reh hat Dienst.
Aber zum Bestaunen bleibt keine Zeit. Die Haare trägt sie wieder hochgesteckt. Einfach schön, dieses Mädchen! Sie lächelt nur, als ich ihr mein Anliegen schildere.
Mit Ihren Hosen stehen Sie auf Kriegsfuß, was?
Und während ich mich aus meiner Uniform schäle, sucht sie im Lager einen passenden Drillich.
Verlegen stehe ich mit meinen langen Unterhosen vor ihr, kann mich nicht einmal hinter dem Tresen in Deckung bringen. Wenigstens meinen neugierigen Zeh kann ich noch verstecken. Doch sie übergeht meine Scham, hilft die Hosenträger anzuknöpfen.
Lassen Sie Wagner schreien! Bis zum nächsten Hosentausch.
Ich will widersprechen, doch ihr Lächeln ist zu schön. Ab zu Wagner in den Stab. Was mich dort wohl erwarten wird?
Abrechnung mit dem Teufel von Hasso Grabner
Die letzte Leseprobe setzt an einer Beobachtungsstelle an, wo Spannung und Angst dicht sind ein Augenblick, der die Suche nach Rache und die Folgen von Gewalt unmittelbar spürbar macht.
Im Südosten Cholons erschlägt ein Polizist eine alte Frau auf offener Straße mit dem Knüppel. Sie hat in einem Fischgeschäft gegen die ständig steigenden Preise protestiert. Die Aufforderung des Polizisten, ihr auf die Wache zu folgen, hat sie mit einer Schimpfkanonade beantwortet. Der brutale Mord erregt die Menschen ringsum. Phan huu Tho fordert in seiner Untergruppe, den Polizisten zum Tode zu verurteilen, bietet Hilfe bei der Vollstreckung an und setzt seine Auffassung durch. Unverzüglich erstattet er Le ngoc Van Bericht. Van stellt seinem Spitzel eine Gruppe Geheimpolizisten zur Verfügung, mit dem ausdrücklichen Auftrag, dass diese nicht eingreifen, sondern nur beobachten sollen. Er schärft Tho ein, unbedingt den tödlichen Schuss auf den Polizisten selbst abzugeben, um sich den Ruhm eines entschlossenen und furchtlosen Kämpfers zu erwerben. Gleichzeitig erteilt er ihm den Auftrag, eine narbengesichtige Frau ausfindig zu machen.
In der Nacht, in der das Attentat erfolgen soll, wachen Phan thi Tu und Nguyen van Trong in der Nähe der Villa des Polizeichefs. Trong bemerkt mit großer Sorge, wie sehr die dauernden Nachtwachen Phan thi Tu angreifen. Van hat nachts noch nie seine Wohnung verlassen, er wird es auch heute nicht tun. So wehrt sie sich nicht lange, als Trong drängt, sie möge doch endlich einmal ausschlafen. Sie machen sich auf den langen Weg zur Wohnung der jungen Frau.
In den frühen Morgenstunden nähern sich Phan huu Tho und die Männer seiner Gruppe dem Polizeirevier. Tho ist ihnen um eine Kenntnis überlegen. Er weiß, acht Agenten Vans sind in den Häusern rings um die Polizeiwache versteckt. Einer von Thos Begleitern hat den Postenplan des Reviers in der Tasche. Halb drei Uhr wird der betreffende Polizist in einer Doppelstreife das Polizeigebäude verlassen. Der Plan sieht vor, den zweiten Polizisten unbedingt zu schonen, um klarzumachen, dass dieses Attentat nichts anderes ist als die Vollstreckung eines rechtmäßigen Urteils. Eine schriftliche Ausfertigung desselben soll im Moment des Überfalls mit einem Stein durch das Fenster der Wache geworfen werden. Als die vier Männer den Tatort erreichen, bestimmt der Leiter der Aktion, Phan huu Tho solle den Stein werfen. Dem Leiter geht es um eine Mutprobe. Von dem Neuen weiß man nichts weiter, als dass er im Gespräch starke Worte findet. Hier kann er zeigen, was dahintersteckt. Thos Reaktion befriedigt. Der Mann bittet um den gefährlichsten Auftrag, der darin besteht, den beiden Polizisten entgegenzugehen, den größeren von ihnen durch mindestens zwei Kopfschüsse zu töten und dann davonzulaufen, ohne von dem anderen getroffen zu werden. Tho beabsichtigt nicht, sich genau daran zu halten. Den zweiten Polizisten ungeschoren zu lassen ist ihm viel zu gefährlich. Er will den Verurteilten mit dem ersten Schuss erledigen und seinen Begleiter mit dem zweiten kampfunfähig machen. Niemand würde ihm später nachweisen können, mit Vorsatz gehandelt zu haben.
Phan thi Tu und Nguyen van Trong sind vor Tus Haus angelangt. Sie haben lange und schöne Gespräche geführt. So haben sie es nicht eilig, sich zu trennen. Im tiefen Schatten der Haustür stehen sie eine Weile und wissen sich plötzlich nichts mehr zu erzählen. Sie hören Schritte. Polizei, flüstert Tu und zieht Trong tiefer in den Hausflur. Dann hören sie einen einzelnen Mann an der Tür vorbeigehen.
Sekunden später krachen zwei Schüsse. Sie folgen so dicht hintereinander, dass sie fast wie einer klingen. Irgendwo klirrt eine Scheibe, dann prasselt eine Serie von Revolverschüssen durch die Nacht. Sie hören hastige Schritte und halblaute Rufe. Trong schaut vorsichtig auf die Straße. Er bemerkt fliehende Schatten und sieht ganz nahe einen Mann verkrümmt auf dem Boden liegen. Er springt hinaus und zerrt den offensichtlich Verwundeten in das Haus. Tu hat kaum die Tür geschlossen, als laute Befehle erschallen und viele Menschen die Straße hinabrennen.
Weder Tu noch Trong überlegen eine Sekunde. Hier ist ein Bruder in Gefahr, ihm muss geholfen werden. Gemeinsam schleppen sie den Verwundeten in Tus Zimmer und legen ihn auf die Schlafmatte. Tu versucht, ihm das blutdurchtränkte Hemd abzustreifen. Der Mann schlägt die Augen auf. Erschreckt starrt er die Frau an. Die Frau mit dem Narbengesicht, flüstert er deutlich vernehmbar, dann geht ein Ruck durch seinen Körper, sein Kopf fällt nach hinten, der Mann ist tot. Tu und Trong sehen sich fassungslos an. Was soll das heißen? Wer ist der Fremde? Wer hat ihn erschossen? Wer prägte die Bezeichnung: Die Frau mit dem Narbengesicht? Niemand außer der Stadtleitung der FNL und Nguyen van Trong weiß von Tus Anwesenheit in Saigon. Niemand? Er hat mich erkannt, sagt Tu, Le ngoc Van hat mich erkannt. Was konnte der Tote anderes sein als ein Agent des Polizeichefs, der, Gott weiß auf welchem Wege, Tus Adresse ausfindig gemacht hat?
Ich wünsche Ihnen eine aufmerksame Lektürewoche und ein paar ruhige Leseminuten in der Adventszeit. Bis nächste Woche bleiben Sie neugierig und wohlbehalten.
Ansprechpartner
Gisela
Pekrul
Verlagsleiterin
Tel: +49 (3860) 505788
E-Mail: editiondigital@arcor.de
Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"
EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.