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Zwischen Aufbruch, Fernweh und den Fragen der Zukunft Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 03.07.2026) Der Juli beginnt mit einem besonderen Schwerpunkt: Gleich vier der fünf aktuellen Sonderangebote stammen aus der Feder von F. C. Weiskopf. Seine Reportagen und Reiseberichte führen durch Europa, die Sowjetunion und China und zeigen eine Welt im Umbruch. Ergänzt wird dieses literarische Zeitpanorama durch einen spannenden Roman von Wolfgang Schreyer, der in der Rubrik Friday for Future den Blick auf die Gefahren des Kalten Krieges lenkt.
Vom Freitag, dem 3. Juli, bis Freitag, dem 10. Juli 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Umsteigen ins 21. Jahrhundert von F. C. Weiskopf
Zwischen dampfenden Eisenbahnwaggons, flimmernden Grenzlandschaften und den großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts entfaltet sich in Umsteigen ins 21. Jahrhundert ein faszinierendes Panorama einer Welt im Wandel. Der Schriftsteller F. C. Weiskopf nimmt uns mit auf eine Reise durch ein Europa und eine Sowjetunion, die zwischen Vergangenheit und Zukunft stehen voller Spannungen, Hoffnungen und Widersprüche.
Mit scharfem Blick und erzählerischer Kraft schildert Weiskopf Begegnungen mit Reisenden, Funktionären, Bauern und Intellektuellen. Seine Reportagen sind Momentaufnahmen einer Zeit, in der sich Ideologien formieren, Grenzen verschieben und neue Gesellschaftsentwürfe entstehen. Mal humorvoll, mal kritisch, immer lebendig: Diese Texte öffnen ein Fenster in eine Epoche, die unsere Gegenwart geprägt hat.
Ein literarisches Zeitdokument, das historische Realität und persönliche Erfahrung kunstvoll verbindet und Leser von heute dazu einlädt, die Fragen von damals neu zu entdecken.
Zukunft im Rohbau von F. C. Weiskopf
Mit wachem Blick und erzählerischer Kraft berichtet F. C. Weiskopf in Zukunft im Rohbau von einer Welt im Aufbruch. Seine Reise führt ihn durch die Sowjetunion der frühen 1930er-Jahre von Moskau bis in die Weiten Sibiriens, von neuen Industriestädten bis in abgelegene Regionen, in denen sich Geschichte gerade erst formt.
Was er sieht, ist kein fertiges System, sondern ein gewaltiges Experiment: Städte wachsen aus dem Boden, Fabriken entstehen, Menschen verändern ihr Leben radikal. Zwischen Begeisterung und Zweifel, Fortschritt und Widerspruch entstehen eindrucksvolle Momentaufnahmen einer Gesellschaft im Werden.
Weiskopfs Reportagen sind mehr als Reiseberichte sie sind ein lebendiges Zeitdokument über Hoffnung, Umbruch und die Suche nach einer neuen Zukunft. Für heutige Leser öffnen sie den Blick auf eine Epoche, deren Fragen bis heute nachwirken.
Die Reise nach Kanton von F. C. Weiskopf
China in den ersten Jahren nach der Revolution: Zwischen dampfenden Reisfeldern, geschäftigen Häfen und neu entstehenden Kulturhäusern erlebt der Erzähler ein Land im radikalen Wandel. Seine Reise nach Kanton führt ihn mitten hinein in den Alltag einer Gesellschaft, die versucht, Vergangenheit und Zukunft neu zu ordnen voller Hoffnung, Widersprüche und menschlicher Begegnungen.
Mit scharfem Blick und literarischer Atmosphäre schildert dieses außergewöhnliche Buch die Menschen der jungen Volksrepublik: Bibliothekare, Arbeiter, Bauern, Intellektuelle und Funktionäre, die alle Teil eines gewaltigen gesellschaftlichen Experiments sind. Dabei entsteht weit mehr als ein Reisebericht es ist ein faszinierendes Zeitdokument über Aufbruch, Ideale und kulturellen Wandel.
Für heutige Leser eröffnet sich eine seltene Perspektive auf ein China, das es so längst nicht mehr gibt: poetisch beobachtet, historisch spannend und überraschend aktuell in seinen Fragen nach Gesellschaft, Wahrheit und Veränderung.
Aus allen vier Winden von F. C. Weiskopf
Zwischen den Gassen Prags, den Straßen Pekings und den politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts entfaltet sich ein literarisches Panorama voller Beobachtungskraft, Menschlichkeit und Zeitgeschichte. Mit wachem Blick erzählt dieses Werk von einfachen Menschen, von Hoffnung und Umbruch, von Exil, Revolution und dem unstillbaren Hunger nach Bildung, Freiheit und Würde.
Ob in den lebendigen Straßen Chinas, in den Cafés Europas oder im Schatten der politischen Katastrophen seiner Zeit der Autor begegnet Dichtern, Arbeitern, Soldaten und Träumern mit gleicher Aufmerksamkeit. Seine Sprache verbindet poetische Bilder mit journalistischer Präzision und macht vergangene Jahrzehnte überraschend gegenwärtig.
Ein faszinierendes literarisches Dokument über eine Welt im Wandel eindringlich, klug und heute aktueller denn je.
Endzeit der Sieger von Wolfgang Schreyer
Auch in dieser Woche richtet sich die Rubrik Friday for Future auf eine der großen Zukunftsfragen unserer Zeit: Wie lassen sich Konflikte vermeiden, bevor sie zur Katastrophe werden?
Am 20. September 1946 druckt eine New Yorker Zeitschrift Albert Einsteins Warnung vor dem gegenseitigen Misstrauen der Großmächte. Jahrzehnte später wird über Sachalin ein südkoreanisches Passagierflugzeug abgeschossen ein Ereignis, das die Welt erschüttert und die Gefahr eines Krieges aus Versehen sichtbar macht.
Wolfgang Schreyer verbindet historische Fakten, politische Analyse und spannende Handlung zu einem Roman über die Mechanismen von Misstrauen, Machtpolitik und Rüstungsinteressen. Ihn interessiert nicht die Schuldfrage allein, sondern die Erkenntnis darüber, warum die Menschheit immer wieder an den Rand der Selbstzerstörung gerät.
Die fünf Bücher dieser Woche führen durch verschiedene Länder, Zeiten und politische Systeme. Die folgenden Leseproben geben einen ersten Eindruck von den Menschen, Ideen und Konflikten, die diese Geschichten prägen.
Umsteigen ins 21. Jahrhundert von F. C. Weiskopf
Reisen bedeutet hier weit mehr als Ortswechsel. Die folgende Passage zeigt, wie Weiskopf Geschichte und persönliche Beobachtung miteinander verbindet.
Mit einem Mal sagt eine Stimme hinter dir:
Achtung, Genosse, IhreTaschen !
Du schrickst auf, deine Hände machen mechanisch die schon gewohnte schützende Bewegung nach den Rocktaschen hin. Dann erst drehst du dich um, siehst den Warner (es ist der alte Eisenbahner aus Tuapse, der seit Moskau mit dir im selben Abteil fährt und vor dem Schlafengehen immer erst nachsieht, ob du, unerfahrener Ausländer, dir dein Lager auch richtig weich und bequem zurechtgemacht hast) und siehst auch die Gefahr, vor der er dich gewarnt hat; einen kleinen, barhäuptigen, unglaublich schmutzigen Jungen, mit rissigen, kotigen Beinen und verfilztem Haar, dessen Lumpen wie Fahnen im Winde flattern.
Unser Besprisorny !
Unser ?
Ja er fährt nämlich im selben Waggon wie wir das heißt: nicht im Waggon, sondern unter ihm
Und meiner erstaunten Frage zuvorkommend:
Auf dem Wagengestell nämlich, zwischen den Rädern man fährt ganz gut dort Übrigens fährt unser Besprisorny nicht allein. Vorn unter dem Postwagen hängt ein zweiter und irgendwo hinten fahren noch zwei mit
Im Abteil dann, während der Zug schon wieder fährt, erzählt der Tifliser Lehrer, der uns gegenüber liegt:
Kein Zug, der im Herbst nach dem Süden abgeht, fährt ohne blinde Passagiere. Die Besprisornys sind wie die Zugvögel: Wenn es kalt wird, machen sie sich nach wärmeren Gegenden auf. Die weniger Gewandten fahren auf den Lastwaggons, die Geschickteren ziehen Schnellzüge vor. Die Schaffner lassen sie in Ruhe. Wozu sich ihrer Rache aussetzen? Dafür bestiehlt kein Besprisorny einen Eisenbahner auch der Vagabund hat Ehrengrundsätze Übrigens schicken sie auch Dokumente zurück, wenn sie welche in erbeuteten Brieftaschen oder Gepäckstücken finden. An das Zentralkomitee der Partei zum Beispiel kommen täglich mit der Post Parteilegitimationen an, die Besprisornys in die Hände gefallen sind
Jemand fragt:
Sind ihrer viele?
Eine ganze Armee Jeder von ihnen ist schon ein dutzendmal eingefangen, gewaschen, geimpft und in eine der schönen Kinderkolonien gesteckt worden, die von der Sowjetregierung für obdachlose Kinder geschaffen wurden. Und jeder, den man auf der Eisenbahn oder in den Städten trifft, ist wieder aus der Kolonie durchgebrannt. Nicht alle der in die Kinderkolonien Gebrachten bleiben dort, manche halten das geregelte Leben nicht mehr aus; das Vagabundendasein mit seinen Diebesabenteuern, seinem Kampieren in Heuschobern und unter Brückenbogen, seinen Schwarzfahrten, seinem Herumstrolchen in großen Städten und auf weiten Landstraßen ist ein zu lockender und vor allem ein bereits zu sehr zur Gewohnheit gewordener Reiz für sie, die seit den Hunger- und Bürgerkriegsjahren ohne Eltern und ohne Zuhause sind und der Armee der Besprisornys schon seit langem angehören
Das dröhnende Rattern des Zuges übertönt die Worte. Am Fenster fliegen die Eisenkonstruktionen einer langen Brücke vorbei. Wie eine breite Säbelklinge glänzt ein Fluss auf und verschwindet wieder.
Ob man dort unten zwischen den Rädern auch schlafen kann ?
O ja, warum denn nicht? Nur festbinden muss man sich, um nicht hinunterzufallen
Und der alte Eisenbahner erzählt von vielen Nächten, die er schlafend auf dem Rahmengestell eines Eisenbahnwaggons verbracht hat. Im Bürgerkrieg, als selbst auf den Puffern kein freies Plätzchen zu finden war.
Ein dritter schweratmig, pausbackig mischt sich ins Gespräch, entsetzt sich über eine Jugend, die es vorzieht, sich unten zwischen den Rädern einzunisten, anstatt
Der Eisenbahner beginnt eine lange Schauergeschichte von waghalsigen Schwarzfahrern und gruseligen Unglücksfällen zu erzählen und weidet sich an dem Entsetzen des Pausbackigen.
Dann hält der Zug, und wir sehen wieder unseren Bespri- sorny, diesmal mit seinen drei Reisekameraden. Sie hocken auf der Erde und teilen irgendetwas: Früchte oder Brotstücke. Bevor der Zug sich wiederum in Bewegung setzt, verschwinden sie mit affenartiger Behändigkeit unter den Waggons.
Wieder spricht der Tifliser Lehrer von dem Leben der Besprisornys; von den Anstrengungen der Regierung und Partei, dieser Gefahr und die Besprisornys sind eine Gefahr, Genosse, bedenken Sie doch nur, was in zehn Jahren aus dieser Armee junger Strolche werden muss, wenn man sie nicht an Disziplin und Ordnung gewöhnt?! , von der Arbeit der jungen Pioniere, die das Patronat über die Besprisornys übernommen haben und deren Abteilungen in den einzelnen Bezirken tätig sind, sich bemühen, die jungen Landstreicher erst einmal in das Pionierlager zu bekommen, dann an das Lager zu gewöhnen, an die Pioniergruppe, schließlich an Organisation und Disziplin überhaupt; von dieser Arbeit, die unendlich mühselig und entmutigend, weil voller Misserfolge, ist, die aber nicht aufgegeben, sondern mit wachsender Zähigkeit fortgesetzt wird und trotz aller Rückschläge ihr Ziel erreichen wird, weil in ihr der gleiche sieghafte Elan lebt, wie in der Arbeit der Elektroingenieure in Mingrelien, im wildesten Kaukasus, und in den Bemühungen der Wanderlehrer in Buchara
Er spricht lange, solange, bis die Nacht hereinbricht, die Nacht, die in dieser Steppengegend plötzlich, wie aus dem Hinterhalt, die Erde überfällt, die Gegend draußen verschluckt, dass nur der Zug, nur der eine breite, spärlich erleuchtete Waggon in der großen, schwarzen Leere übrigbleibt
Am nächsten Tag sehen wir unseren Besprisorny erst gegen Mittag. Er geht mit langsamen Bewegungen quer über die Schienen und raucht einen Stummel.
Hallo
Er versteht sofort und stellt sich in Positur: Paul knipst. Unser Besprisorny macht eine gravitätische Verbeugung und streckt gleichzeitig die Hand vor. Lachend gebe ich ihm ein Fünfkopekenstück. Er dreht die Münze zwischen den Fingern hin und her, verzieht das Gesicht.
Ech
In weitem Bogen fliegt das Kupfer in den Sand des Bahnsteigs.
Fünf Kopeken geben Sie mir für mein Gesicht, Bürger wissen Sie, was das ist? Das ist schäbige Exploitierung, Ausbeutung eines arbeitenden Menschen, habgierige Bereicherung auf Kosten der werktätigen Masse, das ist
Und ohne mir Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, schleudert er mir ganz Volkstribun vor versammelter Menge die Blitze seiner Beredsamkeit entgegen.
Zukunft im Rohbau von F. C. Weiskopf
Wie sieht eine Zukunft aus, die gerade erst entsteht? Die folgende Szene vermittelt einen Eindruck von Aufbruch, Veränderung und großen Erwartungen.
Zweihundert Komsomolzen aus Nowosibirsk und von den Kolchosen der Umgebung meldeten sich freiwillig, um der Bauleitung zu helfen, die mit Arbeitermangel, Bummelei, Frost und Morast zu kämpfen hatte; sie bildeten ein Sturmbataillon, das überall dort eingesetzt wurde, wo die Arbeit ins Stocken kam.
In einer stürmischen Nacht, als die Fuhrleute sich nicht getrauten auszufahren, um Zementsäcke aus den Waggons in die frostsicheren Schuppen zu schaffen, schleppten sie die Säcke auf dem Rücken zwei Kilometer weit über das Eis des gefrorenen Flusses.
In zwölfstündigen Arbeitsschichten, ohne Ablösung, unter Verzicht auf die Ausgangstage stellten sie das Mauerwerk des zweiten Pfeilers in vier Wochen fertig, statt, wie im Plan vorgesehen, in sechs Wochen. Sie zwangen die Betonmischmaschinen, hundertundachtzig Mischungen zu liefern, statt der höchsten Norm von hundertundsechzig.
Dann barst die Verschalung des dritten Pfeilers. Mehr als das, er war überhaupt krank; der Senkkasten, auf dem er ruhen sollte, bohrte sich zu langsam in den Flussgrund und stieß noch immer nicht auf den Felsboden in der Belegschaft hatte es Bummler und Trinker gegeben. Da sprangen die Komsomolzen ein. Sie schrieben an die Wand der Baukanzlei: Wir Komsomolzen versprechen der Partei, der Bauleitung und dem Land, dass wir dem dritten Pfeiler auf die Beine helfen und ihn ganz allein zu Ende bauen werden!
Es war nur noch ganz wenig Zeit. Wenn der Eisgang kam, bevor der dritte Pfeiler den Wasserspiegel überragte, musste der ganze Bau für Wochen unterbrochen werden. Vom Oberlauf meldeten sie schon, dass das Eis in Bewegung geraten sei. Keiner von den Ingenieuren und Technikern, überhaupt kein Mann von der ganzen übrigen Belegschaft glaubte, dass wir es rechtzeitig schaffen würden, aber wir schafften es. Die Zimmerleute brachten die neue Verschalung in einem Tag und einer Nacht fertig; die Betonmischer steigerten ihre Arbeitsleistung um siebenundsechzig Prozent; im Freien wurde vierzehn, im Senkkasten, wo ein Luftdruck von drei Atmosphären herrschte, zwölf Stunden gearbeitet. Wir arbeiteten dort nackt, wir hatten die Leitern entfernt und konnten dadurch zwei Mann mehr unterbringen, es war fürchterlich eng und heiß, aber der Caisson senkte sich täglich um zwei Meter, statt nur um einen wie bisher, und nach drei Tagen waren wir auf dem Felsgrund. Genau zwölf Stunden, bevor der Eisgang begann, war der dritte Pfeiler über Wasserspiegelhöhe; als das Hochwasser kam, arbeiteten wir schon am Oberbau. Aber das schönste ist doch, dass wir dabei ein neues Bähungsverfahren gefunden haben. Es ist um fast zehn Prozent billiger als das alte und erspart, und das ist noch wichtiger, sehr viel Zeit!
Ich frage ihn, ob er schon lange in Beton arbeitet.
Nein, erst seit dem Brückenbau. Jetzt soll er in Stalinsk sein neues Verfahren weiter ausprobieren, und im Winter wird er auf die Bauschule geschickt. Vorher ist er zwei Jahre lang auf einem Kolchos gewesen, und davor hat er auf dem Dorf gelebt:
In Michailowka, einem verlorenen Nest, fünfhundert Kilometer von hier. Nicht einmal ein Fahrweg ging hin. Wenn einer in die Stadt fuhr, das kam vielleicht einmal im Jahr vor, war es ein Ereignis. Die Bauern waren fast alle Baptisten, die wenigsten konnten lesen und schreiben. Mein Vater zum Beispiel hat mir nur einen einzigen Buchstaben beigebracht, er kannte nur den einen; es war das F, und er kannte es nur, weil es ,dem Galgen so ähnlich sieht, wie er immer sagte!
Die Reise nach Kanton von F. C. Weiskopf
Fremde Länder werden besonders interessant, wenn man den Menschen begegnet, die dort leben. Die folgende Passage führt mitten hinein in das China der frühen 1950er-Jahre.
Die Fachleute mit Auslandsschulung, das waren wir, mein Stellvertreter und ich, fügt der als Übersetzer wirkende Chefingenieur mit einem breiten Grinsen hinzu, wobei er seine abgegriffene Baskenmütze vom linken aufs rechte Ohr hinüberschiebt. Neben dem Pariser Argot und den akademischen Fachkenntnissen im Brückenbau sind, nach seinen Worten, diese Mütze, eine Erstausgabe Rimbaudscher Gedichte und eine kleine Schwäche für französischen Käse so ziemlich alles, was er aus einem langjährigen Exil in Frankreich zurückgebracht hat. Und was kann ich heute davon gebrauchen? Zum Französisch-Sprechen komme ich einmal in einer Ewigkeit. Dagegen käme mir etwas Russisch sehr zustatten. In Moskau wird soviel neue Fachliteratur herausgegeben, die unsereiner kennen müsste. Na, im Herbst fang ich mit einem Russischkursus an, angemeldet hab ich mich schon Aber wovon wollte ich eigentlich reden? Ach ja: Mein Französisch rostet. Für die Lektüre Rimbauds ist jetzt keine Zeit, und, ehrlich gesagt, ich fürchte, die Gedichte würden mir jetzt gar nicht mehr gefallen. Mit dem Käseessen ist es auch aus, meine Frau kommt aus dem Landesinnern und kann Käse nicht riechen, sie nennt ihn nur verdorbene Milch. Na, und die Fachkenntnisse? Sie haben ja eben gehört, zu welchen Fehlleistungen die einen verleiten können. Nein, die Fachkenntnisse an sich nützen einem heutzutage nichts. Man muss sie hämmern und umbiegen, wie wirs mit dem alten Material tun, das wir verwenden wollen. Man muss sie und sich selber den neuen Verhältnissen anpassen. Aber gerade das erhält einen jung. Das gehört zum Stil unseres heutigen Lebens, das sich so von Grund aus verändert hat. Man lernt, man lernt um, man lernt hinzu. Jeder tuts, der mehr als bloß vegetieren will. Das ganze Land ist eine einzige große Schule. Stimmts, Tschöng?
Tschöng, der Breitschultrige, nickt. Freilich, freilich! Er selbst hat doch das Nieten erst vor knapp einem Jahr gelernt. Und das Reparieren von Maschinengewehren auch bloß zwei Jahre früher. Und vorher wars das Schreiben. Und das Rechnen. Und das Lesen. Und noch vorher das war nach dem Eintritt in die Vierte Marscharmee das Denken.
Lachend schlägt er sich auf die Brust. Das war mein eigentlicher Geburtstag, damals. Ein großer Tag.
Und wie man dich zum Delegierten gewählt hat für die Konferenz unserer Helden der Arbeit aus ganz Gwangdung, das war vielleicht kein großer Tag?, wirft der Ingenieur ein.
Freilich, freilich, bestätigt Tschöng. Das war auch ein großer Tag. Eine große Ehre und eine große Verpflichtung. Deshalb juckt es ihn ja so, von hier fortzukommen zu dem neuen Schleusen- und Brückenbau im Südwesten. Altes Eisen aus dem Fluss fischen, wie sie es jetzt hier tun, das kann schließlich ein jeder. Aber man soll keine Arbeit verachten! Nein, das soll man nicht, und er, Tschöng, gehört gewiss nicht zu denen, die Extrawürste haben wollen. Bewahre! Er weiß, dass heute jeder Abschnitt der inneren Front, an der mit Werkzeugen und Schreibpinseln gekämpft wird, wichtig ist. Deshalb hat er ja auch hier den Wettbewerb unter den Bergungsbrigaden organisiert. Aber sowie die paar großen Eisenbrocken, die noch im Wasser liegen, gehoben sind, gehts los nach dem Südwesten. Bei dem Bau dort sind nämlich einige besonders verwickelte Probleme zu lösen.
Er hat bei den letzten Worten ein Stück Kreide aus der Brusttasche seines graublauen Overalls geholt und beginnt nun mit schnellen Strichen den Aufriss einer Hängebrücke auf die Eisenplatte des Geländers, an dem er steht, zu zeichnen.
Wir versichern Tschöng unseres großen Interesses an seiner zukünftigen Arbeit, bitten ihn aber, uns doch noch etwas mehr über die Wiederherstellung der Perlflussbrücke zu erzählen.
Tschöng steckt die Kreide nur widerwillig ein. Weshalb wollen wir eigentlich noch mehr darüber hören? Die Sache ist abgeschlossen, die Brücke steht da, und das Beste von der Geschichte, das Ende, kennen wir ohnehin schon. Auch war es, streng genommen, nur eine Reparatur, sozusagen Flickwerk. Freilich keine schlechte Leistung, achtzig Meter Neukonstruktion, ohne Maschinen, ohne das richtige Material, mit nur wenigen geübten Facharbeitern, aber im Grunde eben doch nur eine Wiederherstellung, nicht etwas ganz Neues wie im Südwesten.
Und schon hat er von neuem die Kreide in der Hand. Es bedarf längeren Überredens der Ingenieur hilft eifrig mit , Tschöng umzustimmen. Er kratzt sich eine Weile unter dem Hut und spuckt mehrmals aus, bevor er soweit ist.
Also obwohl es wirklich nicht der Rede wert ist und, Hand aufs Herz, die kommenden Aufgaben im Südwesten hundertmal interessanter sind Aber gut, da es sich bei uns um Genossen aus einem so weit entfernten Land handelt, wird er uns natürlich den Gefallen tun, nur dürfen wir nichts Besonderes erwarten. Ist das klar?
Wir versichern, da er auf einer Antwort besteht, dass es uns ganz klar ist. Er räuspert sich abermals, brummt etwas zu sich selber, schüttelt den Kopf mit einer Miene, als wolle er sagen Ich habe euch gewarnt, aber ihr wollt es nicht anders!, und zeigt dann mit ausgestreckter Hand übers Geländer hinunter.
Ob wir die Stelle sehen, wo sich die Strömung bricht? Dort liegt das Hauptstück des alten Mittelpfeilers, der von den ausreißenden Kuomintangtruppen gesprengt wurde. Sie hatten amerikanisches TNT (Trinitrotoluol). Damit sprengten sie ein Drittel der Brücke in die Luft. Ohne vorherige Warnung. Ohne Rücksicht darauf, dass die Brücke und ihre beiden Rampen voller Flüchtlinge waren, zum großen Teil ihre eigenen Leute. Aber danach fragte das Sprengkommando nicht. Es waren übrigens nur Offiziere und Leute vom Sicherheitsdienst dabei. Die wussten natürlich, dass sie endgültig verspielt hatten, und da ließen sie eben aus blinder Wut und Sturheit die Brücke zum Teufel gehen und mit ihr ein paar hundert Menschen. Militärisch hatte die Sprengung keinen Sinn. Unsere Soldaten wurden dadurch nicht aufgehalten. Aber die Zivilbevölkerung trug den Schaden davon; das Leben der Stadt war sozusagen mitten entzweigerissen.
Unter der Kuomintangherrschaft wäre die zerstörte Brücke im besten Fall notdürftig geflickt worden. Mit Holz und Blech vielleicht. Wahrscheinlich aber hätte man sie in Trümmern liegenlassen. Genauso wie die Eisenbahnbrücken auf der Strecke SchanghaiKanton. Die wurden noch im Krieg gegen Japan, irgendwann zu Beginn der Vierzigerjahre, gesprengt und nachher nie wieder hergestellt. Auch dann nicht, als die Amerikaner, um Tschiang Kai-schek im Bürgerkrieg zu helfen, Brückenmaterial in schweren Mengen herüberschickten. Aber das Material wurde von den Kuomintangbeamten verschoben und verschachert, oder es verrostete auf freiem Feld. Bis dann die Unsern kamen.
Aus allen vier Winden von F. C. Weiskopf
Geschichte besteht nicht nur aus großen Ereignissen, sondern vor allem aus Menschen. Die folgende Passage zeigt Weiskopfs besonderen Blick auf ihre Hoffnungen und Erfahrungen.
Die Sitzung des erweiterten Ministerrates wird gerade geschlossen, da trifft aus Genf der ausführliche Bericht über Litwinows Rede in der Völkerbundversammlung ein. Der Volkskommissar für Äußeres hat sich mit der europäischen Krise und insbesondere mit der tschechoslowakischen Frage sehr eingehend beschäftigt; er hat die Haltung der Sowjetunion in dieser Frage genau umrissen, hat bestimmte Dinge (die von Paris und London, aber auch von Prag im Halbdunkel gelassen werden) scharf belichtet, hat konkrete Vorschläge für eine friedliche Lösung gemacht:
Wir haben immer den Takt der tschechoslowakischen Regierung gewürdigt, die uns nie fragte, ob wir unsere Verpflichtungen auch erfüllen würden. Es gab also keinen Grund zu glauben, dass sie daran zweifelte. Doch dann wandte sich, einige Tage vor meiner Reise nach Genf, die französische Regierung zum ersten Male an uns mit der Frage, welche Haltung wir im Falle eines Angriffs gegen die Tschechoslowakei einnehmen würden. Ich gab im Namen meiner Regierung eine völlig klare und eindeutige Antwort, und zwar, dass wir bereit sind, unsere vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen und der Tschechoslowakei gleichzeitig mit Frankreich zu Hilfe zu kommen. Unsere Militärbehörden sind bereit, unverzüglich an einer Konferenz mit den militärischen Vertretern Frankreichs und der Tschechoslowakei teilzunehmen, um alle Maßnahmen zu besprechen, die durch die Umstände erfordert werden. Unabhängig davon halten wir es für nützlich, die Frage vor den Völkerbund zu bringen. Da es notwendig ist, alle Mittel in Anwendung zu bringen, die einen bewaffneten Konflikt zu verhindern imstande wären, halten wir es für zweckentsprechend, schleunigst eine Konferenz der europäischen Großmächte und der übrigen interessierten Staaten einzuberufen, um gegebenenfalls einen kollektiven Schritt vorzubereiten.
Das war unsere Antwort. Vor kaum drei Tagen hat nun die tschechoslowakische Regierung bei der Sowjetregierung angefragt, ob diese gemäß dem Tschecho-Sowjet-Pakt bereit sei, sofortigen und wirksamen Beistand für den Fall zu leisten, dass Frankreich, getreu seinen Verpflichtungen, dasselbe täte. Auf diese Frage gab die Sowjetregierung sofort eine klare, positive Antwort Es ist nicht unsere Schuld, wenn unserem Vorschlag nicht stattgegeben wurde, der meiner Überzeugung nach zu einer für die Tschechoslowakei, für ganz Europa und für den allgemeinen Frieden günstigen Lösung hätte führen müssen. Unglücklicherweise hat man andere Mittel und Wege gewählt Mittel und Wege, die eine Kapitulation bewirkten und bewirken mussten, deren Folgen früher oder später katastrophal sein werden.
Es ist wohl kein Zufall, dass der Bericht über die Litwinow-Rede den Mitgliedern des Ausschusses der Regierungsparteien erst nach der Sitzung bekannt wird. In dieser Sitzung geht es lebhafter zu als im erweiterten Ministerrat. Sozialdemokraten, nationale Sozialisten, katholische Volksparteiler opponieren gegen den Regierungsbeschluss, dessen Verfassungswidrigkeit auf der Hand liegt.
Aber die Agrarier, unterstützt von den Gewerbeparteilern und einigen Kapitulanten aus anderen Regierungsparteien, brechen jeden Widerstand durch die offen ausgesprochene Drohung mit dem Staatsstreich.
Es ist keine leere Drohung. Zur selben Zeit, da die Sitzung der Regierungsparteien stattfindet, tagt in der Villa des Oberdirektors der größten tschechoslowakischen Bank, der Zivnostenská Banka, Dr. Jaroslav Preiss eine kleine Konferenz ausgewählter Finanz- und Wirtschaftsgrößen, die der Agrarpartei und der Nationalen Vereinigung nahestehen. Diskutiert wird Die innere und äußere Neuorientierung der Tschechoslowakei. Dr. Preiss fasst am Schluss die Ergebnisse der Diskussion in vier Punkten zusammen.
1. Die Abtretung des Sudetengebietes ist eine fertige Tatsache. Sie muss sofort durchgeführt werden. Nach der Abtretung kann ein positives Verhältnis zu Deutschland an Stelle der jetzigen außenpolitischen Bindungen treten.
2. Die Berufung auf die Verfassung ist unter den gegebenen Umständen ohne Bedeutung. Eine Volksbefragung würde Revolution bedeuten. Die Phrase ,Das Volk entscheidet ist Unsinn. Wir entscheiden, wenn wir energisch genug sind.
3. Sollte sich die Armee gegen die Abtretung wehren, so muss ihr bedeutet werden, dass zum Kriegführen Geld gehört und dass die Armee nicht über das Geld verfügt.
4. Im Falle marxistischer Aufwiegelungsversuche muss die Ruhe und Ordnung mit allen Mitteln, gegebenenfalls unter Inanspruchnahme deutscher Hilfe, aufrechterhalten werden.
Dr. Preiss nennt sich mit Vorliebe einen schlichten Patrioten. In seinem Haus gibt es paradoxerweise wirklich einen schlichten Patrioten, der durch Zufall Ohrenzeuge des Berichtes wird. Zutiefst erschüttert, macht er davon einigen Freunden, alten Legionären, Mitteilung. Die Information wird an den Präsidenten der Republik weitergeleitet, aber es geschieht nichts.
Um drei Uhr nachmittags hat auch der Ausschuss der Regierungsparteien die Annahme der anglo-französischen Vorschläge gebilligt, und um fünf Uhr teilt Außenminister Dr. Krofta den Gesandten der beiden Westmächte mit, dass die tschechoslowakische Regierung, durch die Umstände gezwungen, den ungewöhnlich dringenden Ratschlägen Frankreichs und Englands nachgibt und mit Gefühlen des Schmerzes die französischen und britischen Vorschläge unter der Voraussetzung annimmt, dass beide Regierungen alles tun werden, um bei der Anwendung der Vorschläge die Lebensinteressen des tschechoslowakischen Staates zu schützen. Es heißt dann weiter:
Die tschechoslowakische Regierung erklärt mit Bedauern, dass diese Vorschläge ohne vorherige Befragung der Tschechoslowakei ausgearbeitet wurden. Sie bedauert tief, dass ihr Antrag auf eine Regelung durch Schiedsspruch nicht angenommen wurde, und sie nimmt die Vorschläge als ein Ganzes an, von dem der Grundsatz der Garantie nicht abgetrennt werden kann. Sie nimmt ferner die Vorschläge unter der Voraussetzung an, dass beide Regierungen einen deutschen Einfall in tschechoslowakisches Gebiet nicht dulden werden, das tschechoslowakisch bleibt bis zu dem Augenblick, da es möglich sein wird, die Gebietsübergabe nach Festlegung der neuen Grenze durch eine internationale Kommission (über die in den Vorschlägen gesprochen wird) vorzunehmen. Nach Ansicht der tschechoslowakischen Regierung setzen die anglo-französischen Vorschläge voraus, dass alle Einzelheiten der praktischen Verwirklichung dieser Vorschläge im Einvernehmen mit der tschechoslowakischen Regierung festgesetzt werden.
Als solle der Regierung, die soeben der Abtretung des Sudetengebietes zugestimmt hat, schlagend demonstriert werden, dass man nicht ungestraft dem Teufel einen Finger reicht, läuft zur selben Stunde, da Krofta den Gesandten der Westmächte die Annahme des anglo-französischen Planes mitteilt, eine polnische Note in Prag ein: Polen fordert die Abtretung des Teschener Gebiets!
Endzeit der Sieger von Wolfgang Schreyer
Kleine Irrtümer können in einer hochgerüsteten Welt ungeheure Folgen haben. Die folgende Passage zeigt, wie nahe politische Spannungen und menschliche Schicksale miteinander verbunden sind.
Durch den schwebenden Tunnel lief Tanja Cory ungeduldig in die riesige, nichtklimatisierte Empfangshalle von LAX. Ausländer wurden nach links geschickt, mussten sich einer Befragung unterziehen, US-Bürger gingen nach kurzem Blick in den Pass gleich zum Zoll. Formalitäten beides, doch ihr war klar, noch auf ein drittes Hindernis zu stoßen, auf Jerome. Und richtig, am Ausgang der Pan Am lauerte er ihr auf in seinem schwarzgelben Freizeitdress, erspähte sie und schoss raubvogelhaft herbei.
"Tanja!" Aus der schwitzenden Menge, die Gepäckkarren schob, rief er ihren Namen und fiel ihr im Gedränge um den Hals. "Was bin ich froh... Um ein Haar, und du wärst bei den Opfern, wir hätten uns nie mehr gesehen!"
"Im Himmel schon. Seid ihr nicht katholisch?"
Er nahm den Koffer und bahnte ihr einen Weg ins Freie. Hinter den Warteinseln für die Taxis, Stadtbusse und Pendelfähren zu den Hotels schmorte sein Wagen in der Glut. Wie ein Lausbub pfiff Jerome vor sich hin, ließ die Scheiben herab und fuhr durch das Gewühl in die Kurve zum Century Boulevard war er nicht dennoch süß in seiner leicht lästigen Anhänglichkeit? "Wohin denn nun?", fragte sie, als er hinter den ersten Hoteltürmen in den Airport Boulevard bog.
"Wir haben ein Zimmer im Marriott, Liebling."
"Du, ich bin seit fünfzehn Stunden unterwegs!"
"Umso nötiger die Rast. Jetzt kommt man sowieso nicht durch nach Downtown, sieh mal den Verkehr, mein Schatz."
Sein Benehmen reizte sie, das augenzwinkernde Gehabe, die alberne Vorfreude auf den Bettgenuss. Stoßzeit, Hauptverkehr, in dem man zwar nicht die Blechlawine, wohl aber eine Frau penetrieren kann, ob es der passt oder nicht. Sie hätte wissen müssen, wonach es ihn sogleich gelüsten würde. Kurz vor dem Viscount, das ihnen früher als Liebesnest gedient hatte, hielt er in der Auffahrt des Marriott, sie aber blieb sitzen. "Fahr weiter, ich bin zu abgespannt."
Verblüfft fuhr er los, lenkte aber nur um den Block herum und flehte: "Tu mir doch das nicht an, Honey! Eine Woche warst du weg, davor in Washington, wir haben schon ewig keine Zeit mehr für uns gehabt."
Tanja wog das ab. Die vage Zuneigung, die sie für ihn empfand, schien ja das einzige zu sein, was ihre Gefühlswelt bewegte, abgesehen vom Geschäft. Was das betraf, war freilich mit ihm zu rechnen. Jerome hielt drei Prozent des Firmenkapitals, derzeit 60 Millionen, angelegt in festverzinslichen Wertpapieren, Hypothekenfonds und Spielgeld; so nannte sie das Drittel, mit dem er spekulierte, übrigens eher risikoscheu. Sein 20-Millionen-Depot lag ihres Wissens bei der Investmentbank Merrill Lynch & Co., es war auf 50 Aktientitel verteilt, wurde ständig umgeschichtet und warf jährlich rund zwei Millionen ab; eine nahm ihm die Steuer weg. Einen so reichen Freund hatte sie noch nie gehabt. Ihn vor den Kopf stoßen? Doch er sollte sich nicht zuviel einbilden auf das, was andere ihm hinterlassen hatten. Sie pfiff darauf, Püppchen eines Millionärs zu sein, das sich hinlegt, wenn er mit dem Finger schnipst. "Erst ins Stadtbüro, bitte. Bis dahin fühle ich mich noch absolut im Dienst."
"Mit deiner Haltung wärst du im Pentagon richtig."
Gekränkt bog er rechts ab in den Manchester Boulevard und nahm durch Inglewood Kurs auf das Zentrum, 15 Meilen verstopfte Straßen vor sich. Von der Brücke aus sah sie, sogar auf dem achtspurigen San Diego Freeway dort unten ging nichts mehr. Wie dumm, natürlich nahm er ihr das übel. Es störte sie, als lieblos und starrsinnig dazustehen. Würde er eventuell mit ins Feld ziehen gegen seinen Vater? Frank Norris hatte sie gefragt, ob sie sich zutraue, ihn umzudrehen und angedeutet, dass ihr Wert für Drexel gewaltig stieg, wenn sie Jerome herausbrach aus der Front, das Stimmrecht für seine drei Prozent... "Ich schulde dem Papst einen sofortigen Bericht."
Jerome zuckte die Achseln. Um ihn zu besänftigen, fragte sie nach Jill. Von den Überseegesprächen haftete in ihr das Bild eines Familiendramas. Winston Lasky hatte zäh versucht, seiner Tochter einen Mann auszureden, der bereits tot gewesen war, und sie damit buchstäblich verrückt gemacht. Höchste Zeit, ihr die Augen zu öffnen, schon damit Jill nicht sie, Tanja, für ein Werkzeug in der vermeintlichen Intrige hielt. "Ich besuche sie gleich morgen und sage ihr, wie es wirklich gewesen ist."
Bleiben Sie ansonsten vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher weiterhin gewogen. In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem Der Traum des Hauptmann Loy von Wolfgang Schreyer.