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Zwischen Geheimoperationen, Legenden und starken Frauen – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Von Freitag, dem 22. Mai, bis Freitag, dem 29. Mai, präsentiert EDITION digital erneut fünf preisgesenkte E-Books voller Spannung, Humor und historischer Atmosphäre. Diesmal reichen die Geschichten von geheimen Missionen und abenteuerlichen Lebenswegen über sagenhafte Gestalten bis hin zu ungewöhnlichen Begegnungen und gesellschaftlichen Konflikten.

Operation Chess von Hans-Ulrich Lüdemann

Wenn ein hoffnungsvoller bayerischer Gymnasiast die Vornamen Xaver Jeremias trägt, dann erwartet niemand Flüche wie Herrgottsakramentkruzifixhallelujamileckstamoasch! oder gar Scheißglumpvarreckts! Zumal, wenn dieser Zornesausbruch an der friedvollen vorpommerschen Küste laut wird. Der Junge hat sich vom Münchner Airport F. J. Strauß aus in Richtung Norden davongestohlen, weil er mit dem Stiefvater nicht in den Urlaub verreisen will. Dieser hat ihm nicht nur den Nachnamen Chickeneye, sondern auch den Kurs für gutes Benehmen übergestülpt. CHICKENEYE, zu Deutsch etwa Hühnerauge, würde sich wie OPERATION CHESS, analog dazu mit etwa Unternehmen Schach übersetzt, ebenso als Geheimcode eignen. Das bislang in Segellatten und in Hohlräumen des Seglers Spirit of Hemingway II versteckt transportierte Kokain war nur Spielkram im Vergleich zur aktuellen Operation Chess im Jahre 1992. Das kolumbianische Cali-Kartell hat alles straff organisiert: Blätter des Koka-Strauches werden im Urwald mittels Kerosin und Schwefelsäure zu Koka-Paste verarbeitet. Aus diesem Material entstehen Kolumbus-Statuetten, seine Karavelle Santa Maria und ein Satz Schachfiguren. Nicht nur zur Tarnung wird eine dünne Wachsschicht aufgetragen; sie ist wegen der auf Drogen abgerichteten Hunde äußerst stark im Geruch. Das Schmuggelgut muss später im Labor auf der dänischen Insel Dankilde wieder in reines Kokain umgewandelt werden. Es gibt übrigens auch Statuetten, Caravellen oder Schachfiguren, die, mit Dochte versehen, einzeln als Kerzen produziert wurden. Lassen sich profitabel verkaufen. Ein nicht zu unterschätzender Nebenerwerb für die deutschen kriminellen Statthalter des Kartells. Da wären ein Graf Heribert von Copmans zu nennen, dessen Familie übrigens jene Insel besitzt und Lumen Exhagen, Besitzer des Hotels Vagel Grip, Erstes Haus am Platze und zugleich eine internationale Nobelherberge. Drei etwas aus der Bahn Geratene – der aus Serbien geflohene Moslem Bogdan, der arbeitsuchende Pole Kaschu und der sich Tramp nennende Xaver Jeremias - stören die Geschäfte jener weltweit skrupellos operierenden Kriminellen. Die Jugendlichen sind bei Kapitän Pawlatschik, einem fahnenflüchtigen russischen Marineoffizier, Hemingway-Verehrer und Eigner der Spirit of Hemingway II untergeschlüpft. Erwähnt werden muss die widerborstige Peggy Brackhahn, die nichtsdestoweniger beginnt, zarte Bande mit Tramp zu flechten. Dabei kommen alle vier öfter dem ermittelnden Hauptkommissar Pepperkorn und dessen Mitarbeiter Krischan Holtey in die Quere. Bogdan versucht, den Abenteurer von Copmans und den Hotelier Erxleben mit seinem Wissen zu erpressen – der Meisterschwimmer wird - angeblich ertrunken - im Hafenbecken tot ausgefunden. Können Kaschu und Tramp ihren toten Freund rächen?

Humor und norddeutsches Kolorit fehlen nicht in dem erstmals 2004 erschienenen spannenden Krimi, der für Hobby-Leser von 10 Jahren bis ins Greisenalter gedacht ist.

Die Damengang von Klaus Möckel

In der DAMENGANG finden sich vier Frauen zusammen, um durch Diebstahl und Hehlerei die eigenen Finanzen aufzubessern. Das Leben, meinen sie, kann angenehm sein, wenn man genügend Geld hat und von den Dingen, die einem gefallen, nicht nur träumen muss. Doch schon bald genügt ihnen die bescheidene Beute nicht mehr, und sie rüsten zum großen Coup.

Kielstein, eigentlich mit Mordsachen befasst, bekommt den Fall aufgehalst. Zunächst fühlt er sich unter-, später aber überfordert. Als der Fall in einem Totschlag mündet, hat er den Ernst der Sache längst begriffen, aber nicht mit den Überraschungen gerechnet, die ihn am Ende erwarten.

DIE DAMENGANG ist frei nach einem Fall gestaltet, der sich in den achtziger Jahren in Berlin zutrug.

Legende Lövenix von Manfred Richter

Der 70-jährige Gottfried Wilhelm Leibniz steht am Ende seines Lebens. Wenige Tage vor seinem Tod diktiert er dem Sekretär Eckhart Erinnerungen, Lebenserfahrungen. Auf diese Weise konnte in der Ich-Form geschrieben werden - der Leser bleibt der zentralen Figur sehr nahe.

Leibniz berichtet so unerhörte Dinge, dass sich dem Sekretär mehr als einmal die Feder sträubt. Von der Liebe zu einer Königin ist die Rede, von Freundschaft zu einem Diener und von Schuld...

Seine Erinnerungen reisen quer durch Europa - in das Frankreich Ludwig XIV., nach London, Holland, Wien, Rom. Er begegnet berühmten Persönlichkeiten seiner Zeit - Kaiser Leopold I., Eugen von Savoyen, Huygens, Spinoza, dem Papst, Sophie Charlotte und ihrem Gatten, dem Preußenkönig Friedrich I.

Der Roman erzählt von Hoffnungen und Illusionen, Irrtümern und Zweifeln, großen Ideen und Erkenntnissen, erzählt von einem Menschen, der liebte und wiedergeliebt wurde, und dessen Forderung nach Frieden und Glück für die Menschen höchst aktuell bleibt.

Es ist verbürgt, dass Leibniz im niedersächsischen Hannover hinter vorgehaltener Hand 'Lövenix' genannt wurde. Im Roman wird das sehr schnell aufgeklärt. "...Sie messen mich", berichtet er, "drüben im Schloss an der Zahl meiner Kirchgänge. Die waren selten, ich gestehe es. He glövt nix, hieß das in ihrer Mundart, sie haben daraus den Lövenix gemacht... Ein Scherz ohne Verstand. Ich erinnere mich doch kaum einer Predigt, die nicht gelangweilt hätte - zehn Sätze für Gott, zehn für die Leut' und zwanzig für die Katz'... Worte allein haben noch nie geändert..."

Der Eselstritt von Hans-Ulrich Lüdemann

Endlich Betriebsferien. Aber da gibt es einen Toten auf der Urlaubsinsel. Nutzte der Täter die Gewitternacht? Da war doch noch eine Motoryacht, die im Schutz der Dunkelheit anlegte? Nahm jemand tödliche Rache am unbeliebten Geschäftsführer? Und wo ist seine Frau? Jeder verdächtigt jeden. Die Kinder der Kollegen leiden unter diesem allgegenwärtigen Misstrauen. Endlich treffen Ermittler vor Ort ein. Sie offerieren schließlich eine überraschende Lösung des Falles.

In unserer Rubrik „Fridays for Future“ steht diesmal ein Roman, der in die Zeit der Suezkrise von 1956 führt. „Der Spion von Akrotiri“ von Wolfgang Schreyer zeigt eindrucksvoll, wie politische Machtspiele, militärische Konflikte und internationale Interessen das Leben einzelner Menschen bestimmen – und erinnert zugleich daran, wie zerbrechlich Frieden und Stabilität sind.

August 1956: Der Reserveleutnant Roger Anderson aus Liverpool, im zivilen Leben Mitarbeiter der Zollfahndung, wird zur 16. Fallschirmjägerbrigade nach Zypern eingezogen. Dort bekommt er von der britischen Abwehr den Auftrag, den amerikanischen Archäologen Walpole, der seine Ausgrabungen nur in der Nähe von geheimen militärischen Objekten durchführt, zu überwachen. Die britische Abwehr fängt Funksprüche mit Details der französischen und britischen Truppentransporte nach Zypern auf, aber Anderson verliebt sich in eine junge und auffällig hübsche Journalistin, die sich nur allzu oft in der Nähe von Walpole aufhält.

Im Morgengrauen des 5. November stiegen von Zyperns Flugplätzen in rascher Folge schwere Transportflugzeuge auf, mit Fallschirmjägern, automatischen Waffen und Munition randvoll beladen. Anderson und seine Kameraden sollten den Flugplatz Gamil nordwestlich von Port Said erobern. Nach dem hundertstündigen , pausenlosen Luftbombardement auf Ägypten ein Kinderspiel?

Ob Abenteuerroman, Nachkriegsgeschichte, fantasievolle Legende oder politischer Spannungsroman – jedes dieser Bücher erzählt auf ganz eigene Weise von Mut, Hoffnung und menschlichen Konflikten. Lassen Sie sich von den folgenden Leseproben neugierig machen und entdecken Sie neue Geschichten und Figuren.

Operation Chess von Hans-Ulrich Lüdemann

Eine geheime Operation entwickelt sich zu einem gefährlichen Spiel voller Risiken und unerwarteter Wendungen.
Lesen Sie die Leseprobe und tauchen Sie ein in eine Welt aus Spannung und Strategie.

Becker hält sich unter Land auf seinem Kurs südwärts. Das gräfliche Anwesen beachtet er ebenso wenig wie das aus Stein gehauene Seemanns-Denkmal vor dem Haus der Schifffahrt. Als rechterhand ein Objekt der Wasserschutz-Polizei auftaucht, schaut der Mann am Ruder absichtlich seewärts. Hinter dem Stadt-Hafen konzentriert er sich auf die Kanaleinfahrten. Endlich kommen die neuen Ferienhochhäuser der Siedlung LEUCHTTURM in Sicht. Der nächste große Wasserweg landeinwärts bringt ihn zur stillgelegten Fähre. Gegenüber der SPIRIT OF HEMINGWAY II findet er einen Liegeplatz. Becker zieht Jogger-Kleidung an. In der Nähe des roten Backsteinhäuschens bewegt sich Becker vorsichtig. Er beobachtet das Gebäude. Zufrieden, dass der Russe offenkundig allein im Haus ist, drückt Becker mehrmals den Klingelknopf.

„Ich komme!“

Die Begrüßung ist frostig. Old Hem kann nicht glauben, dass Becker nur gekommen ist, um die Kajüte für das mitsegelnde kolumbianische Ehepaar zu inspizieren. Beckers suchender Blick fällt auf eine vorschriftswidrig gesicherte alte Gasflasche. Er grinst zufrieden: Die einfachste Sache der Welt, eine Zündschnur mit dem Ventil dieser Gasflasche zu verbinden ...

Während Captain Pawlatschik sich nebenan die Hände wäscht, bevor es zum Liegeplatz der Yacht gehen soll, zieht Becker ein Spritzen-Besteck aus seinem Brustbeutel. Von hinten schleicht er sich an den Alten heran und stößt zu. Den Widerstand beim Einstich, hervorgerufen durch Old Hem’s lederne Hosenträger, registriert Becker nicht.

„Prestupnik!“, schreit der Alte, als er die lähmende Wirkung des Giftes spürt und zu Boden sinkt. „Prestupnik!“

Unbeeindruckt verbindet Becker eine Lunte mit dem leicht geöffneten Ventil der Gasflasche. Erst wenn er sich auf dem Rückweg in die Stadt befindet, soll es zur Explosion kommen. Plötzlich wird sein Blick starr. Diese Farbfotografie an der Wand! Kein Zweifel: Xaver - der Sohn jenes Rennfahrers?! Die POLAROID-Aufnahme abreißen und wegstecken ist eine Bewegung. Becker setzt jetzt die Lunte in Brand und steigt über den regungslos daliegenden Old Hem hinweg, um das Haus zu verlassen. Ein zweites Mal zu dieser Tagesstunde schlägt die Klingel an. Becker lauscht. Wegen der Haustür braucht er sich nicht zu beunruhigen - die ist verriegelt. Aber was, wenn Pawlatschik mit jemandem verabredet ist? Becker beobachtet den zischenden roten Brand an der Zündschnur. Sollten die Leute draußen warten - nicht sein Problem! Ihr Tod wird die Unfalltheorie nur noch bekräftigen. Becker klettert behände aus einem Fenster der Rückfront und verschwindet ungesehen.

Old Hem wird durch das wiederholte schrille Läuten aus seiner Betäubung geweckt. Aber so sehr der Alte sich auch bemüht - er kann sich nicht bewegen. Und wieder klingelt es. Da sind welche, die sich für eine SIGHTSEEING-TOURauf seinem Jollenkreuzer interessieren, denkt Captain Pawlatschik. Jetzt hört er ein lautes Zischen und riecht zugleich die brennende Lunte. Pawel Konstantinowitsch sieht plötzlich Bilder aus seinem Leben. Als Kind hat es ihn immer vor dem Scheintod gegraust: Er ist aufgebahrt, sieht alles und hört alles. Dann im offenen Sarg zum Grab. Letzte Küsse. Irgendwann scheppert über ihm der hölzerne Deckel ...

Old Hem weiß, dass sein Schicksal besiegelt ist. Aus den Augenwinkeln sieht er die auffallend kahle Stelle an der Wand. Nur Becker kann Xavers Bild von der Wand gerissen haben. Aber warum ...

„Old Hem? Hier - Kaschu! Mach auf, ich habe vergessen Schlüssel!“ Kaschu klopft erst ungeduldig an die Haustür, schließlich wirft er sich dagegen. Viel Widerstand bietet das morsche Holz nicht. Endlich steht Kaschu im Zimmer und er versucht zu begreifen, was sich hier abgespielt haben mag: Da liegt der Alte und drei Meter neben ihm zischt ein immer schneller werdendes rotes Pünktchen. Kaschu ist unfähig, einen Schritt nach vorn zu tun. Dann hebt ihn eine ungeheure Kraft vom Boden hoch. Blitze blenden Kaschu. Die Hitze eines Feuerballs wird unerträglich ...

Die Damengang von Klaus Möckel

Ungewöhnliche Frauenfiguren sorgen in dieser Geschichte für Überraschungen und Dynamik.
Entdecken Sie in der Leseprobe den besonderen Zusammenhalt und die Konflikte dieser „Damengang“.

Manja birst fast vor innerer Wut, aber sie kann nichts machen, sie fühlt sich an Händen und Füßen gebunden, Ihr Mann, dieser Jämmerling, dieser Säufer ohne Gefühl und Verstand, hat sie in der Hand, er erpresst sie mit einer Abgefeimtheit, wie sie nur ein Schwächling kennt, der seine letzte Chance wittert. Natürlich hat er es nicht bei dem ersten Zwanziger belassen, vielleicht wollte er das anfangs, bildete sich selber ein, Maß halten zu können, aber die Gier nach dem Alkohol warf seinen Vorsatz über den Haufen. Er weiß um ihre stillen Reserven, die Haushalt- und Urlaubskasse, ahnt wenigstens, dass so etwas existiert, verlangt in letzter Zeit sogar, dass sie ihren Schmuck verkauft. Ihm macht es nichts aus, dass er sie damit bis zum äußersten reizt. "Jahrelang hattest du mich am Gängelband", erklärt er, jetzt läuft's andersrum."

Ewig kann das nicht so weitergehen, zumal die Frauen auf ihren vollen Anteil am Verkauf der Ware drängen. Sie hat mit Inge über ihre Lage zu sprechen versucht, es dann aber bei Andeutungen belassen: Sie scheut sich zuzugeben, dass sie erpresst wird. Wer weiß, wie Jeffi auf ein solches Geständnis reagiert. Andererseits wird sie kaum ohne die Hilfe der beiden auskommen. Eine gemeinsame Abreibung für ihren Mann, eine, die sich ihm ein für allemal einprägt, scheint ihr die einzige Lösung.

Damals, nach dem Streit, hat sie die Ware gleich aus dem Haus geschafft. Den größten Teil verscherbelt, so schnell es ging, den Rest auf ihrer Arbeitsstelle in den Spind geschlossen. Inge und Jeffi allerdings hat sie bisher nur halb auszahlen können. Nun werden sie langsam ungeduldig, das ist kein Wunder.

Es ist kurz nach vier, in der Imbissstube, einem schmalen Raum mit einigen Sitzplätzen, hauptsächlich aber hohen, langen Tischen, an denen man sein Essen im Stehen verzehrt, herrscht reger Betrieb. Ein Menschen- und Stimmengewirr, an das Manja gewöhnt ist. Sie verrichtet ihre Arbeit routiniert, packt das schmutzige Geschirr vom Abstelltisch auf den Wagen, sammelt die Gläser und Teller ein, die trotz überall hängender Aufforderungen nicht von allen Gästen weggeräumt werden. Als plötzlich Antje neben ihr auftaucht, die zwanzigjährige Göre, die Manja ein paar Mal mit Inge zusammen gesehen hat, ist sie nicht sonderlich überrascht. Sie weiß sofort, dass es sich um keinen Zufall handelt. Sie fragt: "Willst du 'nen Kaffee bei uns trinken, oder schicken dich deine älteren Schwestern?"

"Euer Kaffee ist mir zu dünn, wir wollten dich zu einem Eis einladen, in die 'Diele'."

Das "wir" kommt nassforsch heraus, die Kleine gibt mächtig an. Dennoch hat Manja ein ungutes Gefühl. "Wie stellt sich Jeffi das vor", protestiert sie, "ich kann doch hier nicht einfach weg."

"Soll ja auch nicht gleich sein. Erst um sechs, wenn du Schluss machst."

Antje wippt auf den Zehen, Manja sagt: "Ach so, um sechs. Und worum geht's?"

"Um was Mächtiges", erwidert Antje geheimnisvoll lächelnd, "wirst's erfahren, wenn du da bist."

Sie zieht ab, erfüllt von ihrer Wichtigkeit. So sieht es wenigstens Manja. Göre, denkt sie erneut, ist aber ein wenig beruhigt. Die letzten Worte klangen nicht, als wollte ihr Jeffi die Leviten lesen.

Drei Viertel sechs zieht Manja die Schürze aus, wäscht sich auf der Toilette die Hände und verlässt die Gaststätte. Bis zur "Diele", einem Eispavillon im Park, wo man draußen sitzen und die Schwäne im Stadtsee beobachten kann, ist es nicht weit. Angenehmes Wetter, Federwölkchen stehn am blauen Himmel. Manja überlegt, ob sie heute auspacken, ihre Schwierigkeiten mit Ronald darlegen soll. Das Beste wäre es wohl. Trotzdem beschließt sie, erst mal abzuwarten, zu sehen, was man von ihr will.

Die drei Frauen sitzen an einem Tisch vorn an der Brüstung zum See, eine unbeschwerte Gruppe, der man nichts Böses zutraut. Sie schlecken ihr Eis, schwatzen miteinander, ziehn die Blicke der Männer auf sich. Inge, in einem bräunlichen Wallegewand, entdeckt Manja zuerst und winkt ihr zu. Obwohl Manja weiß, dass Inge schon immer ein Früchtchen war, denkt sie, die Freundin hätte sich nie mit Jeffi einlassen dürfen. Diese blonde Malerin war ihr von Anfang an unheimlich. Wenigstens, wenn sie ihre herrische Phase hatte.

Doch das scheint diesmal nicht der Fall zu sein. Jeffi lächelt freundlich und rückt Manja einen Stuhl zurecht. "Setz dich, hast's bestimmt dicke. Acht Stunden in deiner Muffelstube. Da muss man ja lahme Füße kriegen."

Manja fällt es schwer, auf den lockeren Ton einzugehen. Sie nimmt Platz, wirft aber einen misstrauischen Blick in die Runde. "Warum treffen wir uns hier, in aller Öffentlichkeit?"

Legende Lövenix von Manfred Richter

Zwischen Fantasie und Wirklichkeit entsteht eine Legende voller Geheimnisse und Abenteuer.
Werfen Sie einen Blick in die Leseprobe und folgen Sie den ersten Spuren von Lövenix.

Plötzlich hielten wir unvermittelt an. Wir hörten den Kutscher fluchen. Ich riss den Wagenschlag auf und blinzelte in das Schneetreiben. Vor dem Wagen taumelte mit weit ausgebreiteten Armen eine Gestalt auf uns zu. Der Fuhrmann donnerte: "Bleib stehen, Kerl, oder...!" Ehe er seine Drohung aussprechen konnte, brach der Fremde dicht vor den unruhigen Pferden zusammen.

Philipp sprang an mir vorbei aus dem Wagen und eilte auf ihn zu. Schönborn und ich, mehr in Sorge um den jungen Boineburg als um den Menschen, folgten ihm. Da lag mit angezogenen Knien ein junger Mann, Hemd und Hände waren voller Blut. Seine Beine scharrten im Schnee und Straßendreck, als wollte er noch immer laufen. Ich beugte mich zu ihm hinunter, weil ich glaubte, sein Gesicht zu kennen. Auch er blickte mich an und, wahrhaftig, er grinste mir zu. Gleich darauf schoss ihm ein Schwall Blut aus dem Mund, seine Glieder streckten sich und er war tot.

Der Kutscher hatte sich nicht vom Bock herunter bewegt und rief jetzt drängend: "Weg mit ihm, in den Graben! Und dann fort!"

Hinter den hohen Fichten am Wegrand stand ein Birkenwäldchen in hellen Flammen. Die weißen Baumstämme lohten glutrot im Widerschein. In das Rauschen des Windes, der uns beizenden Qualm ins Gesicht trieb, mischte sich peitschendes Krachen, wenn das Feuer ins Holz biss.

Von einer bösen Ahnung getrieben, stürzte ich auf die Lichtung zu. Schönborn rief mit unterdrückter Stimme: "Leibniz! Seid Ihr verrückt?... Leibniz!"

Auf der Lichtung brannten die Wagen jener Zigeuner, bei denen ich eine Sommernacht verbracht hatte. Überall lagen dunkle Gestalten, reglos, mit durchschnittenen Kehlen oder eingeschlagenen Schädeln. Philipp und Schönborn waren mir nachgeeilt. Nahe der brennenden Wagen, die eine Höllenhitze verbreiteten, entdeckten wir die toten Kinder und bei ihnen die Frauen mit nackten, weit gespreizten Beinen. Der beizende Qualm trieb uns Tränen in die Augen. Wir irrten stumm umher, suchten vergeblich nach Lebenden und zerrten den Frauen die Röcke über die entblößten Beine. Philipp stolperte über die zerbrochene Quintera. Ihm wurde schlecht, und er kauerte sich mit abgewandtem Gesicht gegen einen Baumstamm.

Der dick eingemummte Kutscher kam von der Chaussee her. Er zog eine Flasche aus der Manteltasche, nahm einen kräftigen Schluck und raunzte: "Zigeuner, na ja. Scheußlich!" Er blickte sich ängstlich um. "Das waren Marodeure, Soldaten oder Bauern, weiß der Teufel, die können überall stecken. Ihr solltet jetzt einsteigen. Ich mach' mich davon!"

Auf dem Weg zu unserem Wagen entdeckten wir unter einer Brombeerhecke den Leichnam des alten Schnauzbartes. Er lag in einer schwarzen Blutlache. Seine Mörder hatten ihm mit dem Messer ein Kreuz in die Brust geschnitten und ihm beide Hände abgeschlagen. Ich schloss ihm die weit aufgerissenen Augen, mehr konnte ich nicht tun.

Wir rasteten nicht, wie eigentlich vorgesehen, in Blendecques, sondern fuhren durch die von Schneestürmen gepeitschte Nacht und trafen im Morgengrauen übermüdet und mit völlig erschöpften Pferden in Calais ein.

 

Der Alte schweigt lange, fragt endlich zu Eckhart hin: " Was hat die Menschen so gegen einander verschworen? Das möchte ich wissen. Dieser Mann konnte lachen und saufen und pissen und hatte eine Seele und war ein Gefäß aus Gedanken, Gefühlen und Kraft."

"Immerhin!", entgegnet Eckhart, "Immerhin haben sie Euch das Pferd gestohlen. Und wer weiß..."

Der Alte unterbricht zornig: " Wer weiß, wer weiß! Und die Kinder, die Weiber?" Er greift nach seinem Krückstock. Eckhart denkt schon, er will sich erheben, und springt hinzu. Aber der Alte, außer sich, hebt den Stock, fuchtelt mit ihm vor Eckhart herum: "Gedankenloses Pack!" Er lässt sich zurückfallen, beruhigt sich allmählich und weist mit der Krücke zum Kamin. "Leg nach! Bitte!"

Eckhart schürt in der Glut, wirft Holzscheite auf. Hinter ihm flüstert der Alte: "Alle menschliche Erfahrung ist die Summe unendlicher Leiden. Was ist das, Stockfisch - haben wir unser Leben mit Hoffnungen vergeudet?"

Eckhart wischt die Hände an seinen Rockschößen ab, gibt keine Antwort, fragt aber: "Wollt Ihr trinken?"

Der Alte winkt ab. " Wo stehen wir?"

"Calais, Ihr seid in Calais."

"Calais, ja, so. Merkwürdig, ich stand zum ersten Mal am Rand des Meeres. Mir war, als stünde ich am Saum des Universums und zugleich in seinem Zentrum.

Der Eselstritt von Hans-Ulrich Lüdemann

Humorvolle und zugleich nachdenkliche Episoden prägen diese besondere Erzählung.
Tauchen Sie in die Leseprobe ein und erleben Sie eine Geschichte voller unerwarteter Begegnungen.

„Das war er", sagte Rolf.

„Wer?" Mechthild blickte sich suchend um.

„Herr Doktor Kahl", gab Rolf geheimnisvoll zurück.

Beide betrachteten den Hut. Jemand hatte ihn verloren. Plötzlich erstarrte der Junge. „Mechthild", sagte er erschrocken und zeigte auf ein Pflaster, das jemand innen festgeklebt hatte. Mit Tinte, etwas verschwommen, aber dennoch deutlich lesbar, standen Name und Anschrift des Besitzers geschrieben.

„Margot Brümmer. Gernrode. Am Berg siebzehn", buchstabierte das Mädchen.

„Die Tinte ist etwas verlaufen", bemerkte Rolf. Er richtete sich auf und schaute stumm zum Bungalow.

„Meinst du etwa, sie ist da drin?", fragte Mechthild atemlos, das Halsband von Racker freigebend.

„Lass ihn mal dran schnuppern. Vielleicht riecht er eine Spur?"

In ihrer Aufregung vergaßen beide, dass es geregnet hatte und ein vorzüglicher Jagdspaniel kein Diensthund ist. Also hielt das Mädchen Racker den Hut vor die Schnauze. Er witterte ausgiebig, sicherlich war ihm der Geruch des Haarsprays nicht unangenehm. Der Hund schoss vorwärts, als die Leine freigegeben wurde. Dass er am Bungalow von Herrn Dr. Kahl einige Haken schlug, konnte Zufall sein. Vielleicht hatte der Igel sich hier aufgehalten, bevor er ein trocknes Versteck, nämlich den Hut, aufspürte? Daran dachten Rolf und Mechthild keinen Augenblick. In gebührender Entfernung zum Bungalow standen sie und sahen sich bedeutungsvoll an. Zufrieden über Rackers Leistung, klopfte Mechthild ihrem vierbeinigen Freund den Rücken.

„Du wirst Herrn Schwarz Bescheid sagen, Mechthild“, entschied Rolf. „Ich habe noch mit meiner Schwester was zu bereden. Komm' dann nach."

Der Spion von Akrotiri von Wolfgang Schreyer

Vor dem Hintergrund der Suezkrise entfaltet sich ein spannender Roman über Geheimdienste, Machtinteressen und persönliche Entscheidungen.
Lesen Sie den Textauszug und begleiten Sie den Beginn eines gefährlichen Einsatzes.

Am folgenden Abend, dem letzten vor Ablauf der zwölftägigen Frist, geschah es. Bald nachdem ich – ziemlich gleichgültig übrigens und ohne besondere Hoffnung – auf Posten gegangen war, vernahm ich Motorengeräusch. Ich kroch sogleich auf die Spitze des Hügels und spähte nach allen Seiten. Am Westhorizont stand noch ein schwacher Tagesschimmer; in diesem matten Schein glaubte ich einen der kleinen, altmodischen Morriswagen zu erkennen, wie man sie vom Autoverleih in Nicosia für wenig Geld mieten konnte. Der Wagen fuhr ohne Licht. Falls er wirklich aus der Hauptstadt kam, so hatte er einen Umweg über Athienu gemacht, den gleichen südlichen Umweg, den Walpole bei unserem zweiten missglückten Ausflug nach Akrotiri eingeschlagen hatte. Da es den Zyprioten verboten war, Kraftfahrzeuge zu benutzen, musste der Insasse ein Ausländer sein.

Das Fahrzeug stoppte in beträchtlicher Entfernung. Der Motor stand still, doch sonst rührte sich nichts. Es war schon zu dunkel geworden, als dass ich hätte feststellen können, ob jemand herausstieg; ich nahm es jedoch stark an. Mein Herz begann vor Erwartung zu klopfen. Ich griff nach der kurzen Thompson-Maschinenpistole, die ich auf nächtlichen Streifzügen bei mir führte, und pirschte mich behutsam auf das Automobil zu, dem fremden Ankömmling entgegen. Endlich, endlich! Alles wandte sich zum Guten. Fast wäre es schon zu spät gewesen.

Nach zwei oder drei Minuten näherte sich mir mit kleinen, tapsenden Schritten eine Gestalt; zu sehen war nicht viel. Ich duckte mich hinter einen Felsblock, ließ sie an mir vorbei und folgte ihr, denn mir kam es ja darauf an, sie beim Entleeren des "toten Briefkastens" zu stellen. Die fremde Person schien sich auszukennen. Sie ging geradewegs auf die Turmruine zu, unterhalb der ich schon am Vortage schwache Fußspuren bemerkt hatte. Möglichst geräuschlos kroch ich hinterher, musste jedoch darauf achten, dass sich der Abstand nicht vergrößerte; im Dämmerlicht hätte ich die schemenhafte Erscheinung nur allzu leicht aus den Augen verlieren können.

Dabei passierte mir ein leichtverständliches Missgeschick. Unter meinem Schuh knirschte ein Stein, kam ins Rollen und klickte gegen einen anderen – die Gestalt vor mir fuhr herum, sie stieß einen schwachen, ziemlich hohen Schrei aus. "Halt", rief ich, "oder ich schieße! Stehen bleiben..." Mit ein paar schnellen Sätzen war ich heran – und senkte verwirrt meine Waffe.

Viel Freude beim Stöbern, Entdecken und Lesen!

In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem der Krimi „Mord im Wunderland“ von Steffen Mohr.

 

EDITION digital: Newsletter 22.05.2026 - Zwischen Geheimoperationen, Legenden und starken Frauen