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Von nächtlichen Aufträgen, fantastischen Ideen und lebendiger Geschichte Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
Achtung, bevor Sie weiterlesen, noch ein wichtiger Hinweis: Ab Mai 2026 versendet EDITION digital diesen Newsletter sowie die aktuellen Pressemitteilungen nicht mehr per E-Mail. Diese Texte können Sie aber zumeist sogar eher selbst unter den Internet-Adressen https://edition-digital.de/Blog/ (bisheriger Newsletter) und https://edition-digital.de/Presse/ (Pressemitteilungen) finden. Probieren Sie es doch jetzt schon mal aus zum Eingewöhnen.
(Pinnow, 13.03.2026) Mitte März. Der Winter zieht sich langsam zurück, doch der Frühling tastet sich noch vorsichtig voran. Genau diese Mischung aus Abschied und Aufbruch findet sich auch in den fünf aktuellen digitalen Sonderangeboten im E-Book-Shop www.edition-digital.de.
Die Bücher, die von Freitag, dem 13.03.2026, bis Freitag, dem 20.03.2026, zum Sonderpreis erhältlich sind, führen ihre Leser durch ganz unterschiedliche Welten: in eine gefährliche Nachtmission, in fantastische Zukunftsentwürfe, in die Geschichte zweier mitteldeutscher Dörfer, in einen aufwühlenden Schulkonflikt und schließlich zurück an die Fronten des Zweiten Weltkriegs.
Auftrag für eine Nacht von Klaus Möckel
Eine einzige Nacht kann über Erfolg oder Scheitern entscheiden. In diesem spannenden Kriminalroman von Klaus Möckel gerät ein scheinbar klar umrissener Auftrag zu einem riskanten Unternehmen, bei dem Mut, Entschlossenheit und Improvisationskunst gefragt sind.
Was zunächst wie eine präzise geplante Mission aussieht, entwickelt sich rasch zu einer Situation voller Ungewissheiten. Entscheidungen müssen in Sekunden getroffen werden, und jede falsche Bewegung kann schwerwiegende Folgen haben.
Klaus Möckel versteht es meisterhaft, Spannung mit psychologischer Genauigkeit zu verbinden. So entsteht eine Geschichte über Verantwortung, Risiko und den Mut, in kritischen Situationen den eigenen Weg zu gehen.
Die Mücke Julia von Alexander Kröger
Fantastische Ideen, überraschende Wendungen und ein feiner Sinn für Humor dafür ist Alexander Kröger bekannt. Auch in diesem Band versammelt er eine Reihe ungewöhnlicher Geschichten, die Science-Fiction, Satire und Gesellschaftskritik miteinander verbinden.
Da ist die naive Mücke Julia, deren Schicksal ungeahnte Folgen hat. Eine erotische Zeitreise wirft Fragen nach Vergangenheit und Zukunft auf. Eine tragische Geschichte über Klone zeigt die Schattenseiten wissenschaftlichen Fortschritts, während andere Erzählungen von geheimen Erfindungen, technischen Risiken oder überraschenden Begegnungen berichten.
Die Geschichten greifen immer wieder aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftliche Themen auf und verbinden sie mit der Fantasie eines Autors, der zu den bekanntesten Science-Fiction-Schriftstellern der DDR gehörte.
Geschichte lebendig halten Erlesenes, Erfahrenes, Erlebtes. Versuch einer Chronik von Wolteritz und Lössen von Angelika Hofmann
Geschichte entsteht nicht nur in großen Städten oder an berühmten Schauplätzen sie lebt auch in kleinen Dörfern, in Erinnerungen und im Alltag der Menschen.
Angelika Hofmann hat zahlreiche Berichte, Erinnerungen und Dokumente zusammengetragen, um die Geschichte der Orte Lössen und Wolteritz lebendig zu halten. Sie erzählt von den Anfängen der Besiedlung, von verschwundenen Wüstungen, von der Kirche und von der Siedlung aus dem Jahr 1938.
Auch einschneidende Ereignisse wie Enteignung und Bodenreform, die Aufnahme von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg oder der Verlust von Lössen durch den Braunkohletagebau werden geschildert. Daneben stehen Erinnerungen an das Alltagsleben auf dem Dorf an Feste, Kinderspiele, gemeinschaftliche Arbeiten und Traditionen.
So entsteht ein eindrucksvolles Zeitdokument über eine Welt, die vielerorts bereits verschwunden ist.
Paragraf 51? von Heinz Kruschel
Ein angesehener Lateinlehrer, engagiert im politischen Leben seiner Stadt, wird beschuldigt, sich an einer Schülerin vergangen zu haben. Doch vor Gericht wird er freigesprochen.
Für viele Schüler, Eltern und Kollegen ist das Urteil jedoch nicht akzeptabel. Als ein Klassenlehrer sich weigert, unter diesen Umständen weiter zu unterrichten, beginnt ein Konflikt, der bald die gesamte Schule erfasst. Ein Streik bricht aus begleitet von Intrigen, Druck und dem Einfluss mächtiger Freunde des Angeklagten.
Heinz Kruschel erzählt in diesem Roman von moralischer Verantwortung, von Zivilcourage und von der Frage, wie eine Gesellschaft mit Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit umgeht.
Das gefrorene Herz. Erzählungen von Theodor Plievier
In der Rubrik Friday for Future geht es auch diesmal um ein Buch, das an die großen Themen von Krieg, Frieden und Verantwortung erinnert.
In seinen Erzählungen über den Russlandfeldzug der deutschen Wehrmacht schildert Theodor Plievier den Krieg im Osten mit erschütternder Klarheit. Anhand von Briefen, Schicksalen einzelner Soldaten und präzise beobachteten Frontsituationen zeigt er die grausame Realität eines Feldzuges, der von Kälte, Hunger und Gewalt geprägt war.
Plievier erzählt von Menschen, die im Schnee erfrieren, an Befehlen zerbrechen oder zu spät begreifen, in welchen Krieg sie hineingeraten sind. Seine Geschichten entlarven die Propaganda und zeigen, wie der Krieg nicht nur Millionen Menschenleben kostete, sondern auch das Gewissen vieler Beteiligter zerstörte.
Das gefrorene Herz ist damit weit mehr als ein literarisches Dokument es ist eine eindringliche Warnung vor Krieg, Ideologie und Gleichgültigkeit.
Ein Auftrag, der nur wenige Stunden dauert, kann dennoch über Leben und Tod entscheiden. In der folgenden Szene aus Auftrag für eine Nacht von Klaus Möckel beginnt eine solche Nachtmission angespannt, voller Unsicherheit und mit dem Gefühl, dass jede Entscheidung weitreichende Folgen haben kann. Die Leseprobe führt mitten hinein in diese Atmosphäre aus Gefahr, Verantwortung und wachsender Spannung.
Die Scheune gehörte zu einem Gehöft, niedrige alte Häuser schlossen sich seitlich an, weiter hinten lag der Friedhof. Ich trat aus der Backofenhitze in den Schatten, wo es etwas kühler war, und fingerte nach den Autoschlüsseln. Zuletzt hatte ich in die Sonne geschaut und war noch geblendet, sonst hätte ich vielleicht eher bemerkt, dass mit dem Trabant etwas nicht stimmte. Als ich das zerbrochene Fenster entdeckte, war es zu spät, mir bohrte sich bereits ein Stück Metall in den Rücken, das ich durchaus für die Mündung eines Schießeisens halten durfte. Eine fast freundliche Stimme befahl: Keinen Laut, und eine halbe Drehung nach links! Wir marschieren ganz friedlich dort um die Ecke.
Ich gehorchte, was blieb mir anderes übrig. Aus einem Häuschen weiter vorn trat eine jüngere Frau mit ihrem Pudel. Ein niedliches rabenschwarzes Hundchen. Ich stieß einen Ruf aus, der aber schon im Ansatz abbrach, denn der Pistolenlauf presste sich mir prompt tiefer ins Fleisch. Er brachte mir schmerzhaft zu Bewusstsein, dass ich mir keine Mätzchen erlauben durfte. Die Frau und der Hund entfernten sich, ohne mich und meinen Begleiter zu beachten.
Vorwärts, knurrte die Stimme hinter mir nun ärgerlicher, und ich setzte mich in Bewegung. Allerlei Gedanken wirbelten mir durch den Kopf, die Frage etwa, wer sich da zu welchem Zweck meiner Person bemächtigen wollte, aber auch die Überlegung, nach hinten auszuschlagen, mich zur Seite zu werfen, wegzurennen. Doch mit versengter oder gar durchlöcherter Haut herumzulaufen, erschien mir unangenehm. So siegte die Vernunft, wenn es Vernunft war.
Bis zur Ecke brauchten wir nur ein paar Schritte zurückzulegen, dahinter stand mit laufendem Motor ein Wagen. Dunkelgrau und lackglänzend, es war der Renault von vorhin. Wie schon vermutet, hatte ich ihn lediglich vorübergehend abgehängt.
Ein Kerl mit kantigem, blassem Gesicht unter einem breiten Mützendach saß hinterm Lenkrad, fast schon ein guter Bekannter. In der Speisenbar hatte er getan, als gucke er an mir vorbei, jetzt grinste er mich dämlich an. Aber auch tückisch: Uns kannst du nicht reinlegen, Freundchen.
Einsteigen, befahl der Mann in meinem Rücken und öffnete die hintere Tür. Noch immer von der Waffe bedroht, kroch ich auf die Sitzbank, die dunkelgrau wie das ganze Auto war. Der andere schob sich neben mich, und ich konnte nun sein Gesicht sehen. Eine rote, wahrscheinlich von einem Boxhieb platt gequetschte Nase und ein großer Mund. Gebräunte Wangen unter einer hohen, glatten Stirn. Etwas intelligenter als sein Kumpan schien er zu sein.
Was wollt ihr von mir? Ich versuchte meiner Stimme Festigkeit zu verleihen.
Schön die Schnauze halten, die Fragen stellen wir. Aber jetzt fahren wir erst mal ein Stück. Dorthin, wo wir mehr Ruhe haben. Los, Blacky, schieb den Wagen an.
Der Blasse wurde demnach Blacky genannt. Auch Ganoven haben mitunter Humor. Und dass es sich um Ganoven handelte, bezweifelte ich nicht. Die Frage war nur, in wessen Auftrag und weshalb sie mich kidnappten.
Wir rollten im fünfziger Tempo durch den kleinen Ort - bloß keine Verstöße gegen die Verkehrsordnung. Ich hielt verzweifelt nach einem meiner wenigen Bekannten hier Ausschau, nach dem Bürgermeister Hollweber, seiner Sekretärin. Frau Schmanze... Vielleicht lief mir jemand von ihnen über den Weg. Aber natürlich war diese Hoffnung vergebens, nur völlig Fremde befanden sich auf den Straßen. Andererseits, was hätten Bekannte geändert, ich wusste ja, dass ich mich in meiner Lage niemandem bemerkbar machen konnte.
Dann kam das Ortsausgangsschild, und Blacky drehte plötzlich auf, als wollten wir von einer Startbahn abheben. Die Bäume rechts und links flogen nur so vorbei, Pkws wurden überholt, selbst wenn sie neunzig oder hundert Stundenkilometer dagegensetzten. Bei der wilden Jagd begannen die Augen des Blassen zu glänzen, das sah ich im Innenspiegel. Der Kerl neben mir jedoch verzog keine Miene. Freilich wurde Blacky nach kurzer Zeit wieder langsamer, und wir bogen in einen Feldweg ein. Dann in einen zweiten. Schließlich - ein Waldstück hatte sich zwischen uns und die Landstraße geschoben - hielten wir an einer wilden Müllkippe.
Alexander Kröger verbindet in seinen Geschichten oft Fantasie, Humor und einen überraschenden Blick auf unsere Wirklichkeit. Auch die folgende Passage aus Die Mücke Julia von Alexander Kröger zeigt, wie aus einer scheinbar kleinen Begebenheit eine Geschichte werden kann, die zugleich unterhält und zum Nachdenken anregt. Die Leseprobe führt mitten hinein in diese ungewöhnliche Welt.
Der Lander setzte sacht auf. Wir hatten ihn unmittelbar an den Rand eines Areals mit dichtem Pflanzenbewuchs gesteuert, ja beim Niedergehen sogar Auswüchse von Einzelexemplaren gestreift, und die Maschine stand in einem niedrigen Gewirr von Ranken, Ästen und Blättern. Vor uns aber lag eine große grüne Fläche, die sich weit zur Sohle eines flachen Tales zog, das dann wieder, scheinbar unendlich, bis zu den Wolken anstieg, gegen das Firmament in abgerundeten, links im Blickfeld auch in bizarren, felsigen Bergen auslief. Ein Panorama also als malerischer Hintergrund einer vorgelagerten Erhebung, auf der sich jenes Gebilde befand, das mit einigen anderen am Fuße dieses Berges den Ausschlag für die Wahl gerade dieses Landeplatzes gegeben hatte.
Wir standen im Cockpit vor der großen Direktsichtscheibe und blickten in das Tal hinunter. Das Zentralgestirn war, jetzt hinter hohen Pflanzen nicht sichtbar, über den Horizont getreten, und zunehmend tauchte es das Land in warmes Licht. Rechts in den Wipfeln, dort wo einzelne Strahlen hindurch brachen, glitzerte es millionenpunktig.
Unweit im Vordergrund aber standen drei Lebewesen, braun, auf vier dünnen Beinen, mit Auswüchsen an den Köpfen, die in einem fort nach allen Richtungen spielten. Und auch die Köpfe selbst - auf langen Hälsen - lenkten die Blicke dieser Geschöpfe unstet in die Runde. Hauptsächlich jedoch befassten sich diese Wesen mit einer primitiven Nahrungsaufnahme, die uns diese Lebensform zweifelsfrei einstufen ließ: Tiere.
Die vierbeinigen Bräunlinge senkten die Köpfe, rissen oder bissen den fadigen Bodenbewuchs ab, kauten und verschluckten diesen. Obendrein, darauf ließ ihr sicherndes Verhalten schließen, hatten sie offenbar Feinde, vor denen sie wohl ständig auf der Hut sein mussten.
Dennoch, wir waren uns jetzt angesichts dieser biologisch hochorganisierten Gebilde - und jeder von uns spürte das - einig: Von den drei Leben tragenden Planeten, die wir auf unserer Forschungsreise gefunden und oberflächlich - für mehr reichte die Zeit nicht - untersucht hatten, stand dieser einsam an der Spitze.
Und natürlich vermittelten diesen Eindruck nicht allein der Blick hinab in das Tal sowie die braunen Tiere, sondern die Gesamtheit der Daten, die wir vor der Landung gesammelt hatten. In den Videospeichern befanden sich Angaben über Wüsten und Eisregionen, über riesenhafte Ozeane oder auch ausgedehnte Gebiete, die so dichten Pflanzenwuchs aufwiesen, dass man sich dort eine Evolution bis zu vernunftbegabten Primaten zwar kaum vorstellen konnte. Aber einiges deutete doch darauf hin, dass man solche in anderen Regionen antreffen könnte.
Vernunftbegabte Primaten - sie zu finden der Traum jeder Zivilisation -, die hatte man bislang auf den ausgedehnten Expeditionen noch nirgends entdeckt.
Die Vierbeiner vor dem Lander, von dem sie übrigens keinerlei Notiz nahmen, schieden mit Bestimmtheit aus. Aber das imposante Gebilde dort drüben auf dem Berg jenseits des Tales und die angehäuften geometrischen Körper unterhalb desselben? Von der Vielzahl anderer Merkwürdigkeiten - zum Beispiel Schwimmzeuge auf den Gewässern, das Land da und dort durchziehende Bänder, die weitere geordnete geometrische Strukturen verbanden - ganz zu schweigen. Keiner der Crew also zweifelte, auf Brüder im All gestoßen zu sein.
Allein - nachdem sich die erste Euphorie gelegt hatte, stand zu entscheiden, wie man sich verhalten, man vorgehen solle. Noch gab es keinerlei Hinweise, auf welcher Stufe der Evolution sich die Primaten befinden, welche Kommunikationsmöglichkeiten sich ergeben könnten und wie sie kosmische Besucher aufnehmen würden. Also schien vorsichtiges Kontaktnehmen geboten, und in den Kammern wurden bereits die Akkumulatoren für die Tarnanzüge aufgeladen. Wir würden uns den Wesen, trotz dieser äußerst unbequemen und schweren Ausrüstung, zunächst unsichtbar nähern, sie beobachten und uns möglicherweise erst dann entdecken, wenn keine Feindseligkeiten zu erwarten waren. Vorausgesetzt, es würde Verständigung überhaupt erfolgen können. Ohnehin galt die heilige Order, uns auf keinen Fall in Angelegenheiten derer, die wir wie auch immer antreffen mochten, in irgendeiner Weise einzumischen. Dieses Prinzip war logisch, unkompliziert und sicher. Ich konnte mir keine Situation vorstellen, die mich bewegen könnte, es zu verletzen.
Noch einen Tag verbrachten wir im Lander. Stündlich entnahmen wir der Atmosphäre Proben, maßen die offensichtlich natürlichen physikalischen Felder, und es bestätigte sich: Der Luftmantel würde uns nicht schaden, wenngleich der Sauerstoffgehalt ziemlich hoch lag. Die geringe Schwerkraft würde uns die Last der Tarnanzüge und das Vorwärtskommen erträglicher machen, und von den Strahlungen, Schwingungen und magnetischen Erscheinungen ging keinerlei Gefahr aus. Natürlich würde es notwendig sein, jedweden direkten Körperkontakt mit dem Umfeld zu vermeiden und die Hermetik des Landers streng zu wahren. Der geplante kurze Aufenthalt ließ eine umfängliche, insbesondere aber ungefährliche Anpassung nicht zu.
Wir beobachteten an diesem Tag noch eine Vielzahl weiterer Lebewesen, fliegende, kriechende, hüpfende, huschende, kleine und große. Dieser aus dem Lander heraus wahrgenommene Artenreichtum ließ zusammen mit dem der uns umgebenden Pflanzenwelt auf eine überwältigende Lebensvielfalt und wuchernde Fülle schließen, was keiner von uns je - auch in den üppigsten Träumen nicht - erwartet hätte. Und dann noch Primaten! An diesem Tag sahen wir zwar keine, aber aus den weit entfernten ortsfesten geometrischen Gebilden stieg zuzeiten Rauch, Reflexe blitzten, und ab und an schien sich dort, überlagert von flirrigen Luftschlieren, etwas zu bewegen ...
Kein Wunder also, dass es uns kaum mehr im Gehäuse hielt, wir die Nacht vor dem Ausstieg wenig schliefen, bis spät einem merkwürdigen, vielstimmigen Konzert lauschten, das über das Außenmikrophon zu uns drang, und wir am Morgen die notwendigen Verrichtungen bis zum Ausstieg sehr ungeduldig erledigten.
Den ersten Ausflug traten wir gemeinsam an, beschränkten uns auf die notwendigste Ausrüstung, schleppten aber den voluminösen Zentralkommunikator mit und waren schließlich bis beinahe zur Bewegungsunfähigkeit behängen. Wäre die geringe Schwerkraft nicht gewesen, wir hätten so nichts unternehmen können. Und natürlich ließen wir noch die Gestaltwandler zurück, da wir ja vereinbart hatten, im Verborgenen zu operieren.
Obwohl nun schon einige Male erlebt, griff das erhabene Gefühl, einen Leben tragenden Planeten zu betreten, erneut nach uns. Und hier empfanden wir noch tiefer, waren wesentlich gespannter, stand uns tatsächlich die Begegnung mit einer vernunftbegabten Spezies bevor ...?
Trotz der weitgehenden Abschirmung drang die Frische der Atmosphäre in uns. Wir bewegten uns nebeneinander in flottem Tempo das Tal hinab, hinterließen im grünen, weichen, fadigen Bodenbewuchs mäßige Spuren.
Sehr aufmerksam betrachteten wir das scheinbar auf uns Zukommende.
Wir hatten uns auf Telepath geschaltet, nichts außer diesen Vertiefungen im Untergrund würde auf unsere Anwesenheit schließen lassen. Wir nahmen das in Kauf. Schweben hätte eingedenk unseres Gepäcks zuviel Energie gekostet. Merkwürdig musste es allerdings anmuten, wenn auf der Fläche, entstehend aus dem Nichts, plötzlich Spuren erscheinen. Aber noch gab es niemanden, dem das hätte auffallen können.
Wir erreichten ein Areal, das von der großen Talhangebene durch grobe, abgestorbene Pflanzenstämme verhältnismäßig viereckig abgegrenzt war. Drin im Pferch standen oder lagen träge große Wesen - Tiere, signalisierte Bron sofort -, die haarige, krause graue Umhüllungen und stumpfe Gesichter hatten und ab und an uns anfänglich beängstigende Laute ausstießen. Sie hielten sich dicht gedrängt und ästen; einige aber zermalmten in einem fort etwas in ihren Mäulern, obwohl sie nicht das Geringste vom Bodenbewuchs abbissen. Ich vermute, eine Art lockere Symbiose mit den Primaten ...?, sagte ich und erhielt keine Antwort. Nutztiere, murmelte ich noch. Aber unsere Aufmerksamkeit wurde durch anderes, höchst Merkwürdiges in Anspruch genommen.
Je näher wir dem gekommen waren, was wir für eine Anhäufung von Behausungen vernunftbegabter Primaten hielten, desto nackter und staubiger wurde der Untergrund, auf dem wir uns bewegten. Kahle Stellen vereinigten sich zu einem schroffligen, hellbraunen Streifen, und auf diesem kam uns jenes Monstrum entgegen. Dann, als wir verharrend an den Rand des Streifens getreten waren, rief Sula erregt: Das ist einer!
Es machte mich schauern, was da kam. Auf vier Beinen stapfte es heran, schwer, kräftig und irgendwie brutal. Es schob einen mächtigen zweiäugigen, strähnig bewachsenen Kopf vor sich her, schnaubte, wedelte mit zwei schaligen Auswüchsen. Und siehe:
Mitten aus dem massiven Körper wuchs eine Art Säulengebilde nach oben, aus dem an den Seiten wiederum zwei Extremitäten sprossen und das von einem, kein Zweifel, zweiten Kopf gekrönt wurde. Dieser war zierlicher als der erste, zwei klare Augen blickten voraus, ein Atemhöcker war da und ein waagrechter, wulstiger Schlitz, eine im Augenblick geschlossene Körperöffnung - zur Nahrungsaufnahme womöglich.
Das gesamte Wesen war behangen und beschnürt mit allerlei Gerät und - Unnützem, Zierrat vielleicht.
Es stiebte vorbei, Bodenklumpen wirbelten; ein scharfer Geruch stand in der Luft.
Meine Güte, was für ein Ungetüm!, sagte ich.
Ob wir zu so etwas je Kontakt herstellen könnten?, fragte Sran zweifelnd.
Na, wenn du schon Bedenken hast, gab ich zurück. Immerhin galt Sran als Experte für Kommunikation, wenngleich er natürlich noch nie Gelegenheit hatte, einen interkosmischen Dialog zu probieren.
Da, rief Sula, die ich als Schemen neben mir wahrnahm. Bron, seiner Verantwortung für uns bewusst, hatte darauf bestanden, auch noch den Toner mitzuschleppen, der uns gegeneinander ein wenig sichtbar macht. Sulas Augen wiesen zur Siedlung hin. Dort auf dem braunen, mit flachen Mulden übersäten Streifen wandelten, uns abgewandt, zwei Gestalten - sehr viel höher als breit oder tief, auf zwei Beinen mit verhältnismäßig kleinen Laufflächen. Wie die Säule auf dem Ungetüm: Zwei Obenextremitäten, mit denen sie kräftig im Gegentakt zu den Schritten schlenkerten, und jener rundliche, behaarte Kopf.
Ah, rief Sran. Jetzt, Lixa, geht mir ein Licht auf! Er wandte sich direkt an mich. Das erst sind sie, die Primaten! Vorhin der Koloss war nichts weiter als eine symbiotische Gruppierung, zwei gänzlich unterschiedliche Wesen, eines auf dem anderen.
Einleuchtend! Ich spürte, dass auch Bron und Sula diese Version sofort annahmen.
Dieses Untere - ein kräftiges Tier, ein Mittel zur schnelleren Fortbewegung, denn ..., ergänzte Sran, sie müssen mit ihren zwei Beinen über ein Sinnesorgan immerwährend in Balance gehalten werden und daher äußerst langsam sein.
Scheint so, bemerkte ich spöttisch und wies auf zwei kleine dieser Wesen, deren Beine nur so flogen und die sich mit einem schwarzen, abgehackte, hässliche Laute von sich gebenden flinken Vierbeiner in einem erheblichen Tempo und offenbar vergnüglich jagten.
Dass aber Sran mit seiner symbiotischen Gruppierung recht behielt, zeigte sich wenige Minuten später: Zwei der Unteren zogen ein vierrädriges Gerät, einen Wagen, grob aus abgestorbenen Pflanzenteilen, ziemlich roh bearbeitet, zusammengesetzt. Eines der Säulenwesen befand sich, total verbogen, auf diesem Gefährt, hielt Seile in den Obenextremitäten und gab ab und an aufmunternde Laute von sich. Also war klar: Die Unteren - angepasste, starke Tiere - wurden zu allerlei Hilfsdiensten herangezogen. Die Primaten hatten sich über sie erhoben - wenn das kein Spezies-Merkmal war! Sie machen sich die sie umgebende Natur nutzbar, ein untrügliches Zeichen von niedriger Vernunft.
Hast du den Wagen gesehen?, fragte Sula überflüssigerweise, sich an keinen von uns wendend. Primitivlinge ...
Sei nicht voreilig!, gab Bron zurück. Ich schlage vor, wir verteilen uns. Er wies unbestimmt in die Umgebung. Das ist, so glaube ich, vielfältiger, als man jetzt schon annehmen könnte. Abends tauschen wir Ergebnisse aus, registrieren und - überlegen, ob wir überhaupt Kontakt nehmen wollen. Also war auch er sich unsicher, ob solches möglich oder sinnvoll sein würde. Und wir bleiben für sie selbstverständlich unsichtbar. Dann ordnete er uns Abschnitte des Umfeldes zu. Sran und Sula sollten links und rechts des Weges die Behausungen aufsuchen, die Wesen beobachten, belauschen, hinter ihre Art zu leben kommen, Sprache speichern ...
Bron und ich würden noch ein Stück weiter gehen, um dann das Gleiche am anderen Ende der Siedlung zu beginnen. Bindend aber war nur der Zeitpunkt, zu dem wir uns alle am Lander wieder einfinden wollten.
So taten wir; ich ging links, rechts von mir verschwand Bron durch eine größere Öffnung, die sich in der stabilen Umfriedung aus unzähligen übereinander getürmten Steinen befand, zwischen zweien der groben Behausungen. Ich hingegen drang links in ein schmaleres, viereckiges Loch, eine Tür, direkt in ein solches Gebilde.
Sofort umgab mich Lautgewirr.
An einer parallel zum Fußboden aufgestellten Tafel hockten gekrümmt - ich zählte acht dieser Wesen, kleine, große, welche mit tiefen, solche mit hohen Stimmen, und sie schoben sich in die Öffnung am Kopf - mit der sie auch die unterschiedlichen Laute bildeten - ja, Speisen ein, beträchtliche Mengen.
Ich filmte, bemühte mich sogleich, Begriffe, Gegenstände und die dafür von der Runde gebrauchten Worte in Einklang zu bringen - für das ausgeklügelte Sprachmittlersystem unerlässlich, aber kompliziert, was sich mir sofort offenbarte. Es zeigte sich wieder die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis - letztere hatte niemand von uns. Die Schwierigkeit begann einfach damit, dass ich die meisten Gegenstände zunächst keiner Zweckbestimmung zuordnen konnte und daher erst recht nicht die sprachliche Lautmalung dafür. Und da war es schon ziemlich gleichgültig, dass sich diese Wesen fast ausschließlich über Schallwellen verständigten. Dennoch bemühte ich mich sehr intensiv, und ich war mir sicher, einiges Brauchbare aufgenommen zu haben, bis ich plötzlich unterbrochen wurde und schleunigst das Weite suchen musste, nämlich als die zu Beobachtenden ihre Äsung beendet hatten und sich im Raum heftig hin und her bewegten und so die Gefahr bestand, dass ich ihnen mit den an mir befestigten Geräten - unsichtbar zwar - in die Quere geriet. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie dies beträchtlich verwirren würde.
Noch öfter an diesem Tag drängte ich mich an Gruppen dieser Primaten heran. Das Wichtigste, läge uns etwas am Kontakt, was ich zunehmend bezweifelte, war die Sprachkommunikation; denn es würde uns schwerfallen, auch das wurde mir in diesen ersten Stunden klar, sie aus ihren Handlungen und ihrem Gebaren heraus zu begreifen.
Doch stets, wenn ich wieder den Weg betrat und einen Blick auf den Berg warf, auf dem weiß, ein wenig wie drohend, ein wenig aber auch Sicherheit ausstrahlend, jenes große Gebäude stand, das sich erheblich von den Wohnstätten, die ich nun zur Genüge von innen und außen kannte, unterschied, wurde meine Neugier beträchtlich angestachelt.
Leseprobe aus Geschichte lebendig halten Erlesenes, Erfahrenes, Erlebtes. Versuch einer Chronik von Wolteritz und Lössen von Angelika Hofmann
Geschichte besteht nicht nur aus großen Ereignissen, sondern vor allem aus den Erinnerungen der Menschen, die sie erlebt haben. Angelika Hofmann hat viele solcher Erinnerungen gesammelt und zu einem lebendigen Bild zweier Orte zusammengefügt. Die folgende Passage aus Geschichte lebendig halten Erlesenes, Erfahrenes, Erlebtes. Versuch einer Chronik von Wolteritz und Lössen gibt einen Einblick in diese Chronik und zeigt, wie Vergangenheit durch persönliche Geschichten wieder greifbar wird.
In der Schulchronik wird in der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von Kinderfesten, einer Fahrt nach Leipzig zum Panorama und der Sedanfeier mit einem großen Kriegsspiel mit 200 Knaben aus Lemsel, Zschortau, Schladitz, Güntheritz, Zschölkau, Hohenossig und Cletzen berichtet. Das Erntedankfest wurde auch später noch mit Kinderfesten verbunden. Die Siedlung organisierte bis 1945 eigene Kinderfeste.
Gisela Pekrul geb. Grabs (Jahrgang 1944) erinnert sich an die Zeit vom Ende der Vierziger- bis Ende der Fünfzigerjahre: Am Vorabend des 1. Mai und des 7. Oktobers (Tag der Gründung der DDR) gab es einen Laternenumzug und oft mit anschließendem Feuerwerk auf Krebsens Wiese. Voran marschierte die Dorfkapelle. Am Wochenende nach dem 1. Juni, dem Internationalen Kindertag, gab es auf Krebsens Wiese ein großes Kinderfest, an dem sich viele Einwohner, die Kulturgruppen wie Volkstanzgruppe, Mandolinenorchester und Chor, sowie die Schüler der Grundschule beteiligten.
An einer langen Tafel gab es Malzkaffee, später Kakao, und von den Dorfbewohnern gebackenen Kuchen für alle Kinder. Wettbewerbe in Sackhüpfen und Eierlaufen waren angesagt. Die größeren Jungen versuchten, beim Stangenklettern von dem Kranz am Ende der Stange ein Präsent zu greifen. Wer es nicht schaffte, rutschte traurig wieder runter, manchmal schneller, als ihm lieb war. Wurstschnappen: Wer würde sich heute noch mühen, eine Bockwurst zu ergattern, aber damals war das ein sehr begehrtes Präsent. Wer nicht so sportlich und geschickt war, hatte vielleicht Glück beim Drehen des Glücksrades. Das Kinderfest war ein Erlebnis für die ganze Familie.
Damals spielten die Kinder ja bei schönem Wetter immer draußen, d. h. auf der Straße. In der Siedlung störte in den Fünfzigerjahren kein Auto und kaum ein Pferdewagen das Kinderspiel. Meist spielten Jungen und Mädchen, alle Altersgruppen, zusammen, oft kamen auch noch die Kinder des Dorfes dazu. Man spielte gemeinsam Verstecken, Hasche (Fangen), Völkerball, Huppel (Himmel und Hölle), Seil springen, Murmeln (Kullerknippchen), Kaiser, König, Bettelmann, Fischer, wie tief ist das Wasser Gehe durch, gehe durch, durch die goldne Brücke, später auch Hula houp und Gummitwist. Kleinere Gruppen spielten Ballschule oder Stadt, Name, Land mit dem Ball. Die meisten Bewohner der Siedlung akzeptierten unsere Spiele, wobei sie nicht begeistert waren, wenn mal wieder der Ball in das schöne Blumenbeet gefallen war. Einige wenige fegten beim Straßekehren am Sonnabend die eingeritzte Huppel oder das Murmelloch zu. Oder sie scheuchten uns an eine andere Stelle, bitte nicht vor ihrem Zaun.
Turnübungen wie Purzelbaum (Rolle), Handstand oder Kopfstand machten wir auf der Schulwiese. Die Wiese hinter dem Kindergarten diente der Grundschule als Sportplatz. Die Mauer von Schüllers Garten war für Übungen wie Handstand an die Wand sehr hilfreich. Auf dieser Wiese wurde auch Fußball gespielt, der Sportplatz entstand erst später.
Der beste Spielplatz war aber der Bäckerteich. Er hatte eine eiserne Abgrenzung, die man wunderbar als Turnstange (Reck in Kleinformat) nutzen konnte. Immer wieder von den Müttern ermahnt, ja nicht in den Teich zu fallen, machten wir Schweinebammel und Umschwünge. Das war nur für Kleinere möglich, für die Größeren war die Stange zu niedrig. Wie das Bild zeigt, wurde auf dem Teich auch gepaddelt.
War der Teich zugefroren, trafen sich alle Kinder mit dem Eisrösschen auf ihm. Das Eisrösschen war eine niedrige Hitsche mit Kufen, auf die man sich kniete und mit Pickeln abstieß. Zum Schlittschuhlaufen (wenn man welche besaß) und Eishockeyspielen ging man meist auf die anderen Teiche. Taute dann das Eis, war für die Jungen auf allen Teichen das immer wieder verbotene Schollenlaufen angesagt. Kam man nass nach Hause, weil man im Eis eingebrochen war, gab es oft noch eine Tracht Prügel, von der man am nächsten Tag stolz den Mitschülern berichtete.
Da die Winter damals kälter waren, konnten die Kinder ausgiebig rodeln. Dafür war der Hügel an der Linde am Friedhof wunderbar geeignet. Wir waren nicht anspruchsvoll, Wolteritz liegt ja nicht im Gebirge. Man rodelte den Hügel hinunter auf die Straße. In jener Zeit brauchte man keine Angst vor Autos zu haben. Wem dieser Hügel nicht reichte, der ging zum Baggerloch oder zum Lössener Teich, da gab es auch eine gute Rodelbahn.
Jede Jahreszeit bot besondere Freuden. Sowie die ersten Maikäfer auftauchten, ging es an die Linden in der Siedlung zum Maikäfertetschen. Fast alle Kinder der Siedlung und des Dorfes waren vereint beim Fangen der Tausenden von Maikäfern. Während die Großen auf die Bäume kletterten, um die Käfer herunterzuschütteln und sich die besten zu sammeln, blieben für die Kleinen unten auch noch genügend übrig. Anschließend zählte jeder stolz seine Beute. Zum Schluss dienten die Käfer aber doch als Hühnerfutter.
Ende der Vierzigerjahre badeten wir noch in Naumanns Teich, das wurde dann aber untersagt, weil einige Kinder Hautausschlag bekommen hatten. Das nächste Freibad war Grabschütz, für Kinder der Grundschule ein ganz beachtlicher Fußweg. Hin und wieder gab es auch einen Schulausflug zur Delitzscher Badeanstalt Elberitzmühle.
Kindergeburtstage wurden in der Familie mit den besten Freunden oder Freundinnen gefeiert. Die Mutter hatte für alle leckeren Kuchen gebacken und spielte danach mit den Kindern in der Wohnung, z. B. Hänschen, piep einmal, Teekessel, Ringlein, Ringlein, du musst wandern, Topfschlagen, Blindekuh, Stille Post, Ich packe meinen Koffer, Schraps hat den Hut verloren, Alle Vögel fliegen hoch, Mehlschneiden, Armer schwarzer Kater, Zublinzeln, Mein rechter, rechter Platz ist leer, Reise nach Jerusalem. Besonders großen Spaß machte das Auslösen der Pfänder. Der Nachmittag ging immer viel zu schnell zu Ende.
Kinderarbeit gehörte dazu, für die Bauernkinder war das selbstverständlich. Aber auch alle anderen Kinder mussten in der Landwirtschaft helfen, so beim Absammeln von Kartoffelkäfern. Ab der 1. oder 2. Klasse ging man nach der Schule Rüben verziehen und brauchte in dieser Zeit keine Hausaufgaben zu machen. Die Kleinen waren nicht so schnell und nahmen nur eine Reihe. Dafür gab es 25 Pfennig in der Stunde. Ab 3. Klasse nahm man zwei Reihen und erhielt 50 Pfennig. Am Abend gab es beim Bauern eine warme Mahlzeit. Waren alle Rüben verzogen, wurde der Alte gefeiert. Es gab ein Festessen und die Kinder durften auch etwas in der Scheune toben. Als dann die LPG gegründet wurde, lockte sie die Kinder mit 30 bzw. 60 Pfennig die Stunde. Am Abend gab es dort nur eine doppelte Wurstbemme. Die schmeckte aber längst nicht so gut wie das Essen beim Bauern. Der Alte wurde auch nicht gefeiert, so dass die Kinder meist zuerst beim Bauern arbeiteten und erst, wenn es dort nichts mehr zu verziehen gab, zur LPG wechselten. Der Vorsitzende Thilo Müller organisierte schließlich statt des Alten eine Tagesfahrt in das Thüringer Mühlental, das war verlockend.
Die Herbstferien nannten sich damals Kartoffelferien, weil die Kinder zum Absammeln der Kartoffeln vom Feld gebraucht wurden.
Die Jugendlichen gingen zu Tanzveranstaltungen (mit einer richtigen Kapelle), verkleideten sich zum Karneval und organisierten für alle Männer aus dem Dorf Himmelfahrtspartien.
Der Krieg im Osten bedeutete für Millionen Menschen Kälte, Hunger und ständige Lebensgefahr. Theodor Plievier schildert diese Realität ohne Beschönigung aus der Perspektive derjenigen, die sie ertragen mussten. Die folgende Passage aus Das gefrorene Herz führt mitten hinein in diese Welt aus Frontalltag, Angst und dem verzweifelten Versuch, in unmenschlichen Umständen Mensch zu bleiben.
Heute kam Dein lieber, trauriger Brief vom 4. Januar. Was Du schreibst, hat auch mich traurig gemacht. Es ist das erste Mal, dass Du klagst, mit Deinem Los nicht zufrieden bist. Ich kann Dich gut verstehen. Die Kämpfe im Osten dauern so lange, sind so hart. Niemand wünscht sehnlicher als ich, dass Du endlich fortkommen möchtest aus diesem Land des Grauens. Nein, Sommer kann es nicht noch einmal werden. In dieser Umgebung geht Ihr ja seelisch zugrunde. Wie es um Euch steht, lese ich zwischen Deinen lieben Zeilen. Du hättest sonst nicht so traurig geschrieben. Alles Schwere trage ich mit Dir, merkst Du das nicht! Mein Junge, der immer zufrieden war, wie es auch kam, ist auf einmal so verzagt. Kopf hoch, liebes Herz
Dein Brief vom 4. Januar, schreibt sie Wann war das, und was war da? Eine Hütte war da, eine Hütte am Wege, und endlich Schlaf, nach langem Marschieren endlich einmal Schlaf. Aber das stimmt nicht, die Worte stimmen nicht. Eine Hütte ist keine Hütte, und Marschieren ist nicht Marschieren, und Schlaf ist nicht Schlaf. Die Hütte war nur ein erschüttertes und unter der Schneelast zusammengesunkenes Gefüge. Und Marschieren war Laufen und Sichhinwerfen und Feuern, was die Rohre hergaben, und wieder Laufen und wieder Im-Schnee-Liegen, und wieder doch auch Laufen (aber wo kommt man da hin!) nein, auch Laufen war das nicht, Taumeln war es und Weitermüssen, trotz allem. Und Wilhelm Fiß bekommt einen Kopfschuss und fällt und gibt keinen Laut mehr von sich. Und Mirs fällt mit einem Lungenschuss und bleibt ebenfalls liegen. Und Gundelsperger hat einen Beinschuss und setzt sich hin. Und der Himmel ist in Bewegung und wirft Schnee über die marschierende Gruppe, und Fiß und Mirs und auch Gundelsperger bleiben für immer zurück. Dann ist es Bublitz, der erfriert im Marschieren und fällt aus der Reihe heraus, und der treibende Schnee deckt ihn sofort zu. Das Letzte von Bublitz hat er, der am Ende der in langer Reihe marschierenden Kompanie ging, genau gesehen. Durch die von der Kälte beschlagenen Brillengläser, hat er ihn neben den Fußstapfen der anderen liegen sehen. Auf das Gesicht war er gefallen, ein grauer Strich und auf dem Rücken das Kochgeschirr, so ragte er aus dem Schnee auf, Schlafdecke und Kochgeschirr, mehr hatte er nicht besessen. Tornister und Schnürschuhe und alles andere war auf dem Rückmarsch verbrannt worden, so war es befohlen. Fiß und Mirs und Gundelsperger und der Bublitz, das waren vier. Karl Knockenfuß, Andreas Niedermeier, Peter Lobes und er selbst, das sind die andern vier, die übrig blieben, die an die zusammengefallene Hütte gelangten, dort übereinander hinsanken und in einen tiefen Schlaf fielen. Aus diesem Schlaf, der nichts als Stürzen durch eine weiße Nacht war, aus diesem Schlaf war er aufgefahren, hatte nach einem Stück Papier gegriffen und an Monika geschrieben. Und weshalb hat er geschrieben das Ausstrecken einer Hand war es, das Greifen nach einem Halt, dem einzigen, der geblieben war. Der noch geblieben war, so schien es damals. Doch auch diesen Halt gibt es nicht mehr. Schon der Butschkow und der Zenker und der Joris, die den Rückzug nicht mitgemacht haben und erst hier im Igel zu uns gekommen sind wir sprechen täglich mit ihnen, lösen einander auf Posten ab, schlafen im selben Erdloch aber sie sind uns Fremde geblieben. Den Weg durch den Schnee, und was auf dem Wege geschah, das haben sie nicht mitgemacht, das steht zwischen uns, und ihre Worte und unsere Worte bedeuten nicht dasselbe. Aber Monika, wie weit ist Monika! Und hat es einmal Monika gegeben, hat es solche Stille gegeben auf dem sauber gedeckten Frühstückstisch die Morgensonne, helle Lichter auf dem Kaffeegeschirr, Hände, die Brote zurechtmachen, und wenn die Tasse leer ist, immer wieder einschenken, der Blick auf die Frau, und weiter durch das helle Fenster über grüne Baumkronen hinweg haben Tage einmal so beginnen können! Alles war wirklich, und es ist nicht mehr. Der Butschkow und der Zenker und der Joris, als sie in das halb fertige Erdloch kamen, haben große Augen gemacht. Die Hälfte von uns erfroren, unsere Füße und Hände kaputt, wir alle fertig! Aber wie fertig wir waren, das wussten sie nicht, und das wissen sie heute noch nicht. Land des Grauens, schreibt Monika. Dort geht Ihr seelisch zugrunde, schreibt sie. Weiß sie, kann sie ahnen? Kann ich jemals zurück, kann ich das Gesicht an ihre Schulter pressen, kann ich vergessen, was auch wirklich war? Erst wir, dann die Einwohner, hieß es bei uns. Ein Stück Brot, und wenn es das letzte in der Schublade war, war eben gut, um uns Kraft für noch einige Kilometer Marsch zu geben, und eine Hütte war eben gut, um sie in Feuer aufgehen zu lassen und uns daran zu erwärmen. Wie viele Menschen mussten sterben, damit vier Mann hundertzwanzig Kilometer zurücklegen konnten; wieviele Frauen und Kinder ließen wir, wenn wir weiter in die Schneenacht zogen, in dem Rauch, der hinter uns blieb, zurück Kopf hoch, liebes Herz! Ach, Monika, Dein Robert, Robert Duff, erhebt seinen Kopf niemals mehr! Es liegt nicht hinter uns, in uns liegt das Land des Grauens!
Bleiben Sie ansonsten vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher weiterhin freundlich gesinnt. Denn auch in der kommenden Woche stehen bereits neue Sonderangebote bereit, um ihre Reise zu neugierigen Leserinnen und Lesern anzutreten.
Mit dabei ist dann unter anderem der Kriminalroman Das Quartett von Wolfgang Schreyer.