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Plädoyer für Plievier, Leben und Menschlichkeit am Rande der Zivilisation sowie Fuego corriente - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
Achtung, bevor Sie weiterlesen, noch ein wichtiger Hinweis: Ab Mai 2026 versendet EDITION digital diesen Newsletter sowie die aktuellen Pressemitteilungen nicht mehr per E-Mail. Diese Texte können Sie aber zumeist sogar eher selbst unter den Internet-Adressen https://edition-digital.de/Blog/ (bisheriger Newsletter) und https://edition-digital.de/Presse/ (Pressemitteilungen) finden. Probieren Sie es doch jetzt schon mal aus zum Eingewöhnen.
(Pinnow 06.02. 2026) Plädoyer für Plievier. Plievier? Ja, und zwar für Theodor Plievier (1892 bis 1955). Dieser Newsletter plädiert für eine Wiederentdeckung dieses wichtigen, aber vielleicht nicht mehr so vielen Leserinnen und Lesern bekannten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, der für viele seiner Bücher auf eigene Lebenserfahrungen zurückgreifen konnte und zeitlebens ein Kämpfer für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Demokratie und auch für Freiheit war sowie ein Kämpfer gegen Ignoranz und Dogmatismus.
Unter den insgesamt fünf aktuellen digitalen Sonderangebote dieses Newsletters, die sieben Tage lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 06.02. 2026 bis Freitag, 13.02. 2026) zu haben sind, finden sich drei von Theodor Plievier. Mehr zu diesem Schriftsteller, zu seinem Leben und zu seinem Werk steht im Schlussteil dieses Newsletters.
Die erste Einladung, Plievier zu lesen, gilt für sein 1947 im Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar erschienenes Buch Eine deutsche Novelle. Für das E-Book wurde die vom Verfasser autorisierte Ausgabe für die französische Zone verwendet, die 1948 im W. Ehglücksfurtner Verlag Mainz erschienen war.
Ein Mann klingelt an einer Berliner Wohnungstür - und bringt eine Geschichte mit, die fünfzehn Jahre lang verschüttet war. Im Zentrum dieser eindringlichen Novelle steht ein ehemaliger Matrose, der an den Novembertagen von 1918 beteiligt war und nun, im Schatten des nationalsozialistischen Machtantritts, mit seiner Schuld konfrontiert wird.
Theodor Plievier erzählt von individueller Verantwortung im Strudel der Geschichte, von Verdrängung, Mitläufertum und der tödlichen Konsequenz blinden Gehorsams. Mit großer psychologischer Genauigkeit verbindet diese Novelle die Erfahrungen der Novemberrevolution mit den Anfängen des Dritten Reiches - und zeigt, wie Gewalt, einmal entfesselt, fortwirkt. Ein literarisch dichtes, erschütternd aktuelles Dokument gegen das Vergessen.
Und so beginnt Eine deutsche Novelle von Theodor Plievier:
Es klingelte. An den Berliner Türen wurde in jenen Tagen von allen möglichen Leuten geklingelt. Einer wollte ein Abonnement für eine Familienzeitschrift loswerden, ein anderer empfahl einen patentierten Gassparbrenner, ein mittelloser Akademiker bat um eine Unterstützung, ein Maler bot selbstangefertigte Postkartenbilder an, ein Händler ganz billige Bettvorleger dann kam die SA mit Sammelbüchsen für ihre Wahlfonds, die Taubstummenanstalt, die Heilsarmee, die Arbeitslosen. Dieses Mal stand ein Mann an der Tür, der sich nicht wegschicken ließ und den ich selbst anhören musste. Es war einer, den ich zwar nicht kannte, von dem ich aber bei meinem Namen angeredet wurde und der erklärte: Ich muss mit Ihnen sprechen. Es handelt sich ja, wie soll ich es sagen, um eine persönliche Angelegenheit, aber auch um Ihre Angelegenheit. Um Ihr Buch nämlich, ich habe es gelesen. Ja, ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen!
Dann saß er mir gegenüber.
Also Ihr Buch Sie schildern da den Matrosenaufstand. Ich bin mit dabei gewesen, damals im November 1918 in Kiel. Er machte eine Pause und sein Blick glitt zum Fenster hin. Das Licht lag voll auf seinem Gesicht und ich hatte Muße, ihn zu betrachten. 1918 in Kiel er kann damals alles gewesen sein, ein Matrose, ein junger Offizier, oder noch jünger, ein Seekadett vielleicht.
Das Gedächtnis, ja, das ist eine furchtbare Sache. Ich sagte Ihnen schon, oder sagte ich es nicht, ich wollte eigentlich gleich kommen, gleich nachdem ich das gelesen hatte. Es handelt sich um einen bestimmten Punkt. Sofort wollte ich kommen, also vor ein paar Monaten schon. Aber jetzt, es sind nun auch schon wieder Wochen her, habe ich den Marsch durchs Brandenburger Tor gesehen, den großen historischen Fackelzug. Die SA und SS und dazu der Stahlhelm in den alten Felduniformen, zweihunderttausend Mann, Sie wissen doch
Ja, ich wusste. Ich habe diesen Aufmarsch den ersten des Dritten Reiches ebenfalls gesehen, das lange Band der Kolonnen, die Gesichter im Schein der Fackeln. Standarten, die an dem windstillen Abend schlaff herabhingen, und Hakenkreuzfahnen, die sich in engen Straßen aufblähten, gleich nächtigen Vögeln über den Marschierenden kauerten und mit dem Strom vorbeitrieben. Auch die mitgerissene Menge, das Getümmel von hochgereckten Armen und das Getöse heisergeschriener Stimmen, in seiner Plötzlichkeit war das alles betäubend gewesen. Zeitungsschreiber haben diesen Fackelzug durch Berlin hochtrabend als Erwachen der Nation bezeichnet. Einen hörte ich sagen: Wie 1914 bei Ausbruch des Krieges! Er fügte allerdings hinzu, dass dieses Mal nicht sechzig, sondern nur zwölf Millionen Menschen (das war die von den Nazis bei den letzten Reichstagswahlen erreichte Ziffer) mitgerissen wären. Auch was ein andrer, ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und ehemaliger Gesandter des Deutschen Reichs über diesen Fackelzug erzählte, wäre bemerkenswert.
Doch zurück zu meinem Besucher.
Der Roman Im letzten Winkel der Erde von Theodor Plievier kam ebenfalls im Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar heraus allerdings erst 1946. Die Erstausgabe war bereits 1941 bei Meschdunarodnaja Kniga (Internationales Buch) in Moskau erschienen. 1951 brachte die Büchergilde Gutenberg Zürich den Roman unter dem Titel Der Seefahrer Wenzel und die Töchter der Casa Isluga heraus. Worum geht es in dem spannenden Buch?
Im letzten Winkel der Erde gibt es kein Entkommen vor sich selbst.
In einer staubigen Hafenstadt Nordchiles, zwischen Salpeterwüste und Pazifik, strandet ein Mann, der glaubt, hier neu beginnen zu können. Doch statt Freiheit findet er Ausbeutung, soziale Kälte und eine Welt, in der menschliche Würde täglich neu erkämpft werden muss. Theodor Plievier zeichnet mit großer Wucht das Leben der Entrechteten, der Gestrandeten und der Suchenden nach: Seeleute, Minenarbeiter, Frauen zwischen Stolz und Hoffnung, Menschen, die am Rand der Zivilisation um Liebe, Anerkennung und Überleben ringen. Ein intensiver Roman über koloniale Machtverhältnisse, über das Zerbrechen von Illusionen und über den unbeugsamen Willen, Mensch zu bleiben - selbst dort, wo die Welt am härtesten ist.
Im selben Jahr 1946 erschien ebenfalls im Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar Haifische, worin Theodor Plievier ein schonungslos realistisches Bild der Hafenwelt Südamerikas zeigt: eine Welt aus Hunger, Hitze, Hoffnungslosigkeit und skrupelloser Ausbeutung. Zwischen gestrandeten Seeleuten, zwielichtigen Vermittlern und korrupten Machtstrukturen kämpfen Menschen um Würde, Überleben und einen Ausweg aus der Abhängigkeit.
Ein packender Roman über moralischen Verfall und menschliche Standhaftigkeit - rau, eindringlich und von erschreckender Aktualität.
Um nichts Geringeres als die Rettung der Erde geht es in Nimmerwiederkehr von Alexander Kröger, dem 3. Teil seiner vierteiligen Science-Fiction-Reihe Das zweite Leben. Das spannende Buch, das erstmals 2009 im Projekte-Verlag Cornelius GmbH (Halle (Saale)) erschienen war, gibt Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Apokalypse, deren Folgen die Überlebenden in dem Roman Das zweite Leben schmerzlich spüren. Hier wird der Versucht gezeigt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und eine vernünftige Welt aufzubauen ist. Eine Bedrohung aus dem All spaltet die Erdbewohner, und im 4. Teil der Reihe wird der Leser mit den Folgen einer verhängnisvollen Entscheidung konfrontiert.
Die im zweiten Teil Der erste Versuch beschriebene, von Menschen gemachte Apokalypse ist überstanden, die Überlebenden bemühen sich, drei Jahrzehnte später eine neue und friedliche Welt aufzubauen, die beinahe ein Utopia zu sein scheint. Doch es gibt auch in der Idylle der freundlichen, sauberen und gebildeten Menschen Unzufriedene und Renegaten, sogar Terroristen! Es gibt Menschen, die ohne jeden Skrupel ihre persönlichen Ansichten durchsetzen wollen - wie auch sonst, denn der Mensch bleibt, was er ist.
Außerdem nähert sich der gerade noch einmal davongekommenen Menschheit nun eine Gefahr aus dem All, diesmal jedoch keine Invasion Außerirdischer wie zum Beispiel in Krögers Buch Die Engel in den grünen Kugeln - Falsche Brüder dargestellt, sondern ein Planetoid auf Kollisionskurs. Während die akorrupte Regierung zögerlich und bürokratisch erscheint, begibt sich eine Gruppe junger Leute auf die Suche nach Mitteln zur Rettung der Erde ...
Die ersten beiden Teile der Reihe Das zweite Leben sind Das Zweite Leben und Der erste Versuch. Der Titel des 4. Teils lautet Die Telesaltmission selbstverständlich alle unter edition-digital.de und im Online-Buchhandel zu haben.
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Heute beschäftigen wir uns mit einem im wahrsten Sinne des Wortes heißen Thema Natur und Umwelt und ihre Gefährdung durch Profitinteressen, und das alles literarisch spannend verpackt
Erstmals 2011 hatte EDITION digital das E-Book Tornado Die tödlichen Rüssel. Ein fantastischer Roman von Klaus Möckel veröffentlicht.
Im Küstenland Hahl vollzieht sich eine gewaltige Umgestaltung. Brachliegende Strände sollen für den Tourismus erschlossen, Hotels und Vergnügungszentren erbaut werden. Probleme bereitet noch das unwirtliche Klima, doch eine geniale Lösung scheint gefunden: Vulkane sollen angezapft und mit ihrer Glut eine warme Meeresströmung bis in die Bucht vor Hahl geführt werden.
Der Journalist Vangrin erhält das Angebot, dieses Projekt mit seinen Reportagen zu begleiten. Da er in letzter Zeit privat wie beruflich einige Niederlagen einstecken musste, sieht er in dem Auftrag eine neue Chance. Zumal das Angebot vom Manager des Baukonzerns kommt, einem früheren Freund und Mitstudenten.
Das gigantische Vorhaben, das tief in die Natur eingreift, stößt nicht nur auf Zustimmung. Während die lokale Wirtschaft, die Sex- und Unterhaltungsbranche von hohen Gewinnen träumt und manche jungen Leute Aufstiegsmöglichkeiten erhoffen, befürchten die Küstenfischer das Ausbleiben der Fischschwärme, die Umweltschützer Verschmutzung und Zerstörung der Natur.
Das Anheizen des Meeres birgt Gefahren, die nur schwer abzuschätzen sind. Der Journalist gerät in einen Konflikt, weil sich über der See erste Rüssel, kleine Tornados, bilden. Seine Lage wird noch schwieriger, als er sich in die Freundin seines Auftraggebers verliebt.
Mit dem Fortschreiten des Projekts, dem Bau immer neuer Hotels, aber auch Industrieanlagen spitzt sich die Situation zu. Der Konzern will seine Ziele unbedingt erreichen, die Gegner rufen zu Widerstand und Sabotage auf. Auch Vangrin muss letztlich erkennen, dass er nicht neutral bleiben kann.
Tornado Die tödlichen Rüssel ist ein Roman voller Spannung und Konflikte. Liebe, Hass und Hoffnung beschwören dramatische Situationen herauf. Unaufhaltsam treibt die Handlung einer Katastrophe entgegen. Ein zerstörerischer Wirbelsturm, der das Meer aufwühlt und an Land alles mit sich reißt, stellt die Akteure auf eine letzte harte Probe.
Wollen Sie schon jetzt mal kurz reinlesen? Hier, bitte schön:
I. Der Aufbruch
1
Der Mann, einen dunklen Umhang um die Schultern und die Kapuze in die Stirn gezogen, hatte keuchend den Hügel erklommen. Unter ihm lag die Stadt Hahl mit ihrem Hafen und den Stränden, weiter hinten dehnte sich leicht wellend und scheinbar unendlich das Meer. Eine falbe Abendsonne ließ ihre Strahlen durch die Wolken sickern, schnitt eine glitzernde Bahn ins Wasser. Fuego corriente, flüsterte der Mann, ihr dürft es nicht, haltet ein! Wirre Gedanken schossen ihm durch den Kopf; er kauerte sich auf den Boden, murmelte unverständliche Worte. Doch die Ruhe, die er suchte, verweigerte sich. Zwar schlummerte er, an einen Federbaumstamm gelehnt, schließlich ein, aber Alpträume schienen ihn zu quälen. Sie schüttelten ihn, ließen ihn ein ums andere Mal zusammenzucken.
Fuego corriente, fließendes Feuer, so hieß eine warme Meeresströmung, die in den letzten Jahren im Land für Aufregung gesorgt hatte. Weit im Süden, dort wo unablässig eine heiße Sonne brannte und ein gleichmäßig kräftiger Wind die Wellen peitschte, nahm sie mitten im Ozean ihren Ursprung. Sie sog die Hitze des Himmels in sich ein, wirbelte sie in die Tiefe und bildete ein kilometerbreites Band, das sich immer mehr von den kalten Fluten abgrenzte. Diese Fluten machtvoll zerschneidend, schäumte die Strömung mit großer Geschwindigkeit nach Nordosten.
Fuego corriente war ein gewaltiger tiefreichender Fluss im Meer, der Tausende und Abertausende Seemeilen dahinströmte, dem Mondkontinent ein freundliches Klima brachte, die Wanderklippen und die Westinseln umspülte, um endlich vor der bergigen Küste der Stadt Hahl zu verebben. Den Ländern hier gab er nur noch wenig von seiner Wärme ab. Lediglich in besonders günstigen Jahren setzte er der rauen Gebirgsluft seinen milden Atem entgegen, ermöglichte einen etwas längeren Sommer und eine reichere Ernte. Meist jedoch schien die Luft mit Eisnadeln durchsetzt, die feinsandigen Strände westlich von Hahl dehnten sich leer unter einem kalten Himmel.
So war es zumindest Jahrhunderte hindurch gewesen, seit Menschengedenken. Doch nun war überraschend etwas geschehen, sollten sich die Dinge grundlegend ändern. Einige Unternehmen von jenem hinter dem Meer liegenden Kontinent hatten einen Plan vorgelegt, der den Tourismus ankurbeln und Wohlstand in das nicht gerade reiche Land mit der Hafenstadt Hahl bringen sollte. Das Projekt Silberstrand war zwar nur mit modernster Technik zu realisieren und erforderte gewaltige Investitionen, aber es erschien Erfolg versprechend. Seine Grundidee: die warme Strömung sollte verlängert, die Wassertemperatur vor den Küsten erhöht und damit das Klima angenehmer gestaltet werden. Dann, so argumentierte das entsprechende Konsortium, könne sich das Land bald nicht mehr vor Touristen retten; man würde endlich die nahezu unberührten Strände nutzen, Hotels bauen und die Infrastruktur entwickeln. Die Industrie würde einen ungeahnten Aufschwung nehmen, die Wirtschaft aufblühen.
Alles einleuchtend - aber mit welcher Energie sollte das Fließende Feuer neu angeheizt und nach Norden hin ausgedehnt werden?
Die folgende Leseprobe aus Im letzten Winkel der Erde führt unmittelbar in eine fremde, raue Welt am Rand der Zivilisation. In einer dichten, atmosphärischen Szene zeigt Theodor Plievier Menschen, deren Alltag von Armut, Härte und flüchtigen Begegnungen geprägt ist. Ohne lange Erklärungen lässt der Text die Leserinnen und Leser selbst eintauchen in eine Umgebung, in der Zufall, Sehnsucht und Schicksal eng miteinander verknüpft sind.
Du musst doch eigentlich Geld haben!, meinte Wenzel.
Die Hälfte für das Boot hat der Moro gekriegt, und die andere Hälfte hat die Cachapoja in Verwahrung, sagte Pejesapo und fügte hinzu: Du willst doch, dass ich mit dir auf den Fang fahren soll!
Das wollte Wenzel, fürs erste jedenfalls, denn dieser Pejesapo war nicht immer ein Klippenspringer gewesen und kannte von Tarapaca bis Caleta Colosso und weit darüber hinaus alle ergiebigen Fischplätze.
Das will ich!, sagte er. Aber ich will auch das Netz und die Grundangeln kaufen!
Das Zeug ist billig, und ich gebe dir mein Wort, dass wir ohne Fanggerät nicht nach Caleta Colosso zurückkommen!
Pejesapo erhielt den Zwanziger und wunderte sich darüber, wie schnell seine Dame das teure Bier in sich hineingießen konnte. Sie hieß Marguerita und war aus dem schönen Arequipa. Aber das erzählte sie Wenzel, und sie wollte wissen, von welchem Schiff er sei. Wenzel antwortete, er sei aus Caleta Colosso, und im Übrigen sei er müde und wolle schlafen. Marguerita glaubte ihm weder das eine noch das andere, sagte aber, schlafen könne er nirgends besser als in ihrem Bett, es sei breit und so weich wie das Nest einer Chinchillamaus. Die nächste Flasche Bier für Marguerita zahlte Wenzel. Und bei der nächsten Zambaeueca wählte der Pejesapo sich eine der Trommlerinnen aus, eine stattliche Erscheinung mit hohem Busen und einem Gesicht wie der volle Mond. Sie hieß Olympia, und der Pejesapo war mit dem Tausch zufrieden. Bei der Zambaeueca umwarb er sie wie der Mops eine mächtige Fleischerhündin.
Etwas Stolzes, was anderes als die Cachapoja-Nichte und auch als diese Chinchillamaus!, erklärte er Wenzel, als er schwitzend und mit rotem Kopf sich wieder neben ihm niederließ. Aber einen Zehner musst du schon noch rausrücken, weil ich doch nun noch eine Dame zu traktieren habe!
Er bekam noch einen Fünfer, und Wenzel hielt es für besser, sich sobald als möglich zurückzuziehen. Er einigte sich mit Marguerita; sie zögerte auch nicht länger und stand auf. Die Hausmutter, die herankam und wenigstens eine letzte Bestellung entgegennehmen wollte, musste herunterschlucken, dass Marguerita gar nichts weiter wünsche. Sie führte Wenzel auf den Gang hinaus und zündete eine Kerze an. Einige Stufen ging es hinauf, dann waren sie in ihrem Zimmer angelangt. Wenzel fasste das Bett an, sie hatte nicht übertrieben. Sie hatte das beste Bett im Haus, sie war die erste Kraft, und auch nur deshalb hatte sie die Hausmutter brüskieren und ihren Gast wegführen können, ohne ihn zu weiteren Getränken animiert zu haben; dass sie das von sich aus unterlassen hatte, gefiel ihm an ihr. Als sie sich an dem Lager gegenüberstanden, blickte er sie an. Wirklich ein schönes Bett, sagte er, aber ich habe vorher die Wahrheit gesagt, ich will nichts als schlafen. Du kannst also, wenn du willst, wieder hinuntergehen!
Nein, ich will nicht, und ich kann dir auch nur ein halbes Bett abtreten!, sagte sie.
Also auch gut!, erwiderte er.
Draußen sprang die Musik wieder auf, und die von der Gitarre und den knöchernen Rhythmen begleitete heisere Frauenstimme tönte jetzt wirklich wie die sich durch leere Weiten ziehende Klage der Wüste. Marguerita knöpfte ihr Kleid auf und zog es über den Kopf. Sie war kleiner als Wenzel, doch in den Strümpfen, die ihr wie eine zweite Haut bis zu den sanft gespannten Schenkeln gingen und mit den unter dem leichten Seidenhemd verschwindenden Bändern, sah er sie gefährlich aufwachsen, der aus dem Kleid herausschlüpfende Arm hatte einen hellen Goldton. Wenzel dachte plötzlich an ein sich hochmütig verschleierndes Gesicht, und er hatte eine Vorstellung von Glas, das so hauchfein ist, dass man nicht hört, wenn es zwischen den Händen zerbricht. Er wollte Marguerita beim Ausziehen nicht länger zusehen. Er drehte sich im Zimmer herum und betrachtete die Gegenstände. Ein Stuhl war da, über den er seine Kleider hängen konnte. In der Ecke stand ein Tisch mit einer Waschschüssel. Auf einer mit Wachstuch bezogenen Kiste stand ein Spirituskocher und ein Wasserkessel. An der leeren Wand hing ein sauberes Handtuch. Und da hing noch an einem Nagel eine Mütze, ein windverzogenes und schrecklich speckiges Ding. Eine solche Mütze hatte er schon gesehen, hatte er auf einem Kopf gesehen. Man sagt, dass ein menschliches Antlitz nicht zweimal in der gleichen Prägung vorkommt, und das an einem Menschen alt und besonders gewordene Kleidungsstück kann auch kaum zum zweiten Mal in genau derselben Physiognomie auftreten. Es musste also nicht nur eine gleiche, sondern genau dieselbe Mütze sein! Wenzel vergaß fast die Anwesenheit Margueritas. Er nahm die Mütze vom Nagel und betrachtete sie von außen und von innen, und am Innenfutter entzifferte er den verwischten Firmenstempel. Eine Stetsonmütze war es, er las: Kingstreet, Newcastle, New South Wales. Es gab keinen Zweifel mehr, und zum Überfluss stülpte er sich die Mütze auf seinen eigenen Kopf. Sie rutschte ihm tatsächlich über Ohren und Nase bis fast auf sein Kinn. Er drehte sich um und hielt die Mütze in der Hand. Marguerita lag schon unter der Decke.
Was ist das?, fragte er sie.
Eine Mütze! Sie blickte ihn verwundert an.
Aber wie kommt sie hierher, wer hat sie getragen?
Marguerita lachte belustigt.
Unser Schlepper!
Ach so, ein Schlepper, euer Schlepper also?
Ja, der ist schon eine ganze Weile bei uns, bringt die Matrosen ins Haus. Ich hatte ihm vorher einen Schnaps spendiert!
Das ist wirklich eine Begegnung, murmelte Wenzel.
Er löschte die Kerze, zog sich aus und legte sich ins Bett. Marguerita lag lang ausgestreckt da. Es war ein wunderliches Gefühl, das sie beschlich, und sie wusste nicht, ob sie sich ärgern sollte. Aber sie rührte kein Glied, und als sie nach einer Weile die langen und gleichmäßigen Atemzüge ihres Gastes vernahm, schlief sie ebenfalls ein.
Ihr Fenster war schon hell, und in der Nähe brüllte das Maultier des Wasserholers, als sie wieder erwachte. Sie betrachtete den Schläfer neben sich, und als der sich zu rühren begann, schloss sie die Augen wieder und stellte sich schlafend. Sie hatte ihr Gesicht ihm zugekehrt und fühlte, dass seine Augen jetzt auf ihr ruhten. Sie dehnte ihren Leib wie im Erwachen, hielt ihre Augen aber geschlossen und wartete. Nachdem eine Weile vergangen war, blickte sie auf und sah seinen Rücken. Er saß auf der Bettkante und griff zum Stuhl hinüber nach seinen Kleidern. Das ausgeschnittene Trikothemd ließ seinen Nacken und kräftige breite Schultern sehen, und lange muskulöse Arme hatte er. Er zog seine Hosen an, und jetzt erst wusste sie, dass sie sich wirklich ärgerte, und dass sie diesen Kerl bei der Olympia oder bei der Zoraida hätte schlafen lassen sollen. Aber sie stand auf, warf sich einen Kimono über, ging hinaus und brachte ihm eine Kanne warmes Wasser. Sie tat noch mehr, in dem Teekessel hatte sie heißes Wasser mitgebracht, das auf ihrem Spirituskocher sofort aufkochte. Die blaue Spiritusflamme, das Surren des Wassers im Kessel, das Aufbrühen des Kaffees und der kräftige Kaffeegeruch, der das Zimmer erfüllte, waren eine ganze Zeremonie. Aber dieser Büffel, der sich mit ihrem warmen Wasser den Oberkörper abgewaschen hatte, frottierte sich Brust und Rücken und Arme, streifte seine Bluse über, setzte die Mütze auf den Kopf, goss die Tasse Kaffee (als ob man hier im Hause überhaupt mit Kaffee bewirtet würde) stehend hinunter, blickte sie aus hellen Augen an, drückte ihr die Hand und sagte: Vielen Dank, Marguerita!
Vielen Dank, Marguerita!, hatte er gesagt und war verschwunden. Marguerita lachte über sich, aber sie riss das Laken vom Bett ab, als ob sie darauf geschändet worden wäre. Vielen Dank, Marguerita! ,Vielen Dank, mein Herr!, hätte sie diesem wilden Tier antworten sollen und ihm sein Geld zurückerstatten, ja, das hätte sie tun sollen!
Die folgende Leseprobe aus Haifische eröffnet einen Blick hinter die Fassade von Hafenbars und scheinbar harmlosen Versprechungen. Theodor Plievier zeigt, wie Menschen in einer Welt aus Alkohol, Hoffnung und Manipulation in gefährliche Abhängigkeiten geraten. In lebendigen Dialogen und präzisen Beobachtungen wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen Aufbruch und Ausgeliefertsein ist und wie schnell ein verlockender Job zum Verhängnis werden kann.
Mit den heulenden Derwischen, die hier die Kapelle mimten, war Milly bald fertig. Von diesen, das wusste sie, gab es keinen Widerstand mehr. Jim war schon schwieriger. Sie hatte sich mit Jim an ein Seitentischchen gesetzt und Three stars kommen lassen und mit ihm angestoßen. Der Tisch abseits in der Nische und Millys leise Stimme ließen Jim vermuten, dass Milly ihn zum Vertrauten eines Geheimnisses machen wollte, und es zeigte sich, dass er nicht irrte. Ja, sie hatte einen Job für ihn, einen ganz ausgezeichneten Job, und es war nicht nötig, dass alle andern davon erfuhren.
Wohin, Milly? Nach New York?
Nein, Jimmy, nach New York natürlich nicht. So etwas kann ich dir nicht bieten. Wenn ich so etwas hätte, oder wenn es wenigstens nach Frisco wäre, das gibt es ja mitunter, du wärst der erste, der es von mir bekäme, das weißt du.
Danke, Milly, und good luck, Milly! Also, wohin? Ein Schiff, Jimmy, fertig zum Auslaufen, und das Endziel? Rate mal Homeward bound, Jimmy! Na, ist das was? Homeward bound, und von dort drüben
Ja, von dort drüben ist es dann bloß ein Sprung, Milly.
Und grüße Little New York von mir, Jimmy! Junge, wenn ich hier nicht so festsäße Wie gern ich auch mal wieder Lichter sehen würde, die Lichter von New York!
Ja, um dich ist es schade, du versauerst hier, Milly. Und ob der Slimmy der richtige für dich ist? Na, das ist ja deine Sache. Also, ein Homewardbounder, sagst du? Ausgezeichnet, Milly.
Aber behalt es für dich, Jimmy. Ich brauche noch drei Mann. Allen kann ich so einen Job nicht verschaffen. Am besten, Jimmy, du suchst dir die drei aus, die am besten zu dir passen. Dann seid ihr unter euch.
Wird gemacht, Milly. Ich denke, Jens und Knud und den Blacky!
Während Milly aufstand und hinüber zur Theke ging, winkte Jim die drei zu sich. Kaum, dass sie bei ihm saßen, brachte Chica vier Gläser, und diesmal war es nicht simpler ,Black horse und auch kein Negerrum.
,Alter St. Thomas, der hat Farbe und Blume, Jim!, rief Milly zu den vier Männern hinüber. Die tranken ihr zu und dann steckten sie die Köpfe zusammen.
Als Nina eine Weile später mit Tinte und Feder an den Tisch kam, musste Jim, der seinen Kopf auf die Holzplatte gelegt hatte, erst aufgerüttelt werden.
Es ist nur vorläufig, damit ihr nicht etwa abspringt. Morgen, vorm Konsul, wird dann richtig gemustert.
Mecker doch nicht, Nina! Ein Homewardbounder, das genügt uns! Jimmy unterschrieb als erster und schob das Blatt weiter.
In Ordnung! Milly brauchte nicht mehr die vier da drüben zu beobachten. Sie gab Bully, der verdammt nüchtern war und nur den Besoffenen mimte, wenn er mit den Jungens sprach, einen Wink, und das hieß, dass er den Fuhrmann holen solle. Der Fuhrmann aber musste sich nur bereithalten, etwas abseits vom Eingang der Guten Fahrt. Das Zeichen, wann dann die gute Fahrt beginnen könne, würde er noch bekommen.
Nina kam zurück. Mit Tinte und Feder und mit den unterschriebenen Wischen.
Sieh zu, dass du schnell den Rest abfertigst, Nina. Da seh ich ein paar, die schon halb hinüber sind. Die nimm zuerst dran, denn wenn die erst schnarchen, kriegt sie keine Macht der Welt mehr dazu, einen Federhalter zu greifen.
Nina nickte und griff erneut zum Tintenfass, das sie auf der Theke abgestellt hatte.
Und noch dies, Nina. Chica und du, ihr müsst euch um die zwei neben Slimmy kümmern. Die müssen jetzt fort. Wie ihrs macht, ist gleich. Versprecht ihnen den Himmel oder ein Himmelbett, aber lotst sie endlich fort!
Nina verschwand, und auch für Milly war es Zeit, sich wieder am Mitteltisch zu zeigen. Die Jungens dort vertrugen verdammt viel und waren noch nicht so weit, einen Zettel auf Treu und Glauben und ungelesen zu unterschreiben.
Als sie hinter dem Schanktisch hervorkam und zu ihrem alten Platz wollte, blieb sie plötzlich stehen. Es war, als hätte sie ein Schuss getroffen. Und dieser Schuss war doch nur ein Wort, ein harmloser Name. Der Name einer Insel.
Die folgende Leseprobe aus Nimmerwiederkehr führt unmittelbar in eine spannungsgeladene Situation, in der Orientierungslosigkeit, Gefahr und schnelle Entscheidungen aufeinandertreffen. Alexander Kröger erzählt nüchtern und detailreich von einem Moment des Übergangs, in dem aus Beobachtung Handlung wird. Die Leserinnen und Leser begleiten die Hauptfigur in einer dunklen, unsicheren Umgebung, in der jeder Schritt Konsequenzen haben kann.
Kassio erwachte, als die Triebwerke des Nurflüglers angelassen wurden. Gebückt eilte er zu den Fenstern. In der Tat: man traf Startvorbereitungen. Das Transportband war abgestellt. Beladene Wagen standen abseits. Aus mehreren Richtungen eilten einige Menschen - auch vom Empfangsgebäude her - zu der Maschine und erklommen die Stufen. Von den Gefährten keine Spur. Dann wurde die Einstiegsluke geschlossen und die Gangway hinweggefahren. Der Triebwerksradau stieg an, die Maschine rollte vorwärts, nahm Fahrt auf, verharrte vor der Startbahn, noch einmal steigerte sich der Lärm, und das Flugzeug raste los, startete - der übliche Vorgang.
Von Kassio im Augenblick wahrnehmbar, blieben lediglich zwei der Grünbekleideten auf dem Flugfeld zurück: Jener, der vordem die Treppe bedient hatte und ein anderer, der sich phlegmatisch an einem Kistenstapel zu schaffen machte.
Ein düsterer Wolkenvorhang schob sich vor den noch wenig lichten Himmelsabschnitt. Es wurde rasch dunkel an diesem Tag. Ungeduldig und nervös wartete Kassio ab, bis es so finster war, dass er meinte, es wagen zu können, den Transitraum zu verlassen, ohne gesehen zu werden. Nach rechts vom Ausgang zum Flugfeld waren die Gefährten seinem Blick entschwunden.
Noch einmal begab sich der Mann zu den Fenstern. Es herrschte bereits tiefe Dunkelheit, nicht ein einziges Licht glimmte.
Mehr ertastet als gesehen, erreichte Kassio den Ausgang zum Flugsteig, ließ sich am Handlauf die Treppe hinab geleiten. Draußen, auf dem Betonfeld, verharrte er, lauschte. Außer dem Pochen seines Pulses hörte er nichts. Doch dann rief fern ein Kauz. Unwillkürlich musste Kassio lächeln. ,Wie ein Krimiklischee, dachte er.
Ein leichtes Geräusch von einem der Kistenstapel her ließ ihn aufhorchen. ,Ein Tier ... vielleicht. Hier, in diesem normalerweise menschenleeren Gebiet, fühlen sich die Viecher sicher wohl, vermehren sich ungemein. Aber die Laute kamen aus der Richtung der Kistenstapel, dorther, wo Kassio zuletzt den zweiten Menschen gesehen hatte. ,Allerdings, was sollte der ohne jegliche Leuchte wohl ausrichten?
Überraschend projizierte der Mond eine helle Fläche auf die ihn verdeckende Wolkendecke. Schemenhaft hoben sich Transportkarren und Kisten aus der Finsternis heraus.
Gebückt und geräuschlos eilte Kassio an einen der Stapel heran, umging ihn vorsichtig, lugte auf die andere Seite. Er benötigte eine kleine Weile, um das zu verifizieren, was er im Düsteren auszumachen glaubte: Auf einer Unterlage, einer Plane vielleicht, lag ein Mensch, ein Wächter offenbar: denn er hielt wie liebevoll ein kurzläufiges Lasergewehr im Arm.
Der Mensch schlief! Kassio verharrte und beobachtete lange Minuten. In ihm stieg Erregung an. Er spürte, wie er in Entscheidungsnot geriet. Weiter nach den Gefährten suchen, mit diesem Mann, dieser Waffe im Rücken? Er dachte an die zwei Männer, die Omar so rüde abgeführt hatten. ,Also ist Schonung nicht angebracht. Sie würde wohl keineswegs auf Gegenseitigkeit beruhen. Aber was ...? Kassio sah sich um. Nichts war auszumachen, das ihm in dieser Situation hätte helfen können. Er blickte zum Himmel. Der Mondfleck würde noch eine Weile dürftiges Licht spenden. Kassio entschloss sich schnell: Er eilte zurück zum Gebäude, stieß sich im finsteren Treppenhaus. Der Transitraum wurde von draußen ein Weniges erhellt; er durchquerte ihn, weil er in seinem dort abgelegten Gepäck für sein Vorhaben nichts Brauchbares wusste. Kassio rannte, so gut es die Düsternis zuließ, durch die Empfangshalle, die Treppe hinab ins Freie. Er atmete erleichtert aus, als er den Wagen dort vorfand, wo sie ihn verlassen hatten. ,Ein Fehler, ihr Kidnapper, dachte er mit Genugtuung, belud sich mit der Dynamolampe, dem Stößel für den Hydraulikheber, einer Rolle dünnen Kabels, dem Schweißstrahler und einem Messer - bis auf Letzteres und die Kabel, alles Gegenstände, die auf Anraten Omars mühsam beschafft worden waren, falls in Brüssel Zugänge nur mit Gewalt zu erzwingen wären.
Plädoyer für Plievier. Eine Empfehlung.
Plädoyer für Plievier heißt es anfangs in der Überschrift zum heutigen Newsletter und zwar für Theodor Plievier? Wer war dieser Mann? Wie und wo hat er gelebt, und vor allem: Was hat er geschrieben? Eine Empfehlung.
Geboren wurde Theodor Otto Richard Plievier wie er vollständig hieß -, der mitunter den Schriftstellernamen Plivier führte, am 17. Februar 1892 in Berlin. Er starb 63 Jahre später am 12. März 1955 in Avegno im Schweizer Kanton Tessin.
(Dort lebte seit 1919 und bis zu seinem Tode im Sommer 1962 auch Hermann Hesse, der die zweite Hälfte seines Lebens in seiner Wahlheimat Montagnola im Tessin verbrachte, die ersten zwölf Jahre in der Casa Camuzzi, später, zusammen mit seiner dritten Frau Ninon, in der Casa Rossa. In der lädt seit dem 2.Juli 1997, dem 120. Geburtstag des Dichters und Malers, Das Museum Hermann Hesse Montagnola zum Besuch ein.
2022 erschien im Suhrkamp Verlag das Buch Tessin. Betrachtungen, Gedichte und Aquarelle des Autors. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Volker Michels. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung Hermann Hesses an eine wahlverwandte Region, die diesen Dichter, als er sie dreißigjährig erstmals gründlicher kennenlernte, wie eine vorbestimmte Heimat und wie ein ersehntes Asyl anzog. Mehr als vier Jahrzehnte hat er nach dem Ersten Weltkrieg dort gewohnt, ihre farbenfrohe und barocke Lebensfreude eingefangen in Bildern und Texten von märchenhafter Intensität.) Und damit zurück zu Plievier.
Wie das Internet-Lexikon Wikipedia weiß, war Plievier der Sohn des aus Amsterdam stammenden Feilenhauers Theodorus Roelof Plievier und dessen Ehefrau Albertine Luise Thing. Die Familie lebte im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen, in dem Plievier auch aufwuchs und die Volksschule besuchte. Am Neubau an der Stelle seines Geburtshauses in der Wiesenstraße 29 erinnert eine Gedenktafel an ihn. Er interessierte sich schon als Schüler sehr für Literatur und konnte bereits mit 17 Jahren am 6. Februar 1909 den Text Proletariers Ende in der anarchistischen Zeitschrift Der Freie Arbeiter veröffentlichen. Kleine Erläuterung nebenbei: Ein Feilenhauer war ein Handwerker, der sich mit der Herstellung neuer und der Wiederaufbereitung alter Feilen und Raspeln beschäftigt.
Und weiter aus dem Wissensvorrat von Wikipedia:
Die frühen Jahre bis zum literarischen Durchbruch 1908 bis 1928
Bereits nach wenigen Wochen gab Plievier im Alter von 16 Jahren eine Lehrstelle als Stuckateur auf und verließ nach einem Streit darüber sein Elternhaus. Er wanderte durch Deutschland, Österreich-Ungarn und die Niederlande. Zurück in der Heimat, meldete er sich als Matrose zur deutschen Handelsflotte. 1910 musterte er in Südamerika ab und arbeitete bis 1913 in Salpeterminen in Chile, als Viehtreiber, Goldsucher und als Sekretär des deutschen Vizekonsuls in Pisagua.
Als er 1914 nach Hamburg zurückkam, wurde er von der Polizei nach einer Schlägerei in einer Hafenkneipe festgenommen. Da der Krieg ausbrach, wurde er als Matrose sofort in die kaiserliche Marine eingezogen, in der er während des Ersten Weltkriegs diente. Bei der Marine lernte er die anarchistischen Matrosen Gregor Gog und Karl Raichle kennen. Die überwiegende Zeit verrichtete er seinen Dienst auf dem Hilfskreuzer Wolf, auf dem er eine 451 Tage dauernde Kaperfahrt bis Neuseeland erlebte. Die schlechte Behandlung der Schiffsmannschaft durch den Kommandanten Karl August Nerger und seine Offiziere veranlassten Plievier, seine Erlebnisse in dem 1930 erschienenen autobiographischen Roman Des Kaisers Kulis. Roman der deutschen Hochseeflotte festzuhalten. Im November 1918 beteiligte sich Plievier in Wilhelmshaven an revolutionären Unruhen, die sich schon bald zum bekannten Kieler Matrosenaufstand auswuchsen. Dabei betätigte er sich als Redakteur einer Matrosenzeitung.
Nach Kriegsende begründete Plievier zusammen mit Raichle und Gog die lebensreformerisch ausgerichtete Kommune am Grünen Weg bei Urach (Anmerkung: Urach ist eine Stadt in der Schwäbischen Alb im Tal der Erms, im Landkreis Reutlingen in Baden-Württemberg).
Beeinflusst durch die Ideen und Theorien von Peter Kropotkin, Leo Tolstoi und Friedrich Nietzsche vertrat Plievier anarchistische Ideen. Er begründete den anarchistischen Verlag der Zwölf und veröffentlichte 1919 seine erste Broschüre Anarchie unter seinem richtigen Namen Plievier. 1920 heiratete er in Urach die Küferstochter Maria Stoz. 1920 zogen die Eheleute nach Berlin. (Anmerkung: Laut Wikipedia ist ein Küfer, Böttcher oder Büttner (auch Fassbinder, Binder, Bender und Schäffler genannt) ein Handwerker, der Behälter und Gefäße aus Brettern, meist aus Holz, herstellt.)
Das Ehepaar bekam zwei Söhne und eine Tochter. Ihre zweieinhalbjahre alte Tochter Viktoria verstarb 1923 an einer Lungenentzündung; das Ehepaar hatte keine Mittel, um die notwendige medizinische Versorgung zu bezahlen, ihre Wohnung in der Rigaer Str. 68 blieb ungeheizt, auch fehlte es an Nahrungsmitteln. Nicht einmal für eine würdige Bestattung der kleinen Tochter war Geld vorhanden, das Kind musste in einem Massengrab beerdigt werden. Später hat Plievier ihr mit seiner Erzählung Nacht in einer sterbenden Stadt ein literarisches Denkmal gesetzt.
Bereits vor seinem Umzug nach Berlin hatte er in Urach den Schriftsteller Johannes R. Becher kennengelernt. In Berlin betätigte sich Plievier aktiv in der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Er schrieb drei Jahre lang Beiträge für die Zeitschriften Der Syndikalist (Berlin) und Die Schöpfung (Düsseldorf), übersetzte Bücher von Peter Kropotkin und Francesc Ferrer i Guàrdia und trat als Redner für die FAUD auf. Ab 1922 veröffentlichte er zudem in seinem Verlag Revolutionäre Flugschriften, dabei nutzte er, wie er später sagte, aus einer Laune heraus, auch ab und zu den verkürzten Autorennamen Plivier.
Plievier gehörte zum Bekanntenkreis von Käthe Kollwitz und wurde von ihr gezeichnet. Sie fertigte für ihn auch das Vorblatt (Titel: Hunger) für seine vierseitige Flugschrift Hunger, das er auf seinen Vortragsreisen durch Deutschland verteilte und mit dem er Geld für Hungernde in Russland einwarb.
Den Lebensunterhalt verdiente sich Plievier bis 1926 als Gelegenheitsarbeiter, Komparse an Berliner Theatern, als Fotograf und als Betreiber einer russischen Teestube, in der er anarchistische und anarchosyndikalistische Literatur verkaufte und in der man auch gegen eine kleine Gebühr übernachten konnte. Dort lernte er unter anderen anarchistische Exilrussen kennen, wie Nestor Machno und Volin. In der Rigaer Straße 68 in Berlin-Friedrichshain führte er Anfang der 1920er Jahre eine kleine Verlagsbuchhandlung.
Erfolg als Schriftsteller ab 1930
Seine ersten honorierten Veröffentlichungen in Zeitschriften wie Die Jugend, UHU, Scherls Magazin und Velhagens & Klasings Monatsheftegelangen Plievier ab 1926 mit Südamerika-Erzählungen. Durch die Vermittlung Johannes Nohls lernte er Gustav Kiepenheuer kennen und begann mit dessen Vorschuss an seinem Roman Des Kaisers Kulis zu arbeiten, mit dem er 1930 debütierte und der ihn über Nacht über die Grenzen Deutschlands bekannt machte. Mit der Schilderung der Kriegsumstände und seiner scharfen Anklage gegen den Krieg sprach Plievier seinen Zeitgenossen aus der Seele ein Beispiel:
Die Eroberungsziele sind unser Verderben, ohne sie wäre Frieden. Wir könnten wieder arbeiten und hätten zu fressen. Und die anderen sind doch auch Menschen. Die Völker müssen zusammenkommen und sich verständigen. Das Morden ist sinnlos. ( ) Der Krieg ist ein riesengroßes Geschäft. ( ) Nieder mit dem Krieg!
Der Regisseur Erwin Piscator inszenierte diesen Roman als Drama mit Plievier als Darsteller Uraufführung war am 31. August 1930 im Berliner Lessingtheater. Roman und Theaterstück waren eine einzige Anklage der Zustände in der deutschen Marine und der Lebensumstände ihrer Matrosen. Während dieser Arbeit lernte Plievier die Schauspielerin Hildegard Piscator kennen. Sie ließ sich scheiden und lebte mit ihm zusammen; diese Beziehung blieb kinderlos, Plieviers Ehe mit Maria bestand weiter. (Anmerkung: Hildegard Piscator und später Hildegard Plievier (1900 bis 1970) war eine - nach Fotografien aus ihrer Zeit mit Plievier zu urteilen - sehr hübsche Person und später selbst eine Schriftstellerin, die auch über ihre gemeinsame Zeit mit Theodor Plievier geschrieben hat.)
1932 und Anfang 1933 reiste Theodor Plivier für die Gilde freiheitlicher Bücherfreunde (GFB) durch Deutschland und las aus seinen beiden Büchern und dem geplanten dritten Band Demokratie. Der Inhalt seiner Bücher und seine Bekanntheit führten nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten dazu, dass die Titel auf der Liste der verbrannten Bücher zu finden waren und Plievier nach dem Reichstagsbrand verhaftet werden sollte. Mit Hilfe anarchosyndikalistischer Freunde gelang ihm mit Hildegard die Flucht nach Prag.
Aus Deutschland ausgebürgert
Am 29. März 1934 veröffentlichte der Deutsche Reichsanzeiger die zweite Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs, durch welche er ausgebürgert wurde. Nach einer Odyssee über Prag, Zürich, Paris und Oslo gelangten er und Hildegard zum Schriftstellerkongress nach Moskau. Um keine Schwierigkeiten mit der stalinistischen Zensur zu bekommen, schrieb Plievier anfangs an einem Roman, der die Revolte in Chile behandelte. Zudem veröffentlichte er Beiträge in der von Johannes R. Becher verantworteten Zeitschrift Internationale Literatur (IL). Zeitweise in die Wolgarepublik geschickt, gelang ihm die Rückkehr nach Moskau, als die Deportationen der Wolgadeutschen nach Sibirien begannen. Wegen des deutschen Angriffs auf Moskau im Herbst 1941 wurde Plievier zusammen mit anderen Immigranten und Ausländern nach Taschkent (Usbekische SSR) evakuiert. Wohl wiederum mit Bechers Unterstützung kehrte Plievier im Spätsommer 1943 nach Moskau zurück. Dort trat er im September 1943 in das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) als ordentliches Mitglied ein.
Seine Aufgabe bestand zunächst darin, mit Rundfunkbeiträgen auf die deutschen Soldaten einzuwirken. Kurze Zeit später wäre es allerdings mit seiner Tätigkeit für das NKFD fast vorbei gewesen. Während eines Parisaufenthalts hatte er sich wieder mit Nestor Machno getroffen, der in der Ukraine mit seiner anarchistischen Bauernarmee, zusammen mit der Roten Armee, gegen die Weißen Armeen Denikins und Wrangels gekämpft hatte, dann aber seinerseits von der Roten Armee besiegt und ins Exil getrieben worden war. Plievier hatte begonnen ein Buch über die verschiedenen Gruppen in der Ukraine und die Pogrome gegen jüdische Bewohner zu schreiben. Dies wäre ihm fast zum Verhängnis geworden, da Frida Rubiner ihn denunzierte, mit Machno befreundet zu sein.
Stalingrad-Buch in 26 Sprachen
Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht sahen das jedoch als nicht erwiesen an und übertrugen ihm neue Aufgaben. Er sollte die Feldpostbriefe aus Stalingrad lesen. Diese Beschäftigung verschaffte ihm genaue Kenntnisse über den Untergang der deutschen Armee. Die Arbeit am neuen Roman begann; Plievier durfte monatelang gefangene deutsche Soldaten in Lagern bei Moskau befragen und erhielt Zugang zu sowjetischen Akten.
Die Erstfassung von Stalingrad erschien 1943/44 in der Zeitschrift Internationale Literatur in Fortsetzungen. Es war das erste Buch, das ehrlich über die Einzelheiten des Untergangs der 6. Armee in Stalingrad informierte; es wurde laut Kiepenheuer & Witsch in 26 Sprachen übersetzt und war sein erfolgreichstes Buch - mehr als drei Millionen Mal verkauft.
Mehr zu diesem Buch und zu seiner Entstehungsgeschichte findet sich unter der Überschrift Stalingrad, ein Roman über unfassbare Schrecken unter https://www.deutschlandfunk.de/erste-lesung-vor-75-jahren-stalingrad-ein-roman-ueber-100.html.
Darin wird auch eine autobiografischen Notiz Plieviers von 1953 zitiert, in der es heißt:
'Stalingrad schrieb ich in Moskau, wo ich elf Jahre von 1934 bis 1945 als Emigrant lebte. Und Stalingrad konnte in Moskau unter den Verhältnissen der sowjetischen Zensur geschrieben werden, weil der dargestellte Untergang einer deutschen Armee der damaligen sowjetischen Literaturpolitik zweckmäßig erschien.
Die sowjetische Zensur gestattete dem deutschen Autor, der nicht der Kommunistischen Partei angehörte, einen Reportageroman über die Schlacht von Stalingrad zu schreiben. Der gleichfalls im Moskauer Exil lebende, spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher bemerkte dazu in seinem Tagebuch:
Plievier erhielt im Gefangenenlager Ljunowo alle Möglichkeiten, sich ungestört mit Offizieren und Mannschaften der 6. Armee zu unterhalten; die Aussagen dieser lebendigen Modelle halfen ihm wesentlich und ließen Stalingrad zu der großartigen, zeitlich so unmittelbar geschaffenen Reportage werden, die sie ist und bleiben wird.
Vom November 1943 bis September 1944 erschien der in wenigen Monaten verfasste Text in Fortsetzungen in der Exilzeitschrift Internationale Literatur/Deutsche Blätter.
Drei Bücher über den Zweiten Weltkrieg
1945 erschien der Roman Stalingrad auch in Deutschland, beim Aufbau Verlag in Berlin, bei Rowohlt in Stuttgart/Hamburg sowie bei El Libro in Mexiko. Dieses Werk wurde später auch als Fernsehfilm und Theaterstück dramatisiert. Seine Trilogie über den Verlauf des Zweiten Weltkriegs im Osten umfasst die Romane Stalingrad (1945), Moskau (1952) und Berlin (1954).
Weitere Informationen zu diesem wichtigen Buch, das von Autorenkollegen wie Wolfgang Borchert, Alfred Andersch, Stephan Hermlin, Johannes R. Becher, Hermann Pongs, Jürgen Busche, Peter Härtling, Hermann Kant und Günther Rücker sehr gelobt wurde, lassen sich hier nachlesen:
http://www.reller-rezensionen.de/sachbuch/Plievier-stalingrad.htm
Alfred Andersch pries Stalingrad als das erste große Kunstwerk der deutschen Nachkriegsliteratur.
Verlagsleiter und Landtagsabgeordneter in Thüringen
1945 kam Plivier in amtlicher Funktion in die Sowjetische Besatzungszone und bezog ein Büro in Weimar. Dort arbeitete er zwei Jahre lang als Verlagsleiter und Vertreter des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und avancierte auch zum Teilhaber des Gustav Kiepenheuer Verlags. 1946 wurde er in den ersten Nachkriegs-Landtag des Landes Thüringen gewählt.
Neuanfang am Bodensee und letzte Lebensjahre (19471955)
Da Plievier sich mit den sich ändernden politischen Verhältnissen und einem dogmatischen Kommunismus nicht anfreunden konnte, verließ er im Herbst 1947, für eine Vortragsreise durch Westdeutschland, den sowjetischen Einflussbereich und kehrte danach nicht mehr zurück. Auf zahlreichen Kongressen in Berlin, Frankfurt, Amsterdam und Paris trat er für die Freiheit des Individuums und gegen totalitäre Staatsregime ein. Früh sah er in einem Vereinten Europa eine Möglichkeit, den Nationalismus zu überwinden. Sein Weltbild fasste Plievier eindrucksvoll in seiner Rede Einige Bemerkungen über die Bedeutung der Freiheit zusammen, die er auf dem Schriftstellerkongress in Frankfurt am Main 1948 hielt.
Er ließ sich in Wallhausen bei Konstanz am Bodensee als freier Schriftsteller nieder. Er trennte sich von Hildegard, vollzog seine Scheidung von Maria und heiratete 1950 dort die nur halb so alte Margarete Grote als seine zweite Ehefrau. Als gemeinsames Kind wurde die Tochter Cordelia geboren. 1953 kehrte Plievier, zusammen mit seiner Ehefrau und der Tochter, dem Deutschland des Kalten Krieges für immer den Rücken und siedelte sich in Avegno (Tessin) an.
Dort starb er am 12. März 1955 im Alter von 63 Jahren an einem Herzinfarkt. Und dort in Avegno wurde er auch beigesetzt.
Bei Wikipedia heißt es in einem Beitrag über Hildegard Piscator/Plievier:
Nach dem Krieg kehrte das Paar obgleich Nicht-Kommunisten mit einer Startgruppe der Kommunistischen Partei im Mai 1945 nach Deutschland zurück und bekam zum August 1945 Weimar als Aufenthaltsort zugewiesen. Im Anschluss an eine Lesereise Theodor Plieviers im Juli/August 1947 siedelte das Paar in die westdeutschen Besatzungszonen nach München über. Nach Angaben Hildegard Plieviers wurde auf Betreiben des Innenministeriums der UdSSR zweimal erfolglos versucht, sie mit Gewalt in die Sowjetische Besatzungszone zurückzubringen. Zeitweilig arrangierten US-Militärbehörden daher Schutzmaßnahmen für die Plieviers. Nach der Trennung von Theodor Plievier Ende 1947 lebte Hildegard Plievier weiter in München (Sendling). Nach dem Tod Theodor Plieviers 1955 verfasste sie in den 1950er und 1960er Jahren mehrere Romane unter anderem über ihre Emigrationszeit in der Sowjetunion.
Wirkungsgeschichte nach seinem Tod
Die Romane und Erzählungen von Theodor Plievier erlebten nach seinem Tod eine Reihe von Wiederveröffentlichungen, unter anderem im Aufbau-Verlag, bei Kurt Desch, bei Kiepenheuer & Witsch, und im Fischer Verlag. Eine Schule in Berlin-Gesundbrunnen trug zeitweise seinen Namen.
Lesenswert ist auch dieser Text aus dem Online-Magazin seemoz.de, das seit 2007 engagiert und konstruktiv das politische und kulturelle Geschehen im Bodenseeraum begleitet, vom 14. März 2024. Er ist unter der Internet-Adresse https://www.seemoz.de/theodor-plievier-revolutionaer-kommunist-dissident/ zu finden:
Theodor Plievier: Revolutionär, Kommunist, Dissident
In Konstanz literarisch ist Manfred Bosch der kulturellen Tradition der Stadt über fünf Jahrhunderte hinweg nachgegangen. seemoz porträtiert in lockerer Folge einige der dort vorgestellten Personen. Im Vordergrund stehen freiheitliche, demokratische und antifaschistische Traditionslinien im 19. und 20. Jahrhundert. Der international erfolgreiche Autor Theodor Plievier sollte in Konstanz nicht glücklich werden.
Uferstraße 44 lautete die letzte deutsche Adresse des Schriftstellers Theodor Plievier (18921955), bevor er 1952 nach fünf Jahren in Wallhausen ins Tessin weiterzog.
Abrechnung mit dem Stalinismus
Da sich Plievier von diktatorischen Regimen immer mehr abgewandt hatte, kehrte er 1947 von einer Reise in den Westen nicht mehr in die sowjetisch besetzte Zone zurück. Wohl durch Fürsprache des Verlegers Curt Weller teilte ihm die französische Besatzungsmacht in Konstanz die Dachwohnung in der ehemaligen Webschule in Wallhausen zu. Während seine dritte Frau Margret sich um deren Instandsetzung kümmerte, verfasste Plievier für den bevorstehenden Schriftstellerkongress in Frankfurt seine Rede Über die Freiheit eine Abrechnung weniger mit dem Kommunismus als mit dessen sowjetisch-stalinistischer Spielart, der er einen humanistischen Individualismus entgegensetzte. Plieviers Glaube, so Rudolf Hagelstange in einem Nachruf, war im Mutterland der Revolution geprüft worden. Das Ergebnis war eindeutig ausgefallen.
Literarisches Schaffen in Wallhausen
In seiner Wallhauser Zeit unterhielt Plievier engen Kontakt zu zwei Konstanzer Verlegern: Der befreundete Curt Weller, dem er im Frühjahr 1948 in einem Gästebucheintrag für seine hilfreiche Hand bei der Ansiedlung am Bodensee dankte, brachte in Lizenz den Erzählband Das gefrorene Herz (1948) sowie die Romane Haifische und Im letzten Winkel der Erde (beide 1949) heraus, und im Verlag Johannes Asmus Konstanz/Stuttgart erschien 1949 die vollständig neu bearbeitete Ausgabe von Des Kaisers Kulis (das Vorwort trägt den Vermerk Wallhausen, den 8. März 1949). Im Folgejahr stellte der Autor im Konstanzer Europa-Haus sein Hörspiel Die Ballade vom Frieden vor. Im Oktober 1949 reichte Plievier das Gesuch zum Bau des Hauses Uferstraße 44 am Ortseingang ein, das er selbst jedoch nur noch kurz bewohnte. Ursprünglich hatte Plievier am Bodensee [ ] für lange Zeit Anker werfen wollen, doch aufgrund zahlreicher Anfeindungen kehrte er 1952 Deutschland den Rücken und zog sich nach Avegno im Valle Maggia zurück. Dort starb er 1955 im Alter von 63 Jahren.
Text: Manfred Bosch
Als letzter Hinweis sei hier außerdem noch ein weiterer informativer Beitrag der Weimar-Lese von Christoph Werner unter der Überschrift Theodor Plievier Schriftsteller und Menschenfreund hinzugefügt:
https://www.weimar-lese.de/persoenlichkeiten/p/plievier-theodor/theodor-plievier/
Und so viel erstmal zu den guten Gründen für das Plädoyer für Plievier.
Bleiben Sie ansonsten weiter vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher gewogen. Auch das dritte Februar-Paket mit Sonderangeboten ist schon wieder gepackt und geht wieder in Kürze auf die Reise und zwar noch einmal per Eisenbahn. Hoffen wir, dass sie trotz Eis und Schnee (einigermaßen) pünktlich und überhaupt fährt
Apropos Winter und Kälte, Schnee und Eis. Irgendwie passend zur aktuellen Jahreszeit und Wetterlage trägt eines der nächsten fünften Sonderangebote den Haupttitel Der Glatteisagent und der Untertitel klärt weiter auf Eine Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges. Wenn Opa Raschke erzählt.
Autor dieses Romans, den EDITION digital 2015 sowohl als gedruckte Ausgabe wie als E-Book veröffentlicht hatte und der auf wahren Begebenheiten Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre beruht, ist Ulrich Hinse ein Insider, wie man weiß.
Hintergrund der deutsch-deutschen Spionagegeschichte sind für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit wichtige Informationen über die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen am Forschungsreaktor Karlsruhe. Die DDR fürchtete, dass die Bundesrepublik eine Atombombe bauen könnte. Und mittendrin war damals ein Mann namens Reiner Paul Fülle, der seinen Jägern vom Bundeskriminalamt allerdings im Sichtschutz einer Straßenbahn bei Glatteis entwischt. Später gelangt er auf eine höchst merkwürdige und unbequeme Weise in die DDR, in der er aber nicht für immer bleibt. Und der Leser versteht, warum der Teufel ein Eichhörnchen ist.
Bitte, Herr Fülle, so Minister Mielke, nehmen Sie doch bitte neben mir Platz. Nach dieser Einladung war Reiner Fülle sehr stolz auf diese besondere Wertschätzung, den Ehrenplatz neben dem Chef der DDR-Staatssicherheit zugewiesen bekommen zu haben. Und damit nicht genug. Noch vor Beginn des Essens, das der Minister für erfolgreiche, aber von einem Überläufer enttarnte Kundschafter gab, wurden Orden verteilt. Und den höchsten von allen bekam wiederum Fülle. Im Auftrag des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker übergab ihm Staatssicherheitsminister Mielke den Vaterländischen Verdienstorden in Gold, die höchste Auszeichnung, die es neben dem Karl-Marx-Orden in der DDR gab. Diese Szene spielt sich kurz vor dem Ende des zweiten Drittels dieses Buches von Ulrich Hinse ab, der zuvor vor allem durch seine Schweriner und Pinnower Krimis mit dem scheinbar vornamenlosen Ermittler Erster Kriminalhauptkommissar Raschke sowie durch seinen historischen Bestseller Das Gold der Templer bekannt geworden war.
Vorbild für die Hauptfigur ist ein tatsächlich existierender Kundschafter des Friedens, den Hinse in seinem spannenden Roman beim richtigen Namen nennt: Reiner Paul Fülle, seit 1964 für das MfS tätig. Bis zu seiner Enttarnung und Verhaftung am 19. Januar 1979 lieferte Klaus, so sein Deckname, Informationen über seinen brisanten Arbeitsplatz - den Forschungsreaktor Karlsruhe, wo eine Anlage zur Wiederaufarbeitung von Uran und Plutonium gebaut wurde. Würde die Bundesrepublik Atombomben bauen, fragte sich der andere deutsche Staat.