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Bonjour citoyen von Ulrich Völkel
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
05.10.2015
ISBN:
978-3-95655-528-2 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 306 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Biografisch, Belletristik/Familienleben, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Politik
Memoiren, Berichte/Erinnerungen, Literaturwissenschaft: Dramen und Dramatiker, Historischer Roman, Biografischer Roman
19. Jahrhundert, Georg Büchner, DDR, Darmstadt, Vormärz, Schriftsteller, Revolutionär, Naturwissenschaftler, Straßburg, Zürich, Drama, Exil, Flucht, Wende
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Stadl wechselte die Szene. Die Wohnung Weidigs in Butzbach. Der Mann sitzt am Sekretär und arbeitet, als die beiden Besucher kommen. Er ist überrascht, dass ihm Becker, den er kennt, einen Fremden ins Haus bringt. Er mustert den jungen Mann schnell. Er ist zufrieden.

„Na, du alter Schnorrer, kommst du wegen einer warmen Suppe? Sollst du haben. Wie geht es in Gießen?“

„Die braven Bürger sind damit beschäftigt, ihre Kinder zu verhauen und ihre Weiber zu schwängern.“

Weidig lachte. „Letzteres muss ja nicht das Ärgste sein.“ Dann wandte er sich an Georg Büchner. „Und Sie, junger Freund?“

„Sein Liebchen hockt in Straßburg und weint sich die Augen aus“, parierte Becker. „Deshalb will er sich die Zeit mit dem Verfassen einer Flugschrift vertreiben.“

Weidig war sofort hellhörig. „Eine Flugschrift? Worum soll es dabei gehen?“

„Man muss die Dinge beim Namen nennen. Nur die materiellen Bedürfnisse der großen Massen führen eine notwendige Änderung herbei, also müssen wir die Massen auf eine durchgreifende Art für die Revolution gewinnen, was vor der Hand nur durch Flugschriften und konspirative Zirkel geschehen kann.“

Es ist Beckers Aussage, rief sich Stadl ins Gedächtnis, nicht original Büchnertext, vier Jahre später und vor Gericht gemacht. Er wollte genau bleiben.

Weidig betrachtete ihn nachdenklich. Schließlich sagte er: „Die Bauern glauben an Gott im Himmel. Man muss sie lehren, an Gott im Menschen zu glauben.“

„Les prolétaires savent très bien que l‘avenir social est dans le peuple“, zitierte Büchner.

„Und nicht nur mit Wort und Schrift ist zu kämpfen, sondern mit dem Eisen in der Hand auch. Denn eine Flugschrift“, sagte Weidig, „muss ihre Überzeugungsgründe aus der Religion des Volkes nehmen und in den einfachen Bildern des Neuen Testamentes die heiligen Rechte der Menschen erklären.“

Büchner widersprach entschieden. „Das Verhältnis zwischen Armen und Reichen ist das einzige revolutionäre Element in der Welt, der Hunger allein kann die Freiheitsgöttin sein und nur ein Moses, der uns die sieben ägyptischen Plagen ...“

„Zehn“, korrigierte Weidig freundlich. „Es sind zehn Plagen. 2. Buch Mose, 7 und 14. Entschuldigen Sie den Schulmeister.“

„... ägyptischen Plagen auf den Hals schickt, könnte ein Messias werden.“

„Ich denke“, meldete sich Becker endlich zu Wort, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, um zu beobachten, wie die beiden sich aneinander rieben und einander forderten, „das Volk hat keine Ursache, seine Unterdrücker zu hassen. Sie sollen beide die gesellschaftliche Ordnung verfluchen und zertrümmern, die sie in ein so falsches und unmenschliches Verhältnis gebracht hat. Sie sind alle schuldig und unschuldig, je wie man es nimmt.“

Das kann er nur ironisch gemeint haben, sagte sich Stadl. War es nicht überhaupt ein Zitat, das er benutzte, um seine eigentliche Philosophie zu begründen, die darin bestand, alles in die Luft zu sprengen, um das Chaos wiederherzustellen, die einzige Ordnung, an die August Becker wirklich glaubte? Büchner ging auf die Bemerkung nicht ein.

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