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Wer gibt uns die Träume zurück von Elisabeth Schulz-Semrau
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
18.07.2014
ISBN:
978-3-86394-713-2 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 262 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Liebesroman/Geschichte/20. Jahrhundert, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Moderne Frauen, Belletristik/Politik
Historischer Roman, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Kriegsromane, Liebesromane, 20. Jahrhundert (1900 bis 1999 n. Chr.)
2. Weltkrieg, Königsberg, Kaliningrad, Waisen, Vergewaltigung, Vertreibung, Ostpreußen, Krieg, 20. Jahrhundert
12 - 99 Jahre
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Auch die Schule blieb von Neuerungen nicht verschont, so musste jede Unterrichtsstunde mit Erheben des rechten Armes begonnen werden, was Lehrern und Schülern anfangs ebenso peinlich wie grotesk erschien. Der Geist der Schule veränderte sich dadurch kaum. Der Lehrkörper war etwas überaltert und wenig dazu angetan, das neue Gedankengut des Nationalsozialismus den Schülerinnen gegenüber wirklich mit Leben zu erfüllen. Diskussionen ergaben sich, als zwei jüdische Mitschülerinnen einer Ausweisung von der Schule zuvorkamen und mit ihren Eltern auswanderten.

Die katholischen Schülerinnen, zu denen Elisabeth gehörte, schlossen sich enger zusammen. Die neue Weltanschauung widersprach offensichtlich der christlichen Lehre von der Gleichheit aller Menschen vor Gott ohne Unterschied der Rassen.

Elisabeth sympathisierte in keiner Weise mit dem tausendjährigen Reich, aber sie fühlte sich auch nicht zu einer bekennenden Gegnerschaft aufgerufen. Ihr Alltag war schwer genug.

Endlich, nach anderthalb Jahren, konnte sie den Geliebten und die Tante wiedersehen.

Diesmal gestand die Tante unter Tränen, sicher durch Roberts Vermittlung, Elisabeths Mutter zu sein. Welch glückliche Erlösung für das Mädchen, alles ließ sie sich genau berichten.

So sehr sie aber an ihrer rechten Mutter hing, eines blieb sie auch in der Folgezeit für sie: Tante Barbara. Es durfte ja auch jetzt noch niemand von ihr wissen. Außerdem scheute sie sich, das vertraute Mutterwort auf zwei Menschen gleichzeitig anzuwenden. Die Mutter blieb doch jene Frau, die sie von klein auf umsorgt und betreut hatte.

Etwas bewegte Elisabeth noch nach diesen Ferien. Robert hatte verlangt, die Sünde ihrer Liebe - wie auch er es getan habe - zu beichten. Elisabeth vermochte nicht einzusehen, wieso ihre Liebe eine Sünde sein sollte. Als sie in Königsberg wirklich in der Propstei-Kirche einem Priester dieses Problem vorstellte und auch er es Sünde nannte, geriet sie zunehmend in Glaubenszweifel.

Ein Vorwurf des Geistlichen allerdings haftete: Warum legitimiert der Mann dann nicht eure Beziehung?

Dazu und zur Entdeckung gegenüber Tante Barbara verstand sich Robert aber nicht. Elisabeth begann, ihr Geheimnis langsam als schmerzhaft zu empfinden. Das Abitur nahte, und sie merkte, dass sie, um es gut zu bestehen, mehr Zeit für sich brauchte.

Sie sagte nach Weihnachten die Nachhilfestunden ab, paukte so intensiv sie nur konnte.

Am Prüfungstag, im neuen Examenskleid, ein Geschenk der guten Tanten, fürchtete sie, längst nicht genug getan zu haben.

Und - erhielt am Abend ihr »Mit GUT bestanden«!

Atemlos eilte sie mit der Nachricht zuerst zu den beiden Tanten. Wie stolz waren beide!

Eine Abiturientin hatte es noch nie in ihrer Mitte gegeben. Ein Onkel hielt eine gemächlich dahinzockelnde Droschke an und verfrachtete die Heldin des Tages darin zu einer Fahrt durch die Königsberger Altstadt. Dann kamen, von Verwandten und Bekannten geschenkt, die Albertinen. Man trug sie an einem goldbestickten Käppchen als Zeichen für die würdige Anwartschaft auf ein Studium an der Albertina Universität.

Dieses Glück ließ Elisabeth ein wenig überschäumen, und sie tat etwas, das ihr den Unmut der Tante und den zeitweiligen Liebesentzug Roberts einbrachte. Sie hatte gemeint, das Recht zu haben, den in Mitteldeutschland lebenden Großvater, Vater ihres richtigen Vaters, brieflich von ihrer Existenz zu informieren. Erst als der Brief als unzustellbar zurückkam, schrieb sie den beiden in der Tuchler Heide davon. Postwendend antwortete die Tante mit dem Verbot, sich dem Großvater erneut zu nähern.

Mein Name darf nie genannt werden! Und - ich bereue, Dir alles erzählt zu haben!

Ein zweites Mal verstieß eine Mutter ihr Kind. Womöglich schmerzhafter war, Robert schien es zu akzeptieren.

Als Elisabeth Robert bat, sich mit ihr in Danzig zu treffen, damit er sie bei ihrer Studienwahl berate, erreichten sie ein paar nichtssagende Zeilen, die nicht auf ihren Vorschlag eingingen. Da ahnte Elisabeth, dass sie allein war!

Und sie begriff dazu, ihrem Herzenswunsch, Philologie zu studieren, müsse sie entsagen; ihre Mutter war nicht mehr bereit, vielmehr nicht mehr in der Lage, der Tochter freie Pension zu gewähren ...

Also irgendeine Arbeit. Diesmal verhalf das Abitur zu einer Lehrstelle als Buchhändlerin. Zwölf Mark fünfzig erhielt Elisabeth monatlich im ersten Lehrjahr ausgezahlt, zehn Mark gehörten der Mutter, zwei Mark fünfzig ihr.

Nach einem Lehrjahr erfuhr sie, dass sie nach dreijährigem Abschluss sechzig Mark verdienen würde und es nach fünf Gehilfenjahren auf neunzig Mark bringen könnte.

Elisabeth trainierte erneut Schreibmaschine und Stenografie. Als sie sich sicher genug fühlte, ging sie zum Leiter der obersten Finanzbehörde und bot mit Erfolg ihre Fähigkeit an. Sie verließ nach genau einem Jahr den Buchhandel und vermochte endlich, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Welch ungeheure Erleichterung, nicht mehr auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein! Allerdings schmerzte, es ohne Übereinstimmung mit Robert und ihrer richtigen Mutter schaffen zu müssen.

 

Wer gibt uns die Träume zurück von Elisabeth Schulz-Semrau: TextAuszug