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Eine deutsche Novelle von Theodor Plievier
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Preis E-Book:
5.99 €
Veröffentl.:
12.01.2026
ISBN:
978-3-68912-637-7 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 214 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Geschichte, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Historischer Roman, Kriegsromane: Zweiter Weltkrieg, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories
Novemberrevolution, Schuldfrage, Gewissenskonflikt, Matrosenaufstand, Kiel 1918, Gewalt, Mitläufertum, Verantwortung, Erinnerungsarbeit, politisches Trauma, Nationalsozialismus, Machtübernahme, Täter und Opfer, innere Zerrissenheit, Zeitgeschichte, politische Moral, deutsche Geschichte, Antimilitarismus, individuelle Schuld, historische Novelle, Auschwitz, Spanien
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Und da kam ein alter Obermaat auf mich zu.

„Junge, schmeiß das weg!“, sagte er zu mir. Wie ein Vater sagte er das. Ich griff nach dem Koppelschloss, es sprang auf und fiel samt Seitengewehr und Patronentaschen in den Rinnstein. Die Pistole warf ich hinterher. Jetzt erst dachte ich an meine Kameraden. Dabei fiel mir der Bremer ein, und dass ich sah, wie eine Eisenstange auf ihn eingeschlagen hat. Im gleichen Moment, in dem ich mich von dem niedergetretenen Leutnant abwandte, muss das geschehen sein. Aber das mit dem Bremer war ebenfalls sonderbar, auch so ein zusammenhangloses und selbstständiges Bild in meinem Kopf, dabei so genau, dass ich es heute noch aufzeichnen könnte, sogar, dass die Stange so ein schmiedeeisernes Zierstück von einem Gartenzaun war, wusste ich. Jetzt aber sah ich mich nach dem Bremer um. Er war nicht mehr da. Auch alle andern waren weggelaufen. Ganz allein stand ich unter den vielen Menschen auf dem Platz. Einen Verwundeten sah ich, der seine Arme über die Schultern von zwei Matrosen gelegt hatte und mit nachschleifenden Beinen weggeschleppt wurde. Andere trugen einen Toten vorbei. Mir war, als müsse ich helfen oder wenigstens hinter dem Zug hergehen.

Dann erfasste mich die Angst.

Vorher hatte ich gar keine Zeit, Angst zu haben. Jetzt fing ich zu laufen an, nur weg von dem Platz. Bis ich plötzlich vor einem Offizier stehe, vor unserm dicken Hauptmann, und ich reiße die Knochen zusammen. Und da sehe ich, dass er vor mir, ich muss wohl wild ausgesehen haben, einen wahren Schrecken bekommt. Er starrt mich an, mein aufgelöstes Halstuch, meinen offenen Überzieher, die Stelle, wo das Koppelzeug fehlt. Und ich bin wie umgewandelt und brülle ihn an: „Leutnant Steinhäuser ist totgeschlagen worden, von den Matrosen, 5000 oder 10 000 Mann, ich weiß nicht …“ Ich denke, jetzt wird er die in Reserve liegende Kompanie, die „alten Leute“, die er tags zuvor auf dem Kasernenhof noch geschliffen hat, alarmieren. Aber er sagte nur: „Kommen Sie“, läuft neben mir her und legt gar keinen Wert mehr darauf, dass ich die vorschriftsmäßigen fünf Schritte hinter ihm bleibe. Ich fange recht zu laufen an, damit er noch mehr außer Atem kommt. Er kann vor Angst gar nicht rasch genug zur Kaserne kommen.

„Totgeschlagen?“, keucht er neben mir.

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