Specials
Firmenlogo
Verlag für E-Books (und Bücher), Handwerks- und Berufszeichen
Sie sind hier: Das gefrorene Herz. Erzählungen von Theodor Plievier: TextAuszug
Das gefrorene Herz. Erzählungen von Theodor Plievier
Format:

Klicken Sie auf das gewünschte Format, um den Titel in den Warenkorb zu legen.

Preis E-Book:
5.99 €
Veröffentl.:
09.01.2026
ISBN:
978-3-68912-635-3 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 214 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Geschichte, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Historischer Roman, Kriegsromane: Zweiter Weltkrieg, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories
Kriegserzählungen, Zweiter Weltkrieg, Antikriegsliteratur, Moralischer Verfall, Schuld und Verantwortung, Soldatenschicksale, Frontalltag, Gewalt, Entmenschlichung, Gewissen, Ideologie, Faschismuskritik, Verlust, Tod, Hunger, Kälte, Angst, Menschlichkeit, Zeitgeschichte, Ostfront
Zahlungspflichtig bestellen

Das Land des Grauens

Heute kam Dein lieber, trauriger Brief vom 4. Januar. Was Du schreibst, hat auch mich traurig gemacht. Es ist das erste Mal, dass Du klagst, mit Deinem Los nicht zufrieden bist. Ich kann Dich gut verstehen. Die Kämpfe im Osten dauern so lange, sind so hart. Niemand wünscht sehnlicher als ich, dass Du endlich fortkommen möchtest aus diesem Land des Grauens. Nein, Sommer kann es nicht noch einmal werden. In dieser Umgebung geht Ihr ja seelisch zugrunde. Wie es um Euch steht, lese ich zwischen Deinen lieben Zeilen. Du hättest sonst nicht so traurig geschrieben. Alles Schwere trage ich mit Dir, merkst Du das nicht! Mein Junge, der immer zufrieden war, wie es auch kam, ist auf einmal so verzagt. Kopf hoch, liebes Herz …

 

„Dein Brief vom 4. Januar“, schreibt sie … Wann war das, und was war da? Eine Hütte war da, eine Hütte am Wege, und endlich Schlaf, nach langem Marschieren endlich einmal Schlaf. Aber das stimmt nicht, die Worte stimmen nicht. Eine Hütte ist keine Hütte, und Marschieren ist nicht Marschieren, und Schlaf ist nicht Schlaf. Die Hütte war nur ein erschüttertes und unter der Schneelast zusammengesunkenes Gefüge. Und Marschieren war Laufen und Sichhinwerfen und Feuern, was die Rohre hergaben, und wieder Laufen und wieder Im-Schnee-Liegen, und wieder … doch auch Laufen (aber wo kommt man da hin!) – nein, auch Laufen war das nicht, Taumeln war es und Weitermüssen, trotz allem. Und Wilhelm Fiß bekommt einen Kopfschuss und fällt und gibt keinen Laut mehr von sich. Und Mirs fällt mit einem Lungenschuss und bleibt ebenfalls liegen. Und Gundelsperger hat einen Beinschuss und setzt sich hin. Und der Himmel ist in Bewegung und wirft Schnee über die marschierende Gruppe, und Fiß und Mirs und auch Gundelsperger bleiben für immer zurück. Dann ist es Bublitz, der erfriert im Marschieren und fällt aus der Reihe heraus, und der treibende Schnee deckt ihn sofort zu. Das Letzte von Bublitz hat er, der am Ende der in langer Reihe marschierenden Kompanie ging, genau gesehen. Durch die von der Kälte beschlagenen Brillengläser, hat er ihn neben den Fußstapfen der anderen liegen sehen. Auf das Gesicht war er gefallen, ein grauer Strich und auf dem Rücken das Kochgeschirr, so ragte er aus dem Schnee auf, Schlafdecke und Kochgeschirr, mehr hatte er nicht besessen. Tornister und Schnürschuhe und alles andere war auf dem Rückmarsch verbrannt worden, so war es befohlen. Fiß und Mirs und Gundelsperger und der Bublitz, das waren vier. Karl Knockenfuß, Andreas Niedermeier, Peter Lobes und er selbst, das sind die andern vier, die übrig blieben, die an die zusammengefallene Hütte gelangten, dort übereinander hinsanken und in einen tiefen Schlaf fielen. Aus diesem Schlaf, der nichts als Stürzen durch eine weiße Nacht war, aus diesem Schlaf war er aufgefahren, hatte nach einem Stück Papier gegriffen und an Monika geschrieben. Und weshalb hat er geschrieben – das Ausstrecken einer Hand war es, das Greifen nach einem Halt, dem einzigen, der geblieben war. Der noch geblieben war, so schien es damals. Doch auch diesen Halt gibt es nicht mehr. Schon der Butschkow und der Zenker und der Joris, die den Rückzug nicht mitgemacht haben und erst hier im Igel zu uns gekommen sind – wir sprechen täglich mit ihnen, lösen einander auf Posten ab, schlafen im selben Erdloch – aber sie sind uns Fremde geblieben. Den Weg durch den Schnee, und was auf dem Wege geschah, das haben sie nicht mitgemacht, das steht zwischen uns, und ihre Worte und unsere Worte bedeuten nicht dasselbe. Aber Monika, wie weit ist Monika! Und hat es einmal Monika gegeben, hat es solche Stille gegeben – auf dem sauber gedeckten Frühstückstisch die Morgensonne, helle Lichter auf dem Kaffeegeschirr, Hände, die Brote zurechtmachen, und wenn die Tasse leer ist, immer wieder einschenken, der Blick auf die Frau, und weiter durch das helle Fenster über grüne Baumkronen hinweg … haben Tage einmal so beginnen können! Alles war wirklich, und es ist nicht mehr. Der Butschkow und der Zenker und der Joris, als sie in das halb fertige Erdloch kamen, haben große Augen gemacht. Die Hälfte von uns erfroren, unsere Füße und Hände kaputt, wir alle fertig! Aber wie fertig wir waren, das wussten sie nicht, und das wissen sie heute noch nicht. „Land des Grauens“, schreibt Monika. „Dort geht Ihr seelisch zugrunde“, schreibt sie. Weiß sie, kann sie ahnen? … Kann ich jemals zurück, kann ich das Gesicht an ihre Schulter pressen, kann ich vergessen, was auch wirklich war? Erst wir, dann die Einwohner, hieß es bei uns. Ein Stück Brot, und wenn es das letzte in der Schublade war, war eben gut, um uns Kraft für noch einige Kilometer Marsch zu geben, und eine Hütte war eben gut, um sie in Feuer aufgehen zu lassen und uns daran zu erwärmen. Wie viele Menschen mussten sterben, damit vier Mann hundertzwanzig Kilometer zurücklegen konnten; wieviele Frauen und Kinder ließen wir, wenn wir weiter in die Schneenacht zogen, in dem Rauch, der hinter uns blieb, zurück … Kopf hoch, liebes Herz! Ach, Monika, Dein Robert, Robert Duff, erhebt seinen Kopf niemals mehr! Es liegt nicht hinter uns, in uns liegt das Land des Grauens!

Das gefrorene Herz. Erzählungen von Theodor Plievier: TextAuszug