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Das Versteck im Wald von Siegfried Maaß
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
14.08.2016
ISBN:
978-3-95655-624-1 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 127 Seiten
Kategorien:
Kinder-und Jugendbuch/Action und Abenteuer/Überlebensgeschichten, Kinder-und Jugendbuch/Jungen und Männer, Kinder-und Jugendbuch/Soziale Fragen/Selbstwertgefühl und Selbstständigkeit, Kinder-und Jugendbuch/Soziale Fragen/Vorurteile und Rassismus, Kinder-und Jugendbuch/Soziale Fragen/Gruppendruck, Kinder-und Jugendbuch/Soziale Fragen/Gewalt, Kinder-und Jugendbuch/Soziale Fragen/Werte und Tugenden, Kinder-und Jugendbuch/Politik und Regierung
Kinder/Jugendliche: Familienromane, Kinder/Jugendliche: Schulromane, Kinder/Jugendliche: Persönliche und soziale Themen: Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein, Politthriller/Justizthriller, Kriegsromane: Zweiter Weltkrieg, Generationenromane, Familiensagas, empfohlenes Alter: ab 11 Jahre, Deutschland, 1940 bis 1949 n. Chr.
2. Weltkrieg, 20. Jahrhundert, Polen, Deutschland, Fremdarbeiter, Faschismus, Nationalsozialismus, Familie, Familienbeziehungen, Jugendbuch, Krieg, Vater, SA, Gestapo
10 - 99 Jahre
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Ich hatte es tatsächlich geschafft, unbemerkt aus dem Wald herauszukommen.

Wie eine Tänzerin war ich auf den Fußspitzen „geschwebt“, um möglichst jeden Laut zu vermeiden. Trotzdem knackte manchmal ein Ast oder raschelte Laub. Dann blieb ich jedes Mal stehen und lauschte. Meine Ohren sind ja groß, wie du weißt. Nicht einmal zu atmen wagte ich. Auch ein Eichelhäher, der mich Eindringling laut verschrie, ließ kurzzeitig meinen Atem stocken. Erst, nachdem ich mir sicher war, dass sich wirklich niemand in meiner Nähe befand, setzte ich meinen „Schwebetanz“ fort. Als ich mir dann später vorzustellen versuchte, wie meine merkwürdige Art der Fortbewegung ausgesehen haben muss, konnte ich endlich befreit auflachen. Damals nahm ich mir vor, mich irgendwann einmal in dieser Bewegung und Körperhaltung im großen Spiegel des Kleiderschranks zu betrachten. Doch schon bald hatte ich diesen Gedanken wieder verdrängt und mich erneut auf den Ernst des Geschehens besonnen.

Offenbar waren Rake und seine Meute mit Einbruch der Dämmerung in die Stadt zurückgekehrt. Sehr gut konnte ich mir ihre Wut und Enttäuschung vorstellen. Ausgerechnet von mir, dem „Wurzelzwerg“, mussten sie sich an der Nase herumführen lassen! Ich wagte gar nicht an den nächsten Morgen in der Schule zu denken. Was würden sie sich noch einfallen lassen, um sich an mir zu rächen?

Zu meiner großen Überraschung hatte sich meine Mutter kaum Sorgen um mich gemacht. Sie hatte tatsächlich angenommen, dass ich wegen der Wagendeichsel beim Hausmeister unserer Schule gewesen wäre. Vielleicht hatte die Reparatur mehr Mühe bereitet, als zuvor angenommen? Doch als sie dann bemerkte, wie verschmutzt ich war, wollte sie selbstverständlich genau wissen, wo ich mich so lange „herumgetrieben“ hätte, wie sie es nannte. Auf diese Frage hatte ich mich natürlich vorbereitet. Ich wäre im Wald gewesen, um Holz zu sammeln, antwortete ich darum schlagfertig. Einfach so, wie früher, ohne den Leiterwagen. Für längere Erklärungen hatte ich keine Zeit. Meine Mutter hatte mir, ohne es zu ahnen, zu einer wichtigen Erkenntnis verholfen: Ich musste tatsächlich wegen der Wagendeichsel zum Hausmeister. Mit dem Wagen konnte ich Jan aus dem Wald holen ... So wie ein Schmuggler heimlich seine Ware transportiert, dachte ich. Darüber hatte ich vor kurzer Zeit eine spannende Geschichte in einem alten Schulbuch gelesen. Ich hatte es zufällig auf dem Boden entdeckt.

Jan aus dem Wald holen?

Dieser Gedanke überraschte mich selbst.

Was hatte ich denn mit dem fremden Jungen aus Polen zu tun? Er war doch ein Feind! Wieso kam es mir überhaupt in den Sinn, ihn in Sicherheit bringen zu wollen? Mein Vater verbrachte wichtige Zeit seines Lebens im U-Boot, um gegen den Feind zu kämpfen. Um uns in der Heimat vor dem Gegner zu beschützen. Das sind Worte meiner Mutter. Und ich? Was hatte ich mir da ausgedacht? Sollte ich meinem eigenen Vater in den Rücken fallen?

Mir schwirrt der Kopf!, behauptete meine Mutter manchmal, wenn sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag abends auf das Küchensofa setzte. Ich glaube, in diesem Augenblick begriff ich zum ersten Mal, was sie damit meinte. So wie ihr an einem solchen Abend war auch mir jetzt zumute.

Weißt du, wie es in einer Sauna zugeht? Erst sitzt du auf der Bank und schwitzt, bis du glaubst, du würdest gleich kochen. Danach springst du in kaltes Wasser und denkst, du befindest dich kurz vor einem Kälteschock. Warum ich dir das erzähle? Damit du dir vorstellen kannst, wie ich mich fühlte. Drinnen, meine ich. Die Sauna spürst du mehr außen, auf der Haut. Aber bei mir fand dieses Heiße und das Eiskalte danach tief drinnen statt. Und wie sonst meiner Mutter schwirrte mir jetzt der Kopf.

Was sollte ich tun?

Jan dort oben hocken lassen, damit er sich selbst hilft? Wie weit würde er aber ohne Hilfe kommen?

Oder zur Polizei oder SA gehen und sagen, was ich wusste? Dann würde man mich öffentlich loben, vielleicht sogar in der Zeitung als einen guten Deutschen herausstellen, einen, der weiß, worauf es ankommt. Rakes Gesicht wollte ich dann sehen! Nie wieder würden er und die Meute es wagen, mich als ihren „Spielball“ zu benutzen, mich nie mehr als „Wurzelzwerg“ ins Mauseloch stecken! In meinen Vorstellungen kostete ich diesen glücklichen Umstand schon begierig aus.

Doch dann drängte sich mir plötzlich der Anblick des polnischen Jungen in seinem leichten Zeug auf. Mir kam es vor, als würde ich in seine Augen blicken. Darin erkannte ich große Traurigkeit ebenso wie seine Angst. Glaub mir, in diesem Moment fror ich genauso, als wäre ich aus der heißen Sauna hinaus in Schnee gesprungen.

Von einer Sekunde auf die andere hatte ich mich entschlossen, Jan zu helfen. Oder was hast du von mir erwartet? Dass ich ihn tatsächlich an die SA verraten hätte?

Das Versteck im Wald von Siegfried Maaß: TextAuszug