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12.-15. März 2020
Halle 4, Stand B 301/401

Wind im Gesicht von Heinz Kruschel
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
10.12.2017
ISBN:
978-3-95655-144-4 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 404 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Liebesroman/Aktuelle Zeitgeschichte, Belletristik/Politik
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Hochschulbildung, Fort- und Weiterbildung, Zweite Hälfte 20. Jahrhundert (1950 bis 1999 n. Chr.)
Biologie, Lehrerausbildung, Hochschule, Dozent, Forschung, Liebe, Studenten
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Karnel fuhr zu einer Tagung nach Berlin. Über dem Lande lag dichter Nebel, das Wetter war novemberhaft. Der D-Zug schlich, stoppte vor größeren Stationen, die Sichtweite betrug keine fünfzig Meter, und erst am späten Vormittag lösten sich die milchigen Schwaden vom Boden. Karnel fuhr gern mit der Eisenbahn. Hier konnte er ungestört Menschen beobachten, das Päckchen gekaufter Zeitschriften durchblättern und sich über die Gleichheit der Thematik ärgern, man konnte auch bloß nach draußen sehen auf die gleitenden Wälder und Baustellen, Brücken und Flüsse, dabei konnte man denken, wenn man wollte. Wenn man musste, wie in seinem Falle. Er dachte an das Gespräch, das er gestern Abend mit Doktor Itter geführt hatte. „Ich habe bei der Assistentin Turk hospitiert, man muss ihr wohl helfen.“

Karnel war nicht überrascht von dem Besuch. Janne hatte ihm von der Hospitation erzählt. „Sie verlangt viel, nichts dagegen zu sagen, aber sie glänzt, sie glänzt mit ihrem Wissen, mit brillanten Wendungen, mit vielen, nach meiner Meinung zu vielen Fremdwörtern, sie wird nicht von allen verstanden; ich fürchte, sie verzichtet auch allzu schnell auf die Mitarbeit der Studenten, die ihr nicht folgen können. Begreifen Sie meine Sorge?“

Der Zug fuhr in das Randgebiet Berlins ein. Der Nebel war völlig gewichen, der Himmel strahlte blau.

Jannes Verhalten war keineswegs abnorm, fand Karnel, sie hatte eine einfache Straße gehabt, der Schotter und die Feldsteine auf dem Wege kommen erst noch, Karnel wusste, was Itter und andere an ihr schätzten: ihre Offenheit, ihre Sucht nach Wahrheitsfindung. Aber er wusste auch, was man mit Misstrauen registrierte: ihren Fanatismus (es gibt im Leben nun mal keine vollkommene Konsequenz) und ihre Ich-Bezogenheit (das war eine Unterstellung, eine Behauptung ohne schlüssigen Beweis).

Auch darüber hatte Itter mit ihm gesprochen, und Karnel hatte erwartet, dass der Lehrstuhlleiter etwas zu dem „Fall Karnel“ sagen würde, mindestens aber zu dem Puschendorf-Artikel, aber darüber verlor Itter kein Wort, und er, Robert Karnel, hatte auch keine Lust, ihn danach zu fragen. Für Itter war so etwas ein Kavaliersdelikt, mindestens aber eine „unwissenschaftliche Art“. Peinlich, Herr Kollege, also redet man nicht darüber. Im Lehrstuhl wollen wir im Februar unsere Vorschläge für die Reform ausarbeiten.

Karnel blickte durch das Fenster und blinzelte in die Sonne.

Es wird Zeit, dass sich der Lehrstuhl dazu aufrafft, alles geht zu schlaff und zu langsam. Warum hatte Itter überhaupt bei Janne hospitiert? Das war nicht üblich, Janne gehörte zu einem anderen Lehrstuhl ...

 

Die Tagung fand in der Universität statt, und Karnel kam trotz der Zugverspätung noch zum Hauptreferat des greisen, massigen Gelehrten zurecht, der über die Kybernetik in der molekularen Biologie sprach, ruhig, mit sonorer Stimme, fast frei. Der Greis wirkte wie ein ehrwürdiger Priester, der einem alten Gemälde entstiegen war. Karnel liebte solche Tagungen. Er konnte seine eigenen Ansichten mit den hier ausgesprochenen Aufgaben der Biologie konfrontieren und fühlte sich froh, wenn er sie bestätigen konnte.

Als der Gelehrte zum Schluss seines Vortrages kam, entdeckte Karnel Posalaky im Raum, der Ungar hob grüßend einen Finger.

In der Pause kam Doktor Posalaky auf Karnel zu. „Gratuliere“, sagte der schmächtige Ungar, packte Karnels Rechte mit beiden Händen und schüttelte sie.

„Danke, danke“, sagte Karnel, „aber wozu denn?“

„Erstens hast du mir deine Schrift geschickt, die über Probleme der Theoretischen Biologie, exzellent. Zweitens habe ich hier in Berlin von deinen Forderungen erfahren, die eine Zeitung veröffentlicht hat - gute Gedanken. Wie sagt man bei euch? Du bist ein Schritthalter, nein, ein Schrittlaufer ...“

„Ein Schrittmacher.“

„Richtig, ein Schrittmacher der Schulbiologie und der Hochschulreform, Karnel-Robert, mein Freund.“

„Ach was. Manche Leute bei uns meinen, ich sei ein Stänkerer und würde das eigene Nest beschmutzen, ich würde viel zu viel verlangen und wäre ein Utopist ...“

Der Ungar lächelte und wiegte den Kopf. „Sie haben nicht ganz unrecht, die Utopie ist bei neuen Sachen immer mit im Bunde, deine Forderungen sind auch zum Teil Fernziele und nur nacheinander zu verwirklichen, und was die angeht, die meinen, du würdest stänkern ... Sie werden eines Tages auch zu denen gehören, die alles begreifen, die Menschen sind verschieden, lieber Karnel-Robert, es sind nicht die schlechtesten, die lange zögern und wägen.“

„Vielleicht.“

Die Konferenz dauerte noch vier Stunden. Einer der Assistenten des Gelehrten lobte in seinen Ausführungen den Vorstoß des Lehrerbildners Robert Karnel „von der Basis her“ und meinte: „Wir dürfen nicht mehr dastehen wie Schmiede, die mit Hämmern eine Uhr reparieren wollen, wir müssen an die richtigen Werkzeuge, an die modernsten Methoden für die künftigen Biologielehrer denken. Mit Althergebrachtem geht das nicht mehr. Gewiss, das wird ein langwieriger Prozess sein, aber das darf uns nicht abhalten zu fordern, denn die sozialistische Gesellschaft fordert von uns die höchsten Leistungen ...“

Karnel schien äußerlich ruhig zu sein, aber in ihm glühte es, in ihm war viel Freude.

Wind im Gesicht von Heinz Kruschel: TextAuszug