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Dr. B. - Arzt im Dienst. Erzählungen von Roland Kluge
Autor:
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
04.10.2019
ISBN:
978-3-96521-171-1 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 237 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Familienleben, Belletristik/Kurzgeschichten, Belletristik/Liebesroman/Aktuelle Zeitgeschichte
Moderne und zeitgenössische Belletristik, Familienleben, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Heranwachsen, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Liebe und Beziehungen, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories
Hausbesuche, Kleinwüchsig, Nachkriegszeit, Russen, Familienleben, Pastor, Schwangerschaft, Unehelich, Leipzig, Delitzsch, Großeltern
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Der Garten war Großvaters Refugium. Hier brauchte er keinerlei „Rüggsichd off de Läude“ nehmen. Mit einem Seitenhieb auf Ida nannte er ihn „mein wiederjefundenes Paradies“. Und er verteidigte dieses Fleckchen Erde gegen unerwünschten Besuch so hartnäckig wie der Engel, den, so hatte es Bärbel in der Bibel gelesen, Gott mit einem feurigen Schwert vor die Paradiesespforte gesetzt hatte. Selbst Großmutter war hier ungern gesehen. Nur Bärbel besaß das Privileg, Großvater jederzeit in seinem Reich besuchen zu dürfen.

Alfred hielt in seinem Garten Eden die Ordnung nur mit lässiger Hand aufrecht. So war es allmählich eine Arche Noah des Unkrauts geworden, sehr zum Ärger der Nachbarn, die deswegen mit Alfred in einen ständigen Kleinkrieg verwickelt waren. Bärbel stand natürlich auf Großvaters Seite und grüßte die Fremden nicht, die sie ihrerseits mit feindseligen Blicken musterten. Aber hinter Alfreds riesiger Brombeerhecke fühlte sie sich sicher.

„Es gibt kein Unkraut“, hatte Großvater gesagt. „Alles hat ein Recht zu leben.“

Er ließ sogar einen kleinen Apfelbaum auf dem Laubendach wachsen, dessen Keim, wer weiß wie, dort hinaufgelangt war und der an diesem ungewöhnlichen Standort Wurzeln geschlagen hatte.

„Er wird dir das Laubendach kaputtmachen“, jammerte lda. Aber Alfred winkte nur verächtlich ab: „Dumme Gans. Was verstehst du schon davon.“

Und nach einer Weile fügte er hinzu: „Er hat da oben sowieso nicht lange zu leben.“

Das traf Bärbel schmerzlich.

Sie schlug Großvater vor, das Bäumchen vom Dach zu holen und richtig einzupflanzen.

Alfred dachte eine Weile nach, aber dann winkte er ab: „Was wissen wir, wozu das jut is?“

Mehr sagte er nicht. Wie sollte man auch einem buckligen Kind erklären, dass der Einfallsreichtum der Natur groß ist, wenn sie sich anschickt, etwas Neues auszuprobieren?

Ganze Nachmittage konnte Großvater im Gartenstuhl ruhend verbringen. Er schien nur auf das Rascheln des Laubs und das Summen der Insekten zu hören. Sein Gesicht wirkte dann ungewöhnlich friedlich. Allenfalls das ferne Quietschen der Kohlebagger, das der Wind gelegentlich herantrug, vermochte diesen Frieden zu stören.

Natürlich wusste Alfred, wie dringend die Kohle gebraucht wurde und dass die Bagger auf der Suche nach ihr keinen Bogen um seinen Garten machen würden. Das war die Entwicklung. Hatte er nicht ein Leben lang für Veränderungen gekämpft?

Wenn er so mit geschlossenen Augen sinnierte, zog eine lange Zeit an ihm vorüber. Sogar einem Kaiser hatte er noch gedient; einem ganz entfernten Verwandten des Flöte spielenden Fridericus. Indes wurde Alfreds Miene abweisend, wenn der Name des „Herrlichen-Zeiten-entgegen-Führers“ fiel: Dem Hohenzollern verdankte er ein eisernes Kreuz, aber auch ein hölzernes Bein. Es lehnte abends etwas absonderlich neben seinem Bett an der Wand. Gelegentlich staubte Großmutter es ab; wobei Großvater schimpfte, weil sie es seiner Meinung nach nicht sachkundig genug machte.

Idas Arbeit fand vor Alfreds Augen selten Gnade. Gerade auch beim Anschnallen des Holzbeins konnte es vorkommen, dass er einen Wutausbruch bekam.

Bärbel glaubte zu wissen, dass es der Groll auf den Kaiser war, dem Großvater auf diese Weise Luft machte. Großmutter schien das auch so zu sehen, aber manchmal weinte sie doch.

Besonders unleidlich wurde Alfred, wenn sich anderes Wetter ankündigte; dann schmerzte sein Beinstumpf. „Es zirkuliert noch, Ida“, sagte er mit merkwürdigem Lächeln. „Das müssense bei mir extra totschlagen.“ Und er packte Großmutter derb am Arm.

Sie wurde ganz verlegen: „Lass doch de Dummheiten, Alfred.“

Bärbel, so jung sie war, wusste schon einiges von Großvaters Dummheiten: Sie lagen als vergilbte Fotos in einer Pappschachtel, die Alfred in seiner Gartenlaube aufbewahrte. Die Bilder zeigten einen jugendlichen Großvater in schmucker Uniform, den Schnurrbart verwegen nach oben gezwirbelt. Sein Arm ruhte auf der Schulter junger Frauen, die unter längst aus der Mode gekommenen Frisuren geziert in die Mattscheibe lächelten. „Kesse Bienen“ wären es alle gewesen, mehr erfuhr Bärbel nicht über sie. Auf der Rückseite der Bilder fand sie nur die Namen von Städten: Bromberg, Koblenz, Jüterbog.

Die nicht unbeträchtliche Bildersammlung brach mit einem Foto ab, das den abgemagerten Großvater am Stock zeigte. Bei der hübschen Rotkreuzschwester an seiner Seite handelte es sich unverkennbar um die jugendliche Großmutter.

Zuunterst in der Schachtel lag das Kreuz des Kaisers. Bärbel wunderte sich, dass Großvater es nicht weggeworfen hatte. Alfred grinste bei ihrer Frage und erklärte, dass dieses Kreuz die Garderobenmarke sei, mit der er dereinst vom Kaiser die Rückgabe seines Beins verlangen werde.

Er hatte es 1916 abgegeben, vor Verdun, einer Stadt in Frankreich, wie Bärbel aus dem Lexikon wusste. Dort war Großvater eines sehr frühen Morgens aus dem Schützengraben nach vorn gekrochen, eine Telefonleitung um den Leib gewickelt. Sein Befehl lautete, die französischen Stellungen zu belauschen. Die vor ihm gelauscht hatten, fand er bereits unbeweglich in den verschiedenen Erstarrungen ihres Todes.

Großvater hatte nur ein Bein verloren.

Im Lazarett war er lda begegnet, und so war er in dem sächsischen Städtchen, das er verächtlich „Kaff“ nannte, hängengeblieben. Trotzig hatte er den Dialekt aus seinem Kietz beibehalten: „Ick rede janz normal“, gab er unwirsch zur Antwort, wenn Großmutter jammerte: „Alfred, du gönndesd ooch ma e bisschen Rüggsichd off de Läude nähm.“.

Das war nun nie Alfreds Art gewesen. Nicht mal, dass der Kaiser von Gottes Gnaden war, hatte ihn besonders beeindruckt: Im November 1918 war er an der Spitze eines Soldatenrates zum Standortkommandanten als dem unantastbaren Vertreter dieses Kaisers gehinkt und hatte ihm nach kurzem Wortwechsel das preußische Exerzierreglement um die Ohren gehauen; das er für völlig überflüssig hielt, nicht nur seines abgeschossenen Beines wegen.

Alfred erkühnte sich hierzu, obwohl ihn der Goldbetresste mit seinem Monokel unheilvoll anblitzte und vom Standrecht sprach. Der hatte nicht wie der Sachsenkönig mit einem „Dann macht doch euern Dreck alleene“ einfach abgedankt.

Aber zum Schießen hatte an diesem hoffnungsvollen Novembertag keiner mehr Lust; nicht mal zum Erschießen. So hatte Alfred den Gewaltigen aus den Gamaschen getreten; wofür er noch heute bei offiziellen Anlässen gewürdigt wurde.

Großvater wurde bei diesen rühmenden Reden immer sehr verlegen; wenn seine innere Bewegung auch meist die Form des Grimms annahm, hinter dem er seine tiefe Rührung über diese späten Würdigungen verbarg. Denn das war nicht immer so gewesen: Einige, mit denen zusammen er den Kaiser gestürzt hatte, waren ihm im Rotfrontkämpferbund davonmarschiert; er gehörte nicht mehr zu den ersten, schon seines Beines wegen. Aber das rettete ihm womöglich das Leben: Gewissen Behörden, die grölend angekündigt hatten, sich für mindestens tausend Jahre zu etablieren, erschien sein Humpeln so beträchtlich, dass er für sie als konspiratives Element wohl nicht in Betracht kam. Was sich später, und auch dafür empfing Alfred Würdigungen, als grobe Irreführung dieser Behörden herausgestellt hatte. Die überhaupt, wie ihr Anführer am Ende mit heiserer Stimme beklagte, schwer enttäuscht vom deutschen Volke waren und sich deshalb einen im wahrsten Sinne des Wortes donnernden Abtritt verschafften.

Als sich der Rauch verzogen hatte, waren Alfreds Meinungen eines frühlingshaften Tages die herrschenden geworden: Auf roten Plakaten hingen sie unübersehbar in den Straßen. Was viele Leute in der kleinen Stadt, die früher den Kopf weggedreht hatten, bewog, Alfred jetzt zuerst zu grüßen.

Er schien darüber wenig erfreut; seine Gefühle pflegten auch in diesem Fall die Form des Grimms anzunehmen. Übrigens dauerte diese devote Phase nur kurze Zeit. Denn Alfred begann, nicht nur seines Beines wegen, bald hinter Beweglicheren zurückzubleiben; denen eine gewisse Lässlichkeit seinerseits, was Unkrautbekämpfung angeht, Ansätze zur Kritik bot. Was Leuten, die einen untrüglichen Sinn für die gebotene Form des Grüßens haben, natürlich nicht lange verborgen blieb: Sie zogen es vor, bei seinem Anblick den Kopf lieber wegzudrehen.

Schon aus Trotz begann daraufhin Alfred, Großmutter sonntags von der Kirche abzuholen; was seine wohlverdiente Pensionierung sehr beschleunigte. Von nun an hatte er freie Hand, nicht nur, was seinen Garten betraf. Und in der kleinen Stadt musste man sich an seine Sonntagsspaziergänge zur Kirche gewöhnen. Inzwischen hätten einige wohl etwas vermisst, wäre es anders gewesen.

 

Natürlich beachtete Alfred eine gewisse Distanz zum Kirchenportal. Er wartete, bis er im Häuflein der Andächtigen, das sich, geblendet von der Helligkeit des Tages, die wenigen Stufen herabtastete, Idas ansichtig wurde. Pastor Hinze hielt ihre Hand; wohl etwas zu lange für Großvaters Gefühl, er beobachtete es mit sichtlichem Verdruss.

Erst am Schwanenteich taute Alfred wieder auf. Wohlgefällig betrachtete er die Frauenplastik, die sich in der Mitte des Gewässers erhob; sie erinnerte ihn an seinen Sieg über den Schokoladenfabrikanten Tänzer.

Zuzeiten war das der reichste Mann der Stadt gewesen, und dass der junge Doktor Schwemminger seine Tochter samt Reitpferd und Chauffeur verschmäht hatte, verstanden damals nur romantische Naturen; zumal die Gesinnungen des Schokoladenfabrikanten so wohlriechend wie seine Geschäfte schienen (dass sie braun waren, versteht sich fast von selbst).

Als man damals in unmittelbarer Nähe des Schwanenteiches eine Quelle mit eisenhaltigem Wasser entdeckte und sie, dem herrschenden Sprachgebrauch folgend, nicht Eisen-, sondern Stahlquelle nannte, war die Einrichtung eines Kurbades in unmittelbare Nähe gerückt; zumal in einer Zeit, die lautstark von Stahlgewittern schwärmte, das Trinken eisenhaltigen Wassers die rechte deutsche Haltung zu sein schien. Dem schlechten Geschmack des Wassers hätte man mit zugesetztem Brausepulver aus der Tänzerschen Fabrik leicht abhelfen können.

Weitsichtig spendete der Fabrikant die Plastik. Das bewahrte ihn allerdings nicht davor, bald nachdem die Stahlgewitter niedergebrochen waren, von Leuten, die noch weiter als er gesehen hatten, enteignet zu werden: Auch Schokolade, so hatte Alfred argumentiert, kann dazu beitragen, einen verbrecherischen Krieg zu verlängern.

Vielleicht im Zustand gewisser Vorahnungen hatte Tänzer um die Anlage Trauerweiden pflanzen lassen. Die Bänke darunter waren der ruhigste Platz in der kleinen Stadt, und es wäre ein Ort vollkommenen Friedens gewesen, wenn nicht der Wind gelegentlich die Geräusche der Kohlebagger herangetragen hätte, dieses Ächzen, Kreischen und Scheppern, bei dem sich Großvaters Gesicht so schmerzlich verzog.

Großmutter zuckte dabei regelrecht zusammen. „Dumme Gans“, schimpfte Alfred, aber ohne rechten Nachdruck; mehr aus Gewohnheit, weil Großmutter unmöglich mal recht haben konnte. Und trotzig fügte er hinzu: „Aber im Winter, da willstes warm haben! Oder?“

 

Trotzdem war Großvater die Erleichterung anzumerken, als eines Tages zwischen der Grube und seinem Garten Neubauten emporzuwachsen begannen: Helle Häuser, in denen warmes Wasser aus dem Hahn floss, ohne dass man deshalb hätte Kohlen schleppen müssen. Kein Wunder, dass diese Wohnungen Menschen aus nah und fern anzogen.

Bald war die kleine Stadt gar nicht mehr so klein; was sich nicht zuletzt in Dr. Schwemmingers Praxis bemerkbar machte: Frl. Leibhold hatte Mühe, noch einen gewissen Überblick bei den Ursachen der Schwangerschaften zu behalten. Immer häufiger erhielt sie auf ihre amtliche Frage als Antwort die Namen junger Männer aus weit entfernten Gegenden. Darum war es ein richtiger Schock für sie, als ausgerechnet jetzt in der neuen Poliklinik ein junger Facharzt für Gynäkologie zu praktizieren begann, mit modernerem Gerät, als es Dr. Schwemminger in seiner abgewetzten Ledertasche hätte unterbringen können.

Der Doktor schien nicht einmal besonders traurig über diese Schmälerung seiner Rechte zu sein. Nur einmal, als Fräulein Leibhold andeutete, dass Jörg doch sicher die väterliche Praxis weiterführen wolle, hatte der Doktor Mühe, beherrscht zu bleiben. „Das hier stirbt mit mir aus“, stieß er hervor, ehe ein fürchterlicher Hustenanfall ihn am Weiterreden hinderte.

Fräulein Leibhold litt: Höchst selten wandte sich noch eine langjährig mit dem Doktor vertraute Patientin in delikater Lage an Schwemminger. Das Ausschreiben von Rezepten über Kopfschmerztabletten und Nasentropfen erlaubt keine amtlichen Fragen nach den Ursachen der Ansteckung. Fräulein Leibhold fühlte sich regelrecht vom Leben abgeschnitten; sichtlich begann sie zu kränkeln.

 

Auch mit der Ruhe im „Schwan“ war es vorbei, unter Bergleuten unterhält man sich nicht wie im Mädchenpensionat. Und der Klare, von ihnen spaßhaft „Kumpeltod“ genannt, trug auch nicht gerade dazu bei, dass sie ihre Stimmen dämpften; zumal die Aktionen des örtlichen Fußballklubs dank hinzugewonnener Spielertalente bedeutend schlagkräftiger geworden waren. Keine Rede mehr von Abstieg; im Gegenteil: Immer häufiger hatte die Stammtischrunde Gelegenheit, mit dem Schlachtruf: „Aufwärts, oje!“ auf ein Siegestor anzustoßen. Grund genug, so manches Glas mit der wasserklaren Flüssigkeit auch zu Alfred, zum Doktor und sogar zum Pastor hinüberzuschieben; der es mit einem „Wenn es denn sein muss, liebe Freunde“ händereibend entgegennahm.

Pastor Hinze versuchte dabei zwar nach Möglichkeit, das Gespräch über theologische Gegenstände rechtzeitig abzubiegen, kam aber bei so viel Freigiebigkeit nicht immer umhin, den Männern, denen der „Kumpeltod“ im Magen brannte, so einfache Fragen wie die nach dem lieben Gott zu beantworten.

Da hatte es der Doktor leichter, sich zu behaupten. Ohne jede Prüderie ging er auch auf die heikelste Frage ein, in der er von einem der Männer im Dämmer der Gaststube halblaut konsultiert wurde. Und zwischen Hustenstößen, die ihn zwangen, gelegentlich die Zigarre aus dem Mund zu nehmen, verkündete er, dass alles, was Spaß mache, letztlich zur Gesundheit beitrage. Mit welcher Maxime er der allgemeinen Zustimmung sicher sein konnte.

Pastor Hinze schwieg hierzu diplomatisch; die zahlenmäßige Übermacht der Heiden erschien ihm wohl zu groß. Um so heftiger wetterte er in seiner Sonntagspredigt wider die zunehmende Sittenlosigkeit: Schon in der Bibel stehe geschrieben, dass die Sünden der Väter bis ins dritte und vierte Glied verfolgt würden; das den Leichtfüßen ins Stammbuch, die einen gewissen Denkzettel salopp als „Penisschnupfen“ abtäten: „Meine väterliche Bitte an euch, liebe Kinder: Dass doch ein guter Gesell den anderen warne! Die jungen Narren meinen, wenn sie die Brunst fühlen, muss eine da sein … Aber es muss doch nicht alles sogleich abgebüßt sein, wonach einen gelüstet… Es kann im Ehstand nicht gleich also zugehen!“

Die Art des Pastors, vor den Gefahren der Fleischeslust zu warnen, wirkte überaus plastisch. Bärbel glaubte zu wissen, dass Großmutter in solchen Momenten am liebsten aufgestanden wäre: „Herr Basder, Se sin hier nich alleene in dr Kirche; nähmse weenichsdens Rüggsichd off de Kleene!“

Aber hier war man gehalten, sich zu benehmen. Und das hieß, so hatte es Bärbel von klein auf bei Großmutter gesehen, seine wahre Meinung lieber nicht preiszugeben. Schlimmstenfalls schlug man die Augen nieder, wenn die Stimme des Pastors vor Entrüstung allzu sehr zitterte. Die Mehrzahl der zumeist älteren Gemeindeglieder schien sowieso nicht ganz zu verstehen; vielleicht, weil die angeprangerten Verfehlungen schon so lange zurücklagen?

Dr. B. - Arzt im Dienst. Erzählungen von Roland Kluge: TextAuszug