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Das Klassenfest von Uwe Kant
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
03.04.2023
ISBN:
978-3-96521-894-9 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 336 Seiten
Kategorien:
Kinder-und Jugendbuch/Schule und Bildung, Kinder-und Jugendbuch/Soziale Fragen/Jugendalter, Kinder-und Jugendbuch/Jungen und Männer, Kinder-und Jugendbuch/Tiere/Allgemein, Kinder-und Jugendbuch/Familie/Eltern, Kinder-und Jugendbuch/Lebensstile/Landleben, Kinder-und Jugendbuch/Liebe und Romanze, Kinder-und Jugendbuch/Sport und Freizeit/Allgemein, Kinder-und Jugendbuch/Soziale Fragen/Freundschaft
Kinder/Jugendliche: Romane, Erzählungen, Tatsachenberichte, Kinder/Jugendliche: Liebesromane, Freundschaftsromane, Kinder/Jugendliche: Familienromane, Kinder/Jugendliche: Schulromane, Kinder/Jugendliche: Persönliche und soziale Themen: Sexualität und Partnerschaft
Versetzungsgefährdet, Schule, Lehrer, Schüler, Erste Liebe, Landleben, Stadtleben, Fußball, Träumer, Fantasie, Alleinerziehend, DDR, Verfilmt, DEFA
12 - 99 Jahre
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Ich sagte: „Och, es war ganz nett, von Tante Gretes Leber hab ich nix gemerkt, sie haben 'ne ganze Menge Hühner, ein paar Enten und Gänse, eine Ziege, drei Schafe und zwei Schweine, und ich soll auch schön grüßen, und du sollst sie doch auch mal besuchen.“ Damit hatte ich wohl alles beantwortet, und die Grüße hatte ich auch angebracht. Über das Haus brauchten wir wohl nicht zu reden, das würde noch seine hundert Jahre mitmachen. „Und Tauben haben sie auch“, sagte ich. Ich merkte schon, dass meine Mutter damit noch nicht zufrieden war. Sie guckte mich an, als wenn ich man gerade erst gesagt hatte: Es war einmal ... Und mit dem Kuchen hatte sie sich auch große Mühe gegeben. Aber was sollte ich ihr erzählen? Natürlich, über das Allerallerwichtigste hatte ich noch kein Sterbenswörtchen verloren. Ich wusste aber nicht, ob es Zweck hatte, darüber zu reden. Wie sollte ich das anfangen? Sollte ich mich in die Brust schmeißen und sagen: Ich habe jetzt eine erstklassige Freundin, sie wohnt neben Kuhnerts, hat sieben Zweien auf dem Zeugnis, heißt Hanna und sieht unheimlich nett aus? Ich weiß ja nicht. Was konnte meine Mutter dazu sagen? Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten. Sie konnte freundlich schmunzeln, mir so niedlich mit dem Finger drohen und soso sagen, oder sie konnte mich ernsthaft fragen, ob das auch wirklich ein ordentliches Mädchen ist und ob ihre Eltern anständige Leute sind. Dann konnte ich nur antworten: Ja, sie ist sehr ordentlich, denn in Ordnung hat sie sogar eine Eins, ihre Mutter ist so eine Drahtige, die einen mit prima selbst gemachtem weißem Käse füttert, und ihr Vater ist ein friedlicher Geselle, der sich nur beim Fernsehen die Gesichter ziemlich schlecht merken kann.

Ich sagte: „Prima Kuchen.“

„Ja, ja“, sagte meine Mutter, „nun erzähl doch mal.“

„Ja, also, es war wirklich alles ganz nett“, sagte ich kauend, „Onkel Kuhnert hat mich gleich vom Bahnhof abgeholt, sie haben einen ,Trabant‘. Ich habe ihnen ’ne ganze Masse Holz gehackt, das macht vielleicht Spaß, man muss bloß erst den Bogen raushaben. Tante Grete ist auch in Ordnung, die hat mir immer Milchsuppe gekocht, und ich hab ihr beim Viehfüttern geholfen. Außer ihrem eigenen haben sie noch Kälber von der LPG im Stall. Abends haben wir Kreuzworträtsel geraten oder gelesen. Na ja, und Fernsehen. Und rodeln.“

Und dabei hab ich ja meine Freundin kennengelernt, hätte ich nun sagen müssen. Ach, das war eine verzwickte Sache. Hatte ich vielleicht gesagt: Willst du meine Freundin sein? Und hatte sie vielleicht geantwortet: Aber sicher doch, mein Schatz? Nicht die Spur. Ich hatte sie ja nicht mal geküsst, obwohl ich es mir vorgenommen hatte und gedacht hatte, es würde schon klargehen. Damit ging es schon los. Konnte ich überhaupt „Freundin“ sagen? Ach Gott, sagen konnte ich das bestimmt, zu mir selbst bestimmt. Ich wusste doch, dass es nicht gesponnen war. Und ich konnte es auch sagen, wie es Christoph Höhne jedem sagte, was für eine enorme Freundin er hatte. Da war weiter nichts bei, das war Angeberei. Und angeben konnte ich auch, wenn ich wollte. Aber ich hatte keine Freundin zum Angeben. Wie sollte ich das nun erklären? An Ort und Stelle, ich meine in Schlate, war das eine einfache und klare Sache gewesen. Aber in der Bahn, bei der Heimfahrt, fing es schon an wegzurutschen. Rudi Helm ist mal mit seinen Eltern ein Wochenende über in Prag gewesen. Zuerst hat er immerzu davon erzählt. Was für Sachen sie da zum Mittag essen, wie die Straßenbahnen aussehen, wo die Sache mit dem Fenstersturz passiert ist und wie viel Schlagsahne er gegessen hat. Das war richtig schlimm. Es hat nicht viel gefehlt, und er hätte gesagt: „Bei uns in Prag …“ Dann wurde es allmählich besser, und jetzt hat er schon ganz und gar damit aufgehört. Ich möchte aber nicht gerne, dass mir das mit Schlate und Hannchen auch so geht. Ich habe nicht einmal ein Bild von ihr. Ich habe sie richtiggehend gefragt, ob sie mir nicht eins mitgeben kann. Das war am vorletzten Tag, im Stall. Da konnte man sich wenigstens in Ruhe unterhalten. Denn man muss nicht denken, dass ich wie so’n oller Spanier vor ihr auf den Knien rumgerutscht bin, bloß weil ich gern das Bild haben wollte. Wir haben da also so gesessen, jeder auf einem Melkschemel, und uns einen Schlag erzählt. Das heißt, sie hat wenig gesagt, aber ich habe eine gehörig lange Rede gehalten. Ich habe gesagt: „Hier ist es wunderbar gemütlich, nicht? Ich könnte gut hier sitzen bleiben und überhaupt nicht wegfahren, die könnten meinetwegen die Schienen abreißen. Mit den Kälbern würde ich schon zurechtkommen. Und dann müsste ich da in der Ecke ein Feldbett mit Strohsack und ein paar alte Decken haben und unterm Bett ’ne Flasche Rum, das wäre dir ein Leben.“

„Ja, ja“, sagte Hannchen, „wenn der Wind auf den Stall steht, bekommst du Rheumatismus, Mensch.“

Ich sagte: „Das kann ich mir schon vorstellen, und waschen kann man sich hier auch nicht richtig, und Kuhstallnachtwächter oder was ist auf die Dauer auch nicht die Beschäftigung fürs Leben. Ich sag auch bloß so. Ich meine, weil es mir hier ganz gut gefallen hat. Fernsehen und rodeln und alles. Und wir haben uns doch auch gut vertragen, nicht.“

Sie sagte kein Wort und guckte immerzu auf ihre Schuhspitzen.

„Hast du schon mal einen Freund gehabt?“ Das hatte ich schon ein paar Tage lang fragen wollen. Ich hatte mir gedacht, sie müsste nein sagen, und dann wollte ich sagen: Und wie wär’s mit mir? Das wäre ’ne elegante Art, hatte ich gedacht. Sie wurde rot, soviel ich sehen konnte, und sagte ganz entrüstet: „Ach wo.“ Jetzt hätte ich mit der eleganten Art kommen müssen. Aber es ging nicht. Mir war so, als ob ich über eine drei Meter hohe Hecke hopsen sollte. Sie hätte auch mal was sagen können, verdammt. Sie besichtigte nun nicht mehr ihre Schuhe, aber dafür guckte sie höchst interessiert auf das blinde Stallfenster, als ob sie auf die Heiligen Drei Könige wartete. Ich sagte: „Findest du das nicht auch, dass wir uns ganz gut vertragen haben? Ich hätte nicht gedacht, dass man mit einem Mädchen so gut auskommen kann. Die bei uns in der Klasse sind alle so, so, na, ich weiß auch nicht. Morgen um diese Zeit sitz ich schon in der Bimmelbahn, und Montag haben wir Chemie, wenn wir nicht einen neuen Stundenplan kriegen. Kannst du mir nicht, ich meine, hast du nicht ein Bild, was du mir mitgeben kannst? Ich zeig es nicht rum. Es soll so mehr ’ne Erinnerung sein, damit ich mich besser erinnern kann. Ich zeig’s wirklich keinem.“

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