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Sie sind hier: EDITION digital: Newsletter 16.10.2026 - Vom Kiefernhorchen bis zum Schwurgericht

Vom Kiefernhorchen bis zum Schwurgericht – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

 

(Pinnow, 16.10.2026) – Fünf E‑Books, fünf Perspektiven auf das, was Menschen ins Handeln bringt: das kindliche Staunen, das zum Mut führt; die Suche nach der eigenen Stimme in Geschichten; das Schweigen, das Verbrechen deckt; das Ringen um Anerkennung zwischen Generationen; und die öffentliche Auseinandersetzung mit historischem Unrecht. In dieser Woche öffnen die Texte Türen zu Momenten, in denen Neugier, Verantwortung und Erinnerung kollidieren — Augenblicke, die weit über ihre Figuren hinaus nachhallen.

 

Vom Freitag, dem 16. Oktober, bis Freitag, dem 23. Oktober 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.

 

Tobias sucht den Doppeldecker von Jürgen Leskien

 

Ein Knattern und Fauchen lässt Tobias auf der Kletterkiefer aufhorchen. Ein Flugzeug mitten auf der Waldwiese? So etwas hat es noch nie gegeben. Tobias beobachtet, wie der Doppeldecker landet und drei Flieger aus der kleinen Maschine klettern. Er sieht, wie die Flieger eine Karte ausbreiten und ihre Kopfhauben ablegen. Als sie sich abwenden und etwas zu erkunden scheinen, kann Tobias nicht widerstehen: Er stopft sich eine Kopfhaube unter das Hemd und läuft hastig den Weg zurück ins Dorf. Doch Tobias kann sich an der Kopfhaube nicht erfreuen, so viel sie ihm auch von Flugzeugen, Wind und Wolken zu erzählen vermag, denn er weiß, sie wird gebraucht ...

 

Georg von Jürgen Leskien

 

Georg stellte das Rad hart auf das Pflaster zurück, das Vorderrad hüpfte. „Und du?“, fragte er und warf den Kopf ein wenig zurück. „Wie geht es dir, hast du eine neue Geschichte geschrieben?“ Er wusste, dass ich diese fordernde, vorlaute Art nicht mochte. Ich sah ihn an. Georg wurde unsicher ... „Es ist die Geschichte eines Jungen. Eines Jungen unserer Stadt. Ich glaube, sie ist ziemlich aufregend.“ „Also eine Abenteuergeschichte!“ „Es ist deine Geschichte, Georg!“ Georg wurde rot über beide Ohren. „Na, hör mal! Geht denn das?“ Er fuhr sich aufgeregt mit der Hand übers Gesicht. „Mit allem Drum und Dran?“ „So gut ich es konnte, in allem.“ „Und was werden die Leute von uns denken, von dir und von mir, wenn sie es lesen?“...

 

Meineid auf Ehrenwort. Kriminalroman von Heiner Rank

 

Kurz nach Ende des 2. Weltkrieges wird in dem Potsdamer Filmstudio ein Film über ein Verbrechen, das die deutschen Besatzer in der Sowjetunion verübt haben, gedreht. Die Dreharbeiten ziehen sich aufgrund immer neuer Pannen hin. Schließlich prüfen deutsche und sowjetische Kriminalisten, ob Sabotage im Spiel ist. Sie tappen im Dunkeln, bis ein Mord geschieht.

 

Die Beurteilung von Elisabeth Schulz-Semrau

 

„Wo sind die Blitze, Kolja?“, fragt Gisela Hildebrand ihren erwachsenen Sohn. Kolja, Jahrgang 1951, stellt Ideale in Frage, die vor allem von seiner Mutter auf ihn übergegangen sind. Trotz Scheidung seiner Eltern verliefen seine Kindheit und Jugend ohne tiefgreifenden Widerspruch, haben Schule und Universität ihn in dem bestärkt, was ihn mit seiner Mutter verbindet. Doch da siedelt das Mädchen, das er liebt, nach Westberlin. Da stößt der junge, unbequeme Kunstwissenschaftler in seiner Arbeitsstätte, einem Museum, zunehmend auf Unverständnis und Widerstand. Eine negative Beurteilung verhindert, dass er an die Universität in die Forschung zurückkehren kann. Ist er selbstgerecht, wenn er mit seinen aufbrechenden Zweifeln seine Mutter attackiert? Sie wehrt sich, gerät aber zugleich in Widerstreit mit sich selbst und mit jenen, denen gegenüber sie ihren Sohn verteidigen will. Aus der Sicht beider Hauptfiguren werden Lebenserfahrungen und -ansprüche zweier Generationen konfrontiert und auf ihr produktives Miteinander hin untersucht.

 

Mördermord. Dokumente und Dialoge von Hans-Ulrich Lüdemann

 

Der Friday for Future‑Titel der Woche ist „Mördermord. Dokumente und Dialoge“. Warum dieser Band für die aktuelle Debatte relevant ist: Er macht sichtbar, wie staatliche Verdrängung, mangelnde Anerkennung und die juristische Auseinandersetzung mit Gewalt über Generationen hinweg die Lebenswirklichkeit formen. Wer heute von Verantwortung für kommende Generationen spricht — wie Friday for Future — berührt dieselben Fragen von Erinnerung, Gerechtigkeit und kollektiver Verantwortung, die dieses Buch eindringlich verhandelt.

 

MÖRDERMORD ist trotz der erfundenen Rahmenhandlung eine authentische Story, sie bedient sich eines über jeden Zweifel erhabenen Materials. Die Rede ist von einem stenografierten Schwurgerichtsprozess in Berlin des Jahres 1921. Angeklagt war ein armenischer Student, den ehemaligen Türkischen Innenminister Talaat Pascha auf offener Straße um die Mittagszeit erschossen zu haben. Das Gericht gab sich große Mühe, die Motive des jungen Mannes zu erfahren. Es stellte sich heraus, dass der einundzwanzigjährige Solomon Teilirian unter einem Trauma litt, entstanden durch die von Türken unter Talaats Ägide gegen die armenische Minderheit ausgeübten Gräueltaten, wie er sie in seiner Kindheit erlebt hatte. Bis zum heutigen Tage leugnet der türkische Staat jenen Genozid. Zur Ehre des Gerichts sei aber erwähnt, dass mehrere Zeugen aus eigenem Augenschein jene unfassbaren Massaker schildern durften. Dennoch kann in der Türkei jedermann gerichtlich belangt werden, der diesen Völkermord öffentlich benennt. Es ist der Fall einer Lehrerin bekannt, die auf eine Frage ihrer Schüler die Schuld der Türkei bejahte – anderntags wurde sie von der Geheimpolizei zum Verhör abgeholt. Unbelehrbar demonstrieren türkische Landsleute jedes Jahr gegen "diese armenische Lüge vom Genozid", wenn am 24. April während einer diesbezüglichen Veranstaltung in Berlin der Gemeuchelten aus dem Jahre 1915 gedacht wird. Und der Staat Türkei tut noch ein Übriges: Länder, die offiziell den Genozid an den Armeniern als Faktum des Völkermords anerkennen, werden Sanktionen angedroht. Frankreich büßte beispielsweise das Geschäft mit den an den NATO-Staat Türkei zu liefernden Düsenjäger Mirage ein; der USA wird die Kündigung der Lande- bzw. Überflugrechte angedroht. Hat dieses rigide Verhalten gegen NATO-Mitglieder Auswirkungen auf den von der Türkei gewünschten Beitritt in die EU?

 

Wider Erwarten sprach das Schwurgericht den überführten und geständigen Attentäter frei. Aufgrund der Weltempörung, die die Aussagen des armenischen Schützen zur Folge hatte, flüchteten die Richter respektive die Geschworenen sich in die Anwendung des Paragraphen 51, also im Sinne des Gesetzes nicht schuldfähig. Solomon Teilirian verließ Deutschland als freier Mann, ging zuerst in die USA, heiratete in Europa, wurde zweimal Vater und als er in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts starb, legte die armenische Gemeinde in San Franzisco auf den Sarg ein Fernglas, mit dem der Mörder Talaats tagelang sein Opfer observiert hatte. In diesem Zusammenhang erwähnt Dr. Stephan Heymann in seinem Nachwort, durch seine Studien in Armenien ein Kenner des Sachverhaltes, die Terroranschläge der ASALA (Geheimarmee zur Befreiung Armeniens) 1975-1985 auf türkische Diplomaten und Einrichtungen, die eine Wiederbeschäftigung mit dem vergessenen Völkermord in internationalen Gremien bewirkten. Es scheint mittlerweile unbestritten, dass der Berliner Attentäter im Auftrag einer Feme-Organisation den Schreibtischmörder Talaat Pascha, er lebte inkognito als Ali Bey in Berlin, eliminierte. Auch bleibt die Frage offen, wer seinerzeit die besten Anwälte Deutschlands bezahlte, die einen Freispruch für den Salomon Teilirian bewirkten …

 

Dass die Autoren von Mördermord sprechen, fand das Missfallen der Armenischen Kolonie zu Berlin. Es gibt auch eine Art Rivalität zwischen Juden und Armeniern. Letztere fühlen sich zurückgesetzt, weil in der Weltöffentlichkeit stets der Holocaust gewürdigt wird, nicht aber im gleichen Maße das Leid der armenischen Minderheit in der Türkei Anfang des 20. Jahrhunderte. In einem Telegramm zur Deportation der Armenier wies der Innenminister Talaat Pascha zynisch an: der Ort der Verbannung ist das Nichts. Der Leichnam Talaats ist übrigens in einem Staatsbegräbnis beigesetzt worden; sein Todestag wurde zugleich Staatsfeiertag in der Türkei …

 

Höchst bedenklich ist Folgendes, was eine junge armenische Berliner Ärztin nach einer Lesung berichte: Danach hatte sie im Laden eines türkischen Händlers Kleingeld eingewechselt. Der junge Mann folgte ihr auf die Straße und fragte, ob sie Armenierin sei? Als die Ärztin bejahte, spuckte der Türke aus und rief, ihre Anwesenheit sei ein Beweis, dass seine Vorfahren 1915 leider einige Armenier hatten entwischen lassen. Ein nachgeborener Türke also – kommt uns Deutschen diese öffentliche Schmähung nicht bekannt vor?

 

Ein ergreifendes und sehr brisantes E-Book, auf alle Fälle lesenswert.

 

Die folgenden Leseproben öffnen je einen prägnanten Ausschnitt: Kindliche Neugier, die zum ersten Schritt außerhalb der eigenen Welt wird; ein Gespräch über die Macht von Geschichten; eine von Pannen und schließlich Mord überschattete Filmproduktion; ein Familienkonflikt, der berufliche Lebenswege zerstört; und ein Schwurgerichtssaal, in dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. Jede Passage bringt eine Szene, die den Ton des gesamten Buches trägt.

 

Tobias sucht den Doppeldecker von Jürgen Leskien

 

Hoch oben in der Kletterkiefer — der erste Klang: ein Knattern, dann das Fauchen eines Flugzeugs. Die Probe lässt uns Tobias unmittelbar in jenem Moment erleben, in dem das Ungewöhnliche das Vertraute durchbricht und eine kleine Diebstahlhandlung eine größere Verantwortung ankündigt.

 

Tobias legt die Hand auf die Motorverkleidung. Sie füllt mit ihrem Buckel und der weichen Polsterung die Mitte der Fahrerkabine aus, teilt sie in Fahrer- und Beifahrersitz.

 

Tobias weiß: Wenn Onkel Heiner die Verkleidung hochklappt, kann er den Motor sehen, wenn nötig, ihn reparieren. Tobias hat schon dabeigesessen, wenn der Onkel montierte. Onkel Heiner brauchte nur zu sagen: den Zehnerschlüssel oder den großen Schraubenzieher. Tobias reichte ihm das Werkzeug zu. Das war vergangenes Jahr; sie reden manchmal noch darüber, der Onkel und er. Doch gemeinsam den Motor reparieren mussten sie seitdem nicht wieder. Auch heute brummt er ruhig und gleichmäßig.

 

Tobias spürt das Zittern des Motors durch das weiche Polster hindurch. Das Zittern hängt mit der Anstrengung und mit der Kraft zusammen. Tobias hat das genau beobachtet. Wenn die Gewichtheber die Stange mit den schweren Eisenscheiben über dem Kopf halten, zittern ihre Arme auch. Und der Motor muss sich erst recht anstrengen, er hat das Lastauto und den Anhänger zu bewegen.

 

Sie fahren auf der Mitte der Straße. Die Straße führt gerade durch den Wald. – Der Wald wird lichter, hinter den Bäumen sind Häuser zu sehen. Nun fahren sie an Wiesen vorbei.

 

„Ich werde den Flugplatz bestimmt nicht finden“, sagt Tobias leise. Er wünscht sich sehr, dass Onkel Heiner zu den Fliegern mitkommt.

 

„Ihn zu finden ist nicht schwierig, Tobias. Ich halte an der Zufahrtsstraße, die direkt auf die Landstraße führt. Von dort siehst du schon den Wachposten.“ Onkel Heiner sieht Tobias für einen Moment prüfend an. „Außerdem starten Flugzeuge, das hörst du gleich, wenn du aussteigst. Und der Windsack an der Wetterwarte ist nicht zu übersehen.“

 

Tobias sieht auf die Straße.

 

„Du weißt doch, was ein Windsack ist, oder?“

 

Tobias nickt. „Solch ein langer rot-weißer Sack“, er breitet unlustig die Arme aus, „er ist an einen Mast gebunden, damit ihn der Wind aufblasen kann. Er zeigt den Piloten die Windrichtung.“

 

„Genauso ist es, und vielleicht siehst du sogar die Landebahn.“ Onkel Heiner bückt sich plötzlich tief über das Lenkrad und zeigt zu den Wolken. „Da, sieh mal!“

 

Tobias sieht das silberne Flugzeug. „Das fliegt aber tief!“, ruft er und drückt sein Gesicht an die Scheibe.

 

„Wird gerade gestartet sein. Es sind nur noch fünf Kilometer bis zum Flugplatz.“

 

Vor ihnen fährt ein Traktor. Onkel Heiner überholt nicht, er fährt rechts heran. „So“, sagt er, „nun halten wir mal an.“ Onkel Heiner schaltet und lässt den Lastwagen ausrollen.

 

Tobias kann weder eine Tankstelle noch einen Flugplatz sehen. Sie stehen auf der Landstraße zwischen großen Feldern. „Aber es sind doch noch fünf Kilometer, hast du gesagt.“

 

„Stimmt.“ Onkel Heiner schmunzelt und zeigt auf den Campingbeutel. „Bevor du sie den Fliegern zurückbringst, sehen wir sie uns gemeinsam an, ja?“

 

Tobias hat den Beutel mit der Haube während der Fahrt auf den Knien gehalten. Jetzt öffnet er mit einem Ruck die Schleife. Onkel Heiner nimmt mit beiden Händen die Haube. „Eine schmucke Kopfhaube, die vielen Schnallen, und hier das Kabel zum Funkgerät“, staunt Onkel Heiner. Behutsam setzt er sie auf. Tobias kniet auf dem Sitz. „Sie passt dir, sie passt dir richtig!“ Onkel Heiner schließt den Riemen unter dem Kinn, setzt sich gerade in den Sitz. „Achtung Flughafen, Achtung Flughafen, hier ist die Maschine vierhundertdreißig, gestatten Sie die Landung.“ Für einen Moment ist Stille, dann flüstert Onkel Heiner Tobias zu: „Du musst antworten.“

 

Tobias räuspert sich, dann ruft er: „Sie können landen, landen Sie schnell, ein Gewitter kommt.“

 

„Habe verstanden, komme auf dem kürzesten Weg.“

 

Onkel Heiner öffnet den Riemen. „Eine schöne Haube.“ Er streift sie sich vom Kopf. „Aber warm ist sie jetzt im Sommer“, er zieht geräuschvoll die Luft durch die Nase, „und sie riecht nach Schuhcreme.“

 

Tobias sieht zwei schwarze Streifen an der Stirn des Onkels. „Onkel Heiner, an deiner Stirn!“ Der Onkel sieht in den Rückspiegel. „Sag mal, du hast wohl …?“ Tobias nickt. „Als du heute früh nicht gleich kamst, habe ich sie noch einmal ausgepackt und mit Schuhcreme geputzt.“

 

„Du musst kräftig nachpolieren.“ Er greift unter den Sitz, zieht einen Putzlappen hervor, fährt sich damit über die Stirn und sieht in den Spiegel. „Ist sauber“, bestätigt Tobias. Onkel Heiner reicht Tobias Lappen und Haube. „Wir müssen weiter.“

 

Tobias denkt: Nur noch fünf Kilometer! Er walkt kräftig das Leder.

 

Als Onkel Heiner langsamer fährt und dann anhält, wagt Tobias nicht, nach draußen zu sehen. „Hier musst du aussteigen“, sagt Onkel Heiner und sieht Tobias an. Tobias lässt die Haube auf den Boden des Campingbeutels plumpsen und rutscht vom Sitz herunter.

 

„Also dann, bis um elf wieder hier an dieser Stelle. Sei pünktlich, Beifahrer.“

 

Georg von Jürgen Leskien

 

Auf dem Pflaster, das Vorderrad hüpft — ein Gespräch zwischen Freunden über das Erzählen und die Frage, wessen Leben zur Geschichte wird. Diese Stelle gewährt einen Blick auf die Unsicherheit und das Stolpern, das entsteht, wenn ein vertrautes Ich zur Hauptfigur wird.

 

Es war spät geworden an diesem Abend. Nun aber lag Georg in seinem neuen Bett und dachte darüber nach, wie gut es war, einen Bruder zu haben.

 

Heute hatte er es erlebt, ein Bruder hilft, wenn man selbst nicht mehr weiterweiß.

 

Es war gut, dass Marek nach Georgs Frage schnell das Gespräch auf den angebrannten Pudding brachte, denn der Vater hatte überrascht die Mutter angesehen, für einen Moment sogar das Essbesteck aus der Hand gelegt. Da fing Marek an, vom Pudding zu reden. Er redete ununterbrochen. Von einer Insel im Stillen Ozean wusste er zu berichten, auf der angebrannter Mandelpudding als Spezialität galt, und er wollte vom Vater wissen, ob es in Takataka einen Flugplatz gäbe und wie man dorthin fliegen müsse, ob über Australien oder andersherum. Takataka war nach Mareks Meinung die Hauptstadt der Puddinginsel, und er war mit einem Sprung am Bücherregal, um auf dem Globus Takataka zu zeigen, denn die Stadt gab es, jawohl.

 

Die Eltern sahen sich an, als hörten sie Mareks Worte nicht.

 

Doch Georg hatte das Lächeln gesehen, das sich von Mutters Mund zu den Augen ausbreitete.

 

Die Luft, die plötzlich warm und schwer über dem Abendbrottisch gestanden hatte, war wieder leicht und durchsichtig geworden, und später lachten sie sogar miteinander. Sie hatten ihren Spaß an den Nachbarn, die an Eisenhuts Wohnungstür klopften, um sich Brot oder Mehl oder eine Zwiebel auszuleihen oder nur nach der genauen Uhrzeit fragten.

 

„Sie müssen unbedingt erfahren, ob du nun tatsächlich bei uns bleibst“, erklärte der Vater schmunzelnd. Kaule war schon am Nachmittag gekommen und hatte gesagt, was er wollte. Kaule trat, ohne viel zu reden, in den Flur und zog einen Stadtplan unter dem Hemd hervor. „Meine Eltern meinen“, erklärte er, „dass du unbedingt einen Stadtplan brauchst!“ Er breitete die Karte auf dem Fußboden aus und zeigte auf ein dickes rotes Kreuz. „Das hier ist unser Haus.“

 

Eine halbe Stunde saßen sie noch in ihrem Zimmer zusammen, dann ging Kaule. Er ging wie jemand, der hierher gehörte, und das gefiel Georg sehr.

 

Vom Bett aus konnte Georg den Stadtplan berühren, der auf seinem Nachttisch lag. Kaule ist ein prima Kumpel, nur manchmal erschreckt er alle mit seinen Ideen, dachte er.

 

Die Kaugummigeschichte war längst vergessen.

 

Georg drückte den Kopf tiefer in das weiche Kissen. Er freute sich über das große Zimmer, in das er heute mit Marek gezogen war.

 

Nun musste er nie mehr in einem Doppelstockbett schlafen! Wenn er nach oben schaute, störte keine Matratze, und er sah die Zimmerdecke, von der an dünnen Fäden Mareks Flugmodelle schwebten. Waren Tür und Fenster gleichzeitig geöffnet, pendelten sie im Luftzug, als warteten sie unruhig auf den Start.

 

An der gegenüberliegenden Wand stand Mareks Bett. Im Licht der Nachttischlampe blätterte Marek in einem Buch. Wie Matthias hatte auch Marek ihn gefragt, stört es dich, wenn ich noch ein bisschen lese.

 

„Nein“, hatte Georg gesagt, „lies nur.“

 

So, im dämmrigen Licht, konnte er in aller Ruhe den Baum an der Tür betrachten. Die Eltern hatten die riesige Fotografie eines alten Baumes an die Tür des Zimmers geklebt, und die war von Georgs Bett aus gut zu sehen.

 

Georg richtete sich auf. „Du, Marek!“

 

„Was ist?“

 

„Meine Frage war blöd, stimmt’s?“

 

Marek überlegte nicht lange. Ohne das Buch zur Seite zu legen, antwortete er. „Na ja, das passte nicht. Sie sind in das kleine Zimmer gezogen, damit wir mehr Platz haben. Den runden Esstisch haben wir auch extra gekauft. So kann jeder den anderen sehen, und keiner ist am Tisch der Chef. Fand ich gut, die Idee. Ein neues Bett für dich und den Schrank da haben sie besorgt. Was denkst du, wie sie herumgerannt sind. Sogar die Nachbarn sind heute gekommen und wollten sehen, wie es dir gefällt.“

 

Wieder hörte Georg ihn mit den Seiten rascheln.

 

Ja, und die Frau Warmbrot, die wegen ihrer kranken Beine die Wohnung schon lange nicht mehr verlassen konnte, hatte sogar angerufen und Georg gefragt, wie er denn zurechtkäme. Als der Vater den Telefonhörer an Georg übergab, deutete er stumm zum Fenster, und Georg konnte Frau Warmbrot in ihrer Wohnung auf der anderen Seite des Hofes sehen.

 

Wir haben das erste Videotelefon, hatte Marek zu Georg gesagt.

 

Georg nickte nur, genau wusste er nicht, was Marek ihm erklären wollte.

 

„Verstehst du überhaupt, was ich meine?“, fragte Marek plötzlich ungeduldig.

 

„Natürlich verstehe ich das, ist ja nicht schwierig!“

 

„Siehst du!“ Jetzt richtete sich auch Marek im Bett auf. „Aber das musst du dir vorher überlegen. Kann mir vorstellen, dass es ein Problem für dich ist. Du hier und deine Originalmutter vielleicht ein Stückchen weiter, wenn sie nicht im Knast ist. Trotzdem, das kannst du nicht machen, als ersten richtigen Satz: Ob meine Mutter Lydia noch in der Stadt wohnt? Dass sie da sauer sind, ist doch normal. So was verkneift man sich. Na ja, das lernst du noch. Und nun hau dich aufs Ohr!“

 

Marek hatte schon bei den letzten Worten das Licht gelöscht. Der alte Baum an der Tür verschwand in der Dunkelheit. Vor dem Fenster bewegte sich die Nacht der großen Stadt in vielen Geräuschen. Irgendwo gluckste und kollerte eine Toilettenspülung, im Hof unten lachte jemand laut auf.

 

Schon ferner, Autohupen und Züge, die über Schienenstöße hackten.

 

Georg wünschte sich hundert Ohren, um alles genau zu hören und alles richtig zu verstehen.

 

Die Nacht hatte den Baum an der Tür und die Flugzeuge an der Zimmerdecke geschluckt. Von Bäumen wusste Georg viel, und hier im Zimmer hielten Angelsehnen die Flugmodelle in der Luft, aber welche Kraft ließ die großen Silbervögel sicher durch die Wolken ziehen? Marek konnte das bestimmt erklären, denn Marek hatte einen Flieger zum Vater. Von seinem Vater wusste Georg nicht einmal den Namen. Aber das ist für ihn nicht wichtig.

 

Nur, wo Mutter Lydia jetzt wohnte, das hätte er zu gern gewusst, der Vater von Damals interessierte ihn nicht mehr.

 

Meineid auf Ehrenwort. Kriminalroman von Heiner Rank

 

Zwischen Studiolampen und Drehbuchseiten: Die Szene zeigt die Arbeit an einem Film, deren Technik und Missgeschicke bald in ein Dunkel münden — hier spüren wir, wie die Suche nach Wahrheit unter der Last politischer Spannungen ins Stocken gerät.

 

Einer sagt aus

 

Es gab keinen vielstimmigen Entsetzensschrei und keinen Schock; die Größe des Raumes verhinderte es, dass alle auf einmal des Geschehenen inne wurden; es gab eine allmählich sich ausbreitende, schleichende Panik, und das war schlimmer.

 

Simonow stürmte, im Wege Stehende rücksichtslos beiseite drängend, auf den Niedergeschossenen zu. Andere, wie der Aufnahmeleiter Schwarz, folgten seinem Beispiel. Derdey hatte große Mühe, zu verhindern, dass Weymuth unsachgemäß berührt oder gar seine Lage verändert wurde.

 

„Man kann ihn doch hier nicht so liegen lassen, vielleicht ist er noch zu retten!“

 

Hjalmar Schwarz schrie Derdey fast an und gebärdete sich äußerst aufgeregt. In ungläubigem Staunen gingen dabei seine Blicke immer wieder zwischen dem Kommissar, der großen Folie, auf der jetzt kein Bild mehr zu sehen war, und dem reglosen Mann auf dem Boden hin und her.

 

Inzwischen flog es wie ein Lauffeuer durch die weite Halle:

 

Mord – Weymuth ist ermordet!

 

An den Notausgängen entstand Gedränge; Bühnenarbeiter wurden von aufkreischend Davonstiebenden beiseite gestoßen, einer überschrie den andern.

 

Kommissar Hegewald warf sich energisch den Fliehenden entgegen:

 

„Halt! Keiner verlässt den Raum! Kriminalpolizei!“

 

Aber die Schar der in Panik Versetzten drohte ihn schreiend zu überrennen.

 

Da kam Oberleutnant Globow ihm zu Hilfe. Mit hartem Gesichtsausdruck stemmte er sich den Fliehenden entgegen. Der Anblick der sowjetischen Uniform lähmte wirklich für einen Moment die Entschlusskraft der verstörten Leute. Und diese Atempause benutzte Hegewald, um hastig die neben dem Ausgang befindliche Alarmanlage in Tätigkeit zu setzen. Globow griff unterdessen energisch zu seiner Pistolentasche; eine Handbewegung, die den Menschen vor ihm einen neuen Schreck einjagte und sie vollends zurücktrieb.

 

Aus dem jungen, klugen Gesicht des Oberleutnants schwand der harte Ausdruck; schon wollte er seine Hand wieder zurückziehen, als er stutzte. Ungläubig fasste er von neuem in seine Pistolentasche. Ein heißer Schreck durchfuhr ihn, und verwirrt suchte sein Blick Issajew, blieb dann aber schließlich auf Kapitän Simonow haften.

 

Jetzt kamen, durch die Alarmanlage herbeigerufen, Feuerwehrleute ins Atelier gestürmt. Hegewald beauftragte sie mit dem Absperren der Notausgänge und ließ durch sie einen Arzt und ein VP-Kommando herbeitelefonieren.

 

Globow schien das alles nicht zu merken. Langsam nahm er – und jetzt endgültig – die Hand aus seiner Pistolentasche, deren Inhalt dabei zutage fördernd. Er hielt eine kleine, schwarz angestrichene Holzpistole, eine lächerliche Attrappe, in der Rechten, und ein schweres, hühnereigroßes Stück Metall. Es hatte durch sein Gewicht eine frühzeitige Entdeckung des Tatbestandes verhindert, welcher dem Oberleutnant jetzt erschreckend zum Bewusstsein kam: Ihm war seine Dienstwaffe gestohlen worden.

 

*

 

Wohl ein Dutzend Menschen umstanden den Niedergeschossenen. Man begann ruhiger und sachlicher zu denken, und auch der Aufnahmeleiter Schwarz schwieg jetzt. Ein Feuerwehrmann bemühte sich um den Verletzten, dessen Herz noch schlug, wie Simonow inzwischen festgestellt hatte. Aber der Arzt war noch nicht gekommen, und alles, was man tun konnte, war zunächst, Weymuth auf eine Bahre zu betten und zu versuchen, durch einen Notverband übermäßigen Blutverlust zu verhindern. Derdey und auch Simonow wirkten in der Runde beinahe etwas hilflos, denn sie schienen nichts anderes zu tun als die anderen auch: zu warten. In Wahrheit aber waren beide – jeder auf seine Art – in angestrengtes Nachdenken versunken. Simonow sah man davon gar nichts an. Sein volles Gesicht wirkte unbeteiligt, schien fast zu lächeln. Und doch ging er hastig in Gedanken die Umstehenden durch, suchte sich krampfhaft zu erinnern, wo der oder jener gestanden hatte, als das Licht vorhin wieder aufgeflammt war. Da war Düsterhöfft – warum beobachtete der jetzt so forschend, ja beinahe lauernd, den Gesichtsausdruck der beiden Kriminalisten? Er hatte vorhin doch wohl an der Seitenwand gestanden, etwa in Höhe der Folie. Er hätte also … Oder?

 

Und Dr. Coolsdorf? Simonow konnte sich nicht entsinnen, ihn bemerkt zu haben, als das Licht wieder anging. Wo war er gewesen? Bost, der Personalchef? Ach, der diskutierte ja immer noch mit dem Kameramann. Hatte er auch vorhin getan. Der kam nicht in Frage.

 

Aber – ja – Dr. Huppert! Der stand direkt an der Folie, keine zehn Schritte von Weymuth entfernt. Wie nervös er jetzt aussah, beinahe gehetzt …

 

„Genosse Kapitän!“

 

Derdeys Stimme riss Simonow plötzlich aus seinen Überlegungen. Der Kommissar war ganz aufgeregt, als sei ihm eben eine Tatsache von entscheidender Wichtigkeit eingefallen.

 

„Wir kriegen das raus … Der Schusskanal! Er verrät uns ja, wo der Mörder gestanden hat!“

 

Simonow aber war skeptisch:

 

„Dazu müssten wir wissen, an welcher Stelle sich Weymuth befand, als …“

 

„Das weiß ich ja! Er stand fast vor mir! Hier!“

 

Und erregt markierte Derdey die Position, die Weymuth nach seiner Ansicht eingenommen hatte, als die Kugel ihn traf.

 

„Und dort –“

 

Er wies auf das kleine Loch in der Folie.

 

„Dort hat die Kugel die Wand durchschlagen! Also muss der Täter den Schuss von einem Punkt aus abgegeben haben, der hinter der Wand auf der Verlängerung der Linie liegt, die man zwischen dem Standort Weymuths und dem Loch in der Folie ziehen kann!“

 

Von Derdeys Eifer plötzlich angesteckt, ließ sich Simonow eilig ein Stück Kreide geben und markierte diese Linie auf dem Fußboden.

 

„Das stimmt auch mit dem Schatten überein, der da plötzlich hinter der Wand erschien!“

 

Derdey setzte seine Erklärungen fort, während er mit Simonow in die durch die Folie abgeteilte andere Hälfte des Ateliers trat, denn dort wollte der Kapitän die Kreidelinie über die Bildwand hinaus verlängern. Derdey sah sich um und maß mit großen Schritten verschiedene Wegstrecken ab.

 

„Hier ging die Person, die den großen Schatten auf die Folie warf. Und hier an diesem Punkt schneidet sie unsere Linie. Hier schoss sie also! Stimmt überein. Wir brauchen nur noch nach diesem Schattenwerfer zu suchen.“

 

Kapitän Simonow kam nicht dazu, sich zu äußern, denn in diesem Augenblick trat mit ernstem Gesicht Oberleutnant Globow zu ihm und sagte ihm auf russisch einige Worte, die eine verblüffende Wirkung ausübten. Simonow richtete sich ruckartig auf und sah den zerknirscht dreinschauenden Oberleutnant entsetzt an. Dann wandte er sich kurz an Derdey:

 

„Entschuldigen Sie, Genosse.“

 

Rasch verließ er mit Globow das Atelier.

 

Die Beurteilung von Elisabeth Schulz-Semrau

 

"Wo sind die Blitze, Kolja?" — eine Mutter, die den Sohn herausfordert. Die Probe führt mitten in ein familiäres Duell um Ideale, Karriere und die Zerrissenheit zwischen Herkunft und dem Wunsch nach intellektueller Autonomie.

 

Und dann fällt ihr aus der Mitte des Hefts ein langer Brief entgegen, eine Reisebeschreibung über seinen Westberlinbesuch an seinen Freund Heinrich Rex.

 

Warum nur hat er ihn nicht abgeschickt, grübelte sie. Man lässt doch nicht jemanden über zehn Seiten an seinen Erlebnissen teilhaben und vergisst es dann einfach.

 

Sie jedenfalls ist froh, den Brief gefunden zu haben, und jetzt erst empört sie sich über das Misstrauen dieses Genossen Minze ihrem Sohn gegenüber.

 

Nur — was verlangt sie von einem Fremden?

 

Lieber König Heinrich, weil Du es doch wissen wolltest, genau, wie Du sagtest, so verlief meine Reise nach Schlaraffia:

 

Schon der Anfang wurde ein besonderes Kapitel. Ich hatte mich früh in Friedrichstraße angestellt. War mir schon komisch unter all den Rentnern. Sie beäugten mich auch ziemlich misstrauisch. Auf der Rückfahrt, aber noch auf jener Seite, sprach es dann einer aus, sagte: Entweder Sie sind so’n Intelligenzler, oder Sie sind von der anderen Feldpostnummer!

 

Sie gingen übrigens ziemlich rücksichtslos miteinander um. Wenn da einer nicht mehr konnte, sich auf eine Bank setzte, knurrten die anderen, wollten ihn nicht wieder in die Schlange lassen.

 

Was sich da aber auch alles aufgemacht hatte. Einige hielten sich gerade noch an ihren Taschenwägelchen aufrecht. Irgendwie taten sie mir leid in ihren feinsten Sachen. Bestimmt stöhnten einige von den Leuten drüben, die von ihnen heimgesucht wurden: Schon wieder diese Tante Martha aus dem Osten ...

 

Als ich dran war, stellte sich heraus, dass ich nur zweihundert Mark mitnehmen durfte, ich hatte mein ganzes Gehalt einstecken. Also raus aus der Schlange, das Geld an einer Wechselstelle deponieren. Zwanzig West hatte ich eins zu vier bei Ralf getauscht, erwähnte das natürlich nicht. Ich konnte doch nicht ohne einen Pfennig dahin. Sollte ich mir vielleicht was erbetteln? hatte ich gedacht. Also wieder in die Reihe, zur nächsten Kontrolle. Der Polizist drehte meine Papiere, sagte, hier sind Sie falsch, Sie haben doch eine Dienstreise. Nun hatte ich zwar an einem gesonderten Eingang gelesen: Für Diplomaten und Dienstreisende, und hatte auch einige bedeutsame Männerchen mit Lords an den Rentnern vorbeischreiten sehen, hatte mich denen aber nicht zugehörig gefühlt. Dafür durfte ich nun zurückgehen, bekam aber sofort meinen »Passport ins Land meiner Träume«.

 

Die andere Bahnsteighälfte von Friedrichstraße war schon Westen. Ich grübelte, ob das nicht das Stück war, von dem ich damals als kleiner Junge mit den Eltern zum Berliner Ensemble rübergegangen bin.

 

Aber lange konnte ich gar nicht nachdenken, da wurde ich von zwei Armen umklammert, lange Haare mit einem »mit Tosca kam die Zärtlichkeit«-Duft fegten mir übers Gesicht.

 

Du, ich hab’s gefühlt, dass ich dich hier treffe, sagte Tanja, ich musste einfach vorfahren.

 

Wir hatten uns um neun am Bahnhof Zoo verabredet. Trotz meiner blöden Verirrungen war ich früher dran als gedacht.

 

So einfach war das also. Wir saßen in einer S-Bahn, und der Bahnhof hieß immer noch Friedrichstraße und war doch die andere Welt. Nachdem die Omas und Opas eingesammelt waren, fuhr die S-Bahn los. Ich fühlte mich erregt, gespannt zum Platzen, krampfte meinen Blick aus dem Fenster, als würde dahinter — ja was eigentlich?

 

Nachdem ich den Künztler angerufen und für den Nachmittag einen Termin vereinbart hatte, verließen wir den Bahnhof.

 

Erst später fiel mir ein, dass ich den Eingang zum Zoo gar nicht entdeckt hatte. Die Budapester Straße. Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte.

 

Hatte ich vier Augen oder acht? Waren, Preise, Werbung. Himmlischer Vater, wer da nicht einverleibt wurde.

 

Mördermord. Dokumente und Dialoge von Hans-Ulrich Lüdemann

 

Im stenografierten Schwurgerichtssaal von 1921: Zeugen berichten, die Atmosphäre ist geladen. Diese Passage konfrontiert uns unmittelbar mit dem Prozess, der die Verbrechen der Vergangenheit thematisiert und in dem die Suche nach Motiven und Gerechtigkeit den Raum füllt.

 

„Ich erinnere mich genau, junger Mann. Es war der Abend des 18. Juni 1915 - wir hielten uns vor dem Hause unseres bereits erwähnten Freundes Gehlsen auf. Da kam ein Gendarm, der mitgeholfen hatte, die Armenier zu treiben. Treiben - so umschrieben sie jedes Mal ihr furchtbares Tun. Dieser Polizist erzählte also, dass sie jeden Tag 10 bis 12 Männer getötet und in die Schluchten geworfen hätten. Auf dem Wege dorthin wären Frauen in jedem Dorfe neu geraubt und geschändet worden. Er habe selber aus Mitleid drei nackte Frauenleichen begraben und hoffe, dass der Allmächtige ihm diese guten Taten eines Tages zurechnen würde.“

 

Melikjan atmet tief durch. Dann vergewissert er sich noch einmal: „Das also haben Sie alles gehört, gnädige Frau?“

 

Frau von Wedel-Jarlsberg nickt. Und sie ist noch nicht am Ende mit ihrer Schilderung: „Am Morgen des 19. Juni, als die Todgeweihten vorübergetrieben wurden, sind wir mit ihnen in die Stadt gegangen. Nur zwei Männer waren in der Menge. Von den Frauen waren einige geisteskrank geworden. Eine rief andauernd: Wir wollen Moslems werden! Wir wollen Deutsche werden! Was Ihr wollt! Nur - rettet uns! Jetzt bringen sie uns nach Kemagh und dort werden sie uns die Hälse abschneiden!“ Frau von Wedel-Jarlsberg packt die Erinnerung. Sie schluchzt auf.

 

„Nimm es dir nicht so zu Herzen, meine Liebe.“ Frau Elvers legt einen Arm um die Weinende und reicht ihr ein Taschentuch, um die Tränen abzutrocknen.

 

„Es tut mir leid“, murmelt Soghomon Melikjan und er verbeugt sich schuldbewusst.

 

Aber Frau von Wedel-Jarlsberg fasst sich überraschend schnell. Sie streckt jetzt den Rücken durch und schaut wie von oben herab auf den jungen Mann vor ihr:

 

„Wir haben damals lange warten müssen, mein Herr. Um den Zug jämmerlich anzusehender Gestalten vorbeizulassen. In der Menge Todgeweihter liefen auch viele Kinder mit; einige hatten auffallend helles Haar und große blaue Augen, die uns so todernst und mit solch einer unbewußten Hoheit anblickten, als wären sie hier auf Erden schon Engel des Jüngsten Gerichts. Und ein griechischer Kutscher sagte uns noch: Die werden jetzt alle zusammengebunden und von hohen Felsen in die Fluten des Euphrat zu Tode gestürzt! Tausende Leichen flussabwärts hätte man bereits gesehen ...“

 

Viel Vergnügen beim Lesen dieser fünf unterschiedlichen Einstiege — ich freue mich, wenn Sie nächste Woche wieder mit dabei sind. Herzlich, Ihre EDITION digital‑Redaktion

 

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Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"

 

EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.

 

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