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Zwischen Kindheit, Humor und großen Entscheidungen – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

 

(Pinnow, 17.07.2026) – Die Sommerferien haben in vielen Bundesländern begonnen, und damit ist vielleicht auch wieder etwas mehr Zeit zum Lesen vorhanden. Die fünf aktuellen Sonderangebote im E-Book-Shop von EDITION digital richten sich diesmal an ganz unterschiedliche Leserinnen und Leser: an Kinder, die wissen wollen, wie Menschen sprechen lernten, an Freunde kluger Satire, an historisch Interessierte, an Liebhaber regionaler Geschichte und an Leser spannender politischer Romane.

 

Vom Freitag, dem 17. Juli, bis Freitag, dem 24. Juli 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.

 

Stefan – Jenseits der Kindheit von Walter Kaufmann

Stefan – das ist Walter Kaufmann, der als Kind jüdischer Adoptiveltern mit viel Glück vor den Nazis aus Deutschland fliehen konnte, zunächst nach England, dann nach Australien.

Aus der Sicht des jüdischen Jungen Stefan erfahren wir vom Alltag in Deutschland und den wachsenden Schikanen gegenüber den Juden, aber auch von Solidarität, von der Flucht nach England und von seiner Deportation nach Australien: „Sie erreichten das Lager lange nachdem sie von weit her die Wachtürme gesichtet hatten, und als sich hinter ihnen die drei Stacheldrahttore schlossen, empfanden sie die massiven Holzbaracken des Lagers wie eine Zuflucht vor der Wüste.“

Dort, in der australischen Wüste gehen Kindheit und Jugend von Stefan zu Ende.

 

Der Himmel fällt aus den Wolken. Heitere Spiele dargestellt als eingebildete Aufführungen und wohlmeinend glossiert von zwei nicht minder eingebildeten Herren von Gerhard Branstner

Fünf heitere Stücke über das antike Griechenland, den Schalk in einem orientalischen Märchen, einer Gerichtsverhandlung gegen und mit Abraham im Himmel, eine gespalten-vereinte Familie in Fragen der Liebe und einen Roboter, der das Familienleben aufmischt. Ein tiefsinniger Humor eint alle kurzweilig zu lesenden Stücke, die am Ende von zwei Theaterkritikern kommentiert werden, die sie als Lehrstücke nutzen. Ein Lesevergnügen der besonderen Art.

 

Das erste Spielzeug. Und wie haben Menschen sprechen gelernt von Bert Teklenborg

Glaubt ihr, dass die Menschen schon immer sprechen konnten? Nächste Frage: Spielzeug – hat‘s das schon immer gegeben? Aber was hat das erste Spielzeug mit Sprache zu tun? Das wollen wir herausfinden – und feststellen, welche Rolle das viele Tausend Jahre alte „Lonetal-Pferdchen“ dabei spielte.

 

Orte der Erinnerung. Heft 2 – Alter Friedhof Schwerin

Der Alte Friedhof Schwerin zählt zu den ältesten Landschaftsfriedhöfen Deutschlands und ist das kulturelle Gedächtnis der ehemaligen Residenz- und heutigen Landeshauptstadt Schwerin.

Auf einer Fläche von etwa 24 Hektar befinden sich zahlreiche Grabanlagen von Personen, die die Geschichte des Landes und der Stadt Schwerin mitgestaltet haben, aber auch Grabanlagen von architektonischer Bedeutung. Die Autoren des zweiten Bandes „Orte der Erinnerung“ präsentieren die Architektenfamilien Clewe und Hamann, den Architekten Ehmig, den Schöpfer des bekannten „Weihnachtsfensters“ im Schweriner Dom, Ernst Gillmeister. Aber auch heute vergessene Persönlichkeiten wie zum Beispiel der Soldat, Hofbeamte und Gegner des Gauleiters Hildebrandt Bernhard von Hirschfeld werden vorgestellt.

Die Autoren nehmen Sie mit auf eine Entdeckungsreise in die Geschichte Schwerins und Mecklenburgs und laden zu einem Spaziergang auf dem Alten Friedhof Schwerin ein. Mit dem beigefügten Friedhofsplan können Sie die Grabmale selbst entdecken.

 

Unternehmen Thunderstorm. Gesamtausgabe von Wolfgang Schreyer

Auch in dieser Woche erinnert die Rubrik Friday for Future daran, welche Folgen Krieg, Gewalt und Machtpolitik für Menschen haben können. Wolfgang Schreyer schildert in „Unternehmen Thunderstorm“ den Warschauer Aufstand von 1944 und seine grausame Niederschlagung durch die deutschen Besatzer – ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das von Mut, Hoffnung und unermesslichem Leid geprägt war. Der Roman macht deutlich, wie zerstörerisch Krieg für Städte, Gesellschaften und ganze Generationen ist und warum die Erinnerung daran auch heute noch wichtig bleibt.

Das E-Book schildert Dinge, wie sie waren; es verschweigt nichts. Wolfgang Schreyer schrieb nach gründlichem Materialstudium diesen packenden Bericht eines von den Engländern geplanten militärischen Großunternehmens, über das jahrelang fast nichts bekannt geworden ist. Wir erleben das Schicksal einer deutschen Flakbatterie, verfolgen den Weg einer kleinen Gruppe britisch-amerikanischer Fallschirmspringer und das Ringen polnischer Untergrundkämpfer. Der Autor enthüllt die Methoden internationaler Spionagedienste, zeigt Generale, Konzerndirektoren und Diplomaten bei der Arbeit, schildert Verhandlungen in Moskau ebenso wie Operationen der Roten Armee.

Durch das ganze Buch weht der heiße Atem einer pausenlosen dramatischen Handlung. In der prallen Fülle ihrer Gestalten und Schicksale ersteht noch einmal eine Welt des Aufstiegs und des Untergangs.

 

Die fünf Bücher dieser Woche führen von der Frühgeschichte der Menschheit über humorvolle Bühnenwelten bis zu politischen Konflikten der Gegenwart. Die folgenden Leseproben geben einen ersten Eindruck von ihren Themen, Figuren und Ideen.

 

Stefan – Jenseits der Kindheit von Walter Kaufmann

Der Weg vom Kind zum Erwachsenen ist oft schwieriger, als er auf den ersten Blick erscheint. Die folgende Passage vermittelt einen Eindruck von den Herausforderungen, vor denen Stefan steht.

 

Im Schuppen hockten sie auf Kisten, die Flasche zwischen sich auf dem Boden - fast unberührt noch stand Stefans Glas auf dem Werkzeugregal. Das Zeug schmeckte ihm nicht. Er fand aber auch nichts dabei, dass Sigi trank. So mitteilsam wie jetzt hatte er ihn noch nie erlebt - Stefan schien es, als wäre er in jener Nacht in Ulm dabei gewesen, als wäre auch er aufgeschreckt worden vom Splittern der Haustür oben, dem Getrappel von Stiefeln auf den Kellerstufen, er sah den grellen Schein von Stablampen über die erstarrten Gesichter gleiten, hörte die SA-Leute brüllen: "Da ist das Pack, nun aber los!" Und weil Sigi nicht schnell genug hochkommt, auch das sah Stefan, versetzt ihm der SA-Mann einen Tritt, Sigi prallt gegen die Wand, es reißt ihm die Brille vom Gesicht, und der SA-Mann zertritt die Brille mit dem Stiefelabsatz. Wie ein Blinder tastet sich Sigi aus dem Keller den anderen nach, die Treppe hoch und durch die zertrümmerte Haustür auf die Straße. Sie müssen ihn zu dem Laster führen, der da vor dem Haus steht, und weil Sigi allein nicht zurechtkommt, packen sie ihn und schleudern ihn auf die Ladefläche. "Da hast du dein Fett, du blinder Sack!" Und begreiflich war Stefan auch, dass sie den, der da so hilflos um sich tastet, am wenigsten beachten - der entkommt uns nicht. Und ehe noch das Fahrzeug um die Ecke biegt, hat Sigi die Ladeklappe gepackt, sich hochgestemmt und hinausgeschwungen, ist draußen auf den Füßen gelandet und im Dunkel der Gasse zwischen den Häusern verschwunden.

"Hast du mal einen Blinden an der Bordsteinkante zögern sehen, ehe er sich über den Fahrdamm wagt?"

Stefan nickte.

"Will nur erklären", sagte Sigi, "warum sich gleich ein paar Leute meiner annahmen und niemand auf den Gedanken kam, dass ich auf der Flucht sei. Eben ein Blinder. Das Brüllen der SA-Männer dahinten in der Gasse konnte doch keinem Blinden gelten! Kurzum, ohne sich dessen bewusst zu werden, halfen sie mir unterzutauchen, und zwei Tage später war ich in der Schweiz, von wo ich dann nach England kam." Während er noch sprach, entnahm er seiner Brieftasche ein Foto und hielt es Stefan hin. "Das sind sie - meine Eltern."

Stefan schwieg - er stellte sich die beiden Alten zwischen den kahlen Wänden ihrer Gefängniszellen vor, und er empfand Sigis Qual, als sei sie die eigene. "Du kommst nach deiner Mutter", sagte er schließlich.

Sigi senkte den Blick. Seine Hand war unstet, als er das Foto in die Brieftasche zurückschob. "Und nun lass endlich hören, was dich bedrückt", forderte er.

 

Da gingen so viele Dinge zusammen, und Stefan konnte sie nicht nennen - Sätze aus einem Brief, den die Eltern noch über das Rote Kreuz hatten schreiben können, vor allem aber dieses Foto: der Ausdruck ihrer Augen, und wie gezeichnet der Vater noch war von der langen Haft! Und was hatte es zu bedeuten, dass die Mutter sich mit den Füßen plagte, von geschwollenen Füßen schrieb; wohin musste sie so weit laufen, warum sich so oft und so lange anstellen? "Wir denken immer an Dich und hoffen auf ein Wiedersehen." Wenn er das Foto betrachtete, versagte ihm der Mut.

 

Der Himmel fällt aus den Wolken. Heitere Spiele dargestellt als eingebildete Aufführungen und wohlmeinend glossiert von zwei nicht minder eingebildeten Herren von Gerhard Branstner

Humor kann unterhalten und zugleich zum Nachdenken anregen. Die folgende Passage zeigt, wie Gerhard Branstner beides miteinander verbindet.

 

Der Kalif will dem sich vor Verlegenheit krümmenden Wesir an die Gurgel, doch Machmud entscheidet:

„Wenn er ein Nichts ist, dann darf er auch nicht zu sehen sein. Hinter den Wandschirm mit ihm!“ Der Kalif wird auf einen Wink Machmuds von einem Wächter hinter den Wandschirm gebracht. Machmud zum Wesir zur Rechten: „Und jetzt eröffne den Diwan! Ich will alle Streitfälle noch einmal verhandeln. Ankläger und Angeklagte mögen zum zweiten Mal vortreten!“ Zu einem Wächter: „Hol die Verurteilten aus dem Gefängnis!“

Der Wesir zur Rechten eröffnet den Diwan:

„Der Diwan ist eröffnet. / Nun kommt, ihr Leute, kommt. / Wer Klage hat, der klag, / solang’s dem König frommt!“

Das Fanfarensignal ertönt wieder, und die Leute auf dem Vorplatz setzen sich in Gruppen nieder. Die Gefangenen werden vorgeführt, und die Prügelknechte nehmen Aufstellung, nachdem sie den Bock zum Auspeitschen herbeigetragen haben.

„Führt die Verurteilten vor!“, fordert Machmud. Der erste Gefangene wird ihm vorgeführt. „Wer ist der Kläger?“

Der erste Kläger, ein reichgekleideter Alter, löst sich aus der Menge, tritt zu Machmud und verneigt sich, die Hände aufgestützt, mit der Stirn bis zum Boden und verharrt in dieser Stellung:

„O Herr, Allah sei dir gnädig und schenke dir ein langes Leben.“

„Heda!“, ruft Machmud. „Was machst du mit der Nase im Dreck?“

„Die Würde des Gerichts erheischt diese Stellung, o Kalif“, erklärt der Wesir zur Linken.

„Ein unbequeme Würde. Aber es sei.“ Machmud versteht die Erklärung bewusst verkehrt, rutscht vom Sessel und hockt sich, auf Knie und Hände gestützt, dem Kläger gegenüber. Der hebt verwundert die Nase. Machmud schneidet ihm Gesichter. „Also, halten wir Gericht.“

Der Wesir zur Linken hockt sich neben Machmud. „Diese Stellung, o König, ist nur dem Volke vorgeschrieben. Wir dagegen …“

Der Wesir zur Rechten hat sich zur anderen Seite Machmuds hingehockt: „O Herr, weshalb willst du den Diwan wiederholen, da doch alle Rechtsfälle zur Zufriedenheit der Parteien entschieden sind. Überdies hast du, wie ich sehe, keine Erfahrung, und die Fälle sind sehr verwickelt.“

Machmud richtet sich halb auf und lässt sich gemütlich auf den Hintern fallen: „Verwickelt, sagst du? Das ist gerade das Rechte für mich. Einem Fischer verwickeln sich die ausgelegten Netze und Schlingen so gut wie einem König. Ob der sie aber so gut zu ordnen versteht wie ich, ist noch die Frage.“ Er steht auf und setzt sich wie selbstverständlich auf den Thronsessel und wendet sich aufgeräumt dem ersten Kläger zu: „Steh auf, Alter, und rede. Aber nicht nach meinem Munde, sondern nach deinem Verstande!“

„Ich bin der Kaufmann Schubak, o Herr“, stellt sich der Kläger vor. „Dieser Dieb hat mir meinen kostbaren Ring vom Finger gerissen und ist damit weggelaufen. Auf mein Rufen hin wurde er gefangen und …“

Der Gefangene unterbricht: „Bei Allah, o Herr, es ist erlogen, ich …“

„Schweig“, fährt der Wesir zur Rechten dazwischen, „du warst nicht gefragt.“

„Auch du warst nicht gefragt“, weist Machmud den Wesir zurecht und wendet sich danach an den Kläger. „An welchem Finger trugst du den Ring?“

„An diesem, o Kalif.“ Er streckt einen Finger vor.

Machmud steigt vom Thron und besieht sich den Finger. „Irrst du dich auch nicht? Es ist kein Abdruck des Ringes zu sehen.“

„Der Ring war sehr weit.“

Machmud besieht sich erneut den Finger. „Der Finger ist gleichmäßig gebräunt. War der Ring so weit, dass du die Sonne darunterstecken konntest?“

Der Kläger gerät in Verwirrung und braucht ein Weilchen, um sich etwas einfallen zu lassen. „Ich trug ihn nur selten.“

„Und wenn du ihn nicht trugst, bewahrtest du ihn gewiss sicher auf. Wer außer dir wusste, wo?“ Der Kläger fürchtet, einen weiteren Fehler zu machen, und zögert mit der Antwort. „Überleg dir die Antwort gut“, warnt Machmud. „Zweimal hast du bereits gelogen. Ein drittes Mal geht es dir nicht durch!“

Der Kläger glaubt, die rettende Antwort gefunden zu haben. „Niemand weiß, wo ich den Ring, wenn ich ihn nicht trug, aufbe…“

„Das werden wir gleich erfahren.“ Machmud winkt einen Hofbediensteten heran. „Lauf zur Frau des Kaufmanns Schubak und ersuche sie, dir den bewussten Ring zu geben. Ihr Herr habe ihn dem Kalifen zum Geschenk bestimmt.“ Zum Kläger. „Nun wird sich zeigen, wo der Ring sich in Wahrheit befindet.“

Der Kläger wirft sich zu Boden. „Allah erbarme sich meiner! Ich bekenne mich der falschen Anklage schuldig. Ich schenke dir den Ring, o größter König aller Könige!“

„Steh auf und lass das Zittern!“, befiehlt Machmud und wendet sich an den Gefangenen. „Welche Strafe war dir auferlegt worden?“

„Ich wurde dem Kaufmann als Sklave zugesprochen. Für vierzig Monate, o Herr.“

Machmud gebietet dem Kläger: „So wirst du ihm den Lohn für vierzig Monate ausbezahlen. Als Zeichen dafür, dass die auferlegte Strafe abgeleistet ist.“ Die beiden verbeugen sich und machen sich im Rückwärtsgang davon. Machmud: „Führt den nächsten Verurteilten vor!“ Der zweite Gefangene wird vorgeführt: „Wer ist der Kläger?“

Ein anderer Reichgekleideter steigt zögernd die Stufen zur Vorhalle empor und verneigt sich. „Ich, o Herr.“

„Und welchen Vergehens beschuldigst du den Mann?“

„O mein König, ich habe mich geirrt. Seine Schuldlosigkeit ist mir inzwischen völlig klar geworden. Ich ziehe meine Klage zurück.“ Er verneigt sich hastig und will sich verdrücken.

Machmud ruft dem zweiten Gefangenen zu: „Lauf ihm nach und frag ihn, weshalb er es so eilig hat. Aber frag ihn ausführlich, verstehst du, und lass dir keine dummen Antworten gefallen.“

Der Gefangene stutzt einen Augenblick, reißt dann dem Folterknecht die Knute aus der Hand und rennt davon, so dass kein Zweifel daran besteht, auf welche Weise er seinen Kläger befragen wird.

Machmud fragt den dritten Gefangenen: „Und du, wer hat dich verklagt?“

„Dort läuft er!“ Der Gefangene weist auf einen Mann, der in der Volksmenge unterzutauchen versucht.

„O Herr“, ruft der Mann im Davonlaufen, „ich habe grad gehört, dass mein Haus brennt!“

„Hilf ihm das Feuer löschen!“, befiehlt Machmud dem Gefangenen. „Du bist mir aber dafür verantwortlich, dass das Haus wirklich gebrannt hat. Hast du mich verstanden?“

„Ja, Herr, deine Sprache versteht unsereiner sehr gut.“

 

Das erste Spielzeug. Und wie haben Menschen sprechen gelernt von Bert Teklenborg

Wie haben unsere Vorfahren miteinander gesprochen? Und womit spielten ihre Kinder? Die folgende Passage begibt sich auf eine spannende Spurensuche in die Frühgeschichte der Menschheit.

 

40 000 Jahre zurück.

Es ist Winter im Lonetal, eine hohe Schneedecke liegt über der Schwäbischen Alb; Menschen in der Vogelherdhöhle sitzen nahe beim Feuer, eingewickelt in Tierfelle. Ein Mann hat ein Stück Mammutelfenbein in der einen Hand, in der anderen liegt eine Klinge vom abgeschlagenen Flintstein. Als das Tier erlegt wurde, war es Herbst und die Beute sicherte das Überleben. Schon immer hatte er überlegt, was mit diesem an sich „nutzlosen“ Stoßzahn anzufangen sei. Abgebrochene Splitter wurden zu ersten Nadeln, mit denen die Felle zusammengenäht werden konnten.

Aus dieser noch praktischen Anwendung wurden langsam kunstvolle Gegenstände; erst waren es geschabte kleine Kugeln, dann wurden Perlen daraus. Der Mann hatte sie auf einer aus Sehnen oder Bast gezogenen Schnur aufgereiht und sich um den Hals gehängt. Das gefiel seiner Frau so gut, dass er noch eine Kette machte.

 

Orte der Erinnerung. Heft 2 – Alter Friedhof Schwerin

Geschichte begegnet uns oft dort, wo wir sie nicht vermuten. Die folgende Passage lädt zu einer Entdeckungsreise durch Schwerins kulturelles Gedächtnis ein.

 

Der Marienschwesternverein und das Marienkrankenhaus in Schwerin

Das bürgerliche Leben in der großherzoglichen Residenz Schwerin war am Ende des 19. Jahrhunderts vielfältig. Natürlich stand der großherzogliche Hof im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, aber auch Theater, Museum, Konzertaufführungen und im Winter die Ballsaison sorgten für Abwechslung und Zerstreuung. Eine Vielzahl von Vereinen existierte, in denen hauptsächlich die Männer Zerstreuung und Abwechslung suchten. Gesangs-, Turn-, Kegel-, Segelvereine, aber auch gemeinnützige Vereine gehörten zum bürgerlichen Leben wie Beruf und Familie. Obwohl in Schwerin zahlreiche Stiftungen existierten, die sich dem Gemeinwohl bedürftiger Frauen widmeten, gab es um 1870 lediglich einen Verein, den für Lehrerinnen und Erzieherinnen, in dem hauptsächlich Frauen ihre Beschäftigung fanden. Doch das sollte sich 1880 mit der Gründung des Mecklenburgischen Marien-Frauen-Vereins ändern. Die Gründungsstatuten lehnten sich stark an die des Deutschen Roten Kreuzes an. Die angehenden Schwestern wurden im damaligen Mutterhaus in der Münzstraße 5 ausgebildet. Ziel des Vereins war die „Pflege im Feld verwundeter und erkrankter Krieger“. Die Schirmherrschaft übernahm die Großherzogin Marie von Mecklenburg-Schwerin (1856-1929). Die Ausbildung der Schwestern erfolgte im Mutterhaus Münzstraße 5. Bis 1889 übten die ausgebildeten Marienschwestern Krankenpflege im Stadtkrankenhaus. Von Seiten der Stadt erfolgte eine Kündigung der Zusammenarbeit, da in den Zimmern Andachten abgehalten wurden und es nach Aussage der städtischen Krankenhausführung an Respekt gegenüber der Leitung des Krankenhauses fehlte. Da der Verein bereits nach wenigen Jahren über größere Geldmittel verfügte, es gehörte in der Residenzstadt zum „guten Ton“ der bürgerlichen und adligen Damenkreise, Mitglied im Marienverein zu sein (1896 1642 Mitglieder), konnte 1895 ein kleines Krankenhaus im Gebäude Schelfmarkt 1 (später Schelf-Apotheke) eingerichtet werden. Das Gebäude war zuvor für 35 000 Reichsmark vom Mecklenburgischen Finanzministerium angekauft worden. Neben den Krankenzimmern hatte das Gebäude einen Operationsraum und eine Isolierstation. Die bis zu 18 Patienten fassende Krankenstation wurde von einem Arzt und drei Schwestern betreut.

Schon nach kurzer Zeit erreichte die Kapazität des Hauses ihre Grenzen und der Vorstand des Vereins suchte nach einem geeigneten, unbebauten Baugrundstück. Die Wahl fiel auf ein Grundstück am Jungfernstieg. Dieser Plan wurde von den meist betuchten Anwohnern verhindert, war doch der Jungfernstieg größtenteils mit Stadtvillen bebaut. Man befürchtete eine Abwertung der Grundstücke und den Geruch der Desinfektionsmittel, auch würde der Anblick der Kranken störend wirken. Daraufhin lehnte der Landtag 1903 die Mittel für einen Neubau ab. So blieb es zunächst beim alten Haus. Um zusätzlichen Raum zu schaffen, wurde 1905/06 das Gebäude umgebaut. Dass dies nur eine Interimslösung darstellte, war bereits bei Baubeginn klar. So wurden die an das Grundstück Schelfmarkt Nr. 1 angrenzenden Parzellen in der Lützowstraße (Röntgenstraße) sowie Teile der Gartenfläche des Schelfmarktes Nr. 2 erworben. Mit der Entwurfsplanung wurde der Schweriner Architekt Gustav Hamann beauftragt. Im Juli 1913 fand die Vorstellung des Projektes statt. Hamann plante einen dreigeschossigen 19-achsigen Baukörper mit hohem Satteldach. Zwei Seitenrisalite und ein Mittelrisalit sollten die langgestreckte Putzfassade gliedern. Die Krankenzimmer orientierten sich nach Süden in den ruhigen Innenhof, an der Nordseite lagen Flure, Sanitär- und kleinere Aufenthaltsbereiche. Der Verein konnte 215 000 RM, teils durch Lotterie und Spenden, aufbringen. Die tatsächlichen Baukosten betrugen 208 000 RM. Am 22.09.1914 wurde das Krankenhaus seiner Bestimmung übergeben. Bereits wenige Wochen später, der Erste Weltkrieg war unmittelbar vor der Eröffnung des Gebäudes ausgebrochen, wurde das Marienkrankenhaus nun doch als Lazarett zur „Pflege im Feld verwundeter und erkrankter Krieger“ betrieben. 1914 standen 50 Betten zur Verfügung. Die Landstände bewilligten einen jährlichen Zuschuss von 6 000 Reichsmark.

Die Arbeit des Marien-Frauen-Vereins stand mit Beginn des Krieges unter der Kuratel des Deutschen Roten Kreuzes. Die Aufgaben des Vereins wuchsen beachtlich.

Neben der Arbeit der Schwestern im Marienkrankenhaus wurden von den Mitgliedern 27 Nähstuben und vier Schreibstuben betrieben. Ehrenamtlich wurden „Liebesgaben“ für die Frontsoldaten gesammelt, Familien von Kriegsopfern betreut und ostpreußische Flüchtlinge versorgt. Ende 1914 hatte der Verein bereits 600 Mitglieder, die, sofern sie ausgebildet waren, auch in anderen Lazaretten halfen. 1915 gab es 43 Zweigvereine, ab Oktober 1915 wurden 78 Hilfskrankenschwestern im Mutterhaus des Vereins am Schelfmarkt ausgebildet. Das Vereinsvermögen betrug 1916 145 800 Reichsmark. Das Gebäude wurde als „Vereinslazarett-Marienhaus“ mit 100 Betten geführt. 1918 wurde die Ausbildungsstätte als staatliche Krankenpflegeschule anerkannt. 1919, jetzt wieder Zivilkrankenhaus, wurde das Gebäude, nach der Verschmelzung des Marien-Frauen-Vereins mit dem 1864 gegründeten Mecklenburgischen Roten Kreuz, in die Obhut des DRK überführt. Die Marienschwestern arbeiteten wie gewohnt weiter. Seit dem 9.März 1923 Eigentum des Roten Kreuzes, wurde die Einrichtung von 1924 bis 1930 vom Land finanziell unterstützt. 1926 erwarb das DRK weitere Grundstücke für eine geplante Erweiterung in westlicher Richtung. 1927 begannen die Erweiterungsarbeiten durch das Bauunternehmen Carl Glatz & Sohn. Federführend war der Architekt Emil Liss, der sich in seinem Entwurf an dem von Hamann geschaffenen Bau orientierte. Die Bauarbeiten fanden im Herbst 1928 ihren Abschluss. Zusätzlich waren eine Entbindungsstation, eine Röntgenabteilung und 30 Betten geschaffen worden. 1932 arbeiteten 104 Schwestern und Hilfsschwestern im Haus. Dazu kamen noch 18 Schwesternschülerinnen, die hier in der Praxis ausgebildet wurden. Auch gab es Leihschwestern und pensionierte Schwestern, die Dienst taten. 1941, das Krankenhaus war nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wieder Lazarett geworden, begannen Planungen für eine erneute Erweiterung. Diese wurde kriegsbedingt nicht ausgeführt.

Am 1.Dezember 1945, acht Monate nach Kriegsende, wurde die „Städtische Poliklinik im Marienkrankenhaus“ als erste Poliklinik in der Sowjetischen Besatzungszone gegründet. Aus der Not heraus wollte man das verbliebene Ärztepersonal und die Technik in einem Gebäude konzentrieren, um so die gesundheitliche Versorgung für die Bevölkerung der Stadt Schwerin und des Umlandes zu gewährleisten. Doch die Nachkriegsgeschichte des Gebäudes soll hier nicht erzählt werden, obwohl in der Poliklinik noch zahlreiches Fachpersonal arbeitete, welches unter dem Kuratel des Marienfrauen-Vereins ausgebildet worden war.

Nach dem Tod der Oberschwester Elly von Quitzow, erwarb der Marien-Frauen-Verein 1917 eine eigene Begräbnisstätte auf dem Alten Friedhof. Der Vertrag über die 56 qm große Fläche vermerkt dazu 15 „Leichenbreiten“. Im Volksmund wird die Anlage Schwesternberg genannt. In den folgenden 28 Jahren wurden noch mindestens sieben Schwestern hier begraben. Die letzte Beisetzung fand 1956 statt.

 

Unternehmen Thunderstorm. Gesamtausgabe von Wolfgang Schreyer

Technische Entwicklungen können Fortschritt bringen – oder zur Gefahr werden. Die folgende Passage zeigt, wie eng politische Interessen, militärische Strategien und menschliche Schicksale miteinander verbunden sind.

 

Ein gelber Mond hing über der Stadt. Hartmann schleppte sich langsam vorwärts, den rechten Arm um Irenas Hals geschlungen. Der andere hing kraftlos herab. Ihm war, als habe die Kugel seine Lunge gestreift und ihm das linke Schulterblatt zerschmettert. Im Munde spürte er noch immer den faden, widerwärtigen Geschmack geronnenen Blutes. Etwa hundert Schritte vor ihnen zischten weiße Leuchtkugeln in die Höhe. Sie näherten sich der Kampfzone am deutschen Brückenkopf. Hundert Schritte noch... Aber jeder einzelne davon bedeutete rasenden, bohrenden Schmerz.

"Stój! Stój!", rief es von der anderen Straßenseite her. Eine Patrouille der Aufständischen hielt sie an. Irena stieß hastige Erklärungen heraus. Hartmann verstand nichts davon; sie sprach Polnisch. Sie durften weitergehen. Er empfand kaum Erleichterung.

Sie tappten über dunkle Höfe. Ihm begann alles gleichgültig zu werden. Er fieberte. Seine Zähne schlugen gegeneinander. Fingen ihn die Partisanen, dann stellten sie ihn an die Wand, und alles wäre zu Ende – auch der Schmerz. Schlug er sich durch zu den eigenen Leuten, dann würde man ihn operieren, gesund pflegen und schließlich durfte er wieder die Knochen hinhalten für Führer, Volk und Vaterland. Was war schon der Unterschied? Der Krieg dauerte noch lange, und einmal erwischte es ihn doch. Er stöhnte unterdrückt. Er wünschte jetzt nur, sich irgendwo still hinzulegen und mit der gesunden Hand in Irenas Haar zu spielen, so lange, bis der Tod ihn küsste. Doch das Mädchen zog ihn weiter, ja, es trug ihn halb. Woher nahm sie die Kraft dazu?

Plötzlich überfiel ihn eine namenlose Angst: Was geschah mit ihr, wenn sie ihn fassten? Erzählte sie nicht selbst vorhin, dass der polnische General Bor, der den Aufstand leitete, alle Männer und Frauen Warschaus vom sechzehnten bis zum sechzigsten Lebensjahr mobilisiert hatte? Dass alle Polen Wehr- und Hilfsdienst leisten mussten – also auch Irena? Beging sie nicht – vom Standpunkt der Rebellen aus – Verrat an ihrer Nation? Würde man folglich nicht auch sie erschießen?

"Irena", flüsterte er, "du musst umkehren! Jetzt schaffe ich's allein!"

"Ach..."

Sein Gesicht glühte. Er presste es an ihre Brust. Fieberschauer schüttelten ihn. So nahmen sie Abschied.

Hinter der nächsten Ecke knatterte eine Maschinenpistole.

"Komm wieder", bettelte sie, "dass du nur gesund wirst... Denkst du dann an mich? Du musst wiederkommen, versprichst du mir das?"

Er hatte viele Mädchen gekannt, aber keine hatte je soviel für ihn gewagt wie sie. "Ich werde dich niemals verlassen!", schwor er. "Ist der Krieg erst aus, Irena, kommst du mit nach Deutschland und wirst meine Frau. Hab keine Angst, alles wird gut..." Er glaubte fest an das, was er da sagte.

Sie küsste ihn – genauso zärtlich und scheu wie das erste Mal. "Komm nur gut hin und werd gesund", flüsterte sie. "Ich werde immer an dich denken..."

Die Maschinenpistole knatterte von neuem.

"Du musst nun gehen", entschied er.

Gehorsam machte sie sich los. Ihr Umriss verschwamm in der Finsternis. "Irena!", rief er halblaut hinterdrein.

Sie huschte zurück. "Sieh dich vor", mahnte er, "versteck dich im Keller! Sag diesem Malewski, er soll den Keller herrichten, dass ihr darin wohnt... Ihr müsst ihn abstützen, die Decke verstärken, verstehst du? Vielleicht wird die Stadt beschossen! Geh niemals hinaus, Irena, bis alles vorbei ist!"

 

Bleiben Sie ansonsten vor allem schön gesund und munter – und der Welt der Bücher weiterhin gewogen. In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem „Visa für Ocantros“ von Wolfgang Held.

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