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Die Saat der Hoffnung, die letzten Tage des alten Österreichs sowie zwölf Tage Weltgeschichte - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
Achtung, bevor Sie weiterlesen, noch ein wichtiger Hinweis: Ab Mai 2026 versendet EDITION digital diesen Newsletter sowie die aktuellen Pressemitteilungen nicht mehr per E-Mail. Diese Texte können Sie aber zumeist sogar eher selbst unter den Internet-Adressen https://edition-digital.de/Blog/ (bisheriger Newsletter) und https://edition-digital.de/Presse/ (Pressemitteilungen) finden. Probieren Sie es doch jetzt schon mal aus zum Eingewöhnen.
(Pinnow 30.01. 2026) Wer sich inzwischen für Bücher von F.C. Weiskopf interessiert und vielleicht sogar begeistert hat, für den hält der heutige Newsletter Nachschub bereit. Gleich drei der insgesamt fünf aktuellen digitalen Sonderangebote dieses Newsletters, die sieben Tage lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 30.01. 2026 bis Freitag, 06.02. 2026) zu haben sind, stammen aus der Feder dieses Autors.
Den Anfang macht Vor einem neuen Tag, das den Gesammelte Werken III, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, erschienen 1960 im Dietz Verlag Berlin. Auswahl und Zusammenstellung der Werke: Grete Weiskopf und Stephan Hermlin unter Mitarbeit von Dr. Franziska Arndt entnommen ist.
Vor einem neuen Tag war zum ersten Mal in englischer Übersetzung bei Duell, Sloan and Pierce, New York, erschienen. Es folgten: eine Buchklubausgabe ebenfalls in New York, eine deutsche 1944 im Verlag El libro libre in Mexiko, eine slowakische in New York, eine spanische in Buenos Aires, eine russische in Moskau, eine bulgarische in Sofia, eine deutsche im Dietz Verlag in Berlin und eine polnische in Warschau.
Im zerrissenen Europa der NS-Besatzung kämpft ein kleines slowakisches Bergdorf um Würde, Menschlichkeit und Überleben.
Der wandernde Hausierer Ivan Schipko und der aus dem Konzentrationslager entlassene Student Peter Novomesky begegnen sich zufällig - eine Begegnung, die ihr Leben verändern wird. Während die Besatzer mit Gewalt, Hunger und Repression herrschen, wächst in den Wäldern eine andere Kraft: Menschen, die nicht länger erdulden wollen, sondern Widerstand leisten.
Weiskopf erzählt in dichten, atmosphärischen Bildern von einem Land zwischen Unterdrückung und Aufbruch, von Mut und Verrat, von der Sehnsucht nach Freiheit und von jener Saat der Hoffnung, die selbst in den finstersten Zeiten aufgeht.
Vor einem neuen Tag ist ein großer Roman über Menschlichkeit im Angesicht des Grauens - und über die Frage, wie viel ein Einzelner bewirken kann.
Das zweite Buch von F.C. Weiskopf ist sein Romanfragment Welt in Wehen. Textgrundlage für das E-Book waren die Gesammelte Werke II, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, erschienen 1960 im Dietz Verlag Berlin. Auswahl und Zusammenstellung der Werke: Grete Weiskopf und Stephan Hermlin unter Mitarbeit von Dr. Franziska Arndt.
Wien im November 1918: Die Monarchie ist zerfallen, der Krieg verloren, eine neue Zeit kündigt sich an - doch niemand weiß, wohin sie führt. In Welt in Wehen schildert F. C. Weiskopf mit scharfem Blick und literarischer Präzision eine Gesellschaft im Übergang, gefangen zwischen Untergang und Aufbruch.
Aus wechselnden Perspektiven entfaltet sich ein eindringliches Panorama der letzten Tage des alten Österreichs: Heimkehrer, Arbeiter, Offiziere, Journalisten und Intellektuelle ringen um Orientierung, Macht und Sinn. Weiskopfs Romanfragment ist zugleich Zeitdiagnose und literarisches Dokument - ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie Geschichte sich anfühlt, wenn sie noch nicht entschieden ist.
Manchmal erinnern einen alte Bücher, die bereits vor Jahrzehnten erschienen sind, an aktuelle Ereignisse. Das gilt zum Beispiel für den erstmals 1959 unter dem Titel Das grüne Ungeheuer im damaligen VEB Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik Berlin erschienenen Roman von Wolfgang Schreyer. 1961 kam er als überarbeitete Ausgabe unter dem Titel Der grüne Papst" heraus. Dem E-Book liegt die überarbeitete Fassung von 1965 zugrunde.
Karibisches Meer, Juni 1954:
Ein junger Deutscher gerät in Not und schließt sich Männern an, deren Geschäfte er nicht kennt. Schmuggeln sie Rauschgift, plündern sie Schiffe aus, sind es Kidnapper? Die Bande fürchtet keinen Richter, sie hat einen langen Arm - und Flugzeuge, Schnellboote, Sendestationen. Er kann nicht mehr zurück. Von jener Insel auf der Mosquitobank, die ein Piratennest ist, gelangt er in die Hauptstadt einer kleinen Republik zum Haus eines kaffeepflanzenden Greises, durch Urwälder, Tropenflüsse und über Kaktussteppen.
Er lebt zwischen Gangstern und Landsknechten, trifft aufrechte Männer und Laffen, dient einem windigen General, dann einem frommen Obersten. Ihm begegnen Hafenpolizei, Indios, Mädchen, Papageien, Spitzel. Er trifft eine glutäugige Schönheit, die ihm die Haut ritzt und seine Spottlust weckt, bevor er sie liebgewinnt. Sie lehrt ihn ihre Heimat sehen; und im Lichte aufdämmernder Erkenntnis findet er sein Gewissen wieder.
Wolfgang Schreyer gibt in diesem abenteuerlichen Roman dem Helden selbst das Wort. Darin liegt der besondere Reiz seiner Geschichte.
Halb zeitgeschichtliche Reportage, halb Abenteuerroman, entstand dieses Buch zu einer Zeit, in der die kubanische Revolution noch nicht gesiegt hatte und niemand die Ereignisse in Chile voraussehen konnte. Der gesellschaftliche Hintergrund dagegen, den der Text auch da veranschaulicht, wo Figuren und Handlungen kühn erfunden sind, entspricht überall den Tatsachen. Der Wert des Romans liegt bei aller Unterhaltung, die er dem Leser bietet, in der Information über ein fernes kleines Land (Guatemala) und einen Vorgang scheinbar am Rande des Weltgeschehens, der nicht länger als zwölf Tage Schlagzeilen machte (der von der CIA organisierte Sturz von Jacobo Arbenz Guzmán). Heute erscheint uns dieser Vorgang in schärferem Licht; er gewinnt an Bedeutung, wenn man an die Verbrechen der chilenischen Konterrevolution denkt und an den Überfall der USA auf die friedliche Antilleninsel Grenada im Oktober 1983, der den Putsch der Bananengesellschaft in Guatemala auf erschreckende Weise wieder aktuell werden ließ.
Das Buch war die Vorlage zu dem mehrteiligen Fernsehfilm Das grüne Ungeheuer von Rudi Kurz (1962).
Verfilmt wurde auch der erstmals am 1. Januar 1978 ebenfalls im Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik erschienene Roman Härtetest von Wolfgang Held, in dem der Autor wieder aus dem Leben in der NVA erzählt.
Der Zufall hat sechs junge Menschen für länger als ein Jahr zusammengeführt. Unter ihnen den Baumaschinisten Andreas, den Oberschüler Egon und Heinz, der bisher in einer Melkerbrigade gearbeitet hat. Alle tragen die Uniform der NVA, gehören einem motorisierten Schützenregiment (MSR) an und wohnen auf derselben Stube. Ihre Dienstzeit hat eben erst begonnen. Mancher steht noch mit einem Bein im Zivilleben, und jeder hat seine eigenen Probleme.
Andreas zum Beispiel mit seiner Frau. Doris erwartet ein Kind und möchte ihren Mann lieber heute als morgen wieder bei sich haben. Doch der trägt sich mit dem Gedanken, länger als achtzehn Monate bei der Fahne zu bleiben. Unaufhaltsam steuert die junge Ehe in eine Krise. Andreas muss unbedingt vierundzwanzig Stunden nach Hause fahren, um Doris vor einem nie wieder gutzumachenden Schritt zu bewahren. Gerade will er um Urlaub bitten, da heult in den Kasernen die Alarmsirene. Das Regiment rückt zu einer Übung aus, die das Letzte von den Soldaten fordert. Andreas steht zwischen militärischer Pflichterfüllung und persönlichem Zwang. Wie soll er sich verhalten? Der Fünfundzwanzigkilometermarsch wird für ihn und seine Stubenkameraden zu einer nicht enden wollenden Bewährungsprobe.
Das wegen der spannenden Wiedergabe der Probleme junger Leute auch heute noch interessante Buch wurde 1978 vom Fernsehen der DDR verfilmt. Und wahrscheinlich hatte Wolfgang Held das Buch und die literarische Vorlage für die Verfilmung parallel verfasst.
Regie führte Hubert Hoelzke. Das Drehbuch schrieben Regisseur Hubert Hoelzke und Horst Klewe. Das Szenarium stammt von Wolfgang Held: Die Erstausstrahlung war am 26. Februar 1978. Zu den Mitwirkenden gehörten Frank Ciazynski als Andreas Jungmann und Roswitha Marks als seine Frau Doris Jungmann, Peter Zintner als Egon Schornberger, Frank Schenk als Heinz Körner sowie Jörg Panknin als Unteroffizier Brettschneiderund Giso Weißbach als Oberleutnant Winter, aber auch Raymond Felsberg als Wartburgfahrer und Ute Krüger/Gerti Schmidt als zwei Wartburgfahrerinnen.
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Der heutige Beitrag erlaubt einen spannenden Blick in die Geschichte und in das Getriebe der Gesellschaft vor dem Hintergrund eines Krieges, der später die Bezeichnung des Ersten Weltkrieges erhalten sollte. Wie gehen Menschen mit solchen persönlichen gesellschaftlichen und persönlichen Krisen um?
Textgrundlage für das E-Book mit dem Roman Inmitten des Stroms von F.C. Weiskopf waren die Gesammelte Werke II, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, erschienen 1960 im Dietz Verlag Berlin. Auswahl und Zusammenstellung der Werke: Grete Weiskopf und Stephan Hermlin unter Mitarbeit von Dr. Franziska Arndt.
Mitten im Strudel des Ersten Weltkriegs entfaltet sich das vielschichtige Panorama einer Prager Familie, die zwischen Tradition, Machtanspruch, Selbsttäuschung und gesellschaftlichem Wandel schwankt. Intrigen, politische Spannungen, familiäre Zerwürfnisse und die leisen Tragödien des Alltags verweben sich zu einem Roman, der zeigt, wie Menschen handeln, wenn die Welt um sie herum zerbricht und welche Wahrheiten dabei ans Licht kommen.
Hier der Beginn dieses Romans, dem der Autor ein Zitat von Shakespeare vorangestellt hat:
Die Zeit reist in verschiednem Schritt
mit verschiednen Personen. Ich will
euch sagen, mit wem die Zeit den Pass
geht, mit wem sie trabt, mit wem sie
galoppiert, und mit wem sie stillsteht.
ERSTER TEIL I
Manche Menschen leiden weniger unter gewissen Schicksalsschlägen als unter der Unmöglichkeit, sie gebührend zur Schau tragen zu können.
Drei Tage lang hatte sich Frau Karoline von Wrbata-Treuenfels auf die Rolle vorbereitet, die sie beim Begräbnis ihres Bruders Alexander zu spielen gedachte (ihr schwebte so etwas wie eine vornehm gefasste Niobe vor), doch nun drohte der Plan buchstäblich ins Wasser zu fallen.
Sie presste ihre Stirn gegen die verweinte Fensterscheibe. Es war noch nicht drei Uhr, aber der graue Januartag verdämmerte schon. Die Umrisse der Altprager Häuser hinter dem Radetzkydenkmal zerflossen im strömenden Regen. Der bronzene Feldmarschall war nur schattenhaft wahrnehmbar: eine pathetisch 3 lächerliche Schildwache vor dem kleinen Café, das seinen, von halbvergessenem Schlachtenruhm umwitterten Namen trug. Vereinzelte Passanten wateten durch den matschigen Schnee, schief gegen den Wind gestemmt, der ihnen Schirme und Hüte zu entreißen drohte. Die Pferde der Fiaker, die unten vor dem Haustor auf die Begräbnisteilnehmer warteten, boten mit ihren kotbespritzten Schabracken und triefenden Mähnen einen kläglichen Anblick.
Dégoutant. Karoline klappte ihre Schildpattlorgnette zusammen und drehte sich vom Fenster weg. Das vertraute malvenfarbene Zimmer mit den vielen Kommoden, Paravents und Makartbuketts aus getrockneten Farnen und Pfauenfedern kam ihr auf einmal ganz fremd vor. Sie äugte hinauf zu den Familienfotografien über dem falschen Kamin. Nun waren sie allesamt dahingegangen, wie sie dort hingen: Mutter und Vater, sehr majestätisch, sie 4 in Reifrock und Mantille, er im Biedermeierfrack mit dem unverkennbaren Aplomb eines Generaltabakpächters des Königreiches Böhmen; Bruder Ludwig, präsentabel, aber schon etwas unsolid, wie geschaffen dafür, in die Hände dieser grünäugigen Französin zu fallen, mit der er dann richtig in einen extravaganten Automobiltod chauffiert war; der Edle von Treuenfels, ihr Gatte, mit seinem Schlemihlgesicht leider nicht ganz auf der Höhe seines Adelsprädikats und seiner Bezirkshauptmannswürde; und Alexander, elegant und leger, etwas zu leger, auf dem Fensterbrett seines Arbeitszimmers im Tagesanzeiger sitzend.
Ach ja, meine Lieben, jetzt bin ich ganz verwaist, seufzte sie. In der nächsten Sekunde war die weiche Stimmung schon wieder verflogen. Karoline wusste schließlich auf eigenen Füßen zu stehen; sie hatte es immer gewusst, 5 in der Ehe und später im Haushalt Alexanders. Und was die Verwaisung anlangte, so war auch da Rat zu schaffen. Professor Weinheber, ihr Seelenfreund, hatte wiederholt durchblicken lassen, dass er nur auf eine ermunternde Gelegenheit warte, um sich zu erklären. Jetzt, da mit einem ansehnlichen Legat Alexanders zu rechnen war, schien diese Gelegenheit gekommen. Aber ein solcHer Gedanke war im Augenblick wohl nicht ganz angebracht.
Nein, entschieden nicht, wo er noch aufgebahrt im Salon liegt! Karoline trat zurück zum Fenster. Wollte der Leichenwagen denn partout nicht kommen? Er hatte auf dem Wege zum Trauerhaus einen Radbruch erlitten; doch das war vor Mittag gewesen, normalerweise hätte der Schaden längst behoben sein müssen. Freilich, im dritten Kriegsjahr nahmen sich die Handwerker allerhand heraus, und man musste dazu noch gute Miene machen. 6 Der Regen prasselte schärfer gegen das Glas. Karoline zog fröstelnd die spitzen Achseln hoch. Was für ein Wetter! Aber Sonnenschein kam natürlich gar nicht in Frage an Alexanders Begräbnistag. Karoline konnte sich gut vorstellen, wie er irgendwo oben hinter den Regenwolken saß und amüsiert darauf wartete, dass sich seine teuren Hinterbliebenen auf dem Friedhof die nässesten Füße ihres Lebens holten. Ja, das sah ihm ähnlich. Das hätte ihm ähnlich gesehen
Die Leseprobe aus Vor einem neuen Tag von F.C. Weiskopf führt uns in eine Zeit politischer Spannungen und heimlicher Vorbereitungen. Anhand der Figur Anna erleben wir, wie persönliche Begegnungen und historische Umstände eng miteinander verflochten sind. Der folgende Textausschnitt zeigt eindrucksvoll, wie sich Alltägliches und Bedrohliches mischen und die Atmosphäre einer unsicheren, von Macht und Kontrolle geprägten Welt entsteht.
Sie waren, im lebhaften Gespräch begriffen, immer weiter hinter den Bauernwagen zurückgeblieben. Jetzt, da das letzte Gefährt in der Ferne zwischen den Bäumen des Gemeindeforstes verschwand, standen sie allein vor der Wegkreuzung, wo es links bergan zu den Kohlenmeilern ging und rechts über den sanft rollenden Hang zum Gutshof der Barone Alpary.
Ich muss mich beeilen, sagte Anna mit einem Blick zur Sonne hinauf, die wie ein trübes Windlicht durch die dunstigen Wolken schimmerte, besprochen haben wir ohnehin alles? Sie blickte Ivan Schipko fragend an.
Mit dem Stopfen seiner Pfeife beschäftigt, antwortete er nur durch ein Neigen der Stirn.
Anna fuhr fort: Also dann kann ich mich darauf verlassen, dass alles klappen wird? Du gehst jetzt zu den Kohlenbrennern und unterrichtest Marek Ligat und Joschko über die Sache mit der D-Einheit? Und nachher suchst du die zwei Weiber auf und verständigst auch sie? Und morgen bist du bei diesem Mann Karl in der Fabriksiedlung?
Der Drahtenbinder hatte zu jeder ihrer Fragen genickt. Jetzt nahm er die Pfeife aus dem Mund. Wird alles erledigt, Anna. Du kennst mich ja.
Sehr gut. Hast du die Anlaufadresse und das Kennwort für morgen fest im Kopf?
Ja.
Na, dann auf Wiedersehn, Ivan.
Auf Wiedersehn, Anna.
Warte! Sie hielt ihn zurück. Vielleicht kannst du morgen, auf dem Rückweg, den Kurzwellenempfänger mitnehmen, den sie uns versprochen haben Wenn er schon bereit ist und wenns sonst keine Schwierigkeiten macht, natürlich.
Klar.
Sie trennten sich. Ivan Schipko stieg zum Wald empor, während Anna sich in die entgegengesetzte Richtung wandte, wo in einiger Entfernung die Dächer des Gutsvorwerkes über einer wilden Weißdornhecke emporwuchsen.
Das Vorwerk bestand aus zwei lang gestreckten, niedrigen Stallgebäuden und einem Hirtenhaus. Die Ställe wurden nicht mehr benützt; ihre Dächer waren eingesunken, Türen und Fenster gähnten nur mehr als dunkle Höhlen: Aber noch wehte aus ihnen der fad-herbe Geruch von Schafmist hervor.
Das Hirtenhaus diente seit langem Ausgedinglern als Obdach, doch fand Anna beim Herankommen das Gebäude verlassen und ausgeräumt. Vor dem Tor luden drei verweinte Frauen Hausrat auf einen Karren.
Was ist geschehen?, rief Anna ihnen zu. Warum zieht ihr aus?
Das Haus wird gebraucht, antwortete eine der drei, es wird eine Militärwache.
Sie brach erschreckt ab. In dem Gässchen zwischen den Ställen erschien der Gutsadjunkt, ein stämmiger junger Mann in hohen Reitstiefeln, karierten Hosen und braunem Gardistenrock. Er fuchtelte mit einem Reitstöckchen und schrie herüber:
Was trödelt ihr so lange herum? Seid ihr noch nicht fertig? Ich werde euch Beine machen! Er bemerkte Anna und wandte sich an sie: Ja, und Sie? Was suchen Sie hier? Er kam dabei näher, wippend wie ein junger Hahn. Die Reitgerte klatschte bei jedem Schritt gegen die glänzenden Stiefelschäfte. Seine Augen waren mit einem hochfahrenden Ausdruck auf Anna gerichtet, als wollten sie sagen: Mach dich nur hübsch klein, du!
Anna spürte, wie sich ihr Mund in Ekel zusammenzog. Das Verlangen, auszuspucken, dem Adjunkten vor die Füße zu spucken, wurde so stark, dass sie ihm kaum zu widerstehen vermochte. Mühsam schluckte sie den bitteren Speichel hinunter und antwortete, ohne den Adjunkten anzusehen: Ich habe im Herrenhaus zu tun.
Ach so, meinte er gedehnt; Annas Auskunft hatte ihn sichtlich enttäuscht. Das sind Sie richtig Ich glaube sogar, man hat schon nach Ihnen geschickt. Sie werden gebraucht. Er hob mit einer nachlässigen Bewegung die Reitgerte an den Schild seiner Gardistenmütze. Dann kehrte er sich wieder den drei Weibern zu, die mittlerweile mit dem Aufladen fertig geworden waren und nun die armseligen Habseligkeiten auf dem Karren festschnürten. Nun, macht schon, macht schon!, trieb er sie an, doch war sein Ton gemäßigter als vorher. Wir müssen das Haus vor Abend in Ordnung haben.
Er verschwand, wippend und mit der Peitsche gegen die Stiefel klatschend. Beim Weitergehen sah Anna ihn hinter den Stallgebäuden auf einen ruppigen, falben Gaul klettern. Neben ihm hielt, auf einem viel besseren Pferd, einem blanken Fuchs, ein Mann in der Offiziersuniform des slowakischen Heeres. Er erschien Anna bekannt. Doch sie hatte nur Zeit zu einem flüchtigen Blick. Der Offizier war auf sie aufmerksam geworden, hatte sich stramm zurechtgesetzt und starrte herüber. Anna kehrte das Gesicht schnell ab und schritt weiter. Der Wind trug ihr einige Worte zu, die der Offizier dem Adjunkten zurief: diese dort auf dem Weg ?
Auch die Stimme klang bekannt. Mit einem Mal wusste Anna, wer der Offizier war: Laco, der pausbäckige Laco Vydra, ein Pastorensohn aus einem der Nachbardörfer. Als Kinder hatten sie oft zusammen gespielt. Später war er ihr auch eine Weile nachgestiegen. Und jetzt diente er in der Armee, als Offizier, sieh mal an!
Das Herrenhaus ein ockerfarbener Rokokobau , auf einer kleinen Anhöhe inmitten eines etwas verwilderten Parkes gelegen, kam in Sicht. Knapp vor dem Parktor hörte Anna den Hufschlag zweier Pferde hinter sich. Gleich darauf preschten die Reiter in scharfem Trabe vorüber.
Anna sah, dass sie sich nicht geirrt hatte: Der Offizier war ihr einstiger Spielgefährte. Eigentlich hatte er sich fast nicht verändert, war auch heute der gleiche stämmige Junge mit dem prallen rotwangigen Apfelgesicht wie damals. Ob er noch immer so gerne schwarze Lakritzen naschte, sogenannten Bärendreck?
Die Leseprobe aus Welt in Wehen von F. C. Weiskopf führt uns mitten in eine persönliche Begegnung, die von Erinnerungen, Spannungen und unausgesprochenen Gefühlen geprägt ist. Im folgenden Ausschnitt wird deutlich, wie Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen und wie eng private Beziehungen mit den Umbrüchen der Zeit verbunden sind.
Wally hatte es sich unter Irenes gespielt strenger Aufsicht in einer Sofaecke bequem gemacht. Nun sah sie erstaunt zu, wie Irene mit geübten, energischen Griffen die Flasche entkorkte, zwei bauchige Gläser füllte, eines ihr zuschob, das andere gegen die Lampe hielt und daran roch die Zungenspitze zwischen den geöffneten Lippen, die immer noch in einem schwesterlichen Gegensatz zueinander standen, wenn auch die obere etwas fraulicher geworden war und die untere weniger kindlich erschien als früher. Zum zweiten Mal bei dieser Begegnung fiel es Wally auf, um wie viel selbstständiger Irene jetzt auftrat als an der Seite Alexanders. Wahrscheinlich war sie auch härter, tüchtiger. Ob aber auch mehr ausgeglichen? Oder zumindest ebenso gelöst, so in sich ruhend wie damals?
Über diesen Betrachtungen vergaß Wally das Trinken. Verloren drehte sie das Glas zwischen den Fingern.
Irene legte ihr die Hand auf die Schulter. Wally, darling, dein Armagnac! An was hast du nur gedacht?
Ich? Gedacht? Ach nur daran, wo wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Weißt dus vielleicht noch?
Nein. Aber das ist einerlei. Come on! Irene hatte sich nochmals eingeschenkt. Auf unser unverhofftes Wiedersehen!
Sie ließen ihre Gläser gegeneinander klingen. Irene kuschelte sich in die andere Sofaecke. Sag mal, wie hast du mich so schnell aufgestöbert? Wir sind doch erst gestern angekommen.
Zufall, Irenchen. Ich wohne hier im Hotel, und wie ich vorhin in die Halle komme, steht dort dein Mann.
Und ihr habt euch erkannt?, wunderte sich Irene. Das ist ja
Warte!, unterbrach Wally sie. So toll, wie du glaubst, war es nicht. Dein Mann hat gar keine Zeit gehabt, mich zu erkennen, und ich bin erst darauf gekommen, wer er ist, wie ich seinen Namen auf einem Briefcouvert gelesen habe. Aber dass ich ihn kenne, ist mir auf den ersten Blick klar gewesen.
Ich muss schon sagen: Auch das ist allerhand. Nach soviel Jahren! Und wo ihr euch im Ganzen nur zwei- oder dreimal gesehen habt!
Es sind eben Begegnungen von sehr nachhaltigem Eindruck gewesen, scherzte Wally. Irene lachte. Klang in dem Lachen nicht ein Unterton von Unruhe, von Misstrauen mit? Oder redete Wally sich das nur ein? Alles in Irenes Gehaben sprach für die zweite Annahme. Trotzdem versuchte Wally, ihrem Scherz auch den Schein eines Doppelsinns zu nehmen, indem sie fortfuhr: Besonders die erste, in Tabor, bei den Kaisermanövern im letzten Jahr vor dem Krieg.
Richtig!, rief Irene. Du warst dabei.
Ja, ich war dabei, wie ihr euch zum ersten Mal begegnet seid. Und weißt du, Wally rückte nahe an Irene heran, ich habe schon damals eine Ahnung gehabt, dass sich zwischen dir und ihm etwas anspinnen wird.
Aber das ist doch nonsense! Eine rote Welle lief über Irenes Wangen, und die Hand, mit der sie das beim heftigen Kopfschütteln in Verwirrung gebrachte Haar zurechtstrich, zitterte leicht. Doch im nächsten Augenblick war diese Unsicherheit weggeblasen. Nein, Wally, das hast du dir nur eingebildet. Oder du bildest es dir im Nachhinein ein, weil du weißt, dass wir verheiratet sind. Wir sind es übrigens erst seit anderthalb Jahren.
Unmöglich!, entfuhr es Wally. Sie klapste sich auf den Mund. Verzeih, ich bin unmöglich.
Das finde ich gar nicht. Du musst natürlich geglaubt haben, dass ich schon seit zwei Jahren Georges Frau bin, weil ich ja gleich nach der Trennung von deinem Großva von Alexander hinübergefahren bin. Und dass George mir dabei behilflich gewesen ist, habt ihr doch damals erfahren. Es war sicher monatelang das beliebteste Stück gossip bei den Familienabenden.
Irene! Du weißt, ich habe mit dem Familiendschungel nie
Irene fiel ihr in die Rede: Ich weiß, Liebling. Aber dass ich mit George nach Amerika gefahren bin, hast du damals doch gehört? Na, siehst du! Und da hast du eben angenommen, dass wir gleich geheiratet haben.
Wally nickte. Und warum hättet ihr es eigentlich nicht tun dürfen? Du hast doch ein Recht auf deine Freiheit gehabt. Und G.P. du erinnerst dich, ich habe ihn immer so genannt , also er wäre der Letzte gewesen, das nicht zu verstehen.
Die Leseprobe aus Das grüne Ungeheuer von Wolfgang Schreyer führt uns direkt in eine Atmosphäre von Misstrauen, Gewalt und politischer Spannung. Der folgende Textausschnitt zeigt, wie schnell eine scheinbar kontrollierte Situation in lebensbedrohliche Gefahr umschlagen kann und macht die Brutalität sowie die Machtmechanismen eines Unterdrückungssystems spürbar.
Reyes setzte das Glas ab. Ohne meinen Gruß zu erwidern, antwortete er: "Auf Sie, Capitán, haben wir gerade gewartet. Ihren Fall werden wir auch gleich klären. Sie werfen unsere kostbaren Bomben nach Gutdünken ab, nicht wahr?"
Er wusste es also schon. Auch bei ihm hatte man mich denunziert, und anders als Mendoza glaubte er mir nicht. Dass Vorgänge innerhalb der Luftwaffe gleichfalls in seinen Geschäftsbereich fielen, war mir neu. Doch pflegen Sicherheitsbeauftragte ihre Kontrolle gern über Ressortgrenzen hinaus auszudehnen. Pflichteifer, Ehrgeiz und Misstrauen verleiten sie dazu, ihre Nase möglichst in jeden Brei zu stecken. Bestrebt, viele Fäden in ihrer Hand zu vereinen, um sie zum Knoten unumschränkter Macht zu schürzen oder Feinden daraus einen Strick zu drehen, sind sie genötigt, eine stattliche Spitzelschar zu beschäftigen. Solche Vertrauensmänner nannte man hierzulande "Soplón de policía".
Herr von Hardenberg murmelte eine Entschuldigung, er ließ uns allein; mit derart heiklen Dingen wollte er nichts zu tun haben. Ich setzte mich auf seinen Platz und blickte dem bullenhaften Reyes fest in die Augen. Er starrte zurück. Ich sagte: "Haben Sie sich extra deshalb herbemüht?" in der schwachen Hoffnung, er habe Chabelita nur meinetwegen vernommen, nicht aber wiedererkannt. Ich war ziemlich ratlos. Mit jeder Minute verschlimmerte sich meine Lage. Denn sobald ihm berichtet wurde, dass ich diesmal die Bomben sogar wieder mitgebracht hatte, würde er mich festnehmen lassen.
Unvermittelt stand er auf, schüttete mir den Rest seines Weins ins Gesicht und sagte: "Kommen Sie mit. Wir werden Ihnen was zeigen."
Ich folgte ihm ohne Widerspruch. Hinter mir ging der Soldat, seine Stiefel tappten über das Pflaster, die Waffe hielt er im Anschlag. Wir passierten das Tor in der rückwärtigen Mauer des Patio und gelangten auf den Wirtschaftshof.
"Ihr Dragoneante beantwortete unsere Fragen nicht", erklärte er mir. "Wir wollen sehen, ob 'er' jetzt den Mund auftut." Dabei stapfte er auf jene Tür zu, die zu den Stallungen und der Autogarage führte. Sein Leibwächter hielt sich weiter in meinem Rücken. Ich konnte hören, wie er an seinem Schießeisen manipulierte.
"Sie fürchten sich wohl mit mir allein?", fragte ich.
Er lachte kurz auf, musterte mich von Kopf bis Fuß und wies den Mann an, im zweiten Hof Posten zu fassen. Wir kamen nun in den dritten. Ich hatte ihn noch nie betreten. Unauffällig riegelte ich hinter mir ab, sah aber gleich, warum Reyes seinen Wachmann leichten Herzens zurückgelassen hatte. Neben dem Misthaufen nämlich stand ein weiterer Aufpasser, wenn auch ohne geschulterte Maschinenpistole. Ihm gehörte ein Karabiner, und der diente jetzt einem anderen Zweck: Zu seinen Füßen lag in der prallen Sonne Chabelita - ein Bündel aus khakibraunem Uniformtuch.
Ich kann nicht behaupten, dass dieser Anblick mich entsetzt oder gar rasend gemacht hätte. Gefühlsausbrüche verleiten zur Unbesonnenheit, und ich befand mich schon so im Nachteil, dass ich haushalten musste mit meiner Kraft. Die Wut kommt bei mir immer erst hinterher. Ich musste etwas tun, und die Wahrheit ist, dass ich bis zur letzten Sekunde nicht wusste, was. Da lag sie zusammengerollt, Fliegen umschwärmten sie, Mücken saßen auf ihrem Gesicht. Das Gewehr steckte zwischen Kniekehlen und Armbeugen, wie ich das in Esquipulas schon öfter gesehen hatte. Luis Reyes hatte ihr den "Cepo de campaña" verordnet.
"Damit Sie keinen Unfug machen", sagte der Major, "los, geben Sie Ihren Revolver her." Bei diesen Worten hielt er den eigenen schon in der Hand, der Lauf zielte auf meinen Magen. Natürlich nahm er an, dieses Mädchen sei meine Geliebte. Für ihn war es selbstverständlich, dass ich nun versuchen würde, mich auf ihn zu stürzen. Mich dazu herauszufordern und dann wie einen tollen Hund abzuknallen wird ihm im Sinn gelegen haben.
Ob dem wirklich so war, ist nicht mehr festzustellen. Ich schnallte das leere Pistolenfutteral ab, reichte es ihm mit der Linken und schoss im selben Moment aus der Rocktasche. Denn es hatte gar keinen Zweck, sich mit ihm in ein Handgemenge einzulassen. Er war viel kräftiger als ich, und ich hatte keine Lust, mich auf dem Misthaufen von ihm verdreschen zu lassen. Nun fiel er hin, und eine Handbreit unterhalb des Halsansatzes erschien auf seiner Uniform ein dunkler Fleck.
Die Leseprobe aus Härtetest von Wolfgang Held führt in eine beklemmende, emotional aufgeladene Situation, in der familiäre Konflikte und Gewalt schonungslos sichtbar werden. Der folgende Textausschnitt zeigt, wie ein junger Mensch in einen Moment gerät, der ihn an seine persönlichen Grenzen bringt und sein Verständnis von Verantwortung, Mut und Ohnmacht auf die Probe stellt.
«Er ist nach Hause gekommen und hat in der Küche herumrumort», berichtete Egon seinem Bruder. «Besoffen. Wir sind alle munter geworden. Mama ist aufgestanden und wollte ihn ins Bett bringen, da hat er sie hier reingezerrt und abgeriegelt.»
Sie hörten ihre Mutter im Wohnzimmer wimmern. Ein Stuhl polterte auf den Fußboden. Die heisere Stimme des Vaters drang durch die Tür. «Hände weg, sag ich! Das bring ich dir bei, du Miststück, pass mal auf! Parieren, kapierst du ... Aufs Wort! Los, komm sofort her!»
«Nein, Werner. - Bitte! Nicht den Gürtel ... Bitte, Werner!» Ein erstickter Aufschrei.
Karl-Heinz Brettschneider trat ein paar Schritte zurück. Er warf sich mit der Schulter gegen die Tür. Auf der Treppe, die nach oben führte, erschienen Sabine und Waltraud. Egon eilte zu ihnen.
«Verschwindet!», stieß der Älteste hervor. «Weg doch!»
Die Geschwister standen wie angewurzelt. Er nahm erneut Anlauf. Das Schloss riss aus der Halterung. Er taumelte ins Zimmer. Seine Mutter lag zusammengekrümmt auf dem Teppich, in ihren verkrampften Händen die Reste eines Flanellnachthemdes. Der Vater lehnte breitbeinig am Schrank und stierte seinen Ältesten verblüfft an. Der Alkohol entstellte das kantige, gebräunte Gesicht. Das Hemd hing ihm über die Hose. In der Rechten hielt er den zur Schlaufe gelegten Gürtel.
«Raus!», fuhr er seinen Sohn an. Er drückte sich von dem Schrank ab. Sein Kopf schaukelte. «Raus, sag' ich!»
Karl-Heinz Brettschneider trat an seinen Vater heran und packte ihn mit beiden Händen an der Hemdbrust. «Jetzt ist Schluss», sagte er, und in seiner Stimme war nichts von der Erregung, die ihm fast die Schläfen sprengte. «Das war das letzte Mal!»
Er schob den Vater langsam zur Tür. Hinter ihm richtete sich die Mutter auf und presste das zerfetzte Hemd vor ihre flachen Brüste. Ihre Lippen waren geschwollen, Blut sickerte aus einem Mundwinkel. «Sei vernünftig, Kalle», beschwor sie ihren Sohn. «Vergiss nicht, dass er dein Vater ist!»
«Ich ... ich schlag' dich tot!», lallte der Betrunkene und setzte sich zur Wehr. Er war stark. Doch der Alkohol machte seine Bewegungen fahrig und nahm ihnen die Härte. Der Sohn zerrte ihn hinaus in den Korridor, wo inzwischen alle anderen Geschwister zusammenstanden. Der Vater sah die Verachtung in ihren Mienen und wurde davon noch einmal zu trotzigem Widerstand angestachelt. Seine Fäuste trafen das Gesicht des Sohnes.
Karl-Heinz Brettschneider spürte, wie sein linkes Auge anschwoll. Blut floss ihm aus der Nase, aber sein Griff blieb fest. Er schleifte den Vater aus dem Haus und über den Hof zum Schuppen, wo Stroh und Heu aufbewahrt wurden. Dort schleuderte er ihn zwischen die Ballen und legte von draußen den Sperrbalken vor. Als er wieder ins Haus kam, hatte die Mutter die Geschwister zurück in die Betten geschickt. Sie stand in der Diele, die Hände in die weiten Ärmel eines Bademantels geschoben, der bis zu ihren Knöcheln reichte, und schaute ihm entgegen. Er erwartete keine Anerkennung, aber er hoffte auf irgendein Zeichen, dass sie sein Eingreifen billigte. Es kam ganz anders.
«Dazu hattest du kein Recht», sagte sie und blickte ihn an, als sei er ihr plötzlich fremd geworden. «Es ist dein Vater, und es ist sein Haus.»
«Unser Haus, Mama!»
«Deines nicht», widersprach sie. «Nicht ein Stein davon ist aus deinen Händen gekommen.»
«Er schlägt dich! Er quält dich! Er behandelt dich schlimmer als ...»
«Habe ich dich gerufen? Habe ich einen von euch gerufen?»
«Weil das Tier dich schon kaputtgemacht hat, verdammt noch mal!»
«Was weißt du schon, du Grünschnabel.» Auf ihre verquollenen Lippen zog ein mitleidiges Lächeln, bei dem sie kaum merklich zusammenzuckte, weil es schmerzte. «Und nun gehen wir beide zum Schuppen und holen ihn wieder ins Haus. Das Feuer ist ausgebrannt, du wirst sehen. Jetzt ist er friedlich. Jetzt quält ihn nicht mehr der Zorn darüber, dass alle seine Träume nur Träume geblieben sind. Kein Diplom an der Wand, kein Orden an der Brust wie sein Bruder. Nicht mal aus dem Brigadierposten ist was geworden, weil er nicht zum Lehrgang wollte, solange ich mich mit meinem dicken Bauch nach keinem Holzscheit bücken konnte. Wenn ich an unsere Verlobung denke, die ganze Welt wollte er mir zeigen: das Schwarze Meer, den Kaukasus und Leningrad ... Nicht mal bis an die Ostsee sind wir gekommen. Ab und zu braucht dein Vater eben einen Schnaps. Ganz einfach, um Kraft für sein Leben zu behalten. Aber das geht jedes Mal wieder vorbei. Du wirst sehen, mein Junge. Komm!»
«Nein!»
«Komm!»
«Er muss begreifen, dass wir keinen Vater haben wollen, der sich wie ein Vieh benimmt, Mama. Du wirst ihn dort lassen, wo er liegt, hörst du?»
«Ach», sagte sie und musterte ihn spöttisch. «Willst du jetzt das Kommando hier übernehmen? Was bildest du dir eigentlich ein, Kalle? Ist dir klar, dass es dich gar nicht gäbe ohne den Mann da draußen im Schuppen? Er hat dich nämlich nicht nur gezeugt, Junge. Er hat auch dafür gesorgt, dass du es warm gehabt hast unter der Decke, er ist drei Jahre mit demselben Anzug zur Kirmes gegangen, weil ihm ein Fahrrad für dich wichtiger war. Dieses Vieh, wie du sagst, hat in zwanzig Jahren keinen Tag Urlaub gemacht, weil ihr genauso viel Spielzeug, genauso schöne Klamotten, Schultaschen und Schuhe und was weiß ich noch haben solltet wie solche, die allein oder nur zu zweit am Tisch der Eltern sitzen. - Was meinst du, weswegen ich ihn geheiratet habe?»
Karl-Heinz Brettschneider wich dem Blick seiner Mutter aus und schwieg. Schon oft hatte er sich diese Frage gestellt und nie eine Antwort gefunden, die ihm annehmbar erschien.
«Ich liebe deinen Vater», sagte sie ruhig. «Ich liebe ihn, auch wenn er mir manchmal wehtut.»
«Er wird dich umbringen, Mama!»
«Vielleicht verstehst du mich, wenn du ein paar Jahre älter bist. Und jetzt komm. Es ist kalt drüben im Schuppen. Er hat nicht mal eine Jacke an.»
«Ich kann nicht. Ich würde ihm ins Gesicht spucken, glaube ich.»
Jäh trat sie auf ihn zu und versetzte ihm eine Ohrfeige. «Wenn du nicht wie ein Sohn mit seinem Vater unter einem Dach leben kannst, dann pack deine Sachen und scher dich zum Teufel, Junge!»
Er stand verblüfft und reglos.
Um das dritte der heutigen Sonderangebote, das Romanfragment Welt in Wehen, von F.C. Weiskopf, besser einordnen zu können, sei zum Hintergrund auf eine interessante Beschreibung von Wikipedia zur österreichischen Geschichte verwiesen, die allerdings zumindest in einigen Formulierungen mit kritischer Distanz aufgenommen werden sollte zugleich aber viele spannende Fakten und Namen liefert:
Deutschösterreich (19181919)
Karl Renner (1905)
Im Herbst 1918 wurden wie in Bayern und Ungarn Aufstände und eine bolschewistische Machtübernahme befürchtet. Durch die Zusammenarbeit samt kooperativen Übergabe der Regierungsgewalt der am 30. Oktober 1918 gewählten Staatsregierung Renner I mit dem abtretenden Ministerium Lammasch (dem letzten kaiserlichen Kabinett) und dem Kaiser konnte dies verhindert werden.
Am 11. November 1918 verzichtete Kaiser Karl I. auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften und entließ das Ministerium Lammasch. Die Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich beschloss dann am 12. November 1918 für den vorerst Deutschösterreich genannten Staat die Form der demokratischen Republik. Zugleich wurde in Artikel 2 des Gesetzes festgehalten, dass das Land Teil der drei Tage zuvor ausgerufenen deutschen Republik sei. Während sich die Donaumonarchie auflöste, gab es nun Bestrebungen Großbritanniens und Italiens, eine österreichisch-südslawische Restmonarchie zu erhalten, um eine Balkanisierung Mitteleuropas und einen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zu verhindern. Damit sollte ein wesentliches Gegengewicht zu Deutschland gebildet beziehungsweise eine deutsche Hegemonie in Europa unterbunden werden.
Erster Staatskanzler wurde Karl Renner (SDAP), der einer Großen Koalition vorstand. Beansprucht, aber für den neuen Staat nicht gewonnen, wurden Teile der neu bzw. wieder entstandenen Staaten Tschechoslowakei (Provinz Deutschböhmen, Provinz Sudetenland, Teile Mährens) und Polen (Schlesien) sowie das von Italien annektierte Südtirol (Näheres siehe Geschichte Südtirols) und Marburg an der Drau (siehe Maribor). Weite Teile der Bevölkerung und die meisten Vertreter der politischen Parteien waren der Auffassung, dieser Rest- bzw. Rumpfstaat ohne die ungarische Agrarwirtschaft und die böhmische Industrie sei allein nicht lebensfähig. Der Publizist Hellmut Andics drückte dies später (1962) in dem Buchtitel Der Staat, den keiner wollte aus.
Der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich (Weimarer Republik) wurde von den alliierten Siegermächten 1919 im Vertrag von Saint-Germain ausgeschlossen, indem in Art.88 ein förmliches Unabhängigkeitsgebot für Österreich bestimmt wurde. In Österreich und Deutschland wurde der Artikel als Anschlussverbot bezeichnet. Gemäß dem Vertrag wurde auch der Staatsname Republik Österreich festgelegt. Am 21. Oktober 1919, mit der Ratifizierung des Staatsvertrages durch die Konstituierende Nationalversammlung, wurde dieser Name verbindlich (er wurde bis 1934 und wird wieder seit 1945 geführt). Als Bundeskanzler Ignaz Seipel mit dem Völkerbund später die sogenannte Genfer Sanierung zur Stützung des inflationsgeschüttelten Staatshaushaltes vereinbarte, wurde das Unabhängigkeitsgebot bekräftigt. 1931 unterbanden die Siegermächte Pläne Österreichs für eine Deutsch-österreichische Zollunion unter Hinweis auf die Bestimmungen des Staatsvertrages von Saint-Germain.
In Salzburg gab es Bestrebungen, sich unabhängig von anderen Teilen Österreichs Deutschland anzuschließen; dies wurde aber von Deutschland abgelehnt. In Tirol befürwortete ein kleiner Teil der Bürger einen Anschluss an Italien, um die Einheit Tirols zu wahren. Eine andere politische Linie strebte den Anschluss an Deutschland an. In der Volksabstimmung in Vorarlberg 1919 traten 81 % der Abstimmenden dafür ein, Anschlussverhandlungen mit der Schweiz zu führen. In der Schweiz gab es ebenfalls eine diesbezügliche Initiative; die Schweizer Landesregierung wollte aber den austarierten Modus Vivendi zwischen protestantischen und katholischen sowie zwischen deutschsprachigen und anderssprachigen Kantonen nicht in Gefahr bringen und nahm daher von dieser Idee Abstand.
Der Kaiser hatte allerdings bisher nicht abgedankt. Der Staat Deutschösterreich stellte ihn daher vor die Alternative, formell abzudanken oder das Land zu verlassen. Karl I., Zita und vier ihrer Kinder verließen Österreich am 23. März 1919 Deutschösterreich und fuhren mit dem Hofzug ins Exil in die Schweiz. Im April 1919 wurden das Habsburgergesetz und das Adelsaufhebungsgesetz beschlossen.
Am 12. November 1918 wurde das Allgemeine Frauenwahlrecht in Österreich eingeführt. Frauen konnten erstmals am 16. Februar 1919 an einer Wahl der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung teilnehmen.
Soweit ein kurzer historischer Rückblick, der auch das Hitler-Wort vom Anschluss Österreichs an Deutschland etwas verständlicher werden lässt.
Bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) lesen wir dazu unter anderem:
Als Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich!
Mit diesen Worten beendete Adolf Hitler am Mittag des 15. März 1938 die Befreiungskundgebung auf dem Heldenplatz in Wien, wo sich weit über hunderttausend Menschen eingefunden hatten. Hitlers Vollzugsmeldung vor der Geschichte vom Balkon der neuen Hofburg wurde von der Menge mit nicht endenwollendem Jubel und Sieg-Heil -Rufen beantwortet. Vor aller Welt sichtbar war Österreich heim ins Reich geholt worden, schien ein alter Wunsch, der besonders seit dem Ende des Ersten Weltkrieges immer wieder mit Nachdruck geäußert worden war, in Erfüllung gegangen zu sein, die im Herbst 1918 beginnt, ist für das Verständnis des März 1938 wichtig; sie zeigt, daß dieser März nicht im luftleeren Raum stattfand, daß von den Nationalsozialisten bewußt auf etwas aufgebaut und Kontinuitäten hergestellt wurden, die in dieser Form allerdings gar nicht bestanden etwa wenn man Hitler bei seinem Besuch in Innsbruck am 5. April 1938 die Dokumente der Tiroler Anschlußabstimmung vom 24. April 1921 überreichte und er als Vollender dieser Politik gefeiert wurde. Heim ins Reich!, Ein Volk, ein Reich!, Großdeutschland unsere Zukunft! so und ähnlich lauteten schon 1918/19 die Parolen in Österreich, das damals noch Deutschösterreich hieß. Von jenem Zeitpunkt an blieb das Thema Anschluß in irgendeiner Weise auf der Tagesordnung und beherrschte manchmal stärker, manchmal schwächer die österreichische und deutsche Politik.
Bleiben Sie ansonsten weiter vor allem schön gesund und munter und der Welt der Bücher gewogen. Das erste Februar-Paket mit Sonderangeboten ist auch schon gepackt und geht wieder in Kürze auf die Reise und zwar noch einmal per Eisenbahn.
Mit dem nächsten Newsletter startet EDITION digital die Präsentation einer Reihe von Büchern von Theodor Plievier (1892 bis 1955). Dazu gehört auch der erstmals 1947 im Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar erschiene Text Eine deutsche Novelle. Für das E-Book wurde die vom Verfasser autorisierte Ausgabe für die französische Zone, erschienen 1948 im W. Ehglücksfurtner Verlag Mainz verwendet.
Ein Mann klingelt an einer Berliner Wohnungstür - und bringt eine Geschichte mit, die fünfzehn Jahre lang verschüttet war. Im Zentrum dieser eindringlichen Novelle steht ein ehemaliger Matrose, der an den Novembertagen von 1918 beteiligt war und nun, im Schatten des nationalsozialistischen Machtantritts, mit seiner Schuld konfrontiert wird.
Theodor Plievier erzählt von individueller Verantwortung im Strudel der Geschichte, von Verdrängung, Mitläufertum und der tödlichen Konsequenz blinden Gehorsams. Mit großer psychologischer Genauigkeit verbindet diese Novelle die Erfahrungen der Novemberrevolution mit den Anfängen des Dritten Reiches - und zeigt, wie Gewalt, einmal entfesselt, fortwirkt. Ein literarisch dichtes, erschütternd aktuelles Dokument gegen das Vergessen.
Mehr zu Leben und Werk von Theodor Plievier, der besonders durch seine Romantrilogie über die Kämpfe an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs, bestehend aus den Werken Stalingrad, Moskau und Berlin bekannt wurde, bringt ebenfalls der zweite Newsletter der nächsten Woche.
Die schonungslose Darstellung des elenden Lebens und Sterbens der Soldaten im Krieg beeindruckte laut Wikipedia viele Leser.
Und so beginnt sein Buch:
Eine deutsche Novelle
Es klingelte. An den Berliner Türen wurde in jenen Tagen von allen möglichen Leuten geklingelt. Einer wollte ein Abonnement für eine Familienzeitschrift loswerden, ein anderer empfahl einen patentierten Gassparbrenner, ein mittelloser Akademiker bat um eine Unterstützung, ein Maler bot selbstangefertigte Postkartenbilder an, ein Händler ganz billige Bettvorleger dann kam die SA mit Sammelbüchsen für ihre Wahlfonds, die Taubstummenanstalt, die Heilsarmee, die Arbeitslosen. Dieses Mal stand ein Mann an der Tür, der sich nicht wegschicken ließ und den ich selbst anhören musste. Es war einer, den ich zwar nicht kannte, von dem ich aber bei meinem Namen angeredet wurde und der erklärte: Ich muss mit Ihnen sprechen. Es handelt sich ja, wie soll ich es sagen, um eine persönliche Angelegenheit, aber auch um Ihre Angelegenheit. Um Ihr Buch nämlich, ich habe es gelesen. Ja, ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen!
Dann saß er mir gegenüber.
Also Ihr Buch Sie schildern da den Matrosenaufstand. Ich bin mit dabei gewesen, damals im November 1918 in Kiel. Er machte eine Pause und sein Blick glitt zum Fenster hin. Das Licht lag voll auf seinem Gesicht und ich hatte Muße, ihn zu betrachten. 1918 in Kiel er kann damals alles gewesen sein, ein Matrose, ein junger Offizier, oder noch jünger, ein Seekadett vielleicht.
Das Gedächtnis, ja, das ist eine furchtbare Sache. Ich sagte Ihnen schon, oder sagte ich es nicht, ich wollte eigentlich gleich kommen, gleich nachdem ich das gelesen hatte. Es handelt sich um einen bestimmten Punkt. Sofort wollte ich kommen, also vor ein paar Monaten schon. Aber jetzt, es sind nun auch schon wieder Wochen her, habe ich den Marsch durchs Brandenburger Tor gesehen, den großen historischen Fackelzug. Die SA und SS und dazu der Stahlhelm in den alten Felduniformen, zweihunderttausend Mann, Sie wissen doch
Ja, ich wusste. Ich habe diesen Aufmarsch den ersten des Dritten Reiches ebenfalls gesehen, das lange Band der Kolonnen, die Gesichter im Schein der Fackeln. Standarten, die an dem windstillen Abend schlaff herabhingen, und Hakenkreuzfahnen, die sich in engen Straßen aufblähten, gleich nächtigen Vögeln über den Marschierenden kauerten und mit dem Strom vorbeitrieben. Auch die mitgerissene Menge, das Getümmel von hochgereckten Armen und das Getöse heisergeschriener Stimmen, in seiner Plötzlichkeit war das alles betäubend gewesen. Zeitungsschreiber haben diesen Fackelzug durch Berlin hochtrabend als Erwachen der Nation bezeichnet. Einen hörte ich sagen: Wie 1914 bei Ausbruch des Krieges! Er fügte allerdings hinzu, dass dieses Mal nicht sechzig, sondern nur zwölf Millionen Menschen (das war die von den Nazis bei den letzten Reichstagswahlen erreichte Ziffer) mitgerissen wären. Auch was ein andrer, ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und ehemaliger Gesandter des Deutschen Reichs über diesen Fackelzug erzählte, wäre bemerkenswert.
Doch zurück zu meinem Besucher.