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Leben mit Jacke. Geschichten von Matthias Biskupek
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Preis E-Book:
2.99 (4.99)) €
Veröffentl.:
04.05.2021
ISBN:
978-3-96521-367-8 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 101 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Satire, Belletristik/Humorvoll, Belletristik/Politik, Belletristik/Kurzgeschichten
Belletristik: Humor, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories
Humor, Satire, DDR, Wende, Reisen, Sächsisch, Sachsen, Reichsbahn, Lederjacke, Schriftsteller, Zwergwuchs, Pflanzenzucht, Nachbarschaft, Neugier, Fremdgehen, alleinerziehend.Staatsbesuch
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Platzkarte

Wir können nur andeuten, wie Herr Freulein aussah. Er sah nämlich aus wie der Bruder von Werner Rautbischl, der in der Eisenberger Straße gewohnt hatte, falls Werner Rautbischl bekannt sein sollte oder wenigstens die Eisenberger Straße, die jetzt an der Stelle der ehemaligen Nürnberger Straße völlig neu aufgebaut wurde, denn diese war bekanntlich ausgebombt.

Herr Freulein sah nur so aus wie der Bruder. In Wirklichkeit kannte er weder Werner Rautbischl noch die Eisenberger Straße, sondern war mit Kollegin Fräulein verwandt, als deren Bruder er nämlich geboren worden war. Doch dafür konnte er nichts, ebenso wie für seinen Beruf; die Zufälle, die zu Notwendigkeiten werden, sind ja nichts Neues.

Als Herr Freulein dem Kinderstühlchen entwachsen war, musste seine Schwester am Abendbrottisch sich dünner machen, damit er neben ihr noch Platz fand. Es war halt alles etwas eng. Dabei war sie gerade in der Wachstumsphase, überall an ihr sprießte und knospete es. Später, als sie dann schon Chefsekretärin war, bemerkte das niemand an ihr; durfte niemand das bemerken. Von wegen Knospen, hätte sie gesagt, mit ihrem weit um den Kopf herumreichenden Mund, den sie bereits als Schwester von Herrn Freulein hatte und den das arg verdross, denn dadurch kam er kaum zu Wort, und auch beim Essen konnte sie die besten Sachen nebeneinander in ihrem Mund verschwinden lassen, während Herr Freulein alles langsam nacheinander hinterwürgen musste.

Herr Freulein hatte es also nicht so weit gebracht wie seine Schwester, die ja in der unmittelbaren Produktion tätig war, dort sogar im vorbereitenden und lenkenden Bereich. Herr Freulein war bloß einer nachgeordneten Einrichtung angeschlossen, als Zusteller. Ein richtiger Briefträger war er dennoch nicht, dazu fehlten ihm Uniform und Briefe. Er stellte Dienstsachen zu, und damit begann der Leidensweg der Dienstfahrten des Herrn Freulein.

Jeden Montag und Mittwoch musste Herr Freulein um vier Uhr fünfzehn aufstehen, um den Schnellzug noch zu schaffen, der um fünf Uhr siebzehn für eine knappe Minute auf Bahnsteig zwei hielt und vier Stunden sechs Minuten ohne Verspätung benötigte, um die Metropole zu erreichen, wo Herr Freulein seine Dienstsachen zuzustellen hatte.

Die Nächte vom Sonntag zum Montag schlief Herr Freulein schlecht. Er wachte mitten in der Nacht schweißgebadet auf, weil er geträumt hatte, dass der Zug bereits abgefahren wäre. Viel zu zeitig ging Herr Freulein auf den Bahnhof, wo er misstrauisch die Bürger auf Bahnsteig zwei musterte, misstrauisch und genau, trotz der Müdigkeit, die auf Herrn Freuleins Lider drückte. Je näher die Abfahrt des Zuges heranrückte, umso mehr füllte sich der Bahnsteig. Anfangs hatte Herr Freulein noch Hoffnungen gehabt, doch um fünf Uhr fünfzehn wälzte es sich aus der Unterführung heraus: Männer und Aktenmappen, Armeeangehörige und verdächtige Grüppchen von Dienstreisenden, die vermutlich für jeweils fünf andere Leute Plätze belegen würden. Über den Lautsprecher wurde die Wagenreihung bekannt gegeben. Gerade in diesem Augenblick lachte eine der Dienstreiserotten schallend. Natürlich wusste Herr Freulein, dass die Wagen zehn und neun an der Spitze des Zuges platzkartenfrei waren, doch er hätte es gern noch mal in amtlichem und verstärktem Tonfall gehört.

Natürlich fuhr der Zug zu weit, und Herr Freulein fand sich hoffnungslos am Ende einer zähen Menschentraube, die sich an der viel zu schmalen und hohen Tür ballte. Natürlich rangierte unmittelbar vor ihm eine Oma mit fünf Koffern. Natürlich wurde er wegen Drängelns beschimpft. Natürlich war Herr Freulein der letzte, der sich die steilen Trittstufen hinaufzog. Natürlich standen schon im Vorraum des Wagens die Leute dicht an dicht. Natürlich war im Wageninnern schon alles besetzt, durch Hintern und Beine, Unterleiber und ausgebreitete Mäntel, durch Taschen, Zeitungen, Hüte.

Doch wie durch ein Wunder schien Herr Freulein Glück zu haben. Direkt vor ihm erhob sich ein behäbiger, rotbackiger Herr und rief durch den Wagen: Karl, haste noch Platz for mich? Denn komm ich bei dir. Herr Freulein stürzte auf den frei werdenden Sitz, und langsam, ganz langsam, ging sein Herz ruhiger, welches seit dem schweißnassen Aufwachen ständig die Schlagfrequenzen erhöht hatte.

Herr Freulein war kaum eingenickt, als der Zug wieder hielt und eine Rotte verwegener Burschen in den Waggon eindrang. Sie hatten großmaschige Pullover, Manchesterhosen, breitkrempige Hüte, schwere Bäuche und wuchernde Koteletten, die ihre Gesichter okkupierten. Eine der furchterregenden Gestalten hielt in den riesigen, rotgelben Händen einen winzigen Zettel, mit dem er geradewegs auf Herrn Freulein zuging und dröhnend rief: Plätze einundzwanzig bis vierundfünfzig bitte frei zu machen. Platzkarten. Wir dürfen doch bitten.

Herr Freulein, weil er sich direkt angesprochen fühlen musste, murmelte, während er sich erhob, dass dieser Wagen doch als platzkartenfrei ausgeschrieben sei. Und es stehe auch nirgends ein Hinweis. Der Hüne mit dem Zettel hielt Herrn Freulein das Papier so dicht vor die Augen, dass dieser nichts lesen konnte, und fragte: Kannste nicht lesen, mein Junge. Sammelbestellung. Aaaber fix!

Herr Freulein raffte Tasche und Jacke, Hut und Zeitung, mit der er seine Augen vor dem grellen Kunstlicht geschützt hatte, zusammen. So stand er dann vier Stunden im Gang, gepresst an heiße, schwitzende Leiber und kalte, glitschige Taschen, tastend nach seiner Brieftasche; in seiner endlich eroberten, rückengeschützten Stellung ständig gestört durch die hart stampfenden, bauchschweren Burschen, die ihn mit Bierflaschen und senftropfenden Würsten beiseite schoben, die über ihn hinwegstiegen, ihre Alkoholdünste ins Gesicht hauchend, das er nicht wenden konnte, weil ein metallner Griff am linken Ohr drückte; die rechte Schulter ständig verspannt eingezogen, weil diese in den Durchgang zur Toilette ragte, aus der es scharf herüberwehte. Vier Stunden, genauer, vier Stunden und sechsunddreißig Minuten; die Verspätung wollen wir nicht unterschlagen.

Obwohl die nachgeordnete Einrichtung Herrn Freulein nur zweite Klasse bezahlte, kaufte er sich anweisungsverachtend zu seiner nächsten Fahrt die gültige Verbindung erster Klasse. Das platzkartenfreie Abteil war hoffnungslos überfüllt. Doch ein ganzer Wagen erster Klasse gähnte fast leer, nur auf zwei Sitzen rekelten sich Männer mit Jacketts und weißen Hemden. Furchtsam fragte Herr Freulein. Mir hamm ooch keene, tönte es ihm zweistimmig entgegen. Herr Freulein ließ sich nieder, atmete tief.

Nach jeder Station steuerten rasierwasserduftende Herren vorbei, Kärtchen in den Händen haltend, zweistellige Zahlen murmelnd. Herr Freulein blickte mit flatternden Lidern auf die Schlipsträger, die hoheitsvoll und zielbewusst an seinem Platz vorbeieilten. Schlafen konnte Herr Freulein nicht, auch seine Aufmerksamkeit für den Wirtschaftsteil der Zeitung wurde fortwährend unterbrochen. Seinen Magen spürte Herr Freulein, als sei er mit Knüllpapier gefüllt.

Schließlich war der letzte Zusteigebahnhof erreicht, der für Platzkarteninhaber Anspruch auf Sitzplatz bedeutete. Mit klopfendem Herzen nahm Herr Freulein das Kommen und Gehen im Gang wahr, die Tanten und Direktoren zugerufenen Wagen- und Sitznummern. Die Hektik verebbte. Herr Freulein schlief ein. Ein glückliches Lächeln umspielte seinen Mund.

Durch sachtes Tippen auf die Schulter wurde Herr Freulein geweckt. Er tastete nach seiner Fahrkarte. Doch er verstand nur die Worte: Platz einundvierzig. Der Mann hatte ein beigefarbenes Hemd an, eine sandfarbene Ledermappe in den Händen und trug getönte Brillengläser, umrahmt von hellem Kunststoff. Die Platzkarte war zartgelb.

Herr Freulein erlebte wiederum die Gerüche der Toilette, die Rauchwolken distinguierter Herren, die sich überdrüssig des Sitzens neben ihn stellten, ehe sie wieder gelangweilt gähnend in ihren Abteilen verschwanden. Der Zug warf ihn von einer Seite auf die andere, sein linkes Bein schlief ein, die Augen tränten, die Nieren meldeten ihr gegenwärtiges Unwohlsein, die Halsmuskeln kontrahierten in regelmäßigen Abständen.

Die Dienstreisen blieben, die Beziehungen des Herrn Freulein änderten sich; hierzuland lebend, wollen wir dies annehmen.

Herr Freulein gelangte in den Besitz einer Platzkarte. Wir wissen nicht, wie, wir wissen nur, dass er im Besitz einer gültigen Platzkarte für den Den Fünnefnullnull war, Wagen sieben, Platz dreivier.

Zum ersten Mal schlief Herr Freulein vor einer Dienstreise tief bis zum Weckergeräusch.

Er erschien kurz vor Abfahrt des Zuges auf dem Bahnhof. Er beeilte sich nicht mit dem Einsteigen. Er durchmaß genüsslich Wagen sechs und sieben. Auf Platz dreivier saß ein breitschultriger Herr, rotgelockt, Gummihosenträger. Herr Freulein wies seine Platzkarte vor. Der Herr blickte ihm tief in die Augen: Ich hab auch eine Platzkarte für diesen Platz.

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