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Biertafel mit Colaklops. Satirische Zutaten von Claudia bis Kanada von Matthias Biskupek
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Preis E-Book:
3.99 (6.99)) €
Veröffentl.:
04.05.2021
ISBN:
978-3-96521-440-8 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 145 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Satire, Belletristik/Humorvoll, Belletristik/Politik, Belletristik/Kurzgeschichten
Belletristik: Humor, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories
Humor, Satire, DDR, Wende, Westverwandtschaft, Reisen, Treuhand, arbeitslos, Sächsisch, Sachsen, Englisch, Schriftsteller, Tallinn, Rumänien, Kanada, Riesengebirge, Toscana, Baltimore
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Vertraulicher Brief Nr. 4

Sehr geehrter Altstadt-Buchhändler,

natürlich will ich keine Schleichwerbung für Ihr Geschäftchen machen, weshalb ich Ihnen vertraulich schreibe. Zudem erwähne ich sogleich aus Proporzgründen Ihre Konkurrentin, die Kondom-Buchhandlung, wie wir zu sagen belieben, gleich nebenan, die vor allem Bücher in Plastehäuten anbietet. Gut, das machen Sie auch, das ist dem Sicherheitsdenken der Zeit geschuldet.

Doch ich wollte mich bei Ihnen beklagen. Noch zu den letzten christlichen Festen, Weihnachten und so, haben Sie Ihr Schaufenster ganz rechtsaußen, Sie wissen, das von Ihnen aus gesehen rechteste, allein mit großartigen deutschen Büchern dekoriert: „SS im Einsatz“, „Verdammte See – ein Kriegstagebuch aus der deutschen Marine“, „Jagdflieger Oberst Mölders“ und viele Werke vom Herrn Irving über die Tragödie der deutschen Luftwaffe und diese ganzen Auschwitzlügen.

Ich muss schon sagen: Sie haben sich als mutiger deutscher Mann erwiesen. Als die ganze Welt um uns herum vom Frieden plapperte und jesushaft säuselte, brachten Sie Geschichte ins rechte Lot. Andere Buchhändler haben gute deutsche Kriege ja auch im Angebot, doch die verstecken sie gschamig neben heißen Sex-Tipps. Sie aber treten den pappeweichen Friedenskameraden offen entgegen. Sie haben das stärkste deutsche Bücherangebot seit dem zwooten Weltkrieg. Ich bezeuge meinen Respekt mit einem dreifachen: „Adolf Galland, General der Jagdflieger!“ Offensichtlich aber sind sie durch ein paar knieweiche Öffentlichkeitsschreier in die Defensive geraten. In Ihren rechten Schaufenstern muss ich jetzt neben Irvings Wahrheitsbüchern Stephen King finden. Na gut, der mag noch angehen. Auch da fließt ein deutscher Saft namens Blut. Aber warum sie neuerdings den Damenschriftsteller S. Zweig neben Mölders platzieren? In Zeiten, als jener für Deutschlands Heil focht, hat dieser sich feige nach Südamerika zurückgezogen. Hat sich selber, statt dem Feinde, ein Loch in den Kopf geschossen. Sehr geehrter Altstadt-Buchhändler, spüren Sie nicht, dass so was nicht zusammengeht?

Die Jugend mit den kahlen Köpfen schaut auf Ihre Auslagen. Reißen Sie sich also zamm! Kippen Sie den undeutschen Buchmüll aus Ihren Fenstern. Und besinnen Sie sich wieder auf die ewigen Wahrheiten deutscher Feldgrauer – den Sieg und das Heil.

Mit gutem Siegesgewissen

Die Patriarchen der Kleinstadt

Eine Geschichte ist zu erzählen über deutsche Geschichte und jene Leute, die sie alleinvertreten wollen. Die Geschichte hat mit der grausamen Sicherheitshysterie in der DDR – ja doch, der Stasi – zu tun, und mit einem Kollegen und Landsmann von mir, dem Schriftsteller Wolfgang Eckert aus dem sächsischen Meerane. – Nicht gleich gelangweilt weiterblättern; ich weiß, dem Volk wird viel zugemutet von all den Leuten, die das Hemd über der Brust aufreißen, um Wunden zu zeigen oder dem gerechten, dem rächenden Dolchstoß darzubieten; nein, vielleicht ist die Geschichte doch ganz lehrreich und ein bisschen amüsant auch und hoffentlich kaum wehleidig.

E. war vor fünfundzwanzig Jahren ein junger, aufstrebender Autor. Das juckte die Stasi. Sie inszenierte ein Spiel, genannt „taktische Kombination“. Einer ihrer Feindberührungs-Agenten, genannt „Medicus“, musste E. zufällig kennenlernen, um Gespräche zu führen, über Prag 68 und die Kafkas, Kohouts, Goldstückers. Wenig im Sinne der damals herrschenden Klasse. So wurde E. bald darauf, von zwei Männern flankiert, ohne Angabe des Fahrziels, in eine Stasi-Dienststelle verbracht. Hier wurde ihm klargemacht, dass er mit einem gefährlichen West-Agenten gesprochen habe – ein Foto war Beweis. Nun sei es E.s Pflicht, von der Republik Schaden abzuwenden; der Mann sei dingfest zu machen.

Dazu müsse er nur ein Papier mit einem fremden Namen, nämlich „Dressel“, unterschreiben. Diese Unterschrift sei Pflicht. Damit könne man dem Bösen Bonner Ultra eine Falle bauen.

Der Westagent in Stasi-Diensten hatte damit seine Rolle beendet; dafür ließ die Dienststelle öfter von sich hören: Ob E. nichts über Schriftstellerkollegen erzählen könne? E. hörte sich diese Fragen ein paar Mal an, dann platzte er heraus: Ihr wisst doch über alles besser Bescheid als ich. Also, was wollter dann von mir? Ich kann keinem in die Augen gucken, wenn ich hinterm Rücken was über Leute sagen soll.

Fortan kam keine Dienstelle mehr. E. wurde zehn Jahre älter; wir lernten uns kennen. Beim Bier im Leipziger „Stehfest“ erzählte er, wie er für die Stasi vor Jahren mit fremdem Namen unterschreiben musste und wie er sogar mit einem echten Westagenten, der womöglich gar nicht echt war, plauderte – gar herzlich habe ich damals über die Räuber-und-Schampampel-Spiele der Stasi gelacht. Da wusste noch niemand, dass wieder zehn Jahre später manche Saubermänner solche Geschichten mit hochroten Ohren und gekrümmten Buckeln anhören würden. Und empörte Zeigefinger bekämen.

E. jedenfalls schrieb in den Achtzigerjahren einen Roman über seine Heimatstadt, der ihm zwar Anerkennung, vor allem bei kleinen Leuten, einbrachte, aber bei einigen staatswillfährigen Bürgern Protest hervorrief: Wie der unner Meerane rundermachd! Widdse machd ieber uns! Fasd sadierisch, murmelten die Bravsten der Sachsen. Und waren vor allem deshalb sauer, weil einer weiter das Maul aufriss, als sie es sich selbst je getraut hätten.

Dann flatterte und wendete sich der Mantel der Geschichte auch in Westsachsen. E. lebte auf und fand als Humorist seine Geschichten überall im neudeutschen Meerane. In einem Lokalblatt schrieb er wöchentlich Feuilletons, die dem mittlerweile gewählten Deutschen Sozialen Unionsbürgermeister, der später schnell Freier Wählerführer und somit unpolitisch wurde, wenig gefielen, weil sie dessen Arbeit nicht ständig lobpriesen. Nach Meinung redlicher Provinzpolitiker, ob sie nun SED oder drei andere Buchstaben hinter sich haben, müssen Dichter unverbrüchlich der Politik zuschreiben: eine Schleimspur, auf der die jeweils herrschende Kaste nein, nicht aus-, sondern vorwärts gleitet. Das hatte Eckert in der DDR nicht richtig beherrscht. Und das mochte er jetzt, unter neuen Bedingungen, gleich gar nicht.

Doch die Provinzmachthaber vergessen nicht. Nicht sein Buch von damals. Nicht die Pointen von heute. Also suchten sie E.s Akten, öffneten diese – unberechtigt, denn E. war gar nicht mehr städtisch bedienstet – und fanden jenen Vorgang von vor einem Vierteljahrhundert: E. war IM! Hah! Es gibt eine Unterschrift!

Da mochte E. die Geschichte so erzählen, wie er sie seit Jahren erzählte: Tut nichts, der Jude wird verbrannt!

Bevor E. Einsicht nehmen konnte, verging Zeit. Diese Zeit nutzten die Provinzmachthaber: E. durfte in Stadt und Landratsamt nicht lesen und auftreten; E. durfte im Blättchen der Region nicht mehr veröffentlichen. Arbeitsgruppe Stadtgeschichte oder Kunstverein – bitte ohne E.! Bis in die Zeitung der Partnerstadt im tiefen Baden, nach Lörrach, reichten die langen Arme der Behörde: keine Kolumne mehr vom E., dem Ober-IM!

Eckert hatte keine Demut gezeigt. Nicht damals, vor den Königsthronen der Partei. Nicht heute, vor den Kanzlergebärden der Parteischickeria. Er war nicht zu Kreuze gekrochen, unters Hemde der Christenpartei. Nun konnten sich die Biedermänner für ihre eigene Feigheit während der DDR-Zeit rächen; nun konnten die empörten Zeigefinger sich recken und strecken: Herr Kanzler, wir hier im tiefen Sachsen waren leider früher keine richtigen Antikommunisten, bitten dafür demütig um Vergebung – aber der Eckert ist tausendmal schlimmer als wir! Der guckt noch immer ganz frech!

So radikal gelang im totalitären Staat DDR selten eine Ausgrenzung. Ein Biermann-Befürworter, aus dem Schriftstellerverband und andernorts von Lesungen ausgeschlossen, durfte in Meerane öffentlich auftreten – weil sein Kollege E. Zivilcourage zeigte. Damals standen sie hinter den Gardinen, die kämpferischen Kleinstädter, die jetzt mutig ihren zentralen städtischen IM auf dem Scheiterhaufen wissen wollten: Was, keine Berichte geliefert? Tut nichts, der Jude wird verbrannt! Was, keine Kollegen angeschwärzt? Tut nichts, der Jude wird verbrannt! Was, Dekonspiration? Tut nichts, der Jude wird verbrannt! Was, von der Stasi selbst als unwillig zum Spitzeln eingestuft? Tut nichts, der Jude wird vebrannt!*

Mittlerweile haben Gaucks Mühlen gemahlen. Langsam, gründlich, genau abwägend. Eckerts Erinnerung war richtig. Jeder, der ernsthaft will, mag die Akten durchforsten. Doch ein Gespräch über seinen Fall – das mögen die Patriarchen bis heute nicht.

Denn wir sind eine Republik, in der erste Bürgerpflicht nicht öffentliches Gespräch, sondern schnelle Aburteilung zu sein scheint. Eine Republik, die zwar ein großartiges Grundgesetz hat, worüber sich aber ein viel gewaltigeres Gebäude aus Feigheit, Denunziantentum und Selbstgerechtigkeit erhebt. Die Bewältigung der Stasi-Geschichte ist bisweilen noch widerlicher als die Stasi-Geschichte selbst. Und das, so scheint mir, ist doch eine ganz lustige Pointe. Dieser Meeraner Geschichte wie auch unserer deutschen Geschichte.

* Ausspruch einer Figur namens „Patriarch“ aus einem Drama des Herrn Gotthold Ephraim Lessing, gebürtig zu Kamenz, Kleinstadt in Sachsen.

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