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Zwischen Mut, Aufbruch und großen Abenteuern – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

(Pinnow, 03.04.2026) – Der April hat begonnen, und mit ihm eine Zeit, in der sich vieles neu sortiert: Gedanken, Pläne – und vielleicht auch die nächste Lektüre. Die fünf aktuellen digitalen Sonderangebote im E-Book-Shop www.edition-digital.de laden dazu ein, sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Geschichte, Menschlichkeit und Abenteuer auseinanderzusetzen.

Die Titel, die von Freitag, dem 03.04.2026, bis Freitag, dem 10.04.2026, zum Sonderpreis erhältlich sind, erzählen von Zivilcourage und Erinnerung, von Menschen im Sog großer Veränderungen, von einer abenteuerlichen Reise über die Meere, von einer ungewöhnlichen Freundschaft – und schließlich vom Zusammenbruch eines ganzen Systems.

Der leise Aufstand. Kurze Prosa über Zivilcourage und Erinnerung von F. C. Weiskopf

Kurze Texte – große Wirkung: In seinen Anekdoten verdichtet F. C. Weiskopf Geschichte zu Momentaufnahmen von erschütternder Klarheit. Mit wenigen Seiten, oft nur mit wenigen Absätzen, lässt er Menschen sichtbar werden, die sich in Zeiten von Terror, Krieg und politischer Verfolgung bewähren – oder zerbrechen.

Diese literarischen Miniaturen erzählen von Mut und Verrat, von Würde im Angesicht der Gewalt, von Widerstand, Solidarität und Hoffnung. Jede einzelne ist wie ein Blitzlicht: Sie trifft ins Herz einer Epoche und macht sichtbar, was sonst hinter Zahlen und Parolen verschwindet – den einzelnen Menschen.

Weiskopf knüpft an die große Tradition der Anekdote an und führt sie in die Moderne: präzise, eindringlich, unvergesslich. Ein Buch über Zivilcourage und Menschlichkeit – von beklemmender Aktualität.

Ein Klassiker der engagierten Literatur, der zeigt, wieviel Kraft in der kürzesten Form liegen kann.

Zwischen Dorf und Geschichte. Erzählungen von F. C. Weiskopf

Was geschieht, wenn ein einfacher Mensch zum ersten Mal mit der großen Geschichte in Berührung kommt?

In den späteren Erzählungen dieses Bandes richtet F. C. Weiskopf den Blick nach Osten: in das vorrevolutionäre Russland, in Garnisonsstädte, Dörfer und auf die Bahnhöfe einer neuen Zeit. Dort begegnen wir Bauern, Soldaten und Arbeitern, die staunend in die Moderne treten – fasziniert von Maschinen, überfordert von den Umbrüchen und zugleich ergriffen von einer Idee, die ihr Leben verändern wird.

Mit Wärme, Ironie und epischer Kraft erzählt Weiskopf von den Anfängen politischen Bewusstseins, von Glauben und Zweifel, von Aufbruch und Erkenntnis. Aus kleinen, scheinbar unscheinbaren Lebensgeschichten wächst die Vision einer neuen Gesellschaft – nicht als Parole, sondern als Erfahrung gelebter Wirklichkeit.

Diese Erzählungen zeigen Revolution nicht als Ereignis, sondern als inneren Prozess: als langsames Erwachen eines Menschen, der beginnt, die Welt zu verstehen.

Ein literarisch kraftvolles, historisch faszinierendes und heute überraschend aktuelles Buch über Hoffnung, Veränderung und die Macht der Idee.

Das große Abenteuer. Zwischen Sturm und Freiheit von Theodor Plievier

Ein Junge verlässt heimlich sein Zuhause – und läuft direkt in die große, gefährliche Welt hinein.

Der junge Klaus träumt von Freiheit, von fernen Ländern und von den Schiffen, die im Hafen zu unbekannten Küsten aufbrechen. Als er sich heimlich an Bord eines Segelschiffs schmuggelt, beginnt für ihn eine Reise, die ihn weit über seine Träume hinausführt: über die Weltmeere, durch Stürme und über Kontinente hinweg bis nach Südamerika.

Unter rauen Seeleuten, politischen Aktivisten und Abenteurern entdeckt Klaus eine Wirklichkeit, die größer und härter ist als jede Vorstellung. Auf der Fahrt lernt er nicht nur die Gefahren der See kennen, sondern auch die Konflikte einer Welt im Umbruch – Ausbeutung, Macht, Solidarität und den Kampf um Freiheit.

Mit großer erzählerischer Kraft schildert Theodor Plievier eine abenteuerliche Reise, die zugleich ein Roman des Erwachsenwerdens ist. Das große Abenteuer verbindet Seefahrerromantik, politische Spannung und historische Realität zu einer packenden Geschichte über Mut, Neugier und den Traum von einem anderen Leben.

Ein Klassiker der Abenteuerliteratur – rau, bewegend und überraschend aktuell.

Kicki und der König von Christa Kozik

Was würdest du tun, wenn du eine Katze kennenlernen würdest, die sprechen kann – und sogar dem König hilft?

Kicki ist keine gewöhnliche Katze. Sie trägt eine Brille, schnurrt besonders klug und hat eine ganz besondere Fähigkeit: Sie kann die Wahrheit riechen. Als sie König Karl begegnet, merkt sie sofort, dass im Königreich nicht alles so läuft, wie es sollte.

Also beschließt Kicki, dem König zu helfen. Gemeinsam ziehen sie durch das Land, hören den Menschen zu und entdecken, was wirklich los ist. Dabei geraten sie in viele lustige, spannende und manchmal auch ziemlich verrückte Situationen.

Mit Witz, Fantasie und einer frechen Katze erzählt Christa Kožik eine Geschichte über Mut, Freundschaft und darüber, wie wichtig es ist, die Wahrheit zu sagen.

Ein lustiges und kluges Abenteuer über eine ganz besondere Katze – und einen König, der noch viel lernen muss.

Der Kaiser ging, die Generäle blieben von Theodor Plievier

Auch in dieser Woche richtet sich der Blick in der Rubrik Friday for Future auf grundlegende Probleme der Menschheit. Wieder einmal geht es um die Schrecken eines Krieges, um den Ersten Weltkrieg.

Ein Reich taumelt seinem Ende entgegen – und niemand will die Verantwortung tragen.

In „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“ zeichnet Theodor Plievier ein erschütterndes Panorama der letzten Wochen des Ersten Weltkriegs: Frontsoldaten, die unter Panzern zermalmt werden. Generäle, die noch an „Soldatenglück“ glauben. Politiker, die zwischen Revolution, Hunger und Waffenstillstand lavieren. Und ein Kaiser, der zögert.

Mit dokumentarischer Wucht und literarischer Präzision zeigt Plievier das Zerbrechen eines Systems – von den Schützengräben, dem Aufstand der Kieler Matrosen bis in die Ministerien Berlins. Während an der Front das Massensterben weitergeht, ringen im Reichstag Militärs, Monarchisten und Sozialdemokraten um Macht, Schuld und Zukunft. Der Krieg ist verloren – doch wer hat den Mut, es auszusprechen?

Dieses 1932 erstmals erschienene Werk ist mehr als ein historischer Roman über die Novemberrevolution 1918: Es ist eine beklemmend aktuelle Analyse von Macht, Verantwortung und politischer Selbsttäuschung. Plieviers eindringliche Sprache macht Geschichte unmittelbar erfahrbar – roh, schonungslos und erschütternd menschlich.

Ein Klassiker der Antikriegsliteratur – neu zu entdecken für Leserinnen und Leser von heute.

Manchmal sind es nur wenige Augenblicke, in denen sich entscheidet, wie ein Mensch handelt. Die folgende Passage aus Der leise Aufstand. Kurze Prosa über Zivilcourage und Erinnerung von F. C. Weiskopf zeigt, wie aus kleinen Situationen große moralische Entscheidungen erwachsen.

Die Liquidierung der Stechmücken

(In der Kleistschen Manier)

Für Heinz W.

Einer meiner Freunde, der viel in der Welt herumreist, bekam von dem Wirt der Kopenhagener Flughafenschenke folgendes Histörchen zu hören, das hier so wiedergegeben sei, wie es von dem Wirt meinem Freunde und von diesem mir erzählt wurde.

Kommt da eines Tages mit dem Clipper, der von Stockholm nach dem Fernen Osten fliegt und hier eine Stunde Aufenthalt hat, ein dicker Chinese an und verlangt an meiner Theke eine Milch mit Coca Cola und Rum. „Eine Milch mit Coca Cola und Rum?“, erkundige ich mich sicherheitshalber, da mir eine solche Mischung bisher nie untergekommen. „Ja“, spricht der Dicke, „und messen Sie den Rum nicht zu knapp, ich bin diese Medizin gewohnt und werde sie wohl nicht sobald wieder in den Magen kriegen, denn ich fahre in meine Heimat, und dort hat man andere Geschmäcker und andere Getränke.“ – „Soso, nach China geht die Reise“, sage ich, um das Gespräch in Gang zu halten, denn mir scheint, aus dem Gast ist noch eine Bestellung herauszuholen, „wie sieht es denn jetzt dortzulande aus?“ – „Das weiß ich nicht“, antwortet er, „ich bin zwanzig Jahre nicht mehr daheim gewesen“, und bestellt richtig noch eine Milch mit Coca Cola und Rum. „Und wo haben Sie, mit Verlaub, diese zwanzig Jahre verbracht?“, frage ich. „In Amerika“, gibt er zurück, „ich habe eine Wäscherei mit drei Filialen in Philadelphia gehabt, aber die bin ich losgeworden.“ – „Ist’s möglich?“, entfährt es mir, „man hat Sie um Ihr Unternehmen …“ – „Nein, nein“, unterbricht er mich, „ich hab es verkauft. Ohne Gewinn, aber auch nicht mit Verlust. An einen Landsmann.“ – „Verkauft?“, wundere ich mich. „Wollen Sie am Ende nicht mehr nach Amerika zurück?“ – „In der Tat“, versetzt er, „ich will in China bleiben“, und bestellt noch eine Milch mit Coca Cola und Rum. „Da erwartet man Sie wohl schon?“, vermute ich. „I wo denn“, entgegnet er, „und ich weiß überhaupt noch nicht, was ich dort tun werde.“ – „Das verstehe, wer will“, sage ich, „Sie entschuldigen schon, doch was zum Teufel hat Sie zu einem solchen Entschluss bewogen?“ – „Das will ich Ihnen erklären“, meint er, „aber vorher bringen Sie mir noch eine Milch mit Coca Cola und Rum.“ Ich serviere ihm das Verlangte, und er, indem er seine Medizin hinter die Binde gießt und sich danach die Lippen leckt: „Es gibt natürlich eine ganze Menge von Gründen, aber wenn ich mir’s überlege, so hat einer, der Ihnen vielleicht ganz komisch vorkommen mag, den Ausschlag gegeben.“ – „Und der wäre?“, werfe ich ein. „Ein Brief, worin es heißt, dass in Schanghai keine Stechmücken mehr sind.“ – „Was?“, stottere ich und glaube, nicht recht gehört zu haben, „Stechmücken?“ – „Jawohl“, bekräftigt er, „es geht um die Stechmücken. Vielmehr darum, dass in Schanghai keine mehr sind. Man hat sie liquidiert. Li–qui–diert“, wiederholt er und klopft bei jeder Silbe mit dem Glas auf die Theke, „li–qui–diert!“ – „Wie?“, rufe ich, „und das sollte Sie bestimmt haben …?“ – „Gerade das!“, erwidert er, „denn sehen Sie, wenn Mao Tse-tung und die Seinen Zeit finden, sich um so etwas zu kümmern, und wenn es ihnen gelingt, eine Plage abzuschaffen, von der wir immer angenommen haben, dass sie so elementar ist wie Regen oder Blitzschlag, – was werden sie aus diesem Land China machen! Und dann“, spricht er mit einem Lächeln, wie es nur diese dicken Chinesen haben, verschmitzt und auch weise, „dann habe ich mir noch gesagt: Hier in Amerika züchtet man Stechmücken und infiziert sie mit Pest oder Cholera, um sie auf Menschen loszulassen, und drüben befreit man die Menschen von den Mücken … wie kann einem da die Wahl zwischen hüben und drüben schwerfallen?“ Und bevor ich mich noch auf eine Antwort besinnen kann, hat er einen Fünfdollarschein neben die leeren Gläser gelegt und ist auch schon draußen beim Clipper. So einen Kerl habe ich, auf Ehre und Gewissen, zeit meines Lebens nicht gesehen.

1954

Das Trennende und das Gemeinsame

Der britische Außenminister Ernest Bevin, ein ehemaliger Transportarbeiter, liebte es, den heftigsten Ausfällen gegen die Sowjetunion und den Kommunismus durch Hinweise auf seine Herkunft eine besondere Würze zu geben. Als er dies einmal im Wortgefecht mit Andrej Wyschinski, dem Leiter der Sowjetdelegation in den Vereinten Nationen, tat und dabei obendrein seinem eigenen proletarischen den bürgerlichen Ursprung des Russen gegenüberstellte, wurde ihm eine Antwort zuteil, die auch heute noch – während die Reden Bevins und er selbst längst der Vergessenheit verfallen sind – wieder und wieder erzählt und belacht wird. „Der sehr ehrenwerte Sprecher für die Regierung Seiner Britischen Majestät“, sagte Wyschinski mit dem sanftesten Lächeln der Welt, „tut unrecht daran, nur das zu erwähnen, was uns beide trennt. Lassen Sie mich das Gegenteil unternehmen und darauf hinweisen, dass uns, obwohl wir so verschieden von Ursprung, Charakter und Einsicht sind, dennoch eines gemeinsam ist: Wir haben beide die Klasse, aus der wir kommen, verraten, ich die Bourgeoisie und Herr Bevin die Arbeiterklasse.“

1954

Ruhm

Als der Leutnant Charles P. Hill, Pilot eines von koreanischen Scharfschützen über dem Moranbongebirge zur Strecke gebrachten Jagdflugzeugs, gefragt wurde, warum er eine vor ihrer Schule zur Maifeier versammelte Kinderschar beschossen habe, entgegnete er nach einigem Zögern und Schlottern, dies sei geschehen, weil er sich irgendwie habe auszeichnen wollen. Unter den Papieren Hills, die aus den Trümmern des Flugzeugs geborgen wurden, fand sich ein nicht zu Ende geschriebener Brief an seine Braut, worin es hieß: „Ich beneide den Obersten Lewis um den Ruhm, die erste Atombombe auf Hiroshima abgeworfen zu haben, und ich wünsche mir sehnlich, einer ähnlichen Ehre teilhaftig zu werden, sowie die Zeit für die Wasserstoffbombe gekommen ist.“

Von Ruhm und Ehre war auch in einem Gespräch die Rede, das ein mir bekannter Pekinger Schriftsteller an der Front in Korea mit einem Landsmann führte, einem Bauern aus Ss’-tschwan, der sich zu den Volksfreiwilligen gemeldet hatte. Der Ss’-tschwaner kauerte, als mein Gewährsmann ihn ansprach, in einem notdürftig mit dürren Zweigen gedeckten Unterstand und aß Maisbrei aus einer verbeulten Konservendose. Auf die Frage, wie es ihm gehe, erwiderte er: „Schlecht, wie du siehst. Ich sitze in diesem nassen Loch, fern von meiner sonnigen Heimat, meiner Frau und meinen zwei kleinen Söhnen. An den Schuhen habe ich statt der Sohlen nur Fetzen, meinen Mantel hat ein verwundeter Genosse bekommen, und dieser kalte Brei ohne Salz ist meine erste Mahlzeit seit gestern Mittag … Aber“, so fügte er hinzu, „ich habe auch nichts Besseres erwartet. Und ich bin hier, damit künftighin Väter nicht mehr ihre kleinen Söhne verlassen müssen, um in den Krieg zu ziehen; damit niemand mehr in einem solchen Schützenloch zu hocken braucht, anstatt nützliche Arbeit zu leisten; und damit sich jeder Mensch guten Willens an jedem Tag seinen Magen füllen kann, nicht nur mit ungesalzenem Maisbrei, sondern mit Reis und Schweinefleisch und Bambussprossen und wonach er sonst noch Verlangen trägt.“

Als der Schriftsteller wissen wollte, ob der andere einen besonderen Wunsch habe, sagte dieser: „Nicht, dass ich wüsste … oder doch, ich möchte mir aus diesem Feldzug soviel nach Hause mitbringen.“ Dabei hob er seine Rechte und formte mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Kreis.

„Das verstehe ich nicht“, meinte der Schriftsteller, „das musst du mir erklären!“

„Was ist da viel zu verstehen und zu erklären?“, lautete die Antwort. „Ich wünsche mir eine Gedenkmedaille, auf der steht: Er war mit dabei, als die Unabhängigkeit seines Volkes und der Friede der Welt verteidigt wurden.“

1954

Das Wort eines Gentleman

Als oppositionelle Abgeordnete im britischen Unterhaus den Fall des Obersten Ewart Grogan zur Sprache brachten, der in seinem Bericht an den Gesetzgebenden Rat der Kolonie Kenia empfohlen hatte, weiterhin Häftlinge des Konzentrationslagers Thomson Falls öffentlich, in Bündeln zu fünfundzwanzig Stück, hängen zu lassen, um ihren – gegen den Raub von Land und Menschen durch die weißen Pflanzer rebellierenden – Brüdern vom Stamme der Kikuyuneger eine Lehre zu erteilen, erhob sich der Kolonialminister, Sir Oliver Littleton, und erklärte mit der Miene gekränkter Unschuld: Erstens entspreche die Nachricht über angebliche Gräuel in Thomson Falls keineswegs der Wahrheit; zweitens habe der Gouverneur von Kenia bereits aus eigenem gewisse vereinzelte Übergriffe der Lagerleitung abgestellt; und drittens sei, ohne dass es erst einer Anfrage der Opposition bedurft hätte, vom Kolonialministerium eine Untersuchung der Angelegenheit angeordnet worden. Allfällige Unzuträglichkeiten und Missstände würden, darauf gebe er dem Hohen Hause sein Wort als Gentleman, sofort und unnachsichtig gesühnt werden.

In der Tat wurde, wie einer späteren Mitteilung des Kolonialministeriums zu entnehmen ist, der Oberst Grogan seiner Funktion als Vorgesetzter der Lagerleitung von Thomson Falls enthoben; er hat jetzt die Aufsicht über die Polizei in den Reservationen der Kikuyus. Auch müssen hinfort die Exekutionen in Thomson Falls einzeln und auf einem dafür entsprechend hergerichteten Platz – das ist hinter einem mindestens fünf Fuß drei Zoll hohen Bretterzaun – vorgenommen werden.

1954

Der Preis eines Kopfes

Was in der Nachschrift zur Anekdote von den Passagieren des Todes gesagt wurde, sei hier als Vorspruch wiederholt: Die Freiheit spricht in vielen Zungen, aber es ist immer dieselbe Sprache. Ähnliche Geschichten wie die nachfolgende, die mir während meines Aufenthalts in China zu Ohren gekommen, sind im letzten Krieg auch von polnischen und jugoslawischen Partisanen erzählt worden.

 

Die Einwohner der Stadt Schen Jang, die am Tage nach einem geglückten Überfall von Partisanen und Abteilungen der Achten Marscharmee auf eine fette Nachschubkolonne der Kuomintangtruppen an ihren Hausmauern gemeinsame Bekanntmachungen des Generalissimus Tschiang Kai-schek und seines amerikanischen Beraters Wedemeyer lasen, in denen ein Preis von hunderttausend Goldjüän für den Kopf des „Banditenführers“ Ho Lung versprochen wurde, fanden am nächsten Morgen neben jedem dieser Anschläge einen andern folgenden Inhalts:

„Auch ich setze Kopfpreise aus. Für den Papiertiger Tschiang, tot oder lebendig, zehn Jüän. Für den General aus Amerika einen Jüän. Mehr sind sie nicht wert. Ho Lung, Divisionskommandeur der Befreiungsarmee.“

1954

Große Veränderungen beginnen oft im Kleinen – im Denken, im Staunen, im ersten Zweifel. Die folgende Passage aus Zwischen Dorf und Geschichte. Erzählungen von F. C. Weiskopf führt hinein in diesen Moment des Erwachens.

Das goldene Äpfelchen

Als die Marina Kmetko, Kätnerin und Tagelöhnerin in Nizné Vrútky in der Slowakei, erfuhr, dass ihr Sohn Laco die schöne Arbeit in der Kremnitzer Papierfabrik aufgegeben habe, um in das weite und unbekannte Land Spanien zu ziehen, noch dazu in einen Krieg, von dem sie noch gar nichts gehört hatte, da glaubte sie allen Ernstes, der Junge sei um den Verstand gekommen. Doch dann schickte der Laco einen Brief: ein beschriebenes Papier und zwei Bilder. Auf den Bildern waren tote Kinder zu sehen und weinende Frauen vor verbrannten Hütten. In dem Geschriebenen hieß es:

„Die Bauern hier sind so arm gewesen wie die bei uns in der Steingegend von Kysúce. Sie haben Land bekommen von der Republik, aber die Grafen wollen es ihnen nicht lassen und deshalb ist Krieg. Sie stecken die Dörfer an und erschlagen die Kinder, aber die Bauern wehren sich gut. Die Arbeiter aus den Städten helfen ihnen, und es kommen auch viele aus anderen Ländern zu Hilfe. Jetzt weißt Du, warum ich hierhergegangen bin …“

Als Rifkele Berschkowitz, die Tochter des Händlers in Vrútky, von der sich Marina das Schreiben vorlesen ließ, bis zu dieser Stelle gelangt war, unterbrach sie sich und sagte: „Das kann ja niemand verstehen. Er ist meschugge, euer Laco. Oder wisst ihr, was ihn das angeht?“

„Ja“, gab Marina zurück und bekam seltsam dunkle, flackernde Augen, „er denkt an seinen Vater.“ Worauf Rifkele hinauslief, weil ihr unheimlich wurde und sie nicht wollte, dass das Kind in ihrem Leib davon Schaden nehme. „Entweder hat sie das Fieber, oder ich weiß nicht was“, sagte sie zu Hirsch, ihrem Mann, und schickte ihn in den Laden. Er wog der Marina dann die zwei Pfund Salz ab, die sie haben wollte, und riet ihr, ein Senfpflaster aufzulegen. „Das zieht die Hitze aus dem Blut und bringt die Gedanken in Ordnung!“

Aber Marinas Gedanken waren völlig in Ordnung. Sie dachte an Lacos Vater, ihren toten Mann. Der war auch gegen die Grafen gezogen, im Neunzehner Jahr, drüben in Ungarn. Sie hatten ihn gefangen und aufgeknüpft. Damals hatte der vierzehnhrige Laco seinen Vater rächen wollen. Er war weggelaufen und erst nach einem Monat, ganz verhungert und abgerissen, zurückgekehrt.

Es stand sofort fest für Marina, dass sie dem Jungen etwas schicken müsse. Etwas Besonderes. Etwas, woran er seine Freude haben würde.

Sie überlegte. Was hatte man im großen Krieg den Männern geschickt? Tabak und wollene Socken. Aber Laco rauchte nicht, und in seinen Briefen berichtete er, in Spanien sei es so heiß, dass sie alle ohne Strümpfe in Bastschuhen herumliefen. Sie versuchte, sich zu erinnern, was für Wünsche Laco gehabt hatte. Es gelang ihr nicht. Überhaupt fiel ihr das Nachdenken über solche Dinge schwer. Der Laco war als fünftes von zehn Kindern zur Welt gekommen. Zehn Kinder im Haus, der Mann in den Wäldern bei der Holzarbeit und später im Krieg, und der Acker so dürftig, dass die Kartoffelernte bestenfalls für neun Monate im Jahr reichte – wie hätte Marina da Zeit finden sollen, sich um die Wünsche und Träume der Kinder zu kümmern?

Und nach der Rückkehr von dem missglückten Rachezug gegen die ungarischen Grafen war Laco zu einem Gazda gegangen, zu einem Bauern aus der Nachbarschaft, der Drahtenbinderjungen mit auf die „große Reise“ nahm. Seither hatte der Sohn sein eigenes Leben gelebt, war selten und immer nur auf ganz kurze Zeit nach Hause gekommen, jedes Mal um einiges größer und männlicher, jedes Mal dem toten Vater um etwas ähnlicher und darum dem Herzen der Mutter lieber, aber ihren Augen und Ohren fremder. Ach ja. Zu guter Letzt fiel es ihr doch ein. Sie sah in Vrútky vor dem Berschkowitz-Laden ein paar Dorfkinder stehen und die zwei Apfelsinen im Schaufenster bewundern. Da erinnerte sie sich, dass Laco, als er zum ersten Male mit ihr in der Stadt gewesen war, auch so verzaubert vor dem Laden von Leib Berschkowitz gestanden und noch lange Zeit nachher sehnsüchtig von den nie zuvor gesehenen goldenen Äpfelchen gesprochen hatte.

Ihr Entschluss war sofort gefasst. Sie trat in den Laden und verlangte eine Apfelsine.

„Was wollt ihr?“, fragte Rifkele, die bei Marinas Erscheinen automatisch nach der Salzschaufel gegriffen hatte. Dann entsann sie sich des seltsamen Verhaltens, das Marina kürzlich an den Tag gelegt hatte, und meinte nur: „Wisst ihr auch, was das kostet?“

„Ich habe Geld“, antwortete Marina und holte aus einem aufgeknoteten Zipfel des Unterrocks die Nickel hervor. „Wie viel ist zu zahlen?“

Kopfschüttelnd brachte Rifkele die Frucht.

„Ich möchte sie eingepackt haben“, sagte Marina, „in Papier und in eine feste Schachtel und gut verschnürt.“

„Eingepackt und verschnürt, hat man so was schon gehört? Ja, warum denn? Wollt ihr sie am Ende wegschicken?“

„Ja.“

„Wirklich? Wohin denn?“

„Weit.“

Sie achtete nicht auf die Fragen von Rifkele Berschkowitz, zählte zwölf Sechser auf die Theke, nahm die Zuckerschachtel mit der Apfelsine behutsam unter den Arm und ging.

„Meschugge, ganz und gar meschugge!“, murmelte Rifkele, die ihr von der Ladentür aus nachblickte. Das Kind im Leib regte sich. Sie spuckte dreimal aus. „Toi, toi, toi!“ Dann drehte sie sich schnell um und warf die Ladentüre zu.

„Verrückt!“, dachte sich auch die Postbeamtin, als Marina an den Schalter trat und bat, man möge die Schachtel zum Versand fertigmachen.

„Nach Spanien.“

„Was? Nach Spanien? Und was ist drin? Obst? Das wird zur Beförderung nicht angenommen … und überhaupt, wer wird nach Spanien Apfelsinen schicken? Dort wachsen sie doch!“

Sie schob die Schachtel zurück, schloss das Schalterfenster und kümmerte sich nicht weiter um Marina. Die blieb noch eine ganze Weile vor dem Schalter stehen. Es war nicht leicht, sich über das, was die Postbeamtin gesagt hatte, klar zu werden. Aber schließlich hatte sie alles durchdacht und begriffen und wusste auch, was sie wollte.

Sie klopfte nochmals an das Schalterfenster.

„Was gibt’s denn noch?“, fauchte die Postbeamtin. „Ich habe doch vorhin schon erklärt, dass Postsendungen mit Obst ins Ausland nicht angenommen werden.“ Sie schlug das Fenster wieder zu.

Marina wartete noch eine Weile, dann ging sie zurück zum Laden von Leib Berschkowitz. Als Rifkele ihrer ansichtig wurde, wollte sie sich davonmachen, doch dann hielt die Neugier sie an ihrem Platz hinter der Theke fest. Warum Marina nochmals komme? Sie habe eine Bitte. Ob Rifkele ihr nicht einen Brief schreiben könne? An Laco, an den Jungen in Spanien.

Wieder siegte die Neugier über eine ursprüngliche Regung der Abwehr. Rifkele holte Papier und Bleistift und schrieb, was Marina dem Jungen mitzuteilen hatte:

„Lieber Sohn Laco!

Ich wollte Dir eines von den goldenen Äpfelchen schicken, die Du Dir gewünscht hast, weißt Du noch? Ich habe es bei Berschkowitz im Laden gekauft, aber auf der Post wollen sie es nicht annehmen. Auch sagen sie, es ist unnötig, weil dort, wo Du jetzt bist, die Äpfelchen wachsen. So schicke ich Dir nur den Brief, weil Du ja auch nicht rauchst und Wollsocken keinen Zweck haben, wenn es heiß ist.

Es küsst und segnet Dich Deine Mutter Marina Kmetko von Nizne Vrutky.“

„Ihr könnt es gegen Salz umtauschen oder gegen Petroleum“, erklärte Rifkele, als sie zu Ende geschrieben hatte, großmütig. „Ich nehme es zurück.“

Aber Marina wollte das goldene Äpfelchen behalten: „Weil es von dort kommt, wo er ist!“

Sie dankte für das Aufschreiben des Briefes und empfahl sich. Die Schachtel mit der Apfelsine hatte sie vorher in das Umhängetuch geknüpft wie einen Säugling.

Der Brief an Laco kam zurück. Er lag in einem neuen Umschlag neben einem andern Brief. In diesem teilte der Kommissar des Bataillons Masaryk mit, dass der Kamerad Laco Kmetko bei der Verteidigung einer vorgeschobenen Stellung gegen vielfache feindliche Übermacht den Tod für die Freiheit gefunden habe. „Er ist an dem gleichen Tag gefallen, an dem Ihr Brief ankam, und wir haben ihn unter einem Baum begraben, der zweimal im Jahr goldene Äpfel trägt.“

Rifkele konnte nur langsam vorlesen, sie hatte die Augen voller Wasser. „Was hat er auch hingehen müssen in den Krieg, wo er nichts zu suchen hatte?“, rief sie aufgeregt schluckend, „aber so sind sie immer, eure Männer: An die Frauen und Mütter denken sie nicht!“

Marina streichelte ihr die Schulter. Man hätte meinen können, der andern sei ein Sohn gestorben und nicht ihr. „Weine nicht“, sagte sie zu Rifkele, „das verstehst du nicht. Er ist dorthin gegangen, weil er an die Frauen und Kinder gedacht hat.“

Sie kaufte eine Kerze. Rifkele schenkte ihr eine zweite dazu. Hirsch blieb der Mund offenstehen, als er das sah. Über dem offenen Mund schwebte, wie ein unsichtbares Wölkchen, das stumm gebliebene Gezeter über Rifkeles Verschwendung. Aber seine Frau war wie verwandelt. Sie wandte sich an ihn: „Mach den Mund zu, es regnet kein Manna, und ich bin nicht meschugge … nur, du verstehst nichts, verstehst du?“

Marina klebte die Kerzen auf die Truhe, rechts und links neben ihren bunten Hochzeitsteller, auf dem der goldene Apfel lag. Abends, wenn sie von der Arbeit kam, stand sie eine Weile vor der Truhe, und in der wachsenden Dämmerung nahm die Frucht die Form eines Kinderköpfchens an. Es war seltsam: Seitdem Marina von Lacos Tod erfahren hatte, konnte sie sich ganz deutlich erinnern, wie er als kleines Kind ausgesehen hatte. Auch wurde er – früher nur eines von zehn Kindern – jetzt zu dem liebsten.

Sie begann Andenken an ihn zu sammeln: seinen Kreisel, eine Peitsche, die er als Hirtenjunge gehabt hatte, und die Ledertasche, mit der er auf die Drahtenbinderfahrten gegangen war. Sie fragte jedes Mal, wenn sie nach Vrútky in den Berschkowitz-Laden kam, nach Neuigkeiten aus dem Land Spanien, wo Laco begraben war. Rifkele hatte für sie schon die alten Zeitungen beiseite gelegt. (Sie wunderte sich manchmal über sich selbst: Womit, zum Teufel, gab sie sich jetzt ab! Daran waren nur Marina und ihr Laco schuld. Oder doch nicht nur sie?) Sie las Marina vor: „An allen Fronten wurde erbittert gekämpft. Barcelona erlebte gestern den siebzigsten Luftangriff. Unter den Toten befinden sich über hundert Kinder. Der Nichtinterventionsausschuss …“

Sie blickte von der Zeitung auf, Marina ins Gesicht, und sagte mit einer seltsam rauen Stimme: „Weißt du, was der Nichtinterventionsausschuss ist? Das sind die englischen Herren, die dafür sorgen, dass die andern alle Waffen bekommen und deine Leut nichts. Verstehst du?“

„Ja“, erwiderte Marina. Sie verstand auch, dass Rifkele nur deshalb „deine Leut“ und nicht „unsere Leut“ gesagt hatte, weil sie sich noch schämte. „Ja“, erwiderte sie, „aber zum Schluss wird es ihnen doch nichts nützen, den Herren, gegen uns. Lies weiter!“

Als Marina wieder einmal in den Laden kam, hatte Rifkele eine besondere Neuigkeit für sie: „Die Kinder aus Spanien werden weggeschafft. Man bringt sie nach Frankreich in Häuser, die man eigens für sie kauft. Das kostet viel Geld, und deshalb wird jetzt überall gesammelt, auch in Prag. Wer kein Geld hat, kann auch Sachen schicken.“ Sie senkte die Stimme, damit ihr Mann, der nebenan im Lager herumwirtschaftete, sie nicht höre. „Ich hab schon einen Zuckerhut geschickt.“ Sie lachte verschämt. „Und du, willst du nicht auch was schicken?“

Natürlich wollte Marina. Aber was? Geld hatte sie nicht, das Schwein würde erst in drei Monaten aufgemästet sein, und von ihren Sachen …? Da hatte sie so einen Einfall: „Ich weiß schon

Sie ging und kam am nächsten Tag wieder. Im Umhängetuch brachte sie Lacos Kreisel, Peitsche und Drahtenbindertasche mit.

„Das schicke ich ihnen.“

Rifkele fragte: „Wollen wir in die Tasche nicht noch etwas hineintun?“

„Nicht nötig. Nimm Feder und Papier, ich will ihnen etwas dazu sagen … Bist du so weit? … Also dann schreib: ,Ich, Marina Kmetko von Nizne Vrútky, schicke Euch Kindern die Sachen von meinem Sohn Laco, der in Eurem Lande begraben ist, unter einem Baum, der zweimal im Jahr goldene Äpfel trägt.‘ Hast du alles aufgeschrieben? Ja? Dann gib her, ich will meine Kreuze daruntermachen.“

Rifkele reichte ihr das Papier. Dabei stieß sie an die Tasche, die verschob sich, klaffte auf. Aus ihrem Innern rollte eine braun gewordene, eingetrocknete, völlig verrunzelte Frucht hervor.

Marina griff schnell danach und steckte die Frucht wieder in die Drahtenbindertasche.

„Es ist nur“, sagte sie leise, „damit sie etwas aus ihrer Heimat haben.“

1938

Der Traum von Freiheit beginnt oft mit einem ersten Schritt ins Ungewisse. Die folgende Passage aus Das große Abenteuer. Zwischen Sturm und Freiheit von Theodor Plievier zeigt, wie aus Sehnsucht ein gefährliches Abenteuer wird.

Einige dringende Arbeiten gab es noch an Deck, auch einige Vorbereitungen für die Umseglung des Kap Hoorn waren zu treffen. Das wollte der Kapitän und noch mehr der erste Steuermann bei der Knappheit der an Deck arbeitenden Hände hinter sich haben, ehe mit Atschasso abgerechnet werden konnte. Das war so gedacht, dass die alten Lebensmittelrationen wieder ausgegeben würden, und ein Anlass zum Einschreiten würde sich dann schon finden, meinte der Kapitän.

Und eines Abends tauchte das Fleisch aus dem angebrochenen Salzfleischfass wieder auf dem Mannschaftstisch auf, nur war es inzwischen noch ungenießbarer geworden. Selbst Lindnäs ging der Gestank des Fleisches diesmal in die Nase.

Gegessen wurde an diesem Abend nichts.

Am nächsten Morgen und am folgenden Mittag wurde die Hälfte des Essens ins Meer geworfen. Aber auch die Rufe an Deck nach anderem Fleisch blieben aus; dazu war kaum Gelegenheit. Unter dem gleichmäßig wehenden Wind standen die Segel so fest, dass keine Hand sie anzurühren brauchte, und das konnte noch Wochen so weiter gehen.

Ein schwüler Nachmittag war es.

Lindnäs stand am Ruder. Atschasso saß auf dem Vordeck beim Segelflicken, und Klaus, der zur Freiwache gehörte, hatte sich zu ihm gesetzt. Martin und die beiden Schweden, die auch Freiwache hatten, hockten ein Stück weiter auf der Spier, dem Reservemast, der an der Verschanzung festgelegt war.

„Auf dem zehnten Breitengrad sind wir“, sagte Atschasso, „hast du die Karte im Kopf, Sonny, weißt du, wo das ist?“

„Am Amazonenstrom.“

„Nein, den haben wir hinter uns, auf der Höhe vom Amazonas waren wir in der Mallung.“

Jaap kam aus dem Logis heraus und setzte sich zu den anderen auf die Spier. Seine Ziehharmonika hatte er mitgebracht. Wenn unter diesen fest belegten Schooten schon nichts ,zu holen’ war und man nichts aussingen konnte, so gab es doch noch andere Möglichkeiten, dem Alten beizubringen, was man von ihm und von dem Fraß, den er der Mannschaft vorsetzte, dachte.

Jaap spielte die Ziehharmonika und sang dazu:

Was ist ein Seemann wert

Zweimal am Tage Madenbrot

Mittags verfaultes Pferd

Und alle wiederholten:

Salzpferd

Salzpferd

Das ist der Seemann wert.

Der Kapitän wanderte auf dem Hüttendeck auf und ab, von Steuerbord nach Backbord und wieder zurück. Dabei rauchte seine Tabakspfeife wie der Schlot eines kleinen Dampfers. Jaap variierte seine Strophe, doch immer ging es auf denselben Kehrreim aus.

Manchmal braucht es ungewöhnliche Helfer, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die folgende Szene aus Kicki und der König von Christa Kozik zeigt, wie Kicki beginnt, das Königreich auf den Kopf zu stellen.

Über die Erlebnisse, die der König in der Königlichen Eisenbahn hatte, schrieb er einen Bericht und veröffentlichte ihn auf der ersten Seite vom „Neuen Maien-Land“ unter dem Titel „Meine Reise mit der Königlichen Eisenbahn.“ Ergänzt war der Bericht durch Fotos des unfreundlichen Fahrkartenfräuleins und des Mannes am Büfett, die die „Schleife der Unfreundlichkeit“ bekamen.

Auch im Königlichen Rat wurde diese Reise ausgewertet. Der Verkehrsminister wollte das Ganze nicht recht glauben und sprach von ungünstigen Zufällen.

„Wann sind Sie das letzte Mal Eisenbahn gefahren?“, fragte der König.

Der Verkehrsminister dachte nach, schwindeln konnte er nicht, denn Katze Kicki saß dabei und sah ihn aufmerksam an. Also antwortete er ehrlich: „Vor etwa zehn Jahren, Majestät. Damals war alles in Ordnung.“

„Nun, dann war es vor zehn Jahren eben noch besser mit der Königlichen Eisenbahn bestellt“, meinte der König und diktierte einen Erlass.

Erstens: Jeder Bahnhof hat ein gastlicher und freundlicher Ort zu sein. Platzkarten werden jeden Tag vergeben.

Zweitens: Die Züge haben pünktlich zu fahren, sauber zu sein, mit Speisewagen, warmen und kalten Speisen und mit Waschgelegenheiten.

Drittens: Jeder Zug, der länger als drei Stunden unterwegs ist, soll ein Buch- und Zeitschriftenabteil und einen Kinowagen haben.

„Und Sie werden jetzt jede Woche einmal Eisenbahn fahren und Ihre Mitarbeiter auch, um das ständig zu kontrollieren“, sagte der König zum Verkehrsminister.

Der Verkehrsminister verteidigte sich.

„Majestät. Sie müssen wissen, das alles ist ein Problem der Arbeitskräfte. Überall fehlt es an Personal bei der Königlichen Eisenbahn.“

„Dann müssen wir gemeinsam darüber nachdenken, warum so wenig Leute dort arbeiten wollen. Wir müssen die Königliche Eisenbahn wieder attraktiv machen, durch höhere Gehälter, schmucke Uniformen, zahlreiche Vergünstigungen und Bedingungen schaffen, dass die Leute große Lust bekommen, dort zu arbeiten. Machen Sie sich mit Ihren Mitarbeitern Gedanken und geben Sie mir Ihre Vorschläge nächste Woche schriftlich.“

Der Verkehrsminister trat ab.

Der König hatte einen Befehl erlassen, dass alle Minister ähnlich wie er jetzt im Land herumreisten und Besuche machten, die nicht angekündigt waren.

Der Gesundheitsminister besuchte die Krankenhäuser, der Gerichtsminister die Gefängnisse, der Bauminister die Baustellen – und immer überraschend.

Die Berichte über diese Besuche mussten dann mündlich im Königlichen Rat vorgetragen werden, ohne schöngefärbt zu sein. Und die Minister waren gezwungen, wahrheitsgemäß zu berichten, denn Kicki saß immer dabei und streckte die kleine Katzennase vor. Aufmerksam folgte sie jedem Satz.

Wenn ein System zerbricht, zeigen sich seine inneren Widersprüche besonders deutlich. Die folgende Passage aus Der Kaiser ging, die Generäle blieben von Theodor Plievier führt mitten hinein in diese Phase des Zusammenbruchs.

Aber die Nachricht springt bereits wie ein Funke durch das Schiff, durch die Kasematten und Gefechtstürme, durch die Kessel- und Maschinenräume: sie reißt die Matrosen hinter den Geschützen auf die Füße und setzt die Heizer in Bewegung.

Die Heizer meutern!

Die Matrosen auch!

Bonczyk hat Raumschuh geholt. Noch nie haben die beiden den Weg vom Heizraum durch die Schmiede und die eiserne Steigeleiter hoch so schnell zurückgelegt. Sie laufen durch die Kasematten und kommen in die Vorbatterie. Dort hat sich eine große Gruppe Matrosen angesammelt; auch die Heizer der Freiwache stehen dabei. Und alle schreien durcheinander, jede Vorsicht haben sie vergessen.

„Viereinhalb Jahre haben wir geschuftet, und jetzt, wo der Friede kommt …“ „Wo wir schon eine Volksregierung haben!“ „Und Prinz Max schon Wilson Waffenstillstand angeboten hat …“ „Jetzt, wo der Krieg verloren ist, noch ein Vorstoß!“

„Das ist wohl bloß wieder eine Scheißhausdepesche!“

„Wir sollen doch bloß zum Minenfischen rausfahren!“ Schorsch steht auf dem Kettenkasten:

„Was, Minen fischen? Du blinder Hund, kannst du nicht sehen, wo die Fahrt hingehen soll? Und die Farbe, die auf der Laufbrücke zum Schornsteinmalen klar steht, weißt du nicht, was das bedeutet? Und beim Navigationsoffizier liegen die Karten von der englischen Ostküste auf dem Tisch!“

„Nach England sollen wir!“

„Und alle versaufen!“

Das Getümmel von Gesichtern wird größer. Aus den Kasematten kommen noch mehr Matrosen, und aus den Kesselräumen noch mehr Heizer. Raumschuh hat sich nach vorn gedrängt und ist auf den Kettenkasten mit hinaufgestiegen. Er steht neben Schorsch, verschmiert und bis zum Gürtel nackt, nur um den Nacken hat er ein Schweißtuch hängen.

„Dieser Vorstoß ist Selbstmord – das ist doch ganz klar, den wollen unsere Offiziere machen, weil sie den Krieg verloren haben! Weil die Herren Angst vor der Zukunft haben und weil sie nachher arbeitslos sind! Und da sollen wir mit dabei sein! Dafür sollen wir unsere Knochen hinhalten!“

„Aha, hier spricht ‚Genosse Scheidemann‘!“

„Halt die Schnauze oder ich stopp sie dir!“

Raumschüh braucht von seinem Kasten nicht erst herunterzusteigen. Einer der Umstehenden hat dem Flunky aus der Offiziersmesse schon einen Stoß in die Rippen gegeben.

„Den Schädel soll man ihm einhauen!“

„Die Knochen kaputt schlagen!“

„Überhaupt Scheidemann – der hat ja keine Ahnung!“

Der Flunky zieht sich nach dem Ausgang zurück. Ein paar Mann verstellen ihm den Weg.

„Hiergeblieben, das könnte dir wohl so passen!“

„In die Messe gehen und uns verpfeifen, was?“

„Lasst ihn schon laufen, das ist doch alles egal! Das Versteckspielen hat ein Ende. Wir müssen es so machen wie die auf „König Albert“. Wir haben lange genug geheizt! Wir können auch mal anders!“

Draußen hört man laute Rufe. Ein paar Matrosen kommen in die Vorbatterie:

„Kommt an Deck, aber los, schnell!“

„An Deck, der „Markgraf“!“

„Was denn?“

„Was ist denn?“

„Die Heizer vom „Markgraf“!“

Der Ausgang aus der Vorbatterie und der enge Zugang zum Deck kann die Menge, die gleichzeitig hindurch will, kaum fassen. Es gibt Stöße und Hautabschürfungen. Und die an das freie Deck Gekommenen können im ersten Moment nicht sehen, was los ist.

Doch dann sehen sie, wie an den beiden mächtigen Schornsteinen des Linienschiffes „Markgraf“ die Rauchfahnen abreißen und wie statt des dunklen Kohlenrauchs weißer Wasserdampf in dichten Ballen an den Nachthimmel hochsteigt.

Sie löschen die Feuer!

Die Heizer meutern!

Und das Schiff sieht dabei gespenstisch ruhig und unheimlich leblos aus. Nur die dunkle Silhouette mit Schornsteinen und Geschütztürmen – aber kein Mensch ist zu sehen.

Die Leute vom „Kurfürst“ stehen an Deck, überwältigt von der Erscheinung und der sich darin bergenden Tatsache. Mit einem Mal brennt der Scheinwerfer des eigenen Schiffes auf. Der Lichtkegel sucht über das Deck hin und bleibt an dem Haufen hängen, der plötzlich in grellem Licht dasteht. Die Matrosen starren geblendet zur Kommandobrücke hoch. Sie können nichts sehen, sie hören nur die Stimme über sich.

Der Kommandant ruft herunter:

„Die Leute da – was stehen sie da rum!? Runter vom Deck – marsch, runter ins Schiff!“

Die Heizer und Matrosen verharren auf ihrem Platz. Mit hochgereckten Gesichtern, niemand bewegt sich, niemand spricht ein Wort. Sie stehen am Schornsteinsockel, ein Haufen ohne Sprache.

Der Heizer Raumschuh reckt sich plötzlich auf:

„Jawohl, Herr Kapitän, runter in den Bunker, aber anders als sonst! Wir können auch anders!“

Auch der Kohlenschlepper Bonczyk findet Worte:

„Die Schaufel umgedreht – und reinhauhn in die Fresse!“

„Wachoffizier! Wachtmeister! Stellen Sie den Mann fest! Stellen Sie die Leute fest!“

„Alle stehenbleiben!“, ruft der Wachoffizier herunter.

„Du kannst uns mal am Arsche lecken!“

„Los, alle runter in den Heizraum!“

Der ganze Trupp macht kehrt, läuft durch die Kasematten, in der Richtung zu den Heizraumzugängen, Heizer und Matrosen, in zufälligem Durcheinander. Sie klettern die Steigeleitern hinunter.

„Was kann uns schon passieren!“

„Verrecken müssen wir so oder so!“

„Wenn schon kaputtgehen, dann gleich! Aber dann kommen noch ein paar von den anderen mit!“

Die Heizer unten haben inzwischen die Feuer niedrig gehalten. Für mehr als 12 Meilen haben sie keinen Dampf gemacht. Raumschuh ist der erste unten im Kesselraum. Die andern drängen in Haufen hinter ihm her.

Der Obermaat steht, dem Trupp den Rücken zugekehrt.

Er brüllt einen der untengebliebenen Heizer an:

„Was fällt Ihnen ein? Sie kommen zum Rapport! Ich gebe Ihnen den direkten Befehl!“

Raumschuh hat schon eine Stange in der Hand. Er springt an seinen Kessel, reißt die Klappe auf und beginnt das Feuer herauszuholen. Er arbeitet wie gejagt; mit jedem Zug reißt er einen Haufen glühender Kohlen auf die Fliesen herunter.

„Brummschick – den Schlauch her!“

„Der Schlauch, wo ist der Schlauch?“

„Wasser her!“

Einer bringt den Schlauch. Bonczyk hält ihn in die Glut. Ein Dritter dreht das Ventil auf. Weiße Dämpfe kochen auf und quellen schnell bis unter die Decke. Die Menschen bewegen sich in den aufsteigenden Nebeln wie Schemen.

Die andern Heizer sind einen Moment lang starr.

Sie sind plötzlich von einer Meute Matrosen umgeben, die auf sie einreden. Und mitten in dem jähen Durcheinander wühlt dieser Raumschuh wie ein Besessener. Daneben steht Bonczyk mit dem Schlauch wie ein grinsender Teufel. Und der aufkochende Dampf wird immer dicker.

Der Obermaat gewinnt seine Fassung wieder:

„Seid ihr denn alle wahnsinnig geworden? Raumschuh, Heizer Raumschuh!“

Der dreht die Stange um; seine Augen flackern. Der Obermaat prallt vor dem Gesicht zurück und flüchtet vor dem rot glühenden Eisen. Raumschuh immer hinter ihm her. Und nur der Umstand, dass der Heizer Holzpantinen und der Obermaat Stiefel trägt und dass zufällig die Schotttüren durch alle Heizräume offen stehen, rettet den Obermaat davor, niedergeschlagen zu werden.

Die andern kommen hinter den beiden hergelaufen.

Heizraum II, III, IV werden in das Durcheinander mit hineingerissen. Ein Vorstoß, das ist jetzt ganz klar! Darüber braucht kein Wort mehr gesprochen zu werden!

Die Zögernden werden angeeifert:

„Der „König Albert“ macht nicht mehr mit!“

„Der „Markgraf“ hat auch Feuer gelöscht!“

Bleiben Sie ansonsten vor allem schön gesund und munter – und der Welt der Bücher weiterhin gewogen. In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem „Ein Schneemann für Afrika. Eine Liebesgeschichte für Kinder“ von Christa Kozik.

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