
Berg: Simm! He! Baggerführer Simm! Hörst du mich nicht? Genosse! Simm!
Beissert erscheint: Was ist los?
Berg: Simm will ich sprechen.
Beissert verschwindet, Simm erscheint.
Simm: Was gibt’s?
Berg: Steig herunter von deinem Bagger. Das alles hat doch keinen Verstand. Die Stadt bleibt stehen, auch wenn hundertmal soviel Kohle unter ihr läge.
Simm: Absteigen? Bist du noch zu retten? Endlich baggern, arbeiten wir wieder. Verstehst du? Arbeiten! Wendet sich ab.
Berg: Halt! Laß doch wenigstens mit dir reden.
Simm: Mit dir? Da bin ich vorsichtig. Und außerdem: Ab heute kostet mich jedes Wort mit dir eine Tonne Abraum. Von wegen Amerika und Japan. Wir sind hier nicht im Ruhrgebiet, sondern im Brücktal. Berg setzt sich unter den Greifer.
Simm: Geh aus dem Weg, sonst schütte ich dich auf die Kippe.
Berg: Würdest du auch deine Wohnung abreißen? Was sagt deine Frau dazu?
Simm: Wenn sie mir im Wege ist, warum nicht?
Berg: Deine Frau?
Simm: Meine Wohnung, du Esel. Verzeihung.
Berg: Die Stadt bleibt stehen.
Simm: Bist du lebensmüde? Jetzt hol den Werkschutz, Peter.
Klappenschläger: Nicht nötig. Mach ich selber. Ich hau ihn zusammen.
Simm hält ihn zurück: Verschwinde aus der Bahn, Genosse Doktor. Aus der Bahn! Hörst du nicht? Sonst geht es dir wie dem Urpferdchen, das ich mal ausgrub. Ab ins Heimatmuseum. Dort steht’s unter Glas. Und jeder macht sich darüber lustig.
Berg: Über euch macht man sich lustig. Ihr steht unter Glas. Urtiere seid ihr, du und Kolbasser. Kohle um jeden Preis. Ihr könnt nicht denken. Übermorgen fließt hier schon das Erdöl.
Klappenschläger: Daß ich nicht lache. Über ein Jahr hattet ihr Zeit dazu, ihr Studierten. Unserem Kommissar jedoch genügte ein Tag in Berlin, und die Kohle hat gesiegt.
Beissert: Du bist für Schwenke hier, den Friseur, kapierst aber auch nicht mehr als er.
Berg: Simm. Tu, was morgen von dir verlangt wird, schon heute. Steige ab!
Simm: Ist ja alles Leerlauf.
Er kehrt in seine Kabine zurück. Die Motoren heulen. Berg unmittelbar unter dem Greifer. Simm fährt damit auf ihn zu.
Berg: Mensch oder Maschine. Atomkraft oder Kohle. Die Vernunft oder das Faustrecht. Ich oder Kolbasser.
Simm fährt mit dem Greifer immer dichter an Berg heran. Der geht in die Knie, weicht schließlich zurück und verläßt geschlagen das Feld.
Haut oder Hemd. Schauspiel
Nichts Geringeres als die Neuprofilierung einer ganzen Bergbau-lndustrielandschaft, das Für und Wider um Entscheidungen über ein Territorium mit Tausenden dort lebender Menschen, wählt Neutsch als Grundlage für sein Schauspiel »Haut oder Hemd«. Das 1971 in Halle uraufgeführte Stück widmet sich den kühnen, zukunftsträchtigen Visionen nach dem später totgeschwiegenen VII. Parteitag der SED, dem letzten mit Walter Ulbricht als Generalsekretär. Die „Produktivkraft Wissenschaft“, vertreten durch den, die verschiedenen ökonomischen Varianten der Zukunft vorausberechnenden Informatiker Dr. Berg, den Chemiker und Plasteforscher Professor Uhlenhorst und den Ingenieur Baum, Fachmann der Kältetechnik, wehrt sich in einer Arbeitsgruppe gegen Kolbasser, Direktor eines Braunkohlekombinates, dem die Tagesaufgaben wichtiger sind und dessen Braunkohlebagger vor der Stadt nicht Halt machen. Aber auch die kühn in die Zukunft blickenden Wissenschaftler vertreten nur die Belange ihres Forschungsgebietes. Zu Recht erinnert der Wirtschaftssekretär der SED-Kreisleitung daran, dass es bei allen Plänen nur um die Menschen geht.Ein …
Beschreibung
Nichts Geringeres als die Neuprofilierung einer ganzen Bergbau-lndustrielandschaft, das Für und Wider um Entscheidungen über ein Territorium mit Tausenden dort lebender Menschen, wählt Neutsch als Grundlage für sein Schauspiel »Haut oder Hemd«. Das 1971 in Halle uraufgeführte Stück widmet sich den kühnen, zukunftsträchtigen Visionen nach dem später totgeschwiegenen VII. Parteitag der SED, dem letzten mit Walter Ulbricht als Generalsekretär. Die „Produktivkraft Wissenschaft“, vertreten durch den, die verschiedenen ökonomischen Varianten der Zukunft vorausberechnenden Informatiker Dr. Berg, den Chemiker und Plasteforscher Professor Uhlenhorst und den Ingenieur Baum, Fachmann der Kältetechnik, wehrt sich in einer Arbeitsgruppe gegen Kolbasser, Direktor eines Braunkohlekombinates, dem die Tagesaufgaben wichtiger sind und dessen Braunkohlebagger vor der Stadt nicht Halt machen. Aber auch die kühn in die Zukunft blickenden Wissenschaftler vertreten nur die Belange ihres Forschungsgebietes. Zu Recht erinnert der Wirtschaftssekretär der SED-Kreisleitung daran, dass es bei allen Plänen nur um die Menschen geht.
Ein interessantes Lehrbeispiel der Wirtschaftspolitik in den letzten Jahren der Ulbricht-Ära.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1972 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 09.08.2014 |
| Seiten | 160 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-010-2 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-360-9 |
| ASIN (Kindle) | B00WX5VGRG |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
DDRWalter UlbrichtBraunkohlebergbauInformatikMaschinenbauWissenschaftArbeiterTheaterDramatikWirtschaftspolitikSEDHalleBraunkohleLeseprobe
Berg: Simm! He! Baggerführer Simm! Hörst du mich nicht? Genosse! Simm!
Beissert erscheint: Was ist los?
Berg: Simm will ich sprechen.
Beissert verschwindet, Simm erscheint.
Simm: Was gibt’s?
Berg: Steig herunter von deinem Bagger. Das alles hat doch keinen Verstand. Die Stadt bleibt stehen, auch wenn hundertmal soviel Kohle unter ihr läge.
Simm: Absteigen? Bist du noch zu retten? Endlich baggern, arbeiten wir wieder. Verstehst du? Arbeiten! Wendet sich ab.
Berg: Halt! Laß doch wenigstens mit dir reden.
Simm: Mit dir? Da bin ich vorsichtig. Und außerdem: Ab heute kostet mich jedes Wort mit dir eine Tonne Abraum. Von wegen Amerika und Japan. Wir sind hier nicht im Ruhrgebiet, sondern im Brücktal. Berg setzt sich unter den Greifer.
Simm: Geh aus dem Weg, sonst schütte ich dich auf die Kippe.
Berg: Würdest du auch deine Wohnung abreißen? Was sagt deine Frau dazu?
Simm: Wenn sie mir im Wege ist, warum nicht?
Berg: Deine Frau?
Simm: Meine Wohnung, du Esel. Verzeihung.
Berg: Die Stadt bleibt stehen.
Simm: Bist du lebensmüde? Jetzt hol den Werkschutz, Peter.
Klappenschläger: Nicht nötig. Mach ich selber. Ich hau ihn zusammen.
Simm hält ihn zurück: Verschwinde aus der Bahn, Genosse Doktor. Aus der Bahn! Hörst du nicht? Sonst geht es dir wie dem Urpferdchen, das ich mal ausgrub. Ab ins Heimatmuseum. Dort steht’s unter Glas. Und jeder macht sich darüber lustig.
Berg: Über euch macht man sich lustig. Ihr steht unter Glas. Urtiere seid ihr, du und Kolbasser. Kohle um jeden Preis. Ihr könnt nicht denken. Übermorgen fließt hier schon das Erdöl.
Klappenschläger: Daß ich nicht lache. Über ein Jahr hattet ihr Zeit dazu, ihr Studierten. Unserem Kommissar jedoch genügte ein Tag in Berlin, und die Kohle hat gesiegt.
Beissert: Du bist für Schwenke hier, den Friseur, kapierst aber auch nicht mehr als er.
Berg: Simm. Tu, was morgen von dir verlangt wird, schon heute. Steige ab!
Simm: Ist ja alles Leerlauf.
Er kehrt in seine Kabine zurück. Die Motoren heulen. Berg unmittelbar unter dem Greifer. Simm fährt damit auf ihn zu.
Berg: Mensch oder Maschine. Atomkraft oder Kohle. Die Vernunft oder das Faustrecht. Ich oder Kolbasser.
Simm fährt mit dem Greifer immer dichter an Berg heran. Der geht in die Knie, weicht schließlich zurück und verläßt geschlagen das Feld.
Erik Neutsch
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