
“Wegen dieser dummen Geschichte möchtest du wirklich, dass wir aus Bath wegziehen?”
Margaret zieht sich das Tuch fester um die Schultern. “Weißt du, obgleich ich diesen Thicknesse nie leiden konnte und ihn im Grunde meines Herzens oft klaftertief unter die Erde gewünscht habe - diese Wendung gefällt mir nicht.”
“Mir auch nicht! Ganz und gar nicht! - Aber es ist ein gefundenes Fressen für die Klatschmäuler, jeder, der die Geschichte weiter verbreitet, schmückt sie noch ein bisschen mehr aus. Ich kann nicht mehr durch Bath gehen, ohne auf Schritt und Tritt darauf angesprochen zu werden. Das alles macht es mir ganz und gar unmöglich, das erwartete Bildnis zu malen. - Vielleicht wird es überhaupt Zeit für einen Tapetenwechsel.”
Margaret sitzt im Armsessel am Fenster neben dem Handarbeitstisch. “Wie kamst du auch bloß dazu, Thicknesse so zu malen! Das war kein Scherz.”
“Nein. Ich gebe zu, ich habe ihn mit Galle gemalt, mit all der Galle, die sich in den vielen Jahren aufgestaut hat. Dabei hielt ich ihn aber nicht für so empfindlich. Er hat mir einmal Teile aus einer geplanten Selbstbiografie vorgelesen. Dabei kommt er so schlecht weg, als ob sein ärgster Feind es geschrieben hätte.”
“Selbstironie ist etwas anderes als Ironie von außen.”
“Wenn Ann Thicknesse wenigstens einen Funken Humor aufgebracht hätte! Wenn sie gesagt hätte: Ganz so schmeichelhaft für mich hätte ich mir das Gegenstück meines Porträts nicht gedacht! - Dann hätte ich den Pinsel genommen und es übermalt.”
“Dafür wäre es auch jetzt noch nicht zu spät. Tu es, Thomas!”
“Nein, es geht einfach nicht!” Er springt vom Stuhl hoch.
“Mein Gott! Ein solches Bild kann man nicht Bahn neben Bahn streichen wie ein Handwerker eine Türfüllung oder einen Fensterrahmen streicht! Begreif doch bitte: Ich kann dieses Bild nicht malen, beim besten Willen nicht!”
“Und wie soll dieses Theater nun weitergehen?” Gainsborough läuft aufgeregt im Zimmer hin und her. Die beiden Schoßhündchen haben sich ängstlich in eine Ecke verkrochen.
“Tom hat das Bild schon verpackt.”
“Du willst es Thicknesse wirklich in diesem Zustand schicken?!”
Margarets Augen weiten sich vor Entsetzen. Dann allerdings bleibt ihnen wohl gar nichts anderes mehr übrig, als Bath fluchtartig zu verlassen.
Gainsborough errät ihre Gedanken und sucht einen leichteren Ton anzuschlagen. “Vor vierzehn Jahren war es Thicknesse, der alles daransetzte, uns in Bath anzusiedeln. Warum soll er nicht auch der Grund sein, warum wir es wieder verlassen!”
“Du akzeptierst ihn also als eine Art Schicksalsengel?”
“Gerade dazu soll er nicht werden!”
Margaret wartet darauf, dass Gainsborough seine genaueren Pläne äußert. Es fehlt nur, dass er nach Ipswich oder in ein noch kleineres Nest zurückstrebt! Aber zu ihrer Überraschung spricht er - ganz im Gegenteil - von London. Das wäre natürlich etwas ganz anderes!
“Und du bist sicher, dass du dich dort behaupten kannst, bei so viel Konkurrenz?”
Der Maler und sein Biograf. Ein Thomas-Gainsborough-Roman
In Deutschland sind Gemälde von Gainsborough (1727- 1788) rar, weshalb er hier auch bei weitem nicht so bekannt und geschätzt ist wie in seinem Herkunftsland England oder auch in Amerika. Sein Ruhm ist heute wieder im Steigen begriffen, wie besonders die Ausstellung in der Londoner Tate Gallery 2002 beweist, die vom Washingtoner Museum übernommen wurde. Gainsborough war ein begabter Porträtist, wäre aber lieber Landschaftsmaler gewesen, wofür jedoch damals das Publikum noch nicht reif war. Seine Aufträge kamen vor allem von der high society bis hin zum Königshaus, wie das Ganzfigurenbildnis der Queen Charlotte in Schwerin beweist. Wer davorsteht, wird gefangen von der Lebhaftigkeit der Malweise, die für seine Zeit modern, ja impressionistisch anmutet. Und diese malerische Auffassung bewog damals den konventionellen Akademiepräsidenten Reynolds in seiner Rede kurz nach Gainsboroughs relativ frühem Tod, den besonderen Reiz zu loben, gleichzeitig aber auch seine Schüler vor Nachahmung zu …
Beschreibung
In Deutschland sind Gemälde von Gainsborough (1727- 1788) rar, weshalb er hier auch bei weitem nicht so bekannt und geschätzt ist wie in seinem Herkunftsland England oder auch in Amerika. Sein Ruhm ist heute wieder im Steigen begriffen, wie besonders die Ausstellung in der Londoner Tate Gallery 2002 beweist, die vom Washingtoner Museum übernommen wurde. Gainsborough war ein begabter Porträtist, wäre aber lieber Landschaftsmaler gewesen, wofür jedoch damals das Publikum noch nicht reif war. Seine Aufträge kamen vor allem von der high society bis hin zum Königshaus, wie das Ganzfigurenbildnis der Queen Charlotte in Schwerin beweist. Wer davorsteht, wird gefangen von der Lebhaftigkeit der Malweise, die für seine Zeit modern, ja impressionistisch anmutet. Und diese malerische Auffassung bewog damals den konventionellen Akademiepräsidenten Reynolds in seiner Rede kurz nach Gainsboroughs relativ frühem Tod, den besonderen Reiz zu loben, gleichzeitig aber auch seine Schüler vor Nachahmung zu warnen.
Die zahlreichen Briefe, die erhalten blieben, überraschen durch Esprit und - aus heutiger Sicht - Modernität. Wer sich in Gainsboroughs Lebensgeschichte vertieft, lernt einen sensiblen Künstler kennen, offen für seine vielen Freunde, aufgeschlossen für andere Kunstbereiche wie Musik und Schauspiel, aber auch mit einem Hang zu Leichtsinn und Beeinflussbarkeit.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.2011 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 22.09.2014 |
| Seiten | 275 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-056-0 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-333-3 |
| ASIN (Kindle) | B00WWJ8A6I |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
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“Wegen dieser dummen Geschichte möchtest du wirklich, dass wir aus Bath wegziehen?”
Margaret zieht sich das Tuch fester um die Schultern. “Weißt du, obgleich ich diesen Thicknesse nie leiden konnte und ihn im Grunde meines Herzens oft klaftertief unter die Erde gewünscht habe - diese Wendung gefällt mir nicht.”
“Mir auch nicht! Ganz und gar nicht! - Aber es ist ein gefundenes Fressen für die Klatschmäuler, jeder, der die Geschichte weiter verbreitet, schmückt sie noch ein bisschen mehr aus. Ich kann nicht mehr durch Bath gehen, ohne auf Schritt und Tritt darauf angesprochen zu werden. Das alles macht es mir ganz und gar unmöglich, das erwartete Bildnis zu malen. - Vielleicht wird es überhaupt Zeit für einen Tapetenwechsel.”
Margaret sitzt im Armsessel am Fenster neben dem Handarbeitstisch. “Wie kamst du auch bloß dazu, Thicknesse so zu malen! Das war kein Scherz.”
“Nein. Ich gebe zu, ich habe ihn mit Galle gemalt, mit all der Galle, die sich in den vielen Jahren aufgestaut hat. Dabei hielt ich ihn aber nicht für so empfindlich. Er hat mir einmal Teile aus einer geplanten Selbstbiografie vorgelesen. Dabei kommt er so schlecht weg, als ob sein ärgster Feind es geschrieben hätte.”
“Selbstironie ist etwas anderes als Ironie von außen.”
“Wenn Ann Thicknesse wenigstens einen Funken Humor aufgebracht hätte! Wenn sie gesagt hätte: Ganz so schmeichelhaft für mich hätte ich mir das Gegenstück meines Porträts nicht gedacht! - Dann hätte ich den Pinsel genommen und es übermalt.”
“Dafür wäre es auch jetzt noch nicht zu spät. Tu es, Thomas!”
“Nein, es geht einfach nicht!” Er springt vom Stuhl hoch.
“Mein Gott! Ein solches Bild kann man nicht Bahn neben Bahn streichen wie ein Handwerker eine Türfüllung oder einen Fensterrahmen streicht! Begreif doch bitte: Ich kann dieses Bild nicht malen, beim besten Willen nicht!”
“Und wie soll dieses Theater nun weitergehen?” Gainsborough läuft aufgeregt im Zimmer hin und her. Die beiden Schoßhündchen haben sich ängstlich in eine Ecke verkrochen.
“Tom hat das Bild schon verpackt.”
“Du willst es Thicknesse wirklich in diesem Zustand schicken?!”
Margarets Augen weiten sich vor Entsetzen. Dann allerdings bleibt ihnen wohl gar nichts anderes mehr übrig, als Bath fluchtartig zu verlassen.
Gainsborough errät ihre Gedanken und sucht einen leichteren Ton anzuschlagen. “Vor vierzehn Jahren war es Thicknesse, der alles daransetzte, uns in Bath anzusiedeln. Warum soll er nicht auch der Grund sein, warum wir es wieder verlassen!”
“Du akzeptierst ihn also als eine Art Schicksalsengel?”
“Gerade dazu soll er nicht werden!”
Margaret wartet darauf, dass Gainsborough seine genaueren Pläne äußert. Es fehlt nur, dass er nach Ipswich oder in ein noch kleineres Nest zurückstrebt! Aber zu ihrer Überraschung spricht er - ganz im Gegenteil - von London. Das wäre natürlich etwas ganz anderes!
“Und du bist sicher, dass du dich dort behaupten kannst, bei so viel Konkurrenz?”
Ingrid Möller
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