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Schöne Reise. Geschichten von Helga Schubert
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
05.05.2013
ISBN:
978-3-86394-996-9 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 177 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Kurzgeschichten, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik, Belletristik/Moderne Frauen, Belletristik/Liebesroman/Geschichte/20. Jahrhundert, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Biografisch, Belletristik/Familienleben
Historischer Roman, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories, Kriegsromane, Biografischer Roman, Familienleben, Liebesromane, 20. Jahrhundert (1900 bis 1999 n. Chr.)
2. Weltkrieg, Sterbehilfe, Mauer, Westberlin, Moskau, Galina Ulanowa, Partisanen
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Vorbei an den Gaststätten, den Nachtbars, den Souvenirläden, den lackierten Pferdekutschen mit Auffangtüchern für die Pferdeäpfel, vorbei an den Kutschern im Frack, an den zu Gaststätten ausgebauten alten Schiffen. Wir gingen an diesem zweiten Tag, bis wir ganz allmählich in das Land hineinkamen.

Wir wanderten die Landstraße entlang. Am Straßenrand lag eine tote Schlange. Auf der Wiese am Hang ruhte ein Kamel, drehte langsam den Kopf zu uns, war nicht angebunden. In der Nähe ein Esel im Schatten.

Hohe Gartenmauern verbargen Häuser und Menschen. Hinter den angelehnten Toren sahen wir riesige Blüten. Auf den Bäumen hockten große, schweigende, weiße Vögel. Nur ab und an brachen sie in ein lang gezogenes Lachen aus. Vor den Häusern saßen Menschen auf Hockern und unterhielten sich oder strickten. Schwarz gekleidete Frauen. Einige zogen, als sie uns sahen, aus ihren Schürzentaschen Muscheln, die innen rosa waren, oder sie schickten ihre Kinder ins Haus, um präparierte Krabben zu holen und zu zeigen. Sie blieben freundlich, wenn wir ablehnten.

Eine alte Frau zog uns durch das Tor in den Garten und zeigte Seepferdchen. Sie erzählte, wir konnten sie nicht ganz verstehen und sahen im Wörterbuch nach. Als sie erfuhr, dass wir nicht aus Westdeutschland sind, lachte sie mit ihren faltigen schwarzen Äuglein, da, Kollega. Wir kauften ihr ein Seepferdchen ab.

Und sie wünschte uns Glück auf den Weg.

Auf diesem Weg kamen wir an Gärten vorbei, in denen Schafe, Hühner und Kaninchen zusammen lebten. Wir sahen Menschen, die ihr Haus neben einem blühenden Rosenstock bauten, die schon im unverputzten Erdgeschoss wohnten. Vielleicht bauen sie im nächsten Jahr weiter. Wir beobachteten durchs Schaufenster einen Bäcker, der Brot am offenen Feuer buk, aßen den warmen Brotlaib auf der Straße. Dann kamen wir an einen Hafen. Dort trockneten die Fischer ihren Fang an langen Schnüren, saßen in der Sonne und tranken Rotwein. Wir traten vorsichtig auf ihre Netze, die über die ganze Straße ausgebreitet waren, auch Busse fuhren darüber. Ein Dampfschiff hatte angelegt, es sah so aus wie die Mississippidampfer auf alten Bildern, und es tutete zur Abfahrt. Außer uns stiegen nur sechs Passagiere ein. Linienverkehr, Nieselregen und starker Seegang. Vier Passagiere wurden seekrank und lagen im roten Salon, wir blieben an Deck, der Kapitän hielt uns für Landsleute und zeigte uns springende Delfine, einer schwamm lange in unserer Bugwelle. Mit einem Lkw-Fahrer kehrten wir zurück, er hielt von selbst und brachte uns zur Bushaltestelle im nächsten Ort.

Immer kamen wir wieder zurück zum Frühstück. Wir unterbrachen dann unsere Reise und nahmen Anteil an Erziehung, Uhrenindustrie, Sonnenbräune, am Zustand der Toiletten und des Nachtlebens.

Auch den bunten Abend überstanden wir. Die Kapelle gab es schließlich auf, ihre Musik zu spielen, und fügte sich, blau, blau, blau ist der Enzian. Salzfässer, Teller und Keramiklikörgläser verschwanden von den Tischen. Die Stimmung stieg, bis einer grölte, wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben.

Am nächsten Tag, am letzten Tag, besuchten wir noch einmal das Dorf, in dem wir zuerst waren, die alte Frau und den blühenden Rosenstock.

In jeder Straße war eine gedruckte Traueranzeige mit dem Foto eines Verstorbenen angenagelt. Ein junges Gesicht. Manchmal schützte eine Plastiktüte die Anzeige vor dem Regen, und wo er gewohnt hatte, hing quer über der Anzeige ein schwarzer Schal. Als wir an diesem Hauseingang stehen blieben, erschien uns der Tote nicht fremd. So als ob wir ihn eben erst auf der Straße gesehen hätten. Viel Trauer um diesen einen.

Wir kauften Erdbeeren, groß, reif und sandig. Wir hörten Zupfinstrumente, eine schnelle, fröhliche Flöte, suchten und fanden sie im Garten eines Restaurants, wieder hinter einer hohen Mauer, das Holztor angelehnt. Die Musiker saßen um einen Tisch, ihnen gegenüber die einzigen Gäste, ein altes Paar. Wir setzten uns, hörten und sahen zu. Das Paar bewirtete die Musikanten, die bedankten sich mit einem noch schnelleren, übermütigen Musikstück. Sie erschienen uns frei, solchen Spaß hatten sie an ihrem eigenen Spiel. Als sich das alte Paar verabschiedete, gab der Ober der Frau einen Kuss auf die Wange.

Wir wollten unsere Erdbeeren waschen, der Ober brachte eine Karaffe mit Wasser und einen großen Keramikteller, zeigte uns den Wasserabfluss in der Mitte des Gartens. Dann deckte er den Tisch mit Kebabs, Oliven, Schopka-Salat und Joghurt, setzte sich in die Nähe und freute sich, weil es uns schmeckte.

Die Kapelle spielte, die Vögel lachten auf den Bäumen - wir waren wirklich in einem anderen Land.

 

Schöne Reise. Geschichten von Helga Schubert: TextAuszug