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Das gesprungene Herz. Leben im Gegensatz von Helga Schubert
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
29.04.2013
ISBN:
978-3-86394-967-9 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 221 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Kurzgeschichten, Belletristik/Moderne Frauen, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Biografisch, Belletristik/Familienleben
Historischer Roman, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Biografischer Roman, Familienleben
DDR, Wende, Opposition, Diktatur, Stasi, Suizid, Montagsdemo, Republikflucht
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Kommen Sie herein, ich habe noch nicht aufgeräumt, sagt sie leise.

Und wir gehen durch den Flur, an Garderobenhaken hängen Mäntel, Pullover, Hosen, Jeans, Oberhemden, Arbeitskittel, auf dem Fußboden liegen gestapelte Zeitungen, und in einem offenen Regal stehen Männer- und Frauenschuhe. Kerzen, Streichhölzer und Ata.

Ich gehe mal vor, hängen Sie Ihre Sachen da an die Haken, wo Platz ist, ruft sie.

Wir folgen ihr.

Setzen Sie sich. - Sie macht die Stühle frei.

Aber kommen Sie bitte nicht an den Tisch.

In der Ecke sitzt eine Zwanzigjährige an der Nähmaschine. Sie nickt kurz zu uns hin. Auf dem Fußboden steht ein Plattenspieler: ein französisches Lied.

Sie möchten vielleicht Tee, fragt sie und geht hinaus.

Das Mädchen näht weiter. Wir sehen uns um. An der Zimmertür hängt ein Harlekin an zwei Schnüren. Wir probieren ihn aus. Die Wände sind weiß gekalkt. Zwischen der Tür zum Korridor und der Tür zur Küche hängen acht kleine Ölbilder. Zwischen der Küchentür und dem Fenster steht ein Regal mit einer Schreibplatte. Im Regal viele Bücher, meistens Taschenbücher, und verschiedene Tassen.

Auf dem Regal stehen ihre Porzellanfiguren, dabei eine halb Weib, halb Baum.

Die Tür zur Küche geht auf, die Töpferin bringt eine Kanne mit Tee und stellt sie auf den Fußboden. Der ist aus Holzbrettern.

Die Tassen behalten Sie am besten in der Hand, sagt sie und gibt uns welche aus dem Regal, kunstvolle, keine gleicht der anderen, und gießt Tee ein.

Auf dem Tisch kann ich leider nichts verrücken, es ist noch nicht gebrannt, sagt sie besorgt. Schon seit zwei Wochen arbeite ich daran. Ich will es meiner Freundin zur Geburt ihres Kindes schenken.

Auf einem winzigen Sofa liegt, abnehmbar, eine rundliche Frau mit einem Dutt, aufgestützt auf einen Ellbogen. Die Frau kann an einem weißen Garnfaden die Wiege schaukeln, darin liegt ein Baby.

Das Kind habe ich noch nicht richtig fertig, es darf nur einen Zentimeter lang sein, und das Gesicht will man ja auch sehen.

Wir schweigen und sehen auf die graubraunen kleinen Figuren.

Wie geht es Ihnen, fragt unser Freund.

Ach, antwortete sie. Meine Tochter hat die Lehre abgeschlossen, aber sie ist jetzt zu Hause geblieben, malt ein bisschen und näht ab und zu eine Hose.

Samthosen, sagt die Tochter von der Nähmaschine aus.

Und mein Sohn hat die zehnte Klasse abgeschlossen und eine Lehre begonnen. Aber er hat alles gleich so gut begriffen, dass er es immer einfacher als der Meister machen wollte. Deshalb bekam er solchen Ärger, dass er aufgehört hat. Jetzt arbeitet er als Transportarbeiter auf einem Holzlagerplatz. Und wissen Sie, was er gestern erzählte? Wenn er ein Brett anhebt, auf das die Sonne schien, und auf die Schulter legt, um es wegzutragen, dann gehen oft große Spinnen auf dem Brett entlang. Nun hat ihn neulich eine Spinne angesehen und er die Spinne - wissen Sie, ich hab noch nie darüber nachgedacht, dass einen Spinnen ansehen -, und er hat gedacht, wenn du auf mich zukriechst, lasse ich das Brett fallen. Aber die Spinne blieb stehen. - Die Linolschnitte hinter Ihnen über dem Sofa sind von ihm.

Wovon leben Sie denn jetzt, fragt unser Freund.

Aufträge hätte ich schon, sagt sie, aber ich brauche immer so lange, da mache ich wenig. Übrigens habe ich einen Preis bekommen, davon leben wir jetzt. Sehen sie nur den herrlichen Puttenkopf. Den habe ich bei einem Spaziergang neben einer Mülltonne gefunden und mit zu mir genommen. Es ist eine sehr schöne Arbeit. Und dieses kleine Bild. Das hat mir mein Freund geschenkt, kurz bevor er geheiratet hat. Hier ist auch seine Hochzeitsanzeige.

Haben Sie etwas zu verkaufen, fragt unser Freund.

Nein, Sie wissen doch, dass ich nur auf Vorbestellung arbeite. Was hier steht, ist alles bestellt.

Du hast doch noch Grafik, sagt die Tochter.

Ich mache aber schon seit Jahren keine mehr. Wenn Sie solche alten Sachen sehen wollen? Ja? Dies geb ich nicht weg, das will ich zum Andenken behalten. Das habe ich meinem Freund geschenkt, damals waren wir noch zusammen, vor seiner Heirat. Dies hier können Sie haben, das habe ich doppelt, und es ist auch nicht schön. Ich würde ein Liebespaar nicht mehr so machen. Ja, was soll ich dafür nehmen. Gefällt es Ihnen denn? Würden Sie dreißig Mark zuviel finden?

Nimm fünfzig, sagt die Tochter.

 

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