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Blickwinkel. Geschichten von Helga Schubert
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
28.04.2013
ISBN:
978-3-86394-966-2 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 193 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Kurzgeschichten, Belletristik/Moderne Frauen, Belletristik/Politik, Belletristik/Geschichte
Historischer Roman, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories, Kriegsromane
2. Weltkrieg, Sterbehilfe, Wahrsager, Mauer, Westberlin, Moskau, Galina Ulanowa
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Er hat mich noch im Frieden gezeugt. Hitlerzeit, aber Frieden. Januar neunzehnhundertvierzig minus neun gleich April neunzehnhundertneununddreißig. Da war noch Frieden.

Als meine Mutter wusste, dass sie schwanger war, gab es immer noch keinen Krieg. Denn es war erst Juni, als sie es sicher wusste. Ihr erstes Kind. Und ihr einziges.

Sie waren fünf Jahre heimlich verlobt, ein Jahr offiziell, jetzt heirateten sie und waren acht Wochen ein richtiger Ehemann und eine richtige Ehefrau. Mit Wohnung am Kreuzberg in Berlin. Die schweren Gardinen, die Lederklubsesselgarnitur, der echte Teppich, das Tafelsilber, das Porzellanservice Maria Weiß. Und die modernen Ansichten von der Ehe: Beide wollten sie arbeiten, Mittagessen natürlich im Restaurant.

Acht Wochen eine richtige Ehe mit Nachhausekommen, Erwarten, Erwartetwerden, Gespräche über die Tagesarbeit, den geplanten Lampenkauf.

Am vierten September 1939 hatte mein Vater Geburtstag, seinen sechsundzwanzigsten. Da war er schon Soldat, da wurde schon geschossen, angeblich zurück. Vom Januar 1940 bis zum Dezember 1941 hat er noch gelebt, einige Urlaubstage zu Hause.

Zur Taufe sein Foto mit der halbweißen Stirn, die sonst unterm Stahlhelm steckte. Im Herbst das Foto im eleganten Anzug, meine Mutter im Seidenkleid, in einem Park mit Tauben, mit einem kleinen Kind im Arm. Im Winter in Uniform im Schnee mit meiner Mutter und einem kleinen Kind im Kinderwagen, auch im Park.

Dann das Foto von seinem fast zweijährigen Kind und seiner Frau, die Zähne entblößt zum Lächeln, mit todernsten Augen. Dies Foto kam zurück an die Absenderin, zusammen mit dem übrigen Päckcheninhalt, den Weihnachtsplätzchen, den gestrickten Handschuhen, der Weste und seinen Ringen, dem Ehering und dem Siegelring, der Stein ein Bluttopas. Das Päckchen hat er nicht mehr bekommen.

Fürs Vaterland, auf dem Felde der Ehre, im Kampf gegen die Bolschewisten in deren eigenem Land.

Zu Hause hat er immer gleich die Uniform ausgezogen. Keiner Fliege konnte er etwas zuleide tun, aber im Krieg nahm er einem alten russischen Bauern die einzige Kuh weg. Fleischbeschaffungskommando, schrieb er.

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