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Sie sind hier: Gegenwelten. Mit Beiträgen von Ralph Giordano, Helga Schütz, Jürgen Borchert, Ulrich Schacht und Helga Schubert von Johannes Helm: TextAuszug

12.-15. März 2020
Halle 4, Stand B 301/401

Gegenwelten. Mit Beiträgen von Ralph Giordano, Helga Schütz, Jürgen Borchert, Ulrich Schacht und Helga Schubert von Johannes Helm
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
28.03.2013
ISBN:
978-3-86394-931-0 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 132 Seiten
Kategorien:
Kunst / Malen, Kunst / Europa, Kunst / Kritik und Theorie
Kunst, Kunstgeschichte, Europa
Ralph Giordano, Helga Schütz, Jürgen Borchert, Ulrich Schacht, Helga Schubert, Bilder, Maler
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Immer wieder haben mich die Betrachter meiner Bilder fasziniert, ja sogar beunruhigt; was nehmen sie wirklich wahr, wenn sie ihre Urteile abgeben, wenn sie ihre Eindrücke beschreiben, wenn sie berührt oder gelangweilt sind?

Woher wissen wir eigentlich, fragte ich mich als Kind, dass für uns alle der klare Himmel blau ist; woher weiß ich, dass er für dich auch Blau ist, nur weil ich ihn so sehe? Kann es nicht sein, dass du immer dann Gelb siehst, wenn ich Blau sehe und umgekehrt? Aber weil wir dem Himmel den gleichen Namen geben, merken wir gar nicht unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen: Du sagst eben Blau zu Gelb, und so können wir nie herausbekommen, ob wir den Himmel wirklich gleich gefärbt sehen.

Heute weiß ich, dass das Sehen von Farben bei gesunden Menschen wegen der gleichen biologisch-genetischen Ausstattung zumindest sehr ähnlich ausfällt. Da bin ich klüger geworden. Aber dieselbe Frage taucht hartnäckig wieder auf, wenn es sich nicht um eine so einfache sinnliche Sache wie die Farben auf einem Bild handelt, sondern um den persönlichen Eindruck, den ein Bild auf uns macht. Hier erlebt der eine wirklich Blau, wenn der andere Rot sieht, und beide reden von Grün. Mag sein, dass wir alle nicht genügend Wörter zur Verfügung haben, um unsere gefühlsmäßigen Erlebnisse und Erfahrungen genauer beschreiben zu können.

Manche stehen vor meinem Friedhofsbild. Sie seien erschrocken, fast geängstigt, meinen sie. Darin scheinen sie übereinzustimmen. Doch wie unterschiedlich kann das gemeint sein. Der eine glaubt, ein Symbol eigener Todesnähe in der offenen Grube zu erleben, worin ihn der auf dem Balken sitzende Rabe noch bestärkt; der andere spricht von der tiefen Trauer eines soeben Witwer gewordenen Mannes, und ein dritter ist von dem Himmel beeindruckt, der uns alle einmal aufnehmen werde, wenn wir an den Engeln vorbei aus der Grube zu ihm auffahren.

Ist in diesen Bezeichnungen „erschrocken, fast geängstigt" nicht vieles enthalten, was wir in unserer subjektiven und ganz persönlichen Lebenserfahrung damit verbunden haben? Das ist hier anders, als bei den Farben. Hier geht keine so eindeutige Linie vom Bild bis zum Eindruck von diesem Bild. Was wir in unserer Entwicklung geworden sind, was wir selbst dazu beigetragen haben, also unser ganzes individuelles Lebensgedächtnis, wird hier beim Betrachten lebendig und schafft so unser Bilderlebnis, das wir im Grunde mit niemandem teilen können.

Es ist wohl so: Je genauer wir über ein Bild reden, umso weniger stimmen wir mit anderen überein. Denn wenn wir ein Bild anschauen, machen wir es zu einem Stück von uns selbst. Deshalb schreiben alle, die sich in diesem Buch über meine Bilder äußern, immer auch über sich selbst.

So werden meine Bilder von ihnen zum zweiten Mal geschaffen. Und dies zu ganz einmaligen und persönlichen Gegenwelten.

FRIEDHOF

1995 Öl/Hartfaser 54,5 cm x 66,5 cm

 

Gegenwelten. Mit Beiträgen von Ralph Giordano, Helga Schütz, Jürgen Borchert, Ulrich Schacht und Helga Schubert von Johannes Helm: TextAuszug