
„Tag! Schaff, vom Beerdigungsinstitut ,Tiefes Leid‘. Es geht um Engel, Bernhard, Wohnung Siebennullfünf. Wie ich erfahren habe, kann ich hier ein paar Angaben über den Verstorbenen erhalten, Angaben für die Trauerrede. Darf ich?“
Suse gab wortlos den Weg frei. Unverzüglich eilte Herr Schaff an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Hier nickte er Oma zu, nahm aus einer Mappe einen Block und Schreibzeug, setzte sich und sagte: „Da woll’n wir mal!“
Erst jetzt kam in Oma Bewegung. „Engel?“, fragte sie. „War das nicht der freundliche Herr, dem man oft im Flur unten begegnet ist?“
Tine nickte. Sie sah vor sich Gecko, wie er aus dem Briefkastenraum herauskam, ruckartig, mühsam, ein wenig komisch — Gecko, der unbestallte Pförtner des Hochhauses, der gute Geist dieser Betonburg, wie ihn irgendjemand einmal genannt hatte.
„Nun ist er tot“, sagte Oma.
Es war, als spreche sie Tines Gedanken aus: Gecko — tot ... Wenn ich heimkomme aus dem Hort, wenn mir die Tür aus der Hand rutscht und zuknallt — Gecko wird nichts dazu sagen, wird nie mehr da sein.
Der Trauerredner räusperte sich. Da wandte sich Oma an ihn: „Woran ist er denn gestorben, der Herr Engel?“
„Bezüglich der Todesursache bin ich überfragt“, antwortete der Trauerredner.
„Er sah immer so krank aus“, fuhr Oma wie in Gedanken fort. „Jedes Mal, wenn ich zu Besuch da war und mit ihm ein Schwätzchen gemacht hab ...“
„Ach“, fiel ihr der Trauerredner ins Wort, „da sind Sie wohl gar nicht von hier, und ich versitz meine Zeit?“
Er schien bereit, unverzüglich aufzubrechen, und blieb dann doch, knöpfte sogar den Mantel auf und trank die Tasse Kaffee, die Oma für ihn gebrüht hatte. Tine und Suse erzählten unterdessen, was sie von Herrn Engel wussten. Es war nicht viel.
„Besser als nichts“, sagte Herr Schaff, während er Block und Schreibzeug verstaute. „Und nun entschuldigen Sie mich bitte!“ Er stand auf und knöpfte den Mantel zu. „Ich muss noch ins Büro, die Stichpunkte für die Trauerrede diktieren.“
„Wann ist denn die Beerdigung?“, erkundigte sich Tine. „Beerdigung? Ach so! Moment!“ Er sah in seinem Terminkalender nach und sagte: „Samstag, den Siebenundzwanzigsten, zehn Uhr. Samstag! — Naja, Krankheit und Tod nehmen halt keine Rücksicht auf Feiertage.“
„Wie wahr!“ Oma seufzte ebenfalls. „Meine Nachbarin ist bettlägerig geworden, und wenn ich nicht morgen zurückfahre und mich um sie kümmere …“
Sie verstummte; Herr Schaff war bereits an der Tür.
Tine begleitete ihn zum Fahrstuhl. Sie nahm dort das Plakat ab, um das Datum der Erstaufführung zu ändern, und schrieb nach einer Beratung mit Oma und Suse auf ein anderes Blatt: „Trauerfeier für Herrn Engel! Wir geben am Samstag, dem 27. Dezember, 10 Uhr, auf dem Hauptfriedhof unserem lieben Nachbarn das letzte Geleit.“
Als sie das Blatt, das sie schwarz umrandet hatte, neben dem Briefkastenraum anzweckte, schlug hinter ihr knallend die Tür zu. Tine fuhr herum und holte tief Luft.
Familientheater
Theater gibt’s bei Familie Maiwald wahrlich genug: Nicht nur die Aufführung von „Schneewittchen“ in Tines Klasse oder von „Hänsel und Gretel“ als Familienstück bringen Freude, Tränen, Aufregung und Durcheinander. Dafür sorgt auch noch reichlich Tines große Schwester Suse, fünfzehn, die sich mit ihrem Freund Uwe nachts heimlich trifft. Nur Tine weiß davon. Ja, um Suses Ausflüge zu decken, den Mund zu halten, dazu ist Tine groß genug, aber von der Schwester ernst genommen zu werden ... Auch Mama und Papa kommen plötzlich auf ausgefallene Ideen — Tine hat alle Mühe, die Familie zusammenzuhalten, sich nicht unterkriegen zu lassen und sich gegenüber der großen Schwester Suse, aber auch Freundin Jana, zu behaupten.
Beschreibung
Theater gibt’s bei Familie Maiwald wahrlich genug: Nicht nur die Aufführung von „Schneewittchen“ in Tines Klasse oder von „Hänsel und Gretel“ als Familienstück bringen Freude, Tränen, Aufregung und Durcheinander. Dafür sorgt auch noch reichlich Tines große Schwester Suse, fünfzehn, die sich mit ihrem Freund Uwe nachts heimlich trifft. Nur Tine weiß davon. Ja, um Suses Ausflüge zu decken, den Mund zu halten, dazu ist Tine groß genug, aber von der Schwester ernst genommen zu werden ... Auch Mama und Papa kommen plötzlich auf ausgefallene Ideen — Tine hat alle Mühe, die Familie zusammenzuhalten, sich nicht unterkriegen zu lassen und sich gegenüber der großen Schwester Suse, aber auch Freundin Jana, zu behaupten.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1984 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 20.11.2014 |
| Seiten | 160 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-173-4 |
| ISBN (PDF) | 978-3-95655-174-1 |
| ASIN (Kindle) | B00WWHPA22 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
HochhausLaienspielKirmesWeihnachtenTodEtagenfestErste LiebeTheaterFamilieSchwesterSchulaufführungFamilienstückTrauerBeerdigungNachbarOmaWohnhausTineSuseJanaUweSchneewittchenHänsel und GretelLeseprobe
„Tag! Schaff, vom Beerdigungsinstitut ,Tiefes Leid‘. Es geht um Engel, Bernhard, Wohnung Siebennullfünf. Wie ich erfahren habe, kann ich hier ein paar Angaben über den Verstorbenen erhalten, Angaben für die Trauerrede. Darf ich?“
Suse gab wortlos den Weg frei. Unverzüglich eilte Herr Schaff an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Hier nickte er Oma zu, nahm aus einer Mappe einen Block und Schreibzeug, setzte sich und sagte: „Da woll’n wir mal!“
Erst jetzt kam in Oma Bewegung. „Engel?“, fragte sie. „War das nicht der freundliche Herr, dem man oft im Flur unten begegnet ist?“
Tine nickte. Sie sah vor sich Gecko, wie er aus dem Briefkastenraum herauskam, ruckartig, mühsam, ein wenig komisch — Gecko, der unbestallte Pförtner des Hochhauses, der gute Geist dieser Betonburg, wie ihn irgendjemand einmal genannt hatte.
„Nun ist er tot“, sagte Oma.
Es war, als spreche sie Tines Gedanken aus: Gecko — tot ... Wenn ich heimkomme aus dem Hort, wenn mir die Tür aus der Hand rutscht und zuknallt — Gecko wird nichts dazu sagen, wird nie mehr da sein.
Der Trauerredner räusperte sich. Da wandte sich Oma an ihn: „Woran ist er denn gestorben, der Herr Engel?“
„Bezüglich der Todesursache bin ich überfragt“, antwortete der Trauerredner.
„Er sah immer so krank aus“, fuhr Oma wie in Gedanken fort. „Jedes Mal, wenn ich zu Besuch da war und mit ihm ein Schwätzchen gemacht hab ...“
„Ach“, fiel ihr der Trauerredner ins Wort, „da sind Sie wohl gar nicht von hier, und ich versitz meine Zeit?“
Er schien bereit, unverzüglich aufzubrechen, und blieb dann doch, knöpfte sogar den Mantel auf und trank die Tasse Kaffee, die Oma für ihn gebrüht hatte. Tine und Suse erzählten unterdessen, was sie von Herrn Engel wussten. Es war nicht viel.
„Besser als nichts“, sagte Herr Schaff, während er Block und Schreibzeug verstaute. „Und nun entschuldigen Sie mich bitte!“ Er stand auf und knöpfte den Mantel zu. „Ich muss noch ins Büro, die Stichpunkte für die Trauerrede diktieren.“
„Wann ist denn die Beerdigung?“, erkundigte sich Tine. „Beerdigung? Ach so! Moment!“ Er sah in seinem Terminkalender nach und sagte: „Samstag, den Siebenundzwanzigsten, zehn Uhr. Samstag! — Naja, Krankheit und Tod nehmen halt keine Rücksicht auf Feiertage.“
„Wie wahr!“ Oma seufzte ebenfalls. „Meine Nachbarin ist bettlägerig geworden, und wenn ich nicht morgen zurückfahre und mich um sie kümmere …“
Sie verstummte; Herr Schaff war bereits an der Tür.
Tine begleitete ihn zum Fahrstuhl. Sie nahm dort das Plakat ab, um das Datum der Erstaufführung zu ändern, und schrieb nach einer Beratung mit Oma und Suse auf ein anderes Blatt: „Trauerfeier für Herrn Engel! Wir geben am Samstag, dem 27. Dezember, 10 Uhr, auf dem Hauptfriedhof unserem lieben Nachbarn das letzte Geleit.“
Als sie das Blatt, das sie schwarz umrandet hatte, neben dem Briefkastenraum anzweckte, schlug hinter ihr knallend die Tür zu. Tine fuhr herum und holte tief Luft.
Inhaltsverzeichnis
Tine hat Kummer
Daheim wird gemeckert
Alle spielen Theater
Es wird ernst mit dem Spaß
Die Familie reist zur Oma
Alles geht weiter
Es geht drunter und drüber
Suse flippt aus
Ein Vorhang fällt
Dietmar Beetz
Weitere Bücher von Dietmar Beetz
Anton G.. Eine Krankengeschichte
Kaleidoskop in b. Splitter einer -biografie
Die Gräfin und der Spielmann. Märchen aus der Bahnhofstraße
Räuber - Hexe - Monster - Teufel. Geschichten für alt und jung
Das Goldland des Salomo. Roman
2/3-Dummheit. Haiku und andere Sprüche, Band 5





